
Es ist wieder so weit.
Die Wetter-App zeigt sieben kleine Sonnen hintereinander. Nicht eine Wolke. Nicht dieses halbherzige „gefühlt 27 Grad“, das eigentlich 23 Grad bedeutet. Nein. Echte Hitzewoche. Zahlen, die aussehen wie ein Jackpot am Spielautomat. Ich bin 46. In einem Alter, in dem ich früher dachte: „Da hat man sein Leben im Griff.“ In Wirklichkeit recherchiere ich um 6:12 Uhr morgens: „Tipps gegen Hitze“, „Wie überlebt man den Sommer“ und „Ab welcher Temperatur geraten Spiegeleier ohne Pfanne?“
Hitze konnte ich noch nie gut ab. Schon als Kind war ich die, die im Sommer gerne drinnen spielte. Sätze wie „Geh doch in den Garten, das Wetter ist doch so toll“, habe ich damals schon nicht verstanden. Was sollte ich draußen? Meinen Schmelzpunkt finden? Drinnen gab es kühle Getränke, Lego und Bücher. Draußen herrschte eine Umgebungstemperatur wie auf der Venus, der Straßenbelag warf Blasen und schon nach einem kurzen Aufenthalt in der Sonne konnte ich Farben riechen.
Daran hat sich bis heute nicht viel verändert. Doch, eines, und das entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Ich wohne heute in einer Dachwohnung. Also praktisch in einem architektonisch sehr schönen Pizzaofen mit Fenstern. Menschen ohne Dachwohnung sagen gern Dinge wie:
„Mach doch morgens auf und abends zu.“ Ach so. Danke. Darauf wäre ich nie gekommen. Aber die Hitze kriecht an den Fenstern vorbei durch jede Ritze im Dach.
Und so lüfte ich.
06:30 Uhr – alle Fenster auf. Ich renne durch die Wohnung wie ein professioneller Lüftungsmanager.
08:15 Uhr – alles schließen. Rollläden runter. Wohnung abdunkeln. Ab jetzt lebe ich wie ein empfindlicher Museumsgegenstand.
11:00 Uhr – erster Schweißfilm. Nicht dramatisch, nur lästig.
13:30 Uhr – ich liege reglos auf dem Sofa und überlege, ob ich mir ein nasses Geschirrtuch offiziell als Kleidungsstück eintragen lassen kann. Is it a look?
15:00 Uhr – ich öffne den Kühlschrank nur noch, um kurz Hoffnung zu fühlen.
17:45 Uhr – Ich sehe Nachbarn draußen Eis essen. In Jeans. JEANS. Sind das Schauspieler? Werden die bezahlt?
20:30 Uhr – Endlich etwas kühler. Also nur noch Raumtemperatur „Neapel im Hochsommer“.
22:00 Uhr – Fenster auf. Die Nachbarn lachen. Irgendwo summt eine Mücke. Überall riecht es nach Grillwurst. Ich verhandle innerlich mit dem Universum.
Und dann gibt es noch meinen Mann. Meinen thermisch unerschütterlichen Gegenpol.
Mein Mann versteht Hitze nicht. Beziehungsweise: Er versteht schon, was Hitze ist, aber mehr so theoretisch.
Er ist viel draußen. Er arbeitet da körperlich, bei seinen Bienen. In der prallen Sonne. Strohhut auf und gut. Bei Temperaturen, bei denen ich überlege, ob man Kartoffelsalat auch direkt aus dem Kühlschrank essen kann und das dann als warme Mahlzeit zählt.
Er kommt nach Hause und sagt Sätze wie: „Ist doch OK heute.“ OK!
Ich sitze daneben wie Stück Sous-Vide, das seit drei Stunden langsam gegart wird, und starre ihn an.
Er erzählt dann von seiner Arbeit in der Sonne, wischt sich einmal die Stirn und trinkt entspannt einen Kaffee. Einen heißen Kaffee. Ich hingegen trage seit Mittag Augenpads aus dem Kühlschrank wie ein modisches Accessoire und habe den Ventilator auf Stufe „Hubschrauber“.
Neulich meinte er: „Man gewöhnt sich an die Wärme, wenn man öfter draußen ist.“ Das ist ungefähr so hilfreich, als würde man jemandem mit Höhenangst sagen: „Du musst nur runtergucken und entspannen.“ Oder einem Asthmatiker zu raten, einfach mal durchzuatmen.
Vielleicht ist es genetisch, vielleicht haben Männer einfach eine besondere Art von Hitzeresistenz. Ich habe noch nie gehört, dass eine Frau an einem Gießerei-Ofen arbeitet. Das wird wohl seine Gründe haben.
Währenddessen entwickle ich ganz andere erstaunliche Fähigkeiten.
Ich erkenne Temperaturunterschiede von 0,8 Grad. Ich weiß exakt, welche Bodenfliese im Bad am längsten kühl bleibt. Ich kann mit zwei offenen Fenstern und drei halb geschlossenen Türen ein Mikroklima erzeugen, das von außen aussieht wie Hexerei.
Und ich weiß, irgendwann, gegen Donnerstag, passiert etwas Magisches. Ich akzeptiere mein Schicksal. Ich nenne die Küche nicht mehr Küche, sondern „Zone Süd“.
Ich taue den Gefrierschrank ab und behaupte, es sei dringend Zeit dafür. Ich begrüße Menschen am Telefon nicht mehr mit „Hallo“, sondern mit: „Wie viel Grad habt ihr?“ Weil: Kannste halt nicht ändern.
Und irgendwo tief in mir weiß ich: Im November werde ich frieren, den Kaminofen anzünden, eine Decke suchen und sagen: „Hoffentlich wird’s bald wieder wärmer.“ Und das wird natürlich gelogen sein.






