30/9/23 Warum 15 reichen und der Rest trotzdem wichtig ist

Ich

„Mama, wieviele Kontakte hast Du eigentlich bei Whatsapp?“, wollte meine Tochter neulich wissen. Ich guckte nach und sagte „167.“ Sie riss ihre großen blauen Augen auf und sagte „HUNDERTSIEBENUNDSECHZIG??? SO VIELE LEUTE KENNST DU?“ Ich nickte. Und kam ins Grübeln. Klar, ich kenne jeden, dessen Nummer ich im Adressbuch habe. Aber ich kenne ja noch so viele Menschen mehr. Da sind Menschen aus meiner Gegenwart, aber auch viele Menschen aus meiner Vergangenheit, die mich ein Stück des Lebenswegs begleitet haben. Ehemalige Arbeitskollegen zum Beispiel, die eine ganze Weile zu meinem täglichen Leben dazugehört haben, die mein Leben irgendwie ausgemacht haben. Und dann nicht mehr, weil sie gegangen sind oder weil ich die Richtung geändert habe.

Ich dachte darüber nach, wie sehr mein Leben geprägt ist von den Menschen, die es mit mir teilen, ganz aktuell. Aus Bekanntschaften sind Freundschaften geworden, ein paar wenige halten schon fast mein ganzes Leben lang. Aber viele dieser Bekanntschaften sind Abschnittsgefährten, sie kommen, bleiben eine Weile und gehen wieder. Und es ist in Ordnung so.

Mit zunehmendem Alter entwickelt man auch ein ganz gutes Gespür dafür, wer einem gut tut und wer nicht. Wer einen unbeschwert lachen lässt, wer auf der selben Wellenlänge liegt. Und wer einem Energie entzieht und einen anstrengt. Ich habe gelernt, dass es mich stresst, wenn ich über jedes Wort nachdenken muss, bevor ich es ausspreche. Ich möchte stattdessen lieber Menschen um mich haben, für die ich mich nicht verbiegen muss. Letzteren sollte man möglichst viel Zeit widmen, denn sie sind nicht selbstverständlich. Hätte ich nur solche Menschen in meiner Kontaktliste, so wären es statt 167 vielleicht 30. Aber zum Leben gehört wohl auch die Herausforderung, sich außerhalb der eigenen Komfortzone zurecht zu finden. Insofern hat jeder Kontakt seinen ganz besonderen Wert. Dass ich von den 30 vermutlich nicht mehr als 15 um einen Rat bitten würde, das ist ja eine ganz andere Sache. Arm bin ich deswegen trotzdem nicht. Ganz ehrlich: Wenn mir 15 Ratschläge nicht reichen, wäre mir ohnehin nicht zu helfen.

Wir

Achteinhalb Stunden Apfelsaftimperium und einige tausend Liter später: Der Körper ist zu mehr fähig, als man gemeinhin so denkt. Ich habe knapp 12.000 Schritte auf der Uhr und den größten Großteil davon in einem Radius von 20 Metern gemacht – von der Abfüllanlage zur Palette und zurück. Ich habe heute über drei Tonnen mit den Händen bewegt und spüre das auch. Aber die körperliche Auslastung macht durchaus zufrieden. Ich fühle mich erschöpft aber anders, als wenn ich nach 10 Stunden aus der Redaktion komme. Es fühlt sich auf keinen Fall schlechter an. …

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Oh ja! Eine Packung Hüttenkäse mit Banane (da war sie wieder), Erdnussmus und Blaubeeren, eine Schüssel Gemüsereis (Löffelweise beim Arbeiten), eine Feige, einen Keks und heute Abend eine wohlverdiente Pizza mit Champignons, Artischocken und Spiegelei.

Gelesen: Auftragszettel. Fünf Liter? Zehn Liter? Ohne Karton? Mit Karton? Ist das eine 3 oder eine 9? Wessen Sauklaue ist das?

Gelaufen: Wie gesagt, die Uhr sagt 8km, allerdings auf minimaler Fläche.

Gefreut über: Einen sehr sehr sehr schönen Abend beim Italiener mit Menschen der 15-er Kategorie. <3

Geärgert über: Menschen, die nicht mal ein „Guten Morgen“ oder ein „Danke“ über die Lippen bringen, weil sie scheinbar die Kinderstube mit dem Düsenjet passiert haben. Aber mei.

29/9/23 – Eine Frau aus Au.

Ich

Mein Körper ist nicht mehr derselbe, der er gestern noch war. Heute bin ich eine andere. Eine, die nicht aus Muskeln, sondern aus Muskelkater besteht. Während meine Beine die Dreiviertelstunde Joggen, halbe Stunde Radeln und sechs Stunden Stehen beim Apfelsaftabfüllen mit links weggesteckt hatten, macht mein Bauch wegen der zehn Minuten Bodyweight heute einen auf Jammertal. Lachen, Husten, Niesen, Autofahren, Aufstehen… alles tut weh. Und ja, selber Schuld. Aber auuuu … ich teste, ob ein warmes Bad hilft. Seit anderthalb Stunden schon. *aus der Wanne gebloggt

Ansonsten hatte ich heute einen freien Tag geplant und dann viel mehr gemacht, als gedacht. Der Pool ist abgebaut und verräumt, der Haushalt in Teilen erledigt, ein Geschenk auf den Weg gebracht, ein anderes besorgt. Die Uhr hat mehr als 16k Schritte gezählt, Ruhetage sind was anderes. Nun ja.

Die zehn Wochen Freizeit füllen sich im Übrigen ganz zögerlich mit Leben, ich will auf alle Fälle den Albsteig zuende wandern. Und ich denke über einen Sportkurs nach. Und womöglich bring ich das Projekt „kraulschwimmen lernen“ nochmal aufs Tapet.

Wir

Das Kind wird größer und die Pubertät klopft an. Ich führe Diskussionen ums Aufräumen, Versprechen einhalten und Englischvokabeln. Und eben allerlei Pflichten, die man mit fast elf so hat. Heute war Besuch mit einer Dreijährigen da. Der Papa klagte, dass sie grade sooo eine Trotzphase durchmache. Ich lächelte altersweise.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: eine Banane (history repeating), einen Kaffee-Joghurt (hatte ich heute Lust drauf), Lachs mit Reis und Gemüse, Rührei und Käsebrot.

Gelaufen: Aus guten Gründen nicht, aber gut 5km spaziert um sieben heute Morgen

Gelesen: nur die Post und die Arbeit meiner arbeitenden Kollegen

Gefreut über: Den schönen Morgenhimmel voll rosa Wattewölkchen.

Geärgert über: Das Kind. Aber auch wieder verziehen und geknuddelt. Diese eine Liebe …

28/9/2023 Vom Auspowern und vom Überauspowern

Ich

Es gibt Tage, an denen ich beim Aufstehen schon weiß, wie der Tag wird. Manchmal weiß man, dass es das Beste wäre, im Bett zu bleiben. Und macht dann eben das Beste draus.

Aber heute war er richtige Vibe schon von Anfang an angelegt. Heute morgen wusste ich beim Aus-dem-Bett-Krabbeln, dass ich mich zum Sport nicht würde aufraffen müssen. Ich hatte Lust auf Laufen. Ich begleitet also meine Tochter zur Bushaltestelle und lief um kurz nach sieben in den Sonnenaufgang. Und lief und lief und lief eine große Runde bis wieder nach Hause. (Neulich hatte ich während eines Laufs kurz daheim eingebremst, um Pipi-Pause zu machen. Weil ich so verschwitzt war, schaufelte ich mir kurz eine Hand voll Wasser ins Gesicht und trocknete meine Hände mit einem Stück Klopapier ab. Was ich nicht bemerkte: Eine Schicht Klopapier blieb an meinem Handrücken kleben. Und damit joggte ich morgens durch den Ort und begegnete zig Menschen … shit happens, auch ohne shit).

Heute morgen aber klopapierlos unterwegs, und weil ich noch immer nicht ausgepowert war, hängte ich 13 Radelkilometer dran und eine kurze Bodyweight-Einheit. Und als ich DANN so richtig schön müde nach der verdienten heißen Dusche war, wurde mir bewusst, dass heute ein Apfelsaft-Tag ist – sprich, wir hatten heute den Familienbetrieb offen und es wurde anstrengend und spät. Und jetzt, gut 19500 Schritte später, bin ich sowas von platt. Ich weiß schon jetzt sehr sicher, dass morgen kein Sportvibe übrig ist. Nicht mal ein Vibechen. Aber: Alles hat seine Zeit.

Job

Heute nicht. Heute hatte ich frei. Und morgen – hab ich auch frei.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Hüttenkäse mit Erdnussbutter und Banane, Spaghetti mit Pesto, eine Butterbrezel mit Käse und dazwischen ein Duplo und noch eine Banane.

Gelaufen: 6,1 Kilometer

Gelesen: Keine Zeit gefunden

Gefreut über: Das Gefühl, zu spüren, dass die Ausdauer sich verbessert. Das war heute morgen beim Laufen ein richtiger Aha-Effekt.

Geärgert über: Nix. Siehe Kapitel „Job“, das erklärt wohl alles. 🙂

27/9/23 – Das zähe Luder!

Ich

Wer viel mit Texten zu tun hat oder viel redet, vertippt oder verspricht sich eben auch manchmal – heute morgen habe ich gegackert, als der Referent des Oberbürgermeisters von (eigentlich ernstes Thema, nämlich:) einem Brand in einer Obdachlosenunterkunft in der vergangenen Nacht berichtete. Am Schluss versicherte er „dass die Bewohner aber mittlerweile anderweitig umgekommen sind. … UNTER! UNTERGEKOMMEN! OGOTT!!“

Das erinnerte mich daran, dass eine Stadtplanerin zu einem Baugebiet vor einiger Zeit in die Sitzungsvorlage geschrieben hatte, falls die geplanten Bauplätze nicht ausreichten, weil mehr Interessenten als gedacht da wären, es zu „bedarfsgerechten Erschießungen kommt“. So löst man Probleme sehr endgültig. 😉

Auch wir Redakteure sind vor Fehlern nicht gefeit. Und manchmal spielen uns dann auch noch die Korrekturprogramme einen Streich: So habe ich beispielsweise im letzten Moment noch gemerkt, dass das Korrekturprogramm aus einem Ortsnamen „Zellhaufen“ gemacht hatte. Und ein Kollege hat versehentlich einen Feuerwehrmann in seinem Text zum „Löscheimer“ statt zum Löschmeister befördert. Dessen Freude hielt sich tags drauf in Grenzen.

Job

Ich startete den Arbeitstag also einigermaßen erheitert und das ist in meinem Job jetzt auch nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit zur Zeit. Ich übe mich in maximaler Gelassenheit, die Auszeit ist nah. Und bis dahin versuche ich, noch möglichst viele Geschichten ins Blatt zu kriegen. Heute morgen ist mir beispielsweise bewusst geworden, wie viel Zeit in der täglichen Konferenz auf der Strecke bleibt, in der wir uns so oft in kleinteiligen Grundsatzdiskussionen verlieren, weil jeder zu allem eine Meinung hat. Und sie dann auch mitteilen muss.

Meine Tochter hat einmal in der Woche eine Stunde Zeit für einen Klassenrat. Womöglich wäre diese eine Stunde pro Woche für Diskussionen viel wertvoller, als sie jeden Tag aufs Neue zu führen. Aber was weiß ich schon.

Den Satz des Tages formulierte heute die gute Seele unseres Hauses so treffend: „Wenn man in dem Laden nicht krank wird, ist man echt ein zähes Luder.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Eine Banane, einen Teller Spaghetti Puttanesca, einen Teller Pommes. (Oliven und Kapern sind auch Gemüse!)

Gelaufen: Die Hunderunde, heute mit Hund (nicht meiner) spaziert. 8300 Schritte sind vollbracht, mehr werden’s heute nicht mehr.

Gelesen: Mails, eigene Texte, fremde Texte. Und mails.

Gefreut über: Den kurzen Plausch mit meinem Lieblingsitaliener, den digitalen Austausch mit lieben Menschen. Auch ne Erkenntnis – wenn ich an dieser Stelle drüber nachdenke, was mich gefreut hat, sind es sehr oft Menschen. Womöglich bin ich gar nicht so soziophob, wie ich immer dachte.

Geärgert über: Nichts. Allenfalls darüber, dass ich so gerne einen Little-Mammut-Marsch mitgelaufen wäre, aber der Termin überhaupt nicht passt. Aber das ist jetzt wirklich Jammern auf hohem Niveau.

26/9/23 – Von Chemikern, Komikern und ethischen Kindern

Ich

Ein Buch schreiben, acht Wochen nach Italien verreisen, endlich die ungelesenen Bücher lesen, die im Regal darauf warten, ein Fernstudium beginnen, als Gast Vorlesungen besuchen, jedes Zimmer im Haus entrümpeln oder – schlafen. Auf meine Frage, was ich mit elf Wochen Freizeit anstellen soll, kamen viele produktive Vorschläge. (Nur das mit dem Schlafen hat mich ein bisschen irritiert, ich meine, elf WOCHEN … wofür haltet ihr mich, einen Bären?) Vielleicht mache ich auch etwas ganz anderes und reiße damit die Weltherrschaft an mich, wer weiß das schon.

Im Grunde liegt Schreiben schon sehr weit oben auf der Wahrscheinlichkeitsskala, mein Leben besteht einfach zu einem Großteil genau daraus, denn ich habe die Weichen mal ganz bewusst so gestellt. Heute morgen durfte ich jemanden kennenlernen, der sich für einen ganz anderen Weg entschieden hat und freiwillig (!) Chemie studiert hat. Ich lauschte eine Weile staunend seinen Ausführungen und ließ mir erklären, warum er sich mit seinem naturwissenschaftlichen Background heute für den Klimaschutz einsetzen kann und der Gesellschaft etwas zurückgibt.

Mir ist dabei bewusst geworden, wie viele Lebensentwürfe es eigentlich gibt und wie fragil doch die Linie ist, für die man sich selbst entschieden hat. Einmal anders abgebogen und schon würde ich jetzt als studierte Japanologin alte Schriftstücke übersetzen. Oder so. Oder womöglich mit meinem südamerikanischen Mann Gitarrenunterricht geben. Oder auf Sylt in einem kleinen Laden dänisches Porzellan an Touris verkaufen. Es war haarscharf. Aber es kam dann eben so, wie’s kam: Ich bin Lokalredakteurin geworden und schreibe über studierte Chemiker. Aber vielleicht kann ich in meinen knapp elf Wochen Auszeit ja mal so tun, als wäre ich wo anders abgebogen und mal gucken, wie es hätte sein können. Auf Probe.

Wir

Heute hat das Tochterkind vom ersten Religionsunterricht an der neuen Schule erzählt. Ein paar Kinder sind evangelisch, ein paar katholisch. „Und drei sind ethisch“, sagte sie. Stirnrunzelnd. (Warum gibt es für Mathe eigentlich kein Ausweichfach? Fragen, die sich auch nie jemand stellt… )

Job

Die Arbeit ist das kleinste Problem am Ganzen. Fürs Drumherum ist es schwer, Worte zu finden. Also lass ich’s. Work-Life-Balance und so.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Eine Banane zum Frühstück, Nudeln mit Tomatensoße (reichlich), ein Pain au Chocolat und ein Brötchen mit Käse, Ei und Alibi-Grünzeug drauf.

Gelaufen: Knapp 3km gegangen und auf dem Weg zu meinem Interview gefühlt nochmal zwei, weil es ein Missverständnis beim Treffpunkt gab.

Gelesen: Wieder nur eigene und fremde Texte und Sitzungsvorlagen.

Gefreut über: Die Tatsache, dass ich mit meinen Tagebüchern (eine persönliche, kleine Kolumne der Redakteure) offenbar den Nerv der Leute treffe und immer wieder Mails dazu bekomme und darauf angesprochen werde. Es ist mir wirklich eine Herzenssache geworden.

Geärgert über: Lassen wir’s. Vielleicht sollte ich wirklich in einem kleinen Laden auf Sylt dänisches Porzellan verkaufen.

25/0/23 – 9 1/2 Wochen kann ja jeder …

Ich

„Wenn gar nichts mehr geht, dann geh ich.“ Ich halte mich seit Jahren an diesen Rat: Wann immer sich die äußere Situation nach Käfig anfühlt, der Druck scheinbar unausweichlich immer größer wird, dann brauche ich Bewegung. Sollte ich im nächsten Leben als Hamster wiedergeboren werden, dann reiche man mir wenigstens eins Hamsterrad. Früher bin ich stundenlang gewandert, heute laufe ich. Nachdem der fiese Schwindel, der mich gestern so eingeschränkt hat, heute morgen so gut wie weg war, hatte ich richtig Lust auf Cardio. Also habe ich erst fünf Kilometer joggenderweise hinter mich gebracht und saß danach auf meinem Ergometer. Ich hatte das Gefühl, dass ich strampelnd am besten den Frust abbauen kann, der sich aufgestaut hatte. 17 Kilometer später war ich klatschnass, so dass ich mir sicher war, alle toxischen Gedanken der letzten 24 Stunden einfach ausgeschwitzt zu haben. Außerdem hatte ich mein Bewegungsdefizit von gestern auch gleich wieder ausgeglichen.

Bewegung hilft mir immer, wenn ich müde bin, wenn ich ratlos bin, wenn ich gestresst bin, wenn ich mich krank fühle – es scheint, als würde durch die Bewegung alles in Gang gesetzt und in Fluss geraten, was es braucht, um Heilungsprozesse jeglicher Art anzustoßen.

(Dem Hirn hilft es offenbar nur bedingt, denn während ich heute morgen noch verkündet hatte, es gebe heute Gnocchi, hatte ich bei Einkaufen an alles gedacht – nur eben nicht an Gnocchi.)

Und siehe da …

Job

… nur wenige Stunden nach meiner Auspower-Aktion platzte auch der Knoten, der mich hier seit Wochen plagt. Entscheidungen standen aus, wurden verschoben, letztlich anders getroffen. Aber jetzt ist es klar: Ich muss meine aufgestauten freien Tage und meinen überschüssigen Urlaub bis 31.12. nehmen. Ich muss, ich darf, ich werde. Die Urlaubsanträge sind heute mittag genehmigt worden. Was für mich unglaublicherweise bedeutet: Der 18. Oktober ist mein letzter Arbeitstag für dieses Jahr.

Und weil ich in meinem Arbeitnehmerleben wohl kaum jemals wieder in die Lage komme, gut zehn Wochen am Stück freizuhaben – was tun mit dem Lebenszeit-Segen? Ich brauche ein Projekt, dass ich etwas aus dieser besonderen Zeit für mich mitnehmen kann. Ideen, anyone? Verreisen im großen Stil fällt aus, weil da meine Familie wohl nicht begeistert wäre. Aber so ein Wochenende? Das Deutsche Sportabzeichen? Ein Stück Pilgerweg? Kraulen lernen? How go get rich and famous in ten weeks? Im Moment bin ich einfach nur erschöpft von dem ganzen Hin und Her, aber in den nächsten Tagen fällt mir garantiert etwas ein, womit ich zehneinhalb Wochen füllen kann. Sagte ich’s schon? ZEHNEINHALB! WOCHEN!

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Ein Müsli mit Hüttenkäse und Blaubeeren, eine Nudelpfanne mit Gemüse (und eben keine Gnocchis, weil Hirnschwund), Rührei

Gelaufen: 5km, 17 km geradelt, 10 Minuten Booty-Workout mit Pamela Reif (WIE? geht das??)

Gelesen: Ein paar Sätze in „Schlüssel 17“ von Marc Raabe

Gefreut über: Offensichtlich, dass der Schwindel weg ist und dass mir eine recht unverhoffte Auszeit bevorsteht

Geärgert über: Nix mehr. Heute über nix mehr. Auch mal schön.

24/9/23 – Kopf hoch – oder lieber nicht

Ich

Ich kenne mich gut genug, um zu wissen, wann’s gut ist. Mein Körper sagt mir bei Gelegenheit Bescheid, wenn er findet, es sei jetzt an der Zeit, an gewissen Stellschrauben zu drehen. Vor einem Jahr hatte ich plötzlich Blutdruckspitzen, die Panikattacken ausgelöst haben, aber das habe ich mittlerweile im Griff. Neuerdings informiert er mich daher über plötzlichen Schwindel darüber, dass das Nervenkostüm leichte Löcher aufweist. Sprich: Ich stehe morgens auf (und nein, es ist nicht der Kreislauf) und kann nicht nach unten gucken oder den Kopf in den Nacken legen, ohne dass sich die Welt um mich herum zu drehen beginnt. Ich kenne Lagerungsschwindel vom linken Ohr, der fühlt sich aber anders an. Schneller, heftiger. Das, was mich grade plagt, ist eher so ein diffuser Schwankschwindel, der auch wieder vergeht, wenn ich stur nach vorne gucke. Arbeiten geht also, lustigerweise. Vielleicht ist ein Nerv geklemmt, vielleicht leidet die Halswirbelsäule unter Verspannungen. Kennt das jemand? Ist nicht schlimm, nervt aber. Wär jetzt nett, wenn jemand sagen würde, „hatte ich auch, ging von selbst wieder weg und kam nie wieder.“ Anyone?

Job

Ein Wochenenddienst neigt sich dem Ende zu, ich warte nur noch auf Fotos. Mein Satz des Tages stammt heute von einem freien Mitarbeiter, der ein Böllerschießen beschrieb. „Zur Sicherheit wurden die Versager und überschüssiges Pulver gemeinsam abgeschossen.“ Ich hoffe, mit Versager sind Blindgänger und Rohrkreppierer gemeint. Perlen des Lokaljournalismus, es gibt sie wirklich. 🙂

Ansonsten: Die Spannung steigt von Tag zu Tag, ich hänge nämlich ordentlich in der Luft, was meine Urlaubsplanung für den Rest des Jahres angeht. Wie in den letzten Tagen schon erwähnt – auch das nervt. Wahrscheinlich macht mich mein Gedankenkarussell einfach schwindlig.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Ein Müsli, eine Schüssel Gemüse mit Shrimps und Hirse

Gelesen: Viele, viele Texte für die morgige Print- und Onlineausgabe meines Arbeitgebers.

Gelaufen: Aktuell knapp 600 Schritte. Sag mir, dass Du Wochenenddienst hast, ohne mir zu sagen, dass Du Wochenenddienst hast. Ich geh gleich noch ne Runde um den Block. Ne Runde, haha, you spin me round, round, baby right round…

Gefreut über: Den netten Co-Dienst-Kollegen und meine zwei freien Mitarbeiter, auf die heute mal wieder Verlass war. (Ihr merkt’s, Menschen können mich schon auch glücklich machen, nicht nur rasend.)

Geärgert über: Den Schwindel, wobei das sicher kontraproduktiv ist. Ich lass es und vertrau drauf, dass es aufhört. Und bis dahin… huiiiii ….

23/9/23 – Skip it, da kommt die Frau vom Bau!

Ich

Als ich das rosa Ding auf Instagram gesehen habe, hatte ich kurz Schnappatmung. Die Kinder, die in den frühen Neunzigern so wie ich etwa zehn, elf, zwölf Jahre alt waren, kamen um das pinke Sportgerät gar nicht herum: Man steckt ein Bein in eine Schlaufe und schwingt damit eine runde Kugel am Ende einer Plastikschnur um das Bein herum, um mit dem anderen darüber zu hüpfen. Wie Seilspringen, nur horizontal. Meine Eltern hatten mir damals versprochen, dass wir im Urlaub so ein Hüpfdings kaufen, allerdings war es in allen Spielwarenläden Bayerns vergriffen. Jeder hatte ein Skip-it, nur ich nicht. In einem Tante-Emma-Laden, in dem es neben Spielwaren auch Bierdeckel, Schürzen, Fliegenklatschen, Kakaopulver, Mehl, Wäscheklammern und Porzellanfigürchen gab, ergatterten wir damals dann schließlich überglücklich (ich) und erleichtert (meine Eltern) ein pinkes Skip-it. Ich hüpfte den gesamten Urlaub durch und auch daheim war das Ding ein heißgeliebtes Spielzeug. Und neulich sehe ich auf Instagram, das man heute noch hüpfdingst! Ich musste natürlich sofort eins bestellen (allein der Nostalgie wegen) und seither hüpfen meine Tochter und ich damit zur Freude der Nachbarn auf dem Hof herum.

(Ich hab’s vor lauter Freude morgens um viertel nach sechs in der Küche ausprobiert, aber als die Plastikkugel laut scheppernd über den Parkett rollte und an Küchenfronten und Stühle donnerte, war mir und dem restlichen Haus klar, dass das eher ein Spielgerät für draußen ist. Servicehinweis, bitte gerne.) Manchmal war früher halt doch nicht alles schlecht.

Wir

Der erste Tag in der Apfelsaftproduktion ist überstanden, ich habe quasi alles vergessen, was ich letztes Jahr noch aus dem FF konnte. Keine Sorge, in zwei Wochen bin ich wieder fit. Hoffe ich. Kleine Anekdote am Rande: Als ich heute morgen von Kopf bis Fuß in Engelbert-Strauß-Montur aus dem (etwas verratzten) VW-Bus meines Mannes kletterte und Richtung Bäcker marschierte, begegnete mir ein morgendlicher Brötchenholer mit den Worten „Jetzt kommt die Frau vom Bau“. Habe beschlossen, das so stehen zu lassen. Street credibility und so.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Unrühmliche Bilanz des Tages – eine Banane, eine Brezel, eine halbe Mohnschnecke und ein Plant-Based-Irgendwas bei Burger King. Erwähnte ich die Banane?

Gelesen: Nix, tatsächlich. Nix nennenswertes.

Gelaufen: Nein, aber die Schritte in der Moste vollgemacht.

Gefreut über: Freundliche Kundschaft, Trinkgeld, das Miteinander im Familienbetrieb.

Geärgert über: Dem Profit geopferte Kundenzufriedenheit an anderer Stelle, die ich mit persönlichem Einsatz (und entgegen einer in meinen Augen unsinnigen Anweisung) aufgefangen habe. „Ziviler Ungehorsam ist eine Form des sehr entschlossenen Protests auf Basis einer Gewissensentscheidung.“ Genau so.

22/9/23 – Gluckenalarm

Ich

An manchen Tagen weiß ich, dass die Laufrunde am Morgen der Teil des Tages sein wird, der mich am angenehmsten anstrengt. Was danach passiert, ist anders zehrend. Dass der Spagat zwischen Mamasein und Beruf an manchen Tagen besser gelingt als an anderen – geschenkt. Aber heute wurde ich durch einen Anruf im Büro so schnell in den Gluckenmodus katapultiert, dass ich nicht einmal Zeit hatte, meiner Kollegin zu erklären, wohin ich entschwinde. Long story short: Das Kind hat neuerdings ein Handy, auf selbigem ist eine App, die die Nutzungsdauer reguliert, so dass sich Muttern nicht über maximale Bildschirmzeiten den Mund fusselig reden muss und unnötig weitere graue Haare riskiert. Diese App verfügt über eine Ortungs-Funktion. Und weil mein Mann das Handy der Tochter aus reiner Neugier heute mittag ortete an einem Ort, wo es seit heute morgen um halb neun definitiv nicht mehr sein sollte (nämlich an einer Bushaltestelle), machte ich mich dort leicht panisch auf die Suche nach einem roten Rucksack, einem verlorenen Kind oder einem aus dem roten Rucksack gefallenen Handy. Ich fand – nichts davon. Allerdings weiß man als Redakteurin auch, wie hartnäckige Recherche funktioniert und nur fünf (!) Telefonate später hatte ich mein leicht verstörtes Kind am Telefon, das auf Schulausflug grade beim kollektiven Spaghetti-Essen gestört und an den Apparat gebeten wurde. Das Handy war … da wo es hingehört, in ihrem Rucksack. Wer auch immer diese Ortungsapps programmiert hat, weiß, wie man Frauen von 0 auf 180 bringt. Ich habe mir geschworen, die Orterei künftig bleiben zu lassen und darauf zu hoffen, dass mein Kind weiß, was es tut. Ohne Handy ging’s ja auch. Aber meine Nerven …

Job

Im Westen nichts Neues, die großen, ungelösten Fragen sind noch immer groß und ungelöst. Da sie maßgeblichen Anteil daran haben, wie sich der Rest des Jahres für mich entwickelt, wäre mir eine Lösung echt arg recht. Ansonsten: Es war ein Tag wie viele. Eigentlich gut Planbares kam ungeplant, weil Kollegen ihre eigenen Kalender pflegen aber nicht oder erst kurz vor knapp kommunizieren, dass und wann man selbst darin vorkommt, immerhin hat meine geplante Geschichte geklappt (für die ich an meinem freien Tag die Recherche erledigt hatte, weil ich manchmal auch nicht aus meiner Haut kann).

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Zum Frühstück eine ungeplante Brezel, die beim ungeplanten Interviewtermin übrig blieb, danach Sushi und Teigtaschen, deren Namen ich vergessen habe. Das eigentliche Frühstück, ein Joghurt, entdeckte ich heute Abend auf meinem Schreibtisch und verputzte ihn als Spätstück.

Gelesen: Nur Texte der Kollegin und meine eigenen. Und die Beschreibung einer Ortungs-App weil wegen.

Gelaufen: Nein, aber 13,1 km auf dem Rad gestrampelt, das zählt auch.

Gefreut über: Eine nette Begegnung beim Abendtermin, ich werde mittlerweile an meinen Schuhen erkannt. („An ihren Schuhen sollt ihr sie erkennen!“)

Geärgert über: Mich selbst, dass ich mich so schnell habe ins Bockshorn jagen lassen. Andererseits: Ich bin halt Mama. Ansonsten darüber, dass die Dinge, die für mich enorme Relevanz haben, SOOO LAAANGSAAAM GEHEN.

21/9/23 – Was der TÜV mit meinem Leben zu tun hat …

Ich

Kennt ihr das Gefühl, wenn man beim TÜV (oder der Dekra, your choice) mit einem viel zu heißen Automatenkaffee in einem viel zu dünnen Plastikbecher in der Hand im Warteraum sitzt und pustend hofft, dass alles gut geht? Obwohl man beim Anfahren dieses Klappern hört? Obwohl in Linkskurven ein merkwürdiges Rauschen zu hören ist, wenn man die Musik leiser dreht? Das Gefühl, dass innendrin etwas nicht so läuft, wie es soll, auch wenn man noch nicht genau versteht, was?

Nun, mein Arbeitsleben sitzt offenbar gerade beim TÜV. Es kündigen sich subtil und nicht ganz so subtil Veränderungen an, die unausweichlich sind, mit denen man sich abfinden muss. Oder eben darüber nachdenken muss, ob man das kann. Veränderungen, die unterschwellig längst zu spüren sind, aber für niemanden so recht greifbar. Zahnräder knirschen ungut, die Tachonadel saust nach oben und fällt nach unten, die Bremse klemmt und der Tank ist gefühlt dauernd leer.

Weil ich ganz schlecht umgehen kann mit Schwebezuständen, belastet mich vieles, was ich noch nicht einmal benennen kann. In erster Linie die Unberechenbarkeit der Situation, das Gefühl, Passagier auf einem Schiff zu sein, das einem Geisterschiff gleich einen Kurs einschlägt, den niemand von der Besatzung kennt. Ich habe keine Angst, über Bord zu gehen. Ich bin ein sicherer Schwimmer und der nächste Hafen wäre nicht weit. Aber ich wüsste gerne, wohin wir steuern. Und vor allem: ob ich dort überhaupt anlegen möchte. Ich übe mich in Geduld, einmal mehr.

Wir

On a more positive note: Das gar-nicht-mehr-so-kleine Kind hat auf die weiterführende Schule gewechselt und ist in den ersten zwei Wochen innerlich mehrfach über sich hinausgewachsen. Ich höre Sätze, die mich staunen lassen, wie „Ich habe mich mit Lena angefreundet“ und „Englisch macht voll Spaß“ … zumindest da läuft alles offenbar reibungsloser als erwartet.

Ansonsten steht eine Apfelsaison an, die es zwar nicht gut mit den Obstbauern aber gut mit uns meint, was die Arbeitsbelastung angeht. Zwölf-Stunden-Schichten und Sechs-Tage-Wochen scheint es dieses Jahr nicht zu geben.

Die Kurznachrichten des Tages

Gegessen: Bisher nur ein Müsli mit Banane und Blaubeeren, dazu einen Milchkaffee, heute Mittag gibt’s, weil kein Meckerkind am Tisch, Veggie-Bolo …

Gelaufen: 3,4 Kilometer, neue Strecke, doofer Schotter, doofe Hügel, dafür schöne Aussicht und vielleicht lauf ich da mal wieder, die Strecke kann für meine Hirnknoten ja auch nix.

Gelesen: https://www.instagram.com/p/CxaS_i2Mriw/ und mich gegruselt dabei, sie hat (leider) so Recht.

Gefreut über: Nette Begegnungen diese Woche, die oft meinen Tag gerettet haben.

Geärgert über: Siehe oben und dann habe ich mich ganz schnell wieder diszipliniert und es gelassen. Wegen weil.