31/10/23 – Tag 14 – Heute vor elf Jahren…

Ich

… war gar nichts gemütlich. Heute, jetzt vor elf Jahren, spazierte ich Krankenhausflure auf und ab, aß Schnitzel mit Bohnensalat und hoffte darauf, dass sich meine Tochter endlich, endlich bemüßigt fühlt, auf die Welt kommen zu wollen.

Erzähler: Es sollte bis morgen früh, 3.51 Uhr dauern. (Gut, dass ich das jetzt vor elf Jahren nicht wusste.)

Am Morgen hatte ich einrücken müssen, nachdem ich zehn Tage über dem errechneten Termin war. Die Geburt wurde eingeleitet, was mein Kind relativ stoisch ignorierte. Eine Fähigkeit übrigens, die sie bis heute perfektioniert hat. Ich wehte ein wenig vor mich hin, lag in einer mäßig lauwarmen Badewanne herum, hörte Frauen im Kreißsaal schreien und hatte irgendwann gar keine Lust mehr. Angeblich soll ich zu einer Hebamme irgendwann in den Abendstunden gesagt haben, dass wir die Sache jetzt demnächst abblasen würden und uns stattdessen einen Hund anschafften. Sie quittierte das mit mildem Kopfschütteln. Nachdem nach vielen Stunden Wehen mein Muttermund kontrolliert wurde und er sich von 2cm auf 2,5cm quasi kaum verändert hatte, spürte ich, wie mir die Kräfte schwanden. Wir entschieden uns für eine PDA, die zu legen dank meiner verknöcherten Bandscheiben letztlich drei Ärzte in den Kreißsaal nötigte, aber als sie dann mal funktionierte, war das Kinderkriegen irgendwie ein Kinderspiel. Nach einer Stunde Schlaf und einer Presswehe hielt ich mein knautschiges Bündel Baby im Arm und ich erinnere mich noch sehr gut an meinen ersten Gedenken – „das müffelt etwas“. 😀 3110g, 51cm. Lange her.

Nun denn. Rückblickend bin ich froh, dass wir das beide gut überstanden haben. Als die Ärzte dort mit einer kleinen Sonde das Hörvermögen der Kleinen untersuchten, sagte eine Schwester zu mir, „wenn Sie später mal den Eindruck haben sollten, das Kind hört nicht – an den Ohren liegt’s nicht.“ Ich denke tatsächlich oft an diesen Spruch zurück. Sehr. oft. 😉

Morgen wird das müffelige Würmlein also elf, die Geschenke sind verpackt, der Kuchen ist gebacken und verziert, mein Tag war vollgepackt mit Aufgaben. Morgen ist erstmal Family-Time angesagt. Gemütlicher, als vor elf Jahren wird’s auf alle Fälle.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Guess what – ein halber Proteinriegel, Hüttenkäse mit Blaubeeren und Kokoscrunch, restliche Nudelpfanne von gestern mit Lachswürfeln diesmal, Thunfischsalat und vielleicht noch ein bisschen Obst.

Gelesen: Kuchenrezepte. Um doch beim Altbewährten zu bleiben.

Gesportelt: 20 min Bodyweight, 10 Minuten Rudern (wie ich mir mal eingebildet habe, eine halbe Stunde durchzuziehen, haaa…) und 2km auf dem Laufband.

Gefreut über: Ein Sportset, um das ich die letzten paar Tage rumgeschlichen bin. Heute hab ich’s bestellt, wer viel sportelt, darf auch gut aussehen dabei.

30/10/23 – Tag 13 – I’ve still got the blues

Ich

Ich geb’s zu, die frühe Dunkelheit macht was mit mir. Sobald es draußen dämmrig wird, bei uns schon gegen 17 Uhr, fühle ich mich, als hätte ich drei Stunden übersprungen. Irgendwie geht der Tag gefühlt zu schnell zu Ende, in mir bleibt ein bluesiges (kein blusiges) Gefühl zurück, das ich nur mit lauter Musik und viel Licht irgendwie überstehe. Dass diese Jahreszeit gemütlich und heimelig ist, kann ich irgendwie nicht so recht nachempfinden. Ich finde es eher trist und deprimierend. Zumindest kam das mit der Zeitumstellung jetzt zu plötzlich.

Dagegen hilft ganz gut Aktionismus – ich hebe mir dröge Hausarbeit für diese Stunden auf, je mehr ich zu tun habe, desto weniger eiere ich herum. Heute morgen habe ich neue Nägel bekommen (rot), danach habe ich gekocht und das Kind hat mich versetzt (da sah ich kurz rot), dann haben wir Winterstiefel für selbiges Kind gekauft (weinrot) und danach noch Handtücher für meinen Fitnessraum (ro…sa). Den Rest des Tages habe ich sehr unspektakulär Wäscheberge verräumt (dem Umfang nach leben hier Personen im Haushalt, die ich noch nie gesehen habe) und mich auf den Citytrip gefreut, der uns nach Nemberch führt (Nürnberg, für Unwissende. Allmächd.) (Ja, Uli, äh, Überraschung!)

Beim letzten Mal im Januar war ich an einer Bushaltestelle so doof umgeknickt, dass ich mir das Knie blutig geschlagen habe (sehr rot!) und danach fast ein Vierteljahr mit einer Entzündung darin herumgehumpelt bin. Ich verspreche, diesmal besonders gut auf meine Haxen aufzupassen. Wär schon schade drum. Einen Vorteil hat der Trip im November gegen den im August: Man muss sich nicht rechtfertigen, wenn man kiloweise Lebkuchen kauft und auch gleich isst. Es ist ja wirklich schon fast Weihnachten.

Aber erstmal steht ja noch der Geburtstag vom gar-nicht-mehr-so-kleinen Tochterkind an. Morgen wird erstmal gebacken und verziert. Der Kuchen, nicht das Kind. Da ich ungefähr genau einen Kuchen gut kann, der aus 10.000 Kalorien pro Stück besteht und (wohl deswegen) allen schmeckt, gibt es den obligatorisch rauf und runter. Never chance a running system. Und mit 2000 Kalorien auf der Gabel macht mir dann auch die Dunkelheit draußen nicht mehr ganz so viel aus.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Hüttenkäse mit Kokoscrunch (ja echt, jeden Tag, nein, keine Ermüdungserscheinungen, ja, immer noch lecker), Nudelpfanne mit Karotten und Zucchini und Frischkäsesoße, eiiiin belegtes Brot mit Schi… ne, Käse. Und eine handvoll Chips eben, weil ES SO SCHEISS DUNKEL IST DRAUSSEN.

Gelesen: Frühstückstipps für Nürnberg. Wenn jemand noch was weiß, gerne.

Gesportelt: Nein, immer noch Oberschenkel. Ich hoffe auf morgen.

Gefreut über: Ein schönes Paar Stiefel fürs Kind in 38(!) (größer als ich!) gefunden zu haben, die nicht zu madamig aber auch nicht mehr nach Baby aussehen. Die Wäscheberge gewuppt zu haben. Den Citytrip gebucht zu haben. In Nürnberg ist es sicher nicht so dunkel. Sicher nicht.

29/10/23 – Tag 12 – Von A bis Z

Ich

Manchmal ist es klug, einen kurzen Status Quo zu erheben. Gerne auch alphabetisch. Los geht’s mit

A wie … Apfelsaft – er hängt in den kleinsten Ritzen, Rohren und Rillen und wir schrubben und putzen und weichen ein, was das Zeug hält. Dennoch sieht’s schon gut aus. Die Saison ist geschafft, es waren etwa 20 Prozent von einem Durchschnittsjahr. Also echt wenig los. Komischerweise hat’s für den einen oder anderen Muskelkater gereicht.

B wie … Besserwisser. Als ich heute morgen zum Bäcker spaziert war und Schlange stehen musste, wurde ich Zeuge dieser Gattung. Hinter der Theke rödelten drei Angestellte, packten Gewünschtes in Tüten, wechselten Hundert-Euro-Scheine, machten nebenbei Kaffee und schmierten Butterbrezeln. Als drei Kunden nacheinander zehn Brezeln kauften, gab es keine mehr. Und es war klar, dass der vierte Kunde augenrollend erklärte, so schwer könne das ja nicht sein, dann müsse man halt einfach ein paar mehr backen. Die Verkäuferin hinter der Theke riss sich sichtlich zusammen und hatte allein dafür meine Hochachtung. Menschen sind manchmal einfach … schwierig.

C wie … Chaos, das im Kinderzimmer herrscht. In meiner freien Zeit werden wir wohl mal ganz gründlich an alle Schränke und Schubladen gehen. Mir graut’s jetzt schon davor. 🙂

D wie … Dunkelheit – mit der Zeitumstellung ist es um sechs Uhr am Abend einfach plötzlich schon stockdunkel. Der gefühlt endlose Sommer ist damit innerhalb eines Tages quasi zu Ende gegangen.

E wie … Eis aus dem Automaten, gab’s heute nach vollendeter Mini-Spazierrunde um einen See. Wenn da schon ein Automat steht, muss man ihn auch nutzen.

F wie … Ferien – eine Woche lang morgens nicht zur Eile mahnen, eine Woche lang keine Brotdosen füllen morgens um halb sieben, eine Woche lang keine Hausaufgaben kontrollieren. Ferien, das wird mir erst jetzt klar, haben nicht nur Kinder, sondern auch Eltern.

G wie … Gemüse, frisch, in sieben Sorten, mit Kartoffeln, und zwar einen ganzen Teller voll – das war mein Abendessen und ich bin immer wieder dankbar und glücklich, dass es Restaurants gibt, die Vegetariern nicht nur Kässpätzle oder Beilagen servieren.

H wie … Halloween – mir graut davor. Bin ich die Einzige, die mit diesem aufgesetzen Gruselkram so gar nichts anfangen kann?

I wie … Ingwer – während ich bis vor etwa zwei Jahren Ingwer nicht riechen und schon gar nicht essen konnte, habe ich mich mittlerweile mit dem Geschmack angefreundet. Heute hätte ich mir einen großen Teller Kürbiscremesuppe mit dem Kind geteilt, das ihn aber nach dem ersten Löffel mit großen Augen wieder über den Tisch zu mir zurück geschoben hat: „Mama, da ist was Scharfes drin.“ Mehr Suppe für mich.

J wie … Jahresende – so richtig lange geht’s nicht mehr, genau genommen sind es noch 64 Tage. Was alles in 64 Tagen passieren kann?

K wie … Kastanien. Wann wird man eigentlich zu alt, um sich von den braun, feuchtglänzenden Kugeln, die aus ihrer stachelig-grünen Schale lugen, nicht mehr magisch angezogen zu fühlen? Wir haben uns einfach wie im Rausch die Taschen gefüllt. (Auf dass sie jetzt im Kinderzimmer bis nächstes Jahr zu harten, mattbraunen Kügelchen zusammenschmuttern.)

L wie … Lebensmittelmotten – wir erinnern uns an den gruseligen Fund vergangene Woche? Es fliegt nichts mehr. Ich hoffe, ich habe das Nest eliminiert und der Rest ist safe. Ich will das bitte nie wieder.

M wie … Minecraft – das Kind ist fasziniert von diesem Spiel und ahnt noch nicht, dass ich den Geburtstagskuchen ans Thema anzupassen versuche. Und nein, sie liest hier nicht mit. Hihi.

N wie … Nägel – zum ersten Mal ist mir ein Gelnagel abgebrochen, ich bin froh, morgen einen Termin für neue zu haben. So robust sie auch sein mögen, die Apfelsaftzeit hat ihnen einfach den Rest gegeben. Wem nicht. 🙂

O wie … Oberschenkel, rechts. Bei einem Ausfallschritt habe ich wohl irgendwas gezerrt. Gehen geht, laufen geht, aber Treppensteigen oder aufstehen und hinsetzen ziept.

P wie … Partyyy! Das Tochterkind wird elf am Mittwoch. Ich weiß gar nicht, ob ich schon bereit bin für das alles, irgendwie geht das alles immer schneller.

Q wie … Quetschi – neulich begegnete mir in der Stadt ein erwachsener Mann, der dieses Obstmus aus der Tüte nuckelte. Liebe Leute, das ist schon für Kinder fragwürdig, aber als Erwachsener kann man doch einfach Äpfel und Bananen essen?!

R wie … Reverse Lunge heißt die Übung, die meinem Oberschenkel zugesetzt hat. Ich würde sie ja einfach weglassen, blöderweise ist der Oberschenkel in erstaunlich viele Bewegungsabläufe eingebunden, tut also quasi den gesamten Tag weh. Auf Sport verzichten geht ja schon nur schwer, ohne Treppensteigen bin ich aber an die Wohnung gefesselt. Dann nehm ich halt das Ziepen in Kauf.

S wie … Schaffhos‘. Wenn man einen Bürojob hat, sind Schaffhosen von der Marke mit dem großen Laufvogel drauf ja eher ein seltener Aufzug. Und so habe ich meine Schaffhos‘ heute gewaschen, getrocknet und wieder eingemottet bis nächstes Jahr.

T wie … Tatort – für mich gehört er zum Sonntagabend dazu, allerdings nur, wenn er in Stuttgart, Köln, München oder Münster spielt. Alle anderen Teams mag ich nicht.

U wie … Uhrzeit – ich habe heute wohl als Allerletzte geblickt, dass man die Uhr umgestellt hat. Bis heute Nachmittag war ich der Meinung, gestern einfach früh genug ins Bett gegangen und deswegen heute so zeitig aufgewacht zu sein. Ja ne.

V wie … Vokabeln – das Kind staunt, dass ich Italienisch-Vokabeln ebenso lernen muss, wie sie Englisch-Vokabeln. Immerhin fühlt sie sich ein bisschen motivierter, wenn sie begreift, dass auch Erwachsenen nichts in den Schoß fällt.

W wie … Winterreifen. Es ist jedes Jahr dasselbe: Gefühlt fahre ich meine Reifen acht Wochen lang, dann müssen sie schon wieder gewechselt werden. Meistens bin ich zu spät dran, was im Winter ungünstiger ist als im Sommer. Ich mach mir nen Termin, JA MAMA.

XYZ wie … Zeitvertreib – jetzt, nachdem die Apfelsaftsaison endgültig überstanden ist, wird mir erst so richtig bewusst, wie viel ZEIT normalerweise bei der Arbeit draufgeht. Und dass sie kostbar ist.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Hüttenkäse mit Kokoscrunch, Flammkuchen mit Thunfisch, Paprika und Zwiebeln, Kürbiscremesuppe und einen Teller voller Gemüse.

Gelesen: Italienischvokabeln

Gesportelt: Knapp 8 km gewalkt, 10 Minuten Bodyweight, 5 Minuten gerudert – der Oberschenkel ist beleidigt mit fast allem.

Gefreut über: Einen Spaziergang durch buntes Herbstlaub – für sowas haben wir um diese Jahreszeit sonst eigentlich nie Zeit. Schön war’s.

28/10/23 – Tag 11 – Vom Besuch eines anderen Kosmos‘

Ich

Heute morgen war ich an einem besseren Ort. An einem Ort, der dem Leben Struktur gibt. Der es in Kategorien einteilt, die klarer nicht definiert sein könnten. Einem Ort, an dem es wohltuenderweise nur richtig oder falsch gibt. Einem Ort, den man mit dem Gefühl verlässt, sein Leben im Griff zu haben. Ich war auf dem Wertstoffhof.

Offenbar haben viele Menschen samstamorgens das Bedürfnis, dieses vollkommene Gefühl des strukturierten Lebens zu erhaschen. Der Frequenz auf dem Parkplatz inmitten der bunten Container nach zu urteilen sogar sehr viele. Wir hatten ein Schächtelchen voll alter Batterien dabei und sehr viele Kartonagen. Allein das Wort „Kartonage“ klingt schon viel schöner als alte Schachteln. Noch schöner klang nur das, was der ältere Herr, der mit seiner Ehefrau (vermutlich) zu Fuß (!) mit einem alten Steinguttopf unterm Arm an unserem offenen VW-Bus vorbeimarschierte, in Richtung der Gattin murmelte: „Gugg au, die hend da ganza Karra voll Babbadeggl.“

Weil wir höfliche Menschen sind, parkten das Tochterkind und ich eben da, wo noch ein freier offizieller Parkplatz aufgemalt war – ganz hinten. Und während wir ungefähr dreizehn Mal mit unserem alta Babbadeggl unter den Armen in Richtung Container pendelten, bleib genügend Zeit, das wuselige Treiben um uns zu beobachten.

So ein Wertstoffhof am Samstagmorgen ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Man findet dort sie dort alle. Darunter …

Der Penible

Er öffnet die Heckklappe seines wie mit der Richtschnur gepakten alten VW Passats in mintgrünmetallic, um sich zu allererst einen von der nicht anwesenden Frau selbst gestrickten Pullunder übers blau-karierte Flanellhemd zu ziehen. Weil ganz schön frisch. Der Pullunder in ocker korrespondiert mit der etwas speckigen Grobcordhose in beige – Kleidungsstücke, die ausschließlich pensionierten Mathe- und Physiklehrern vorbehalten sind. Und dergestalt präsentiert sich auch der Inhalt des Kofferraums. In allen möglichen Farben gestrichene Holzlatten liegen dort mit grober Schnur zu Dreiergruppen gebündelt und warten auf ihren letzten Weg. Daneben stehen zwei Klappkörbe, die mit Labelprinter beschriftet wurden und „Altglas“ und „Altpapier“ beinhalten. Der pensionierte Physiklehrer rückt die Nickelbrille zurecht, orientiert sich kurz und beginnt dann, Holzlatten und Körbe an die jeweiligen Container zu tragen. Nach getaner Arbeit faltet er die Körbe zusammen, zieht die grün-blau-karierte Decke aus dem Kofferraum, die wohl zu dessen Schutz dort ausgelegt worden war, schüttelt den nicht vorhanderen Staub ab, faltet sie vor der Brust zusammen, legt sie auf die Körbe, reibt sich klatschend die Handflächen zweimal aneinander, schließt sichtlich zufrieden die Heckklappe und steigt wieder ein. Den Pullunder behält er an. Aus dem Auto nebenan, einem rostigen Dacia, dessen Grundfarbe vermutlich einmal schwarz war, steigt in diesem Moment…

Der Lebenskünstler

Das Auto ist voll bis unters Dach, aber ein System ist offenbar nur für den Fachmann erkennbar. Für alle anderen sieht es aus, als habe das Auto mit offenem Kofferraum einen Tsunami überlebt und aufgenommen, was angespült wurde. Unter anderem einen halbzerlegten Korbstuhl, zwei Weinkisten ohne Boden, Bananenschachteln voller Holzabfälle, zwei weiße Plastikcampingstühle mit Riss, eine Gardinenstange, die von ganz hinten bis ganz nach vorne zwischen den Vordersitzen hindurch bis aufs Amaturenbrett gereicht hat, alte Blumenübertöpfe mit einem Rest alter Blume drin, alte Dosen, die mehr aus Rost denn aus Weißblech bestehen, leere Farbeimer und und und. Je mehr der Lebenskünstler auslädt, desto mehr wird klar, dass er entweder ein professioneller Hausentrümpler ist oder ein sehr abwechslungsreiches Leben führt. Oder ein sehr chaotisches. Und wie lange es wohl schon dauert. Weil er pfeifend und singend zunächst alles um sein Auto herum stapelt, und sich dabei hin und wieder über die dünnen Hemdsärmel rubbelt, weil ganz schön frisch, sieht es dort in Kürze aus wie am Filmset der Flodders. Zeit, so scheint es, spielt eine untergeordnete Rolle: Für den Lebenskünstler ist der Wertstoffhof weit mehr als eine Entsorgungsstelle. Viel mehr nutzt er die rege Frequenz am Samtagmorgen für den zwischenmenschlichen Kontakt. Denn er kennt offenbar sehr viele Menschen dort, plaudert jedenfalls mit jedem, der seinen immer voller werdenden Parkplatz passiert und tauscht sich aus mit neuen Bekanntschaften über die Nachhaltigkeit von Korbmöbeln. Am Ende schwatzt er seinem Nachbarn jenen kleinen Wohnzimmer-Korbtisch ab, „an dem nur ein bisschen was geklebt werden muss“. Heißt ja nicht ohne Grund WERTstoffhof. Offenbar ist der Besuch nicht allein dazu gedacht, Dinge loszuwerden. Loswerden und zwar schnell will hingegen …

Der Schnösel

… seine zwei Bilderrahmen. Seine schwarze E-Limousine rollt souverän an den parkenden Autos vorbei bis direkt vor den Container mit dem gesuchten Schild. Auf dem Beifahrersitz sitzt eine auftoupierte, blonde Mitfünfzigerin, der das Treiben außerhalb ihrer sicheren Scheiben unheimlich zu sein scheint. Sie sinkt jedenfalls tief in den schwarzen Ledersitz und betrachtet nurmehr über die Türkante hinweg wie aus einem Safarijeep argwöhnisch, gleichzeit aber sichtlich fasziniert, was um sie herum geschieht. Der Fahrer hingegen steigt aus, öffnet die hintere Tür und angelt von dort eine riesige orange Hermès-Tüte. Er stellt sie kurz neben der Fahrertür ab, lächelt ermutigend ins Fahrzeuginnere als wolle er seiner Begleitung Mut zusprechen und schließt zwei Knöpfe seines schwarzen Kaschmirmantels. Weil ganz schön frisch. Dann schnappt er sich die Kordeln der Tüte und geht gradewegs zum Holzcontainer, in den er zwei verschnörkelte Bilderrahmen wirft, die in ihre Einzelteile zerlegt waren. Die Hermèstüte faltet er wieder zusammen und geht schnellen Schrittes, froh, die Expedition überlebt zu haben, zu seinem sicheren, hochmotorisierten Transportmittel zurück und gleitet fast geräuschlos von dannen, noch bevor der Herr des Wertstoffhofs den Parksünder ermahnen kann. Der wendet sich stattdessen jemand anderem zu:

Der Durchmogel-Nörgler

Als der gerade zwei Kartons, in denen offenbar einmal eine Mikrowelle und ein Elektrogrill gewesen sind, in den Kartoncontainer werfen will, ertönt ein markerschütterndes, dumpfes Grollen. Der Chef des Wertstoffhofs, ein bärtiger Hüne in oranger Ganzkörperwarnweste, erhebt lautstark Einspruch. „Styropor ghert net zum Babbadeggl!“, erklärt er. Der Durchmogler im Ralph-Lauren-Polo rollt mit den Augen und fängt an zu diskutieren. Dass die Styroporteile in den Kartons doch sowieso in der Presse kleingedrückt würden, dass am Ende eh alles „im selben Loch verbrannt“ würde, dass das typisch Deutsch sei und wohin uns diese Bürokratie wohl noch bringe. Und außerdem sei es ganz schön frisch, so im T-Shirt. Der orange Hüne bleibt eisern, gemogelt wird nicht. Und so wehklagt und mosert der Nörgler in einer Tour fort, mus Noppenfolie zum Plastikcontainer tragen und darf auch das Plastikpaketband von den Kartons zuppeln. Unter Ächzen und Stöhnen und Schimpfen, versteht sich.

Und dann sind da noch wir. Wir haben unsere Babbadeggl entsorgt und auch für die Batterien die richtige Kiste gefunden. Wir haben auf der markierten Fläche geparkt, nur entsorgt und nichts eingetauscht, keinen Ärger gemacht und am Ende für das Spektakel drei Euro in die Kaffeekasse geworfen. Weil das Erlebnis Wertstoffhof am Samstagmorgen echt Eintritt wert ist.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Börek mit Spinat und Schafskäse und einen dicken Shake aus Hafermilch und gefrorenen Beeren. Da muss noch mehr gehen.

Gelesen: Nichts. Aber manchmal ist Schreiben besser als Lesen. 🙂

Gesportelt: Auch nicht, ich habe mir gestern den rechten Oberschenkel ein bisschen verzogen und mich heute beim Apfelsaft-Großputz genug bewegt.

Gefreut über: Die Saison hinter mir und jetzt Zeit für mein Ferienkind zu haben.

27/10/23 – Tag10 – Vom Durchhalten und Dranbleiben – und dem letzten Saftsack

Ich

Ist es zu fassen – die Schlacht ist geschlagen, die letzten Äpfel sind verarbeitet, der letzte Saft ist eingetütet! Wir haben heute Abend gleich damit begonnen, alles zu zerlegen und mit dem Großputz zu starten. Es war eine moderate Saison, trotzdem sind wir alle froh, dass wir es hinter uns haben. Wie immer war für mich das monotone Arbeiten am Ende das Zehrendste, körperlich strengt es nur die ersten beiden Wochen an, daran gewöhnt man sich. Ich habe wirklich den allergrößten Respekt vor allen, die jeden Tag bei Daimler am Band stehen und immer dasselbe tun, tage-, wochen-, jahrelang.

Es ist eine durchaus lehrreiche Zeit, man lernt zu beißen, weiter zu machen, wenn man längst keine Lust mehr, aber noch viele hundert Liter vor sich hat. Das Fieseste ist immer die Putzerei am Ende, die nochmal knapp 2 Stunden in Anspruch nimmt. Aber auch das schafft man irgendwann, räumt alles wieder zusammen, zieht den Boden ab, löscht das Licht. Fünf Wochen in diesem Jahr, nicht voll durch. Und jetzt ist es geschafft – bis zum nächsten Jahr.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Hüttenkäse, Banane, Kokoscrunch, Gnocchi mit Pilzen und Tomatenrahmsoße, einen Apfelriegel, eine halbe vegetarische Pizza, 6 Gummibärle und zwei Schokowäffelchen für die Nerven.

Gelesen: Tatsächlich nur Auftragszettel.

Gesportelt: 2,2 Kilometer auf dem Laufband aufgewärmt, 25 Minuten Bodyweight, dann musste ich zum Frisörtermin.

Gefreut über: Das Ende der Saison!

Geärgert über: Diese Rubrik wird offiziell abgeschafft. Ärgern ist ungesund.

26/10/23 – Tag 9 – Von Spontaneität, Ritualen und dem Festhalten an Gewohntem

Ich

Wird man als spontaner Mensch geboren oder lernt man das irgendwann? Ich erinnere mich dunkel, dass ich als Kind eine gewisse Sicherheit in Dingen gefühlt habe, die sich wiederholen. In ganz banalen Dingen wie dem täglichen Mittagessen mit beiden Elternteilen am Tisch oder auch den Heiligabend bei meiner Oma. Hätte mich eine plötzliche Veränderung dieser Riten erstmal aus dem Takt gebracht? Vielleicht schon. Vielleicht auch nicht?

Sehr deutlich spüre ich diesen Wesenzug am Tochterkind. Hat sie sich auf etwas eingestellt, das dann anders kommt, tut sie sich kurz schwer damit. (Es sei denn Mathe fällt überraschend aus, das geht.) Ich erinnere mich an den Sommer, als kurz zur Debatte stand, ob wir mit meinem Auto in den Urlaub fahren, weil das andere in die Werkstatt muss. Das Kind guckte uns an, als hätten wir beschlossen, statt an den Starnberger See in den Kongo zu fahren. In eine Jurte, acht Wochen. „Aber wenn wir in den Urlaub fahren, fährt IMMER Papa“, jammerte sie. „Sonst ist es kein richtiger Urlaub.“ Heißt wohl: Wenn Mama am Steuer sitzt, ist die Erholung der Beifahrer offenbar von vornherein zum Scheitern verurteilt…

Als wir ihr neulich erzählten, dass wir Silvester dieses Jahr nicht zu Hause sein werden, sondern in einem tollen, kleinen Hotel, setzte sie wieder diesen entsetzten Blick auf. „Wir essen dann kein Raclette??“, fragte sie fassungslos. Kein Raclette, kein eigenes Feuerwerk, kein Exitspielen mit Freunden? Stattdessen Wellness, Abgeschiedenheit und leckeres Essen, für das niemand von uns Zeit in der Küche verbringen muss. ICH hatte mich mit dieser Variante sehr schnell anfreunden können, das Kind hatte anfangs etwas Mühe. Sie hatte dann aber gehört, dass es dort einen Pool gibt und das ist schließlich durchaus ein Pfund in der Waagschale. Wer weiß, vielleicht jammert sie nächstes Jahr „Kein Pool, kein Sechs-Gänge-Menü, kein Hotelfrühstück? Das ist gar kein richtiges Silvester…“

Ich werde genau aufpassen, ob dieses Festhalten am Gewohnten irgendwann einmal nachlässt, ob sie schneller bereit ist, sich auf Neues einzulassen. Und bis dahin halten wir einfach an dem fest, was wir lieben. Wenn’s dabei um Raclette geht, bin ich jederzeit dabei.

Die Kurznachrichten des Tages

Gegessen: Eine Banane, ein Eiweißbrot mit Hüttenkäse, Quäse und Honig (nicht gruseln, das war tatsächlich lecker), Zucchini-Reispfanne, ein Käsebrötchen und nochmal Hüttenkäse mit Kokoscrunch. Und dazwischen zwei Wäffelchen mit Schokolade.

Gelesen: Mathehausaufgaben. Hand aufs Herz, wie nennt man eine Zahl mit sechzehn Nullen? Ich musste auch googeln: Billiarde. Ein bisschen ist das Lernen am Leben vorbei, aber was weiß ich schon.

Gesportelt: Drei Kilometer auf dem Laufband zum Aufwärmen, zehn Minuten workout auf der Matte, zehn Minuten Rudern, nochmal einen Kilometer aufm Laufband zum Runterkommen.

Gefreut über: Nette Apfelsaftkunden, die Tatsache, dass Liegestütze schon bis zur Hälfte gehen. Irgendwann komm ich ganz runter. (Also runter ist nicht das Problem, schon klar.) Und ganz banal: Dass ich heute morgen in der Stadt noch spontan ein sehr süßes Geschenk fürs Tochterkind gefunden habe.

Geärgert über: Den ewigen Stundenausfall in der Schule. Wir hatten in dieser Woche genau einen Tag, an dem alles nach Plan lief. Ich sag ja, das mit dem G8 ist einfach nur Makulatur. Aber vielleicht gewöhnt man sich da ja auch dran.

25/10/23 – Tag 8 – Vom Machen und vom Lassen

Ich

Seit ich frei habe, habe ich einen Schalter umgelegt. Ich bin sowas von raus. Und runtergekommen.

Erzähler: Wie sie auch dachte, von Tag eins an täglich 16 Stunden lang die Welt zu retten, haha… nichts tut sie, NICHTS.

Ich habe in kürzester Zeit völlig losgelassen, erlebe die Zeitung wie jeder andere Leser völlig von außen. Ich merke richtig, wie ich nicht mehr am News-Puls hänge, nichts mehr mitkriege. Seltsames Gefühl, aber auch nicht schlecht. Weniger getrieben.

Mein Tag hat einen anderen Rhythmus bekommen, nicht unbedingt langsamer, aber anders. Der Wecker klingelt leider nach wie vor ungnädig um sechs, weil das Tochterkind schon vor sieben aus dem Haus muss. Andererseits ist das ein Segen, denn der Tag fängt nicht vertrödelt an. Der Weg führt mich dann meistens erstmal zum Sport. (Nur heute nicht, weil Muskelkater aus der Hölle). Ab nachmittags bestimmt die Familie wieder den Takt, aber klar, es bleibt viel Zeit übrig, die ich füllen kann, womit ich möchte.

In dieser ersten Woche war es ein Runterkommen, Entschleunigen, Löcher-in-die-Luft-gucken. Man muss auch Zeit haben, einfach da zu sitzen und nichts zu tun, sagten schon andere schlaue Menschen. Die Erkältung tat ihr Übriges. Und mit so viel Freiheit muss man erstmal umgehen können. Heute war das Kind bei einer Freundin, ich habe es erst um fünf abgeholt. Und weil ich Zeit hatte, habe ich sie mir auch gelassen. Heute morgen war ich eine Runde spazieren, aktive Regeneration und so. Dann quälte ich mich eine Weile über die Blackroll und setzte danach auf warmes Wasser in der Wanne. Der Muskelkater wird langsam besser, aber meine Güte, das war heftig.

Heute Nachmittag allerdings kam dann der Aktivismus wieder zum Vorschein: Ich wuselte durch den Haushalt, putzte Bad und Gästebad, saugte Staub, verräumte Geschirr und Wäsche. Das Gefühl danach ist unbezahlbar. Was nämlich liegen bleibt, bleibt liegen und bildet Haufen und jeder, der zum Beispiel schon einmal zu spät Ablage gemacht hat, weiß, wie ermüdend solche Haufen sind. Die nur größer aber niemals kleiner werden. Ob es nun Unterlagen fürs Finanzamt oder Wäscheberge sind, spielt dabei keine Rolle.

Menschen, die tägliche Aufgaben allerdings strukturiert nach Wochentagen erledigen, sind mir auch wieder suspekt: Einerseits bewundere ich sie zutiefst für ihre stoischen Routinen, die nach einem einfachen Abarbeiten von Aufgaben und einem immer perfekten Zuhause klingen. Andererseits sind sie für mich unerreichbar, ich ticke einfach völlig anders. Angenommen, ich würde immer dienstags und samstags waschen – wäre mein Lieblingspulli nicht genau dann in der Wäsche, wenn ich ihn anziehen will? Angenommen, ich würde montags für den Rest der Woche Essenspläne schreiben und einkaufen – wüsste ich dann auch, worauf ich donnerstags Lust habe? Ich, die montags um elf noch nicht weiß, worauf sie eine Stunde später Hunger hat? Angenommen, ich würde sonntags für die ganze Woche vorkochen – ich würde sicher jeden Tag Zeit sparen, wäre aber auch gebunden an das, was bereits vorbereitet ist. Wer so tickt, hat meine Hochachtung. Ich kann es nicht. Ich schwankte heute ungefähr eine Stunde lang zwischen Bahnenschwimmen in der Stadt, Therme 60 Kilometer weiter oder Badewanne daheim wegen bequem. Und entschied mich – weil ich zwischendurch das Frühstücken angefangen habe – für letzteres. Sollte also mal die Welt untergehen, muss sie das auf alle Fälle spontan tun – ich würde meine Pläne sonst nur drölfmal ändern und davor noch zum Frisör gehen.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Hüttenkäse mit Blaubeeren und Kokoscrunch (Dauerbrenner!), Gemüsemaultaschen mit Kartoffelsalat, eine Banane, ein paar Nüsse, ein Brot mit Quäse und zwei Spiegeleier.

Gelesen: Hilfreiche Artikel, wie man Muskelkater loswird. („Achten Sie darauf, Ihr Pensum sorgfältig auszuwählen und sich nicht zu übernehmen“ – ACH…!)

Gesportelt: Nein, weil! Aber ich bin 3km um einen See geschlurft, die mir ewig lang vorkamen.

Gefreut über: Dass das Tochterkind langsam die Richtung gefunden hat und sich alles normalisiert. So’n Schulwechsel ist nicht ohne.

Geärgert über: Meine Sturheit, die mir diesen Muskelkater beschert hat. Ach ne, Disziplin, das war’s.

24/10/23 – Tag 7 – Vom Muskelzoo und dem G7 1/3

Ich

Wenn Muskelkater das ist, bei dem man die sportliche Betätigung tags drauf spürt, habe ich einen verdammten ganzen Instant-Muskelzoo. Ich habe heute morgen ein Workout gemacht, das wohl nicht ohne Grund „Tyrann“ heißt. Unter anderem beinhaltete das Ganze 120 Squats in 6 Sätzen (es waren eigentlich 16 und nicht 20 pro Satz, aber wer nicht lesen kann, muss leiden). Ich vermute, dass die unter anderem der Grund dafür sind, warum mich Treppen gerade vor ein größeres Problem stellen. Rutsche ich auf dem Po runter? Versuch ich’s rückwärts? Ich jaule beim Hinsetzen und beim Aufstehen, beim Bücken, beim Gehen – eigentlich jaule ich seit heute morgen sehr viel.

Und dann gab es noch das einbeinige Kreuzheben ohne Gewichte, bei dem ich mich fragte, was das wohl bringen soll. Seit heute mittag weiß ich, dass auf der Rückseite meiner Oberschenkel Muskeln verlaufen, deren Existenz mir noch nie so bewusst war, wie seit heute. (Gelernt: Das sind die Hamstrings. Meine tun weh.) Der Rest zielte eher auf den Rumpf ab (Core, wie der Sportler sagt) und macht nur beim Husten, Lachen und Niesen aua. Man wird irgendwann leidensfähig. Nun denn, selbst verschuldet, ich werd’s auch überleben. Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.

Das Kind schüttelt derweil mitleidig den Kopf und sagt, „vielleicht war das zuviel, in Deinem Alter…“ (Mein Alter ist der running gag seit Neuestem: Wir haben Fotos von Michelle Hunziker betrachtet und ich hatte gesagt, dass die Frau wirklich toll aussieht, dafür, dass sie schon Oma ist. Woraufhin das Kind meinte, „Oma?? Dabei sieht die fünf Jahre jünger als Du aus…“ Hab Kinder, haben sie gesagt, sie sind ein Quell der Freude, haben sie gesagt … )

Apropos Kind: Wir haben seit diesem Schuljahr einen digitalen Vertretungsplan als App auf dem Handy. Während ich damals noch stöhnend an einem schwarzen Brett hinter Glas morgens um kurz vor acht lesen musste, dass die erste Stunde ausfällt und ich ganz umsonst so früh aufgestanden bin, weiß mein Kind das heute schon am Vorabend. Was ja grundsätzlich sehr praktisch ist. Heute allerdings ist das Mamataxi zur zweiten Stunde gefahren (wo kein Bus mehr fährt, ÖPNV, Dorf, Katastrophe), um um kurz nach zwölf zu hören, dass die erste Stunde sehr wohl stattgefunden hätte, der Plan halt falsch war. Dafür fallen morgen erneut die erste und sechste Stunde aus. Sagt jedenfalls der Plan. Wir haben in den ersten sechs Wochen bereits mehr Stunden eingebüßt als in vier Jahren Grundschule davor. Wenn das so weiter geht, macht sie Abi nicht nach G-8-Modell, sondern nach G-7-1/3… Der Stoff wird nicht weniger, er wird nur zusammengestrichen und der Rest in einem Tempo durchgepeitscht, dass die Kinder sich schon in Klasse fünf für friss oder stirb entscheiden müssen. Ob das dieses vielgepriesene hohe Gut der Bildung ist, von dem die Politiker immer sprechen? Auf Binge-Learning habe ich eigentlich keine Lust.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Ein Eiweißbrot mit Quäse, zwei Teller Vollkornnudeln mit Soja-Bolo, ein Stück Marmorkuchen, Ein Brot mit Bergkäse und ein paar Möhrenstückchen.

Gelesen: Vertretungspläne, Workoutpläne, Bildungspläne, ach.

Gesportelt: 30 Minuten Bodyweight, 20 Minuten Rad. Viel hilft viel. Aua.

Gefreut über: Einen sehr sehr sehr schönen Nachmittag bei Kaffee, Kuchen und bester Unterhaltung. Ich durfte auf die Invaliden-Sitzschale sitzen und ein paar Stunden meine physischen Einschränkungen vergessen. Es tut so gut zu spüren, dass es auch normale Leute gibt. („Endlisch nommaaale Leute!“). Außerdem hatte ich heute morgen maximal viel Zeit für mich ganz allein. Sowas genieße ich ja wirklich sehr.

Geärgert über: Nichts wirklich. Macht nur Muskelkater im Hirn und da brauch ich ihn nicht auch noch.

23/10/23 – Tag 6 – Was fliegt denn da?

Ich

Ihr Lieben, der heutige Blogpost wird Ihnen präsentiert von *insert Antibrechmittel*. Wer einen empfindlichen Magen hat und noch dazu mit einer bildhaften Phantasie gesegnet ist, sollte sich heute an dieser Stelle einfach andere Lektüre suchen.

-Jetzt ist die Gelegenheit abzuschalten-

Ihr seid noch da? Ok, selbst verantwortlich. Also. Diese Geschichte beginnt vor etwa drei Wochen. Ich saß bei einem Kaffee in meiner Küche, als ein kleiner, brauner Falter auf dem Tisch neben meiner Tasse landete. Ich scheuchte ihn weg. Es wird kalt draußen, langsam drückt allerhand Getier rein ins Warme, dachte ich mir. Irgendwann hatte ich mich an die Anwesenheit des Flattertiers gewöhnt. Bis ich bemerkte, dass es mittlerweile zwei waren. Vor lauter Apfelsaft und anderen Dingen schenkte ich dem Ganzen wenig Bedeutung.

Bis ich heute zwei dieser Flattertiere am selben Küchenschrank sitzen sah. Und mindestens zwei weitere an anderen Stellen in der Küche. Ich stutzte. Grundsätzlich würde ich mich als tierlieben Menschen bezeichnen, aber invasive Arten dulde ich nicht in meiner Küche. Einer Eingebung, die mir gewissen Schauder bereitete, folgend, googelte ich „Wie sehen Lebensmittelmotten aus?“.

Erzähler: Und sie wurde panisch.

Wenige Augenblicke später stapelte ich Nudelpackungen auf Vorratsdosen, räumte Soßengläser und Maisdosen aus den Schubladen, ständig in der Sorge, mir käme gleich eine ganze flatternde Heerschar dieser kleinen, braunen Falter entgegen. Aber – ich fand nichts. Also googelte ich „Wie sehen Eier von Lebensmittelmotten aus?“ und fand zumindest den Hinweis, dass man nach Gespinsten Ausschau halten solle, die das Nest kennzeichnen. Außerdem hieß es, dass man sich die Eier dieser Motte in den allermeisten Fällen mit Lebensmitteln ins Haus holt. Nudeln, Reis, Haferflocken, sowas.

Also guckte ich in jede Nudelpackung und prüfte, ob die Luft auf Druck noch jede einzelne Plastikverpackung aufbläht. Ich fand – nichts. Ich putzte die Schubladen mit Hygienereiniger und räumte einigermaßen ratlos alle Vorräte wieder zurück. Und dann fiel mein Blick auf den Oberschrank, in dem neben Geschirr noch ein paar Gewürze stehen.

Tatsächlich kam mir ein Flattertier aus dem Geschirrfach entgegen. Ich räumte also Salz, Pfeffer, Nelken, Korianer, Sternanis, Curry, Paprika und alles andere aus. Schüttelte Päckchen, starrte auf Pfefferkörner, beäugte argwöhnisch jede fest verschlossene Gewürzdose. Aber ich fand – nichts. Und dann holte ich die Porzellanschüsseln von oben herunter und fand zwei der Falter in den Schüsseln. Aber kein Gespinst.

Meine Küche sah aus wie ein orientalischer Gewürzbasar in chaotisch. Ich räumte Döschen für Döschen und Päckchen für Päckchen wieder ein, nachdem ich alle Flächen geputzt hatte. Und zum Schluss fiel mein Blick auf die große Dose Allzweckwürze. In meinem Hirn lief ein Film ab, wie man ihn aus Sherlock-Holmes-Folgen kennt. Diese Dose hatte ich erst neulich aufgefüllt. Aus dieser Dose hatte ich in den letzten Wochen etliche Male das gelbe Würzpulver ins Essen geschüttelt. (Ich würge beim Gedanken daran echt immer noch)

Mir war sogar aufgefallen, dass die Löcher begonnen hatten, sich zu verengen, was ich aber darauf zurückgeführt hatte, dass die feuchte Hitze beim Kochen die Brösel verklebt hatte, während man das blubbernd kochende Essen im Topf würzt. Ich betrachtete die Löcher aus der Nähe. Und stellte fest, dass sich die Würzkrümel in einer Art Gespinst … ich schluckte. Und öffnete mit einer Gabel den festen Drehverschluss der Dose, nur, um ihn kreischend und würgend sofort wieder zu verschließen.

Sagen wir so, ich habe das Nest gefunden. In einem Zipbeutel, in einem Sack und einem weiteren Sack habe ich die Dose entsorgt. Ich würgte den Rest vom Nachmittag ein bisschen und hoffe, dass ich wirklich die Wurzel allen Übels erwischt und eliminiert habe. Vermutlich hat sich das Problem nur deswegen nicht größer und schneller ausgeweitet, weil wir die neuen Eier einfach täglich mitgekocht haben. ÖÖÖÖRKS.

So. Soviel dazu. Ich bin sehr froh, ohnehin die meisten trockenen Vorräte in gut verschlossenen Dosen zu haben, aber sowas brauch ich echt nicht nochmal.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: (Örks!) Hüttenkäse, Blaubeeren, Banane, Kokoscrunch, überbackene Gemüsemaultaschen (heute tatsächlich mit Salz und Pfeffer only), ein Brot mit Hartkäse.

Gelesen: Artikel über Lebensmittelmotten. Unschön.

Gesportelt: 25 Minuten Bodyweight und 10 Minuten gerudert.

Gefreut über: Die beiden netten Damen, die mich heute morgen an der Supermarktkasse freundlich durchgewunken und mich vorgelassen haben.

Geärgert über: Erklärt sich von selbst, ne? Öööörks…

22/10/23 – Tag 5 – Vom Leben als goofy Fossil

Ich

Alte Menschen, so dachte ich früher, sind die, die einen Mittagsschlaf halten. Heute weiß ich – ich lag entweder falsch oder ich bin alt. Heute morgen stand ich vor neun auf mit dem dringenden Bedürfnis, einen Kaffee zu trinken und einmal schnell die nächtlichen Ansammlungen all dessen, was mit der Rüsselpest zu tun hat, wegzuschneuzen (keine Details, versprochen). Und nach Spülmaschine, Waschmaschine, Trockner und Rumräumaufgaben, die man eben so nebenbei erledigt weil einer muss ja, hatte ich das ebenso dringende Bedürfnis, mich wieder hinzulegen. Und so schlief und döste ich weitere anderthalb Stunden über die Mittagszeit hinweg, um danach gefühlt in einem anderen Jahrhundert eines anderen Planetensystems wieder aufzuwachen.

Im Lauf des Tages stellte ich weitere Zeichen zunmehmenden Alterns fest. Erstens meinen Hang zu Printmedien. Zwar habe ich e-Books heruntergeladen, aber noch keins davon je zu Ende gelesen. Ich liebe es, Bücher in der Hand zu haben, zu blättern, Eselsohren hineinzuknicken als Lesezeichen (pscht! Ich darf das, sind ja meine Bücher!) und sie überall im Haus herumzutragen. Manche Bücher zeigen später mit welligen Seiten, dass sie längere Zeit über Feuchtigkeit ausgesetzt waren, keinesfalls, weil sie in einem modrigen Keller gelagert, sondern weil sie in der Badewanne gelesen wurden. Büchern geht nie der Akku aus und wenn sie in die Wanne fallen, sind sie nicht sofort hinüber.

Ähnlich geht es mir mit der Zeitung. Wer zu meinen jüngeren Kollegen gehört, sollte an dieser Stelle das Programm wechseln, mich aber jedenfalls nicht für schrulliger als gedacht halten, denn auch bei Zeitung bin ich noch immer sehr an das Medium aus Papier gebunden. Ich weiß, dass Onlinemedien inhaltlich nicht weniger wertvoll, nicht weniger gut recherchiert, nicht weniger seriös aufgearbeitet sind. Mein Verstand weiß das. Mein Bauch hingegen hängt am Knisterpapier, an den schwarzen Fingern beim Blättern, am von-hinten-anfangen-zu-lesen, am Falten, am Ausschneiden und Aufheben.

Weil: Ich bin offenbar wirklich alt. Zum ersten Mal beschleicht mich das leise Gefühl, nicht mehr zur Generation zu gehören, die auf dem Laufenden ist. Die intuitiv tut, was moderne Menschen eben tun. Die auf der Höhe der Zeit ist. Zum ersten Mal fühle ich mich ein kleines bisschen wie ein Reisender aus einer anderen Zeit, der sich den neuen Kontinent anguckt, ohne sich wie ein Indigener zu fühlen.

Einerseits ist das ausgesprochen seltsam. Andererseits öffnet es den Blick für die Generationen, die jeden Tag noch von viel weiter anreisen in diese heutige Zeit, für die Apps auf dem Smartphone Böhmische Dörfer sind, die den Wetterbericht in der Tagesschau sehen wollen, um tags drauf von Regenschauern überrascht zu werden, von denen gestern noch nix im Fernsehen kam. Ich komme nicht von ganz-weit-weg. Nicht von vorgestern. Aber vielleicht von gestern Spätabends. Als man noch Texte von Disketten gezogen hat, als man schwarz-weiß-Filme mühsam im Dunkeln über Gitter gewickelt und sie tastend in Entwicklerflüssigkeiten getunkt hat. Als man irreversible braune Sprenkler auf T-Shirts hatte, wenn der Deckel jener Behälter in die Flüssigkeit geplatscht ist, als man fluchend auf Laborböden herumtastete, weil die Filmrolle runtergefallen war.

Wenn ich das meinen jüngeren Kolleginnen erzähle, gucken sie mich an, als würde ich von meiner Kindheit im ersten Weltkrieg erzählen. Ich habe in Redaktionen gesessen, in denen Kette geraucht wurde. Ich bin durch Drucksäle gelaufen, habe Klebeumbrüche begutachtet und meine Ausdrucke zwischen Aschenbecher und Bierflaschen gelegt. Ich habe Lieder aus dem Radio auf Kassette aufgenommen und weiß heute noch, wenn eines davon auf dem Oldiesender läuft, an welcher Stelle der Moderator reingequatscht hat. Ich habe in Röhrenfernseher geguckt, die nach dem Ausschalten noch lange knisterten und wenn man mit dem Finger den Bildschirm berührte, weiße Punkte fabriziert haben. Und wenn heute jemand sagt, „das ist jetzt auch schon 15 Jahre her“, denke ich an irgendwas in den Neunzigern. Um festzustellen, dass Menschen, die 2005 geboren wurden, längst Autofahren dürfen.

Alles hat seine Zeit, offenbar. Und eigentlich ist es nicht schlimm, all diese Geschichten erzählen zu können, wie so ein Fossil. Es zeugt davon, dass der Fahrtenschreiber schon einiges dokumentiert hat, mehr, als manch anderem überhaupt vergönnt ist. Also bin ich dankbar für das, was war und so offen wie ich eben kann, für das, was kommt. Meine Tochterkind ist immerhin eine sehr stabile Verbindung in diese neue Welt, wenn ich dann mal im richtig peinlichen Alter bin, wo ich gar nichts mehr verstehe. So richtig … goofy halt.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Gruselige Bilanz – angefangen mit Hüttenkäse, Blaubeeren, Banane und Kokoscrunch, dann eine Kaki. Dann ein Brötchen mit Käse und grad noch ein Brot mit Käse. Das warme Mittagessen ist einfach ausgefallen. Eine Schande.

Gelesen: Einen herrlichen Artikel in der SZ, ansonsten ein bisschen quer durchs Netz.

Gesportelt: Nope. Immer noch Rüsselpestschonzeit.

Gefreut über: Alle Geburtstagsgeschenke fürs Kind beisammen zu haben. Und so langsam über die Erkenntnis, dass ich frei habe. Es sickert langsam in mein Bewusstsein durch.

Geärgert über: Nichts heute. Man wird halt auch altersmilde.