14/11/23 – Tag 28 – Von Plänen, die aufgehen, von fliegendem Käse und von Erfolgserlebnissen

Ich

Es ist der dritte Abend in Folge, an dem das Kind (eher gefrustet) und ich (eher entzückt) die Schwarze-Brett-App konsultieren. Das Kind gefrustet, weil nix ausfällt, ich entzückt, wegen weil. Seit Freitag findet der Unterricht wieder so statt, wie ihn der Stundenplan vorsieht. Das erspart mir a) die morgendliche Taxifahrt, weil es keinen Bus zur zweiten Stunde gibt und b) den A…lmanach voll Hausaufgaben, der anfällt, weil der erkrankte Fachlehrer optimistisch portionierte Arbeitsaufträge weitergibt. (Das Kind macht die Hausaufgaben selbst, schon klar. Aber zum Beispiel bei Fragen wie „Wer bezahlt den Schaden, der entsteht, wenn mein Hund etwas kaputt macht?“ musste ich helfen. Meine juristisch gänzlich unvorbelastete Elfjährige hatte den Begriff „Tierhalterhaftpflicht“ noch nie zuvor gehört. Ich nehme diese gravierende Bildungslücke auf meine Kappe. Schmerzfrei.)

Natürlich könnte ich mir die Fahrt sparen und die Lütte um zwei Minuten nach sieben an der Bushaltestelle abgeben. Und ja, an der Schule gibt es Aufenthaltsräume, in denen sie trocken, warm und womöglich auch ganz gemütlich warten können. Das Ding ist halt – für trockene, warme und gemütliche Aufbewahrung von Kindern ist das Gymnasium nicht gedacht (glaubte ich immer), sondern für Unterricht, über dessen wiederholten Ausfall sich Eltern sehr wohl ärgern dürfen. Wenn ich sie frage, wo sie am liebsten morgens um halb acht trocken, warm und gemütlich ist – sorry Schule, der Punkt geht an mich. Und ob es die erste, dritte oder siebte Stunde ist, die nicht stattfindet – geschenkt. Jede ist eine zuviel.

Und ja, wir werden über die App am Abend zuvor (manchmal auch morgens um halb sieben) rechtzeitig über Änderungen informiert. Das ist verglichen mit meiner Schulzeit, als das Schwarze Brett noch ein physischer Glaskasten mit Aushang war, der morgendliche Überraschungen bereithielt, eine deutliche Verbesserung. Es ändert aber nichts daran, dass der Unterricht ausfällt. Und die Fünfer schon mit dem Friss-oder-stirb-Prinzip starten – entweder sie kommen mit dem verschobenen Stoff-Zeit-Verhältnis klar oder sie werden abgehängt. Dank G8 sogar noch schneller. Und darüber tröstet mich eine warme und gemütliche Leseecke für Wartestunden nicht hinweg.

Wie dem auch sei – für morgen erfährt der Plan keine Änderung (frei nach Loriot), wir nutzen den ÖPNV und eins von zwei Mädels hier im Haus findet das jedenfalls ganz knorke. Das andere hatte heute dafür ein Erfolgserlebnis – eine glatte Zwei in der Deutscharbeit, dazu eine Eins minus als mündliche Note. Ich hab sie seit Wochen nicht so strahlen sehen. Tut allen gut.

Sonst so? Mit Kopfweh gestern ins Bett gegangen, wirres Zeug von meinem Ex-Chef geträumt (WTF?), unruhig geschlafen, mit latentem Brummkopf aufgewacht. Mein Blutdruck, den ich seit einem Jahr mit leichten Senkern im Zaum halte, war heute auch ein wenig starrsinnig. Erkenntnis dabei: Wenn man morgens direkt nach dem Aufstehen und Kaffeemachen Blutdruck misst, kaum, nachdem man auf den Stuhl geplumpst ist, sollte man sich nicht wundern, wenn der hoch ist. Ebensowenig sollte man sich beim zweiten Mal messen über einen noch höheren Wert wundern, wenn man sich derweil über die erste Messung aufregt. (Beide Werte an der Grenze zu dem, was überhaupt als Hochdruck gilt, trotzdem spüre ich das sofort.) Zehn Minuten Sitzen später sah die Welt wieder anders aus. Nach dem Sport schließlich kam ich beim neuerlichen Check auf mustergültige Werte von 118:82. Wäre Reinsteigern eine Olympische Disziplin, ich wäre vorne mit dabei.

Sonst so außerdem? Ich hatte ein sehr sehr sehr nettes Gespräch zu einem beruflichen Thema, außerdem eine tolle Mittagspause mit den weltbesten Kolleginnen, not to call it lunch-date. Es geht nichts über Bürogossip, bei dem man erleichtert feststellt: Es ist, wie es immer ist.

Den Rest des Abends werde ich zuende bügeln, was ich angefangen habe. Wollte ich gestern schon, aber da kam mir The Reacher dazwischen. Man muss manchmal Prioritäten setzen. Und was ich heute nicht mehr schaffe, erledige ich morgen um kurz nach sieben, da ist das Kind nämlich in der Schule. Praise the Lord.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Müsli mit Wurfkäse… als ich nach dem Sport nach Hause kam und mein wohlverdientes Frühstück einnehmen wollte, rutschte mir der offene, halbvolle Becher Hüttenkäse direkt vor dem Kühlschrank aus den Fingern. Ich sah den himmelblauen Aludeckel flatternd gen Boden sinken, den Becher unten aufdotzen, und eine formschöne Fontäne aus milchiger Suppe und weißen Käsebröckchen sich bogenförmig in die Luft erheben, um zum einen auf meinem Oberschenkel und zum anderen im offenen Geschirrrondell auf Schüsseln und Tupperboxen wie ein himmelwärts gerichteter Pfeil aus Proteinen niederzugehen. Fast wäre mir die Lust auf Müsli vergangen. Aber nur fast. Dafür gab’s mittags Essen auswärts – Semmelknödel mit Champignonragout und Salat. Und grade nochmal Müsli, weil keine Lust auf Brot. Diesmal unfallfrei.

Gelesen: Den Deutschaufsatz meiner Tochter. „Umfangreicher Wortschatz“ – das hat sie womöglich auch von mir.

Gesportelt: Erst 3,8 Km draußen spaziert, dann wegen Wetters noch 3,2 weitere indoors. Fünf Minuten Kraft haben mir heute gereicht (war keine Kraft da), dafür bin ich noch 10 Km geradelt.

Gefreut über: Die Deutschnote. Verdient. Das strahlende Kind. Die Tatsache, dass wir den Bus erwischt haben. Die netten Begegnungen heute.

13/11/23 – Tag 27 – Von einer, die viel bügelt und bingewatcht…

Ich

Nach meinem Blusendesaster (Blusen! Nicht Busen!) gestern pflückte ich heute die trockenen Teile von der Leine und begann das Bügeln. Ich gebe zu, ich bin ein bisschen aus der Übung. Aber: Bügeln hat etwas sehr Meditatives. Während man mit der heißen, glatten Eisenfläche über den Stoff gleitet, hat man Zeit, über sich und sein Leben nachzudenken. Vermutlich wird das Welthungerproblem eines Tages beim Bedampfen von Herrenhemdenknopfleisten gelöst. Das Glätten von Falten hat etwas ungeheuer Befriedigendes: Man sieht, was man gearbeitet hat. Während ich mich beseelt durch den Vormittag bügelte und schon überlegte, einen professionellen Bügelbetrieb zu eröffnen, in dem ich den gesamten Tag zischend, gluckernd (das Eisen) und schweigend (ich) meinen Gedanken nachhängen könnte, lief „The Reacher“. Ich habe mir fürs Rudergerät (eigentlich) eine Serie gesucht, die spannend genug ist, mich vom Gedanken ans Sterben beim Rudern abzulenken, aber nicht so fesselnd, dass ich das Rudern dabei vergesse. Wer will schon auf dem Rhein-Herne-Kanal herumdümpeln.

Und weil ich heute nach knapp 25 Minuten Krafttraining überhaupt keinen Antrieb mehr für Cardio hatte, bleib The Reacher aus und ich gönnte mir ein Stückchen davon eben beim Bügeln. Bügeln wird als Sport ohnehin völlig unterbewertet. Fast forward: Ich habe mich, was das Ablenkungspotenzial angeht, getäuscht. Die Serie nimmt zwar anfangs ein bisschen schleppend Spannung auf, allerdings sind … äh … die Protagonisten… also eben der Hauptdarsteller … durchaus sympathisch. Auch ganz oberflächlich … optisch betrachtet. Insofern wäre ich also ohnehin im Ruderboot kanalabwärts getrieben. Ich bin schon ganz froh, dass die Blusen nicht Feuer gefangen haben. So viel dazu.

Ansonsten ärgere ich mich gerade ein bisschen, dass ein bereits frühzeitig bestelltes Weihnachtsgeschenk nicht ankommt. Dabei gab es beim Bestellen sogar nur die Option „per Express“ und für den Aufpreis erwartet man sich eigentlich dann keine Wochenfrist. Ich bin gespannt, ob und wann das Päckchen ankommt.

Sonst so? Das Kind hatte heute planmäßig Unterricht und auch morgen ist noch kein Stundenausfall angekündigt. Da ich die ganze Zeit über die Lücken gejammert hatte, halte ich das jetzt auch für erwähnenswert. Die Krankheitswelle scheint fürs erste durchs Lehrerzimmer gerauscht zu sein, alles läuft nach Plan. Heute stand eine Mathearbeit auf selbigem. Auf meine Frage, „und, wie lief’s?“, antwortete das Kind: „gut, aber die letzte Aufgabe war unlösbar“. Auf mein Seufzen hin, ergänzte sie: „Waaas, hat sogar die Lehrerin gesagt.“ Ja dann. Ich weiß ja auch nicht. Vielleicht wäre es nicht verkehrt, solche Aufgaben VOR der Ausgabe auf Lösbarkeit zu überprüfen. Beim Bügeln eines Oberhemds vielleicht.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Hüttenkäse mit … ihr ahnt es. Heute gab es außerdem einen Blumenkohl-Lachs-Auflauf mit Gruyère-Kruste (sehr lecker). Und weil die Portion so reichlich war, gab es den Rest heute Abend.

Gelesen: Italienisch-Vokabeln, Tageszeitung

Gesportelt: 25 Minuten Bodyweight, eine Minute gerudert und dann spontan keine Lust mehr gehabt. Darf auch mal sein.

Gefreut über: Das Lob, das gar nicht mir, sondern dem Tochterkind im Klavierunterricht galt. Endlich haben wir das leidige Klavierstück abgehakt und können jetzt … Weihnachtslieder üben. Schneeheeflöckchen…

12/11/23 – Tag 26 – Vom Überfluss und dem Weg zum Weniger

Ich

Gestern hatte ich damit begonnen, heute habe ich meine Kleiderschrankaktion fortgesetzt. Nachdem die Sommerklamotten in zwei Kisten verstaut waren, hatte ich schon eine halbe große Tasche gefüllt mit alten Shirts, Hosen, Röcken und Kleidern, die ich nicht mit ins nächste Jahr nehmen möchte. Fast forward: Am Ende des Tages stand ich peinlich berührt vor drei mit Berg obendrauf gefüllten Riesentaschen. Ich habe sortiert nach „Kann in den DRK-Container“, „Kann zum Kleiderladen“ und „Kann in den Second-Hand-Shop“. Um den Schwung nicht zu verlieren (und die Klamotten nicht wieder versehentlich irgendwo einzulagern), packte ich die Containertüte gleich ins Auto und machte mich auf den Weg. Ich weiß, dass man Altglas sonntags nicht entsorgen darf, mein Gegoogle hat alledings nichts zu Altkleidern ergeben. Ich gehe davon aus, dass die Lärmbelästigung beim dumpfen „Plumps“ von Klamotten nicht so groß ist, wie Scherben. Also entsorgte ich Socken, Nachtwäsche, alte T-Shirts, alte Jeans und vieles mehr.

Die Kleiderspende-Tüte bringe ich morgen auf den Weg. Ich hatte sogar noch Umstandsmode in einer Tüte unten im Schrank stehen. Aber das Kind ist ja auch erst eerrrrhm (elf).

Vom Versuch, Dinge beim Second-Hand-Shop abzugeben, verspreche ich mir zwar nicht besonders viel, da auch der in Ware ertrinkt, aber trotzdem will ich es mal probieren. Wenn ich dort nichts loswerde, kommt auch diese Tüte in den Kleiderladen oder zu einer anderen karitativen Einrichtung.

Als ich fertig war, hatte ich Platz auf der Kleiderstange, so viel, dass ich die Kleiderbügel mühelos hin- und herschieben konnte. Auch im Schrank daneben war ein ganzes Regalfach übrig. Bis mir dann einfiel, dass es ja noch den Korb gibt. Also „DEN KORB“. Darin lagert Bügelwäsche, die man ungebügelt nicht tragen kann. Die man, wenn man sie tragen will, folgerichtig bügeln muss. Der Grund, warum sie da recht lange lag. Ich gebe es ungerne zu, aber als ich mich bis auf den Grund dieses Korbs durchgestaunt hatte, hatte ich 19 Oberteile in der Hand, deren Existenz ich völlig verdrängt hatte. Keines davon war so, dass ich es hätte in eine der drei Tüten geben wollen. Ich habe sie schlicht als peinliches Mahnmal meines Überflusses erkannt. Vermutlich bin ich nicht die Einzige, die zuviel Klamotten hat. Aber gut fühlte sich das heute nicht an. Es ist noch nicht einmal Fast Fashion, es ist einfach Too much fashion. Meine Jeans trage ich zum Beispiel viele viele Jahre lang rauf und runter. Ich hab halt insgesamt reichlich davon.

Sei’s drum. Ich habe eine Waschmaschine voll Blusen gewaschen und schon einen Teil davon gebügelt. Der Platz zwischen den Bügeln ist dadurch erstaunlich schnell wieder zusammengeschrumpft, aber immerhin sind die jetzt verbliebenen Teile wirklich welche, die ich gerne mag und auch trage. Auch wenn ich sie manchmal bügeln muss. Und sollte ich jemals wieder denken, ich bräuchte eine Bluejeans (14), einen grauen Pullover (6) oder eine weiße Bluse (16), hoffe ich, dass mich der Blitz in der Umkleide trifft.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Zweimal Müsli mit Kokoscrunch und Apfel (einmal früh-, einmal spätstück), zwei Teller Vollkornspirelli mit Lachssoße. Einen halben Lebkuchen für die Nerven und ein paar Nüsse.

Gelesen: Oder eher geguckt – die Böhmermannfolge zum Thema More Nutrition. Absolut sehenswert.

Gesportelt: Nope.

Gefreut über: Die Übersicht in meinem Schrank, das Aufarbeiten von Baustellen, das gute Gefühl, was weggeräumt zu haben. Und die Tatsache, dass es uns einfach sehr gut geht.

11/11/23 – Tag 25 – Von (nicht)stapelbaren Boxen, dem Untergang des Einzelhandels und dem besten Schuhmacher und Ehrenretter der Welt

Ich

Den Einzelhandel unterstützen, vor Ort einkaufen, nicht alles online shoppen – man hört die Mahnungen immer wieder. Ich gebe zu, auch wir bestellen hin und wieder Gewünschtes beim großen Online-Versandhändler. Man kann abends auf der Couch „bummeln“, bestellen und am übernächsten Tag die Ware in Empfang nehmen. Ganz ohne Parkplatzsuche und Zeitaufwand. Wenn ich etwas dringend sofort benötige, nutze ich allerdings gerne die zahlreichen Geschäfte im Umland. Klar, dass wir auch Lebensmittel nicht online kaufen, sondern im hiesigen Supermarkt oder bei der Bäckerei.

Doch manchmal erlebt man im Einzelhandel Dinge, die einen zweifeln lassen. Als ich meinen Mann vor wenigen Tagen in die Werkstatt brachte, damit der sein Auto holen kann, machte ich auf dem Heimweg einen kurzen Abstecher bei einer Bäckerei in einem großen Supermarkt neben der Werkstatt. Ich stellte mich in die Schlange. Die Dame vor mir fragte die Verkäuferin, als sie an der Reihe war, was „denn das für ein Brot ist, rechts neben Ihnen“. Und die? Drehte sich dem ausgestreckten Zeigefinger der Kundin folgend im Zeitlupentempo um. Guckte das einzige Brot an, das im Abstand von zwei Metern da lag. Dann drehte sie sich zurück. „Das da?“, fragte sie, und zeigte ihrerseits auf das einzige Brot, das da lag. „Ja genau“, bestätigte die Kundin. Die junge Frau drehte sich erneut zum Brot um. Sie verharrte. Dann beugte sie sich nahe, wirklich sehr nahe über das kleine Schild, das das Brot wohl beschreibt. Sie studierte es eingehend. Drehte sich erneut zur Kundin um. Die Spannung war kaum auszuhalten.

Und dann gab sie schulterzuckend die Antwort, mit der irgendwie niemand gerechnet hatte: „Äh, das weiß ich auch nicht. Ich glaube, was mit Roggen.“ Die Kundin, sichtlich irritiert, sagte: „Ja … also dann nehm ich das.“ Die Verkäuferin drehte sich erneut zum Brot um. Studierte das Schild daneben, das vor der leeren Auslage in der Plexiglasklemmleiste klemmte. „Also das andere war jedenfalls was mit Roggen. Von daher?“, ergänzte sie schulterzuckend. Im Hintergrund kehrte eine andere Mitarbeiterin den Fußboden. Nachdem ihre Expertise wohl nicht gefragt war, kam sie der jungen Kollegin auch nicht zu Hilfe.

Ich fragte, als ich an der Reihe war, gar nicht erst nach dem Inhalt, ich orderte ein Brot, das mir optisch gefiel, bestellte vier Laugenbrötchen dazu, packte die Brötchen in meinen Korb und auf ihr „schene Abend no“ bat ich dann noch um mein bezahltes Brot, das noch in der Schneidemaschine lag. Da dachte ich ja echt, dass ich den Tiefpunkt in Sachen Kompetenz bereits gesehen hatte.

Bis ich heute in ein hiesiges Möbelhaus kam. Mit der festen Absicht, meinen Kleiderschrank ein weiteres Mal auszumisten, wollte ich, wie bereits zweimal zuvor, zwei transparente Boxen mit Deckel kaufen, damit ich Sommer- und Wintergarderobe von einander trennen kann, um so Platz zu schaffen. Die Boxen hatte ich schnell gefunden, passende Deckel dazu gab es allerdings nirgends. Ich marschierte also zum nächsten Infopunkt und bat dort um Hilfe. „Die Deckel sind bei den Boxen“, bekam ich zur Antwort. „Ich finde aber die Größe für diese Boxen nirgends“, erklärte ich. Seufzend machte sich die Verkäuferin auf den Weg zu den Boxen, um dort festzustellen: „Die Deckel für Ihre Box gibt’s nicht.“ Nach nur fünf Minuten waren wir also immerhin auf dem selben Stand.

Ich erklärte, dass es ja für alle anderen Größen dieser Plastikboxen sehr wohl Deckel gebe und fragte, ob meine Gesuchten womöglich noch irgendwo am Lager wären. „Nein, sind sie nicht. Wenn sie nicht hier sind, gibt’s die nicht.“ Etwas ratlos stellte ich die Boxen zurück. Die Verkäuferin verschwand wieder.

Ich entschied mich schließlich für andere transparente Boxen, allerdings tauschte ich die hässlich grünen Deckel gegen graue der selben Box. Die Boxen mit den grauen Deckeln waren nicht transparent, die transparenten Boxen hatten hässliche Deckel. Ansonsten waren die beiden Boxen aber völlig deckungsgleich und natürlich aus derselben Serie desselben Herstellers. Ich hatte mir zwei Boxen zusammengesucht und stand schon in der Kassenschlange, als die Verkäuferin angewieselt kam.

„Entschuldigung, die Kollegin sagt, die grauen Deckel gehören zu den anderen Boxen. Das können Sie so nicht kaufen.“ Ich stutze. „Ich möchte aber transparente Boxen“, erklärte ich. „Die gibt’s nur mit grünen Deckeln.“ „Es sind doch aber dieselben Deckel?“ „Ja aber das geht nicht. Außerdem ist die Farbe der Deckel doch auch egal, oder?“, befand sie. „Ja? Mir aber nicht. Dann nehme ich die grauen“, wagte ich einen letzten Versuch. „Nein, das geht nicht, die gehören ja zu der anderen Box.“

Seufzend trug ich meine beiden Boxen (für 19,90 das Stück!) zurück. „Ich wollte ja ohnehin lieber diese anderen, aber da gibt es keine Deckel mehr dazu“, erklärte ich. Worauf die Verkäuferin erläuterte: „Ja, das sind Stapelboxen, für die brauchen Sie keinen Deckel.“

Ich: „Wie soll ich Sie denn dann stapeln?“

Sie: „Na so, ineinander. Leer.“

Ich: „Ich möchte doch aber keine leeren Kisten stapeln. Und wenn sie voller Klamotten sind?“

Sie: „Dann können Sie die nicht mehr stapeln.“

Ich: …

Sie: …

Ihr ahnt es: Ich verließ den Laden ohne Box. Und ohne Deckel. Aber gefrustet.

Um kurz danach im Baumarkt nebenan ein paradiesisch anmutendes Hochregal voller Plastikboxen nebst ausreichend Deckel in allen Farben und Größen vorzufinden. Zum halben Preis. Also habe ich dann doch den Einzelhandel unterstützt, halt wo anders.

Mein Highlight allerdings war dann der unfassbar nette Mensch in der kleinen Schuhmacherwerkstatt, dem ich gestern meine Louboutins anvertraut hatte. Mir war eingefallen, dass bei den Schuhen auch Ersatzabsätze dabei gewesen waren. Also hatte ich mich erneut auf den Weg gemacht, dem Schuhmacher, der gestern noch skeptisch war, ob er „Pariser System“ (?) reparieren kann, die Ersatzteile nachzuliefern. Ich hatte meinen Abholschein noch nicht einmal aus der Geldbörse gefriemelt, als er grinsend sagte, „weiß ich, die mit die roten Sohlen“. Er verschwand ums Eck und kehrte mit völlig intakten Schuhen zurück. „Hab ich gestern noch getüftelt. Langen Stift abgeschnitten, hat gepasst. Bringst du die nächstes Mal glei mit“, sagte er mit dem Blick auf mein Mitbringsel. Für Schuhe wie neu habe ich 13 Euro bezahlt (15, inklusive Trinkgeld) und für heute war die Ehre des Einzelhandels und der Dienstleistungsbetriebe vor Ort wieder hergestellt.

Den Rest des Tages habe ich voller Tatendrang meinen Schrank ausgeräumt und drei riesige Tüten aussortiert. So langsam nähere ich mich der Capsule Wardrobe, von der ich immer träume. (Zu meinem Entsetzen fand ich sogar noch eine Tüte voller Umstandsklamotten. Ähem. Das Kind ist elf.) Eine weitere Tüte geht in den Second-Hand-Laden, zwei Blazer in die Reinigung.

Die Sommersachen habe ich übrigens ebenso dezimiert und den Rest in die Boxen verräumt. Und die habe ich dann bedeckelt und gestapelt, WEIL ICH’S KANN. HA.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Hüttenkäse mit Kaki und Kokoscrunch, Kürbiscremesuppe, noch mehr Kürbiscremesuppe, ein Käsebrot, einen Pflaume-Zimt-Lebkuchen und eine Hand voll Nachos.

Gelesen: Diverse Blogartikel zum Thema Capsule Wardrobe, die neue Cosmopolitan. Spannende Ausgabe.

Gesportelt: Nein, heute war Räumtag.

Gefreut über: Den tollen Menschen, der meine Schuhe schnell und zuverlässig wieder schön gemacht hat. Sie waren mein Highlight heute!

10/11/23 – Tag 24 – Von roten Sohlen und dem Zuviel von allem

Ich

Aufgeschobene Dinge erledigen – als ich vor meiner Auszeit gefragt hatte, was ihr mit so viel freier Zeit anfangen würdet, war das eine ziemlich häufige Antwort. Ich habe heute mittag endlich das Paar Lieblingspumps zum Schuhmacher gebracht, das seit einem Jahr ein gelangweiltes Dasein im Schrank fristet.

Der freundliche Herr am Tresen drehte die Schuhe hin und her, begutachtete den Schaden am Absatz, rieb über die rote Sohle und drückte mir schließlich einen Abrisszettel in die Hand. „Kommst Du Dienstag gucken, wenn ich hinkriege, zahlst du Dienstag.“ Hoffen wir das Beste.

Vor zwei Tagen hatte ich bereits Küchenfronten abgewischt. Die Kleiderschränke stehen auf alle Fälle auch noch auf dem Plan. Grundsätzlich besitze ich nicht nur genug, sondern ziemlich sicher zu viele Klamotten. Ich greife seit Jahren zu schwarz, weiß, grau, camel oder dunkelblau, im Prinzip lässt sich das alles untereinander in endlosen Varianten kombinieren. Wirklich brauchen würde ich aber nur die Hälfte davon. Wenn überhaupt. Und vermutlich bin ich nicht die Einzige, die Schränke voll mit Dingen hat, die sich im Lauf des Lebens angesammelt haben, ohne, dass sie eine große Bedeutung haben. Töpfe, Schüsseln, Putzlappen, Bettwäsche, Vasen, Übertöpfe… wir haben von allem zuviel.

Vielleicht gelingt es mir, in meiner Auszeit einen Teil davon loszulassen

Und sonst so? Dass ich jeden Abend mit Muskelkater von der Couch aufstehe, liegt daran, dass ich morgens immer denke, ach, ein bisschen Sport geht noch. Es versteht sich von selbst, dass ich für meine Sportklamotten auch keinen Platz mehr habe, ne? Aber das werden wir ändern.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Ein Proteinriegel, ein ganzer Becher Hüttenkäse mit Kaki, Spinat mit Kartoffeln und Eiern und heute Abend eine TK-Pizza.

Gelesen: workoutpläne und Artikel meiner Kollegen.

Gesportelt: 10 Minuten gerudert, 15 Minuten Bodyweight, 2km gelaufen.

Gefreut über: Das gute Gefühl, etwas erledigt zu haben, die ersten sichtbaren Erfolge des Sports. Und ja, auch über das Pizzastück heut Abend, es muss nicht 105% clean eating sein.

09/11/23 – Tag 23 – Vom Genus, vom Kasus und dem seinem Possesivpronomen

Ich

Ich werde in acht Jahren weniger ein bisschen mein Abitur nochmal machen. Ich weiß noch nicht mit welchem Schwerpunkt, aber das mach ich dann einfach vom Tochterkind abhängig. Heute übte ich schriftlich dividieren, Überschlagsrechnen und Malnehmen, schrieb seitenweise Englischvokabeln ab und überlegte wie man im Satz „Der Rabe Abraxas half der kleinen Hexe“ nach selbiger fragt und welcher Fall das dann ist. (Wem, Dativ). Im Ernst – ich finde es ein bisschen schwierig, dass stundenweise Unterricht ausfällt, man aber gleichzeitig erwartet, dass die Kinder wissen, was ein Genus, der Kasus und das Possesivpronomen sind. Ja, möglicherweise sind die Begriffe im Unterricht gefallen, ich war ja nicht dabei. Vertieft worden sind sie aber mit Sicherheit nicht. Hätte ich heute nicht über zwei Stunden unterstützt und motiviert, erklärt und geholfen, wäre das nix geworden. Es kann natürlich an meinem Kind liegen, ich habe ja nur eins und keinen Vergleich. Ich vermute aber, dass es nicht zuträglich ist, wenn die Kinder tagelang Unterrichtsvertretung haben, die (womöglich fachfremd) halt nach dem Rechten sieht und Arbeitsaufträge weitergibt. Unter qualitativem Unterricht habe ich mir was anderes vorgestellt. Immerhin: Morgen findet der Unterricht stundenmäßig nach Plan statt, inhaltlich gibt’s natürlich wieder Improvisationstheater.

Ich frage mich dennoch, wann sich die Bildungspolitik tatsächlich zum Guten verändert. Wann ausreichend viele Lehrkräfte bereitstehen, wann der Stoff entweder so angepasst ist, dass er in acht Jahren zu einem soliden Abitur führt oder wir zu G9 zurückkehren. Die Vorstellung, dass es 17-jährige (und somit noch immer schulpflichtige) Abiturienten gibt, die über Jahre hinweg mit Binge-Learning (unnützes?) Wissen in sich hineingestopft haben, um es am Tag X abrufen und danach wieder vergessen zu können, macht mich ziemlich ratlos. Ist es das, was wir wirklich brauchen?

Ich bin heute zumindest einfach froh, dass der Tag vorbei ist, der eigentlich total motiviert begann: Ich war fast zwei Stunden beim Sport, nachdem ich das Kind bei der Schule abgeliefert und eingekauft hatte. Ich habe Betten ab- und bezogen und begonnen, den töchterlichen Schrank auszumisten. Und mich nach dem Essen eben in den Stoff der fünften Klasse vertieft. Weil ich noch mit meinem Mann in die Werkstatt fahren musste (also ihm fehlt nix, aber er musste sein Auto holen, höhö), und wir im Feierabendverkehr viel länger gebraucht haben, als erwartet, habe ich meinen Italienischkurs verpasst. Der, das muss an dieser Stelle erwähnt werden – planmäßig stattgefunden hätte. Gnurf.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Einen halben Proteinriegel, eine Banane, zwei Teller Vollkornspaghetti mit Pilzrahmsoße, ein trockenes Laugenbrötchen, eine Handvoll Gummibärle für die Nerven und ein paar Oliven mit Mandeln.

Gelesen: Englischvokabeln, Matheaufgaben, Deutschaufgaben, waaaahhh…

Gesportelt: 23 Minuten Bodyweighttraining, eine Minute geplankt, 15 Minuten gerudert und 1,7 Kilometer gelaufen zum Abschluss.

Gefreut über: Das gute Gefühl nach dem Sport, die heiße Dusche danach, kleine Erfolge beim Dividieren (also die des Kindes, bei mir geht’s ganz gut)

08/11/23 – Tag 22 – Von einer, die heute mal rantet – Stadtbild, Staus und Schulsystem

Ich

Mittwochmorgen, Viertel vor acht. Eine Mutter fährt ihr Kind in die Stadt zur Schule. So beginnen unsere Tage in dieser Woche. Montag, Dienstag, Mittwoch. Das Problem dabei: Jenes Kind besitzt eine Busfahrkarte, hat aber genau eine Anbindung morgens vom Dorf in die Stadt. Und zwar zwei Minuten nach sieben, was dazu führt, dass sie um viertel nach sieben am Gymnasium aussteigt und, bei Entfall der ersten Stunde, bis halb neun dort wartet. Oder aber Mama fährt. Elterntaxis werden abfällig Helikoptereltern zugeschrieben, meist von Leuten, „die früher sechs Tage die Woche in die Schule gelaufen sind. Durch den Schnee. Mit 20 Kilogramm Bücher und Biwakausrüstung. Barfuß und an der Front vorbei.“

Im Ernst – ich würde dem Kind jederzeit die 13 Minuten Busschaukelei zumuten, wenn es a) nicht eine gute Stunde in einem Schulflur sitzen müsste (jaja oder in der Mensa, aber halt sinnlos) weil ich mit dem Jugendticket zwar einen bunten Reigen an zusätzlichen möglichen Fahrten en bloc gekauft habe für ganz BW, aber nur eine Verbindung für die Strecke angeboten wird, die ich wirklich benötige… um 7.02 Uhr … und b) nicht jeder Tag abweichend vom eigentlichen Stundenplan ablaufen würde. Das ist kein Stundenplan, das ist allenfalls eine unverbindliche Themenempfehlung mit Raum- und Zeitvorschlag. Sicher, für erkrankte Lehrkräfte kann niemand was, aber wenn es wochenlang an keinem einzigen Tag funktioniert, ist das Problem größer als ein verschnupfter Mathelehrer. Gesundheit. Vielleicht sollte ich mir überlegen, einen Fahrdienst zu gründen. Ein Eltern-Uber. Oder besser Unter, wie unterirdisch.

Erzähler: Und beim abendlichen Blick in die App stellte sie fest, dass sie auch morgen wieder den Fahrdienst übernehmen würde. Für Freitag werden noch Wetten angenommen.

Vom einen Gemaule zum nächsten, oder fangen wir lieber mit dem Highlight des Tages an – ich habe mich heute Vormittag mit einer lieben Bekannten getroffen, die mir das Internet vor Jahren vor die Füße gespült hat: zu blog.de-Zeiten habe ich Kristina kennengelernt und wir haben uns dann auch im echten Leben getroffen. Und nie aus den Augen verloren, auch wenn uns Bundesländer trennen. Gemeinsam mit ihrem zuckersüßen Sohn saßen wir heute morgen in Tübingen beim Kaffee.

Weil ich bewusst eine Stunde früher dort war, sammelte ich ein paar Schritte in der Stadt. Und jetzt mal ehrlich: Ich war über zehn Jahre nicht dort und für die nächsten zehn reicht’s auch wieder. Woher Tübingen sein Selbstbewusstsein nimmt, ist mir ein ehrliches Rätsel. Zieht man die durchaus renommierte Uni, das Klinikum und ein paar hübsche, bunte Fassaden ab, bleibt nicht mehr viel. Ja, die Altstadt ist historisch und ja, wer enge Gassen und schiefe Treppen mag, wird dort aufseufzen. Spätestens, wenn er übers löchrige (ach ne, historische!) Kopfsteinpflaster stolpert. Aber bei aller Folklore: Die Stadt ist dreckig, der Zustand der Straßen (ganz abgesehn von der teils kreativen Verkehrsführung) in der 2. Reihe ist eine Katastrophe (Flickwerk scheint trendy), das zentral gelegene Parkhaus am Neckar ist heruntergekommen und architektonisch völlig überholt (man wartet in einem uneinsichtigen Sackgasseneck auf den Aufzug, der 2 Personen oder eine Ménage a trois fasst, die mit Nähe kein Problem hat, oder nimmt das beschmierte Treppenhaus, das olfaktorisch an das Elefantenklo der Wilhelma erinnert). Radfahrer haben absolut Berechtigung in Innenstädten, in Tübingen allerdings bin ich zwei mal innerhalb einer Stunde von zwei Radlern ohne Licht, Klingel oder Verstand fast über den Haufen gemäht worden, weil Verkehrsregeln wohl erst ab vier Rädern gelten. Läden öffnen um zehn, die Stadt gibt sich großstädtisch, was zur Folge hat, dass internationale Ketten ihre überall gleich aussehenden Filialen in düstere Mittelaltermauern zwängen. Kann man charmant finden. Oder einfach arg gewollt. Dazwischen: Ein auffallend großer Kosmos aus Flachs, Filz und Fairtrade. Nur festgestellt, wertfrei.

Mein Eindruck war insgesamt ein ernüchterter: Wer Freude an Architekturhistorie und Kultur hat, ist sicher gut beraten, Tübingen mit einem versierten Stadtführer zu erkunden. Genau auf diesem Schatz ruht sich das Städtle offenbar genüsslich aus, denn was vom Image bei genauer Betrachtung bleibt, ist vor allem eins: lauwarme Luft (und wie beschrieben nicht immer wohlriechende).

Nur eines hat mich an Tübingen noch mehr genervt, als die Stadt selbst: Der Verkehr dorthin. Ein humoristischer Straßenplaner mag sich einst gedacht haben, komm, wir bauen eine Bundesstraße vierspurig aus und dann machen wir just bei Bodelshausen dem Ganzen ein Ende, erschaffen ein heilos überfordertes Nadelöhr und packen dann, wenn sich die linke Spur in die rechte einfädeln muss, noch eine Aufschleifung von rechts dazu, die sich gleichzeitig nach links einfädeln muss, das wird lustig. Spätestens, als heute morgen eine alte Dame mit ihrem Smart untermalt von einem Hupkonzert durch die Rettungsgasse rollte, eine dritte Spur schuf, und sich, dem irritierten Blick nach, über das Spalier zu ihren Ehren wunderte, war’s nicht mehr so lustig. Seit 30 Jahren laufen Planungen, vermutlich erlebe ich den Ausbau nicht mehr. Dann fahr ich eben Bus. Wenn denn einer fährt. Und guckt, irgendwie schließt sich hier der Kreis. Dann lass ich’s mit dem Gemecker für heut einfach gut sein.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Ein Laugencroissant, zwei Teller Gemüseeintopf mit Nudeln, eine Banane mit Hüttenkäse und Erdnussmus, zwei Käsebrote mit Spiegelei. Und ne Hand voll Nachos.

Gelesen: Historische Beschreibungen an Hauswänden. Ansonsten Tageszeitung.

Gesportelt: 3km durch Tübingen

Gefreut über: Kristina und Felix und seine „Donis“ 😃

07/11/23 – Tag 21 – Von einer, die loszog, um mit sich zu sein

Ich

Habe ich gestern nicht noch davon geschwärmt, wie gut es tut, einfach morgens loszulaufen? Als ich heute morgen die Decke wegstrampelte, wusste ich, dass ich heute ein unbekanntes Stück Heimat erkunden möchte. Ich tüddelte das Kind aus den Federn und überlegte, wie viel Zeit ich wohl hätte, ich trank Kaffee und sichtete dabei komoot-Wandervorschläge. Ich mahnte zur Eile und packte in ebensolcher einen Rucksack zusammen, schlüpfte in die Wanderhose und komplimentierte das Tochterkind in Jeans und Pulli. Als ich sie kurz nach acht am Elterntaxistellplatz (ja, sowas gibts) verabschiedete, stand mein Plan. Ich fuhr also gut 15 Minuten in einen kleinen Teilort einer Nachbargemeinde, in dem ich noch nie wirklich war, stellte den Alfa auf einen Wanderparkplatz, der überraschenderweise mitten im Ort war, und lief los.

Zwei Erkenntnisse trafen mich relativ schnell: 1. Das mit der Höhenmeterangabe war kein Witz und wer joggen kann, schnauft beim Wandern trotzdem. Und 2. – Es ist Winter geworden und empfindlich kalt, morgens um halb neun, auf freiem Feld.

Aber wie immer – nach den ersten beiden Kilometern war ich angekommen im Trott, konnte abschalten und das Alleinsein genießen. Ich erklomm einen Zeugenberg und wanderte wieder talwärts, vorbei an buntem Laub und müden Schafen.

Als ich nach etwa 7 Kilometern zurück ans Auto kam, war der Kopf frei, die Abenteuerlust wieder ein bisschen befriedigt und die Wangen rot vor Wind und Kälte. Was will man mehr. Außerdem habe ich heute das letzte Jahresziel erfüllt: 600 Wanderkilometer sind vollbracht, more to come.

Mein nächstes Highlight war nicht nur, dass ich nicht kochen musste, sondern mit der weltbesten Kollegin beim Essen war. Es ist schon lange nicht mehr nur ein „Job“, vor allem, weil ich Goldmenschen wie sie um mich habe.

All das schätzen zu können, braucht den geschärften Blick auf die Dinge, der in der Alltagshektik offenbar betriebsmüde wird. Je länger ich daheim bin, raus aus dem Hamsterrad, desto klarer wird das Bewusstsein für die kleinen Freuden, die im Alltag zur Selbstverständlichkeit schrumpfen.

Allein diese Erkenntnis ist ein ziemliches Geschenk dieser Auszeit. Wie rette ich das in die Zukunft?

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Frühstück ist ausgefallen, unterwegs gabs einen Proteinriegel. Danach Spaghetti Puttanesca, abends ein Laugenbrötchen mit Lachs.

Gelesen: Zeitungsartikel. Vertretungspläne. Morgen fällt nämlich – tadaaa – wieder die erste Stunde aus. Wir haben glaub schon ne komplette Woche verbaselt an Stunden.

Gesportelt: knapp 7km wandern sind nicht nix.

Gefreut über: Die Mittagessensbegleitung, die Natur, die Fähigkeit, allein aber gar nicht einsam sein zu können, die pure Tatsache, dass mein Körper mich auf Berge hinauf- und wieder hinunterträgt, das gute Gefühl, vorm Kleidercontainer zu stehn und Überfluss loszuwerden (und überhaupt – im Überfluss leben zu dürfen) … das Leben ist gut.

06/11/23 – Tag 20 – Von hohen Tönen, überwundenen Ängsten und dem gesalbten Haupt

Ich

Wenn nur das hochfrequente Pfeifen nicht wäre – heute morgen wurde mir schlagartig klar, was mich beim Zahnarztbesuch am meisten nervt. Es ist nicht das Rumpeln der Instrumente auf den Zahnhälsen bei der Zahnreinigung und auch nicht das kalte, zugige Gefühl beim Sandstrahlen. Das schlimmste ist dieses hohe Pfeifen bei allem. Ok, und ein bisschen, dass man eine gefühlte Ewigkeit den Mund offen halten muss und dabei unfreiwillig dämliche Grimassen schneidet. Aber immerhin – die Zähne sind scheckheftgepflegt und wieder blitzblank gewienert. (Mein Zahnarzt merkte übrigens an, er höre das Pfeifen schließlich den ganzen Tag. Der Ärmste. Ich hab dann auch leise gejammert.)

Davor war ich allerdings eine halbe Stunde in aller Stille im Wald unterwegs. Und habe einmal mehr festgestellt, dass das stumpfe links-rechts meiner Schritte und das Ein-Aus meines Atems so unglaublich wohltuend ist. Btw – vor etwa 15 Jahren hat mir ein Arztbesuch jedweder Art ernsthaft schlaflose Nächte bereitet, mir war schlecht vor Angst, im Wartezimmer wäre ich oft beinahe kollabiert. Erst mit der Schwangerschaft habe ich diese Angst überwunden und dann gänzlich abgelegt. Eine Entwicklung, die mir selbst am meisten hilft, nützt und auch imponiert.

Und sonst so? Der übliche Irrsinn. Morgen fällt natürlich wieder die erste Stunde aus, das ist ja bald sicherer, als das Amen in der Kirche. Und apropos: Nachdem ich das Kind gefühlt dreiundzwanzigmal gefragt hatte, ob es noch was aufhat, und es vierundzwanzigmal nehein gesagt hatte, stand es heute Abend spontan mit der Bibel in der Küche: „Ach übrigens, ich muss noch Psalm 23 auswendig lernen. Bis morgen.“ („Du ölest mein Haupt mit Salb. Äh.“) Kinder. Wird einfach nie langweilig.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Hüttenkäse in bio, ha! Mit Müsli. Zucchinireispfanne, Käsebrot. 2 Vanillekipferl.

Gelesen: Texte über Lehrermangel und Unterrichtsausfall. Es ist gruselig.

Gesportelt: Nope. Außer meinem morgendlichen Waldspaziergang.

Gefreut über: Das Fazit des Zahnarztes, morgen mit der besten Kollegin essen zu gehen, zwei bemalte Steine im Wald entdeckt zu haben, nette Gespräche, ach. Das Leben ist gut.

05/11/23 – Tag 19 – vom Hakenschlagen, Hinhören und Haufenbeseitigen

Ich

Ach Nürnberg, du warst so schön! Tagsüber Großstadt, abends Sauna – so hätte ich das noch eine Weile ausgehalten. Aber – die Ferien sind zu Ende, morgen ruft die Pflicht wieder. Das Schulkind hat ganz genau gar keine Lust auf Lernen, das große Einmaleins läuft zwar, aber es ist sehr müßig, immer auf die Notwendigkeit des Übens hinweisen zu müssen. Eltern sind SO LÄSTIG. (Und klar, dass schon wieder Stunden ausfallen morgen, es ist ein Trauerspiel.)

Auf der Heimfahrt hatten wir den Schutzengel dabei – beim Einfädeln auf die Autobahn hat mich ein anderes Auto von rechts geschnitten. Ich hatte dabei allerdings den rückwärtigen Verkehr im Blick, weil ich mich nach links einordnen musste. Die Lücke war groß genug, also beschleunigte ich. Und dann schrie mein Beifahrer plötzlich los, ich solle aufpassen. Ich sah das Auto von rechts, wich reflexartig nach links aus und lenkte wieder zurück – wodurch der Alfa plötzlich im Zickzackkurs unterwegs war. Es mag kaum zehn Sekunden gedauert haben, bis ich das Auto wieder auf Spur hatte, aber wir sind gehörig erschrocken. Der Verursacher des ganzen Galamas war natürlich über alle Berge. Aber wie gesagt – alles ging gut aus, das ist die Hauptsache.

Zuhause dann schlug ich eine ganze Weile Haken um Wäscheberge. Warum wir jedesmal Wäsche produzieren, als hätten wir 3 Wochen in Norwegen verbracht, ist mir ein Rätsel. Soviel geshoppt haben wir eigentlich nicht. Morgen wird der Rest verräumt.

Neben der Erleichterung, sicher heimgekommen zu sein, freute ich mich besonders über ein Päckle, das ich bestellt hatte. Aber da war noch eins gekommen, mit dem ich nichts anfangen konnte – stellte sich raus, dass mein Mann mir neue Kopfhörer bestellt hatte – statt Blumen zum Geburtstag des Tochterkinds, von denen ich im Urlaub nix gehabt hätte. Klar, dass ich das Klangerlebnis gleich noch auf dem Laufband testen musste – voll toll! Wenn mir jetzt noch jemand einen guten Podcast auf amazon prime weiß? Oder Italienische Lern-Lausch-Programme?

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Großes Frühstück, bestehend aus Vollkornbrot mit Käse, Gurken, Rührei, Bircher Müsli, Obst und einem Mini-Pain-au-chocolat. Heute Abend ein weiteres Käsebrot und drei Reiswaffeln mit Schoki

Gelesen: Das neue Buch von Martin Suter

Gesportelt: 5km auf dem Laufband, pace 7.30

Gefreut über: Unseren Schutzengel. Puh.