Von seltsamen Geräuschen, neuen Mitbewohnern und der Adresse in der Tür

Seit einigen Tagen begleiten mich in meiner Küche Geräusche. Also, Geräusche, die auch andere Menschen hören können, nicht nur ich. Nicht ständig, sondern immer nur kurz. Gerade lange genug, um die Aufmerksamkeit eines Menschen zu gewinnen, der eigentlich andere Dinge zu tun hätte. Es ist ein Summen, das klingt, wie eine Mücke, die in eine Flasche gefallen ist.

Es ist schließlich Sommer, und Mücken betrachten geöffnete Fenster bekanntlich als persönliche Einladung. Doch trotz mehrerer Suchaktionen blieb die Verursacherin unsichtbar. Ich versuchte, das Geräusch zu orten, suchte im Geschirrschrank, bei den Tassen, bei den Gläsern. Das Geräusch verstummte immer wieder urplötzlich. Aber es kam und ging.

Neulich war es einfach weg. Ich begann, an meinen Sinnen zu zweifeln. Vielleicht war da gar nichts. Vielleicht produzierte mein Gehirn neuerdings eigene Hintergrundgeräusche. Nach einigen besonders warmen Tagen schien mir selbst diese Theorie nicht völlig abwegig. Was weiß ich, wie sich Hirnzellen beim Schmelzen anhören, vielleicht summen die ja leise.

Heute Abend kehrte ich müde und hitzegeschädigt aus der Redaktion zurück. Die Temperaturen hatten den Arbeitstag in eine Art Ausdauerprüfung verwandelt, auch wenn das Büro immerhin klimatisiert ist. Ich ließ mich auf einen Stuhl fallen und beschloss, für mindestens zehn Minuten keine Verantwortung mehr zu tragen. Und keine unnötigen Klamotten.

Da war es wieder. Ein hohes Surren, erstaunlich nah bei mir. Ich stand leise auf (als ob ich das Geräusch verschrecken könnte) und schlich die Ohren voraus durch die Küche. Um festzustellen – das Gesurre kommt von der Küchentür. Besser gesagt, AUS der Küchentür. Und zwar aus dem Türschloss. Ich lauschte verblüfft einen Moment am Schüsselloch, schaute (unsinnigerweise) von beiden Seiten hinein. Aber da war nichts. Das Geräusch war wieder weg.

Gerade, als ich frustriert aufgeben wollte, sah ich im Augenwinkel etwas krabbeln. Aus dem Türschloss guckte eine Wildbiene. Ich guckte sie an. Sie guckte mich an. Und legte den Kopf schief (schwöre!). Dann flog sie los und zum offenen Fenster hinaus.

Ich brachte mich in Position, beobachtete das Türschloss genau. Nur wenige Minuten später kam sie zurück und flog zielsicher in das Türschloss hinein. Offenbar ist sie zu dem Schluss gekommen, dass ein Türschloss die perfekte Kombination aus Sicherheit, Lage und Infrastruktur bietet.

Während andere Arten Baumhöhlen, Mauerspalten oder Totholz bevorzugen, hat sich diese Dame für urbanes Wohnen entschieden. Das erklärt auch das rätselhafte Summen. Ich habe seit Tagen unbemerkt einer Wildbiene beim Hausbau zugehört (und bin nicht gaga, uff).

Nun beherbergt unsere Küche also eine Baustelle. Die Bauherrin wirkt entschlossen, die Bauarbeiten zügig abzuschließen. Ich wiederum habe beschlossen, mich nicht einzumischen. Wildbienen gehören zu den freundlichsten und nützlichsten Gästen, die man sich wünschen kann. Außerdem muss man anerkennen: Wer bei dieser Hitze freiwillig auf dem Bau arbeitet, verdient Respekt. So endet der heutige Eintrag mit einer überraschenden Erkenntnis: Nicht jede rätselhafte Erscheinung ist ein Zeichen des Älterwerdens oder des Wahnsinns. Manchmal zieht einfach eine Wildbiene ein und eröffnet im Türschloss eine Niederlassung. Die Natur findet ihren Weg. Mitunter sogar durch das Schlüsselloch.

Von großen Plänen, dem stummen Wecker und einem heiklen Sitzplatz

Schon seit Tagen stand für diesen Sonntag eines fest (für mich auf jeden Fall): Wir machen einen Familienausflug. Wandern! Frische Luft! Gemeinsam Zeit verbringen! So ein Sonntag aus dem Bilderbuch. Vermutlich mit Vogelgezwitscher, glücklichen Gesichtern und einem Foto, das später als Titelbild im Familienchat landet. So hatte ich mir das seit Tagen ausgemalt, Routen im Schwarzwald herausgesucht, verworfen, durch bessere ersetzt. Beim Blick auf die Wettervorhersage fielen dabei immer öfter Kriterien wie „schattig“, „im Wald“ und „am Fluss“ ins Gewicht. Am Ende hatte ich mich für einen Weg bei Bad Teinach entschieden. Wir würden gleich morgens losfahren, gut gelaunt, mit Vesper im Rucksack, ach, es würde großartig werden!

Doch die Realität begann mit einem kleinen Detail. Ich hatte am Samstagabend im Halbschlaf den Wecker statt für Sonntag für Samstag gestellt. Mit dem Ergebnis, dass ich heute kurz vor neun aufwachte und mich wunderte, warum es schon so hell und so warm ist.

Statt also motiviert und früh aufzubrechen, starteten wir mit Kaffee und gedämpfter Stimmung (weil ich unglaublich genervt von mir selbst war, weil wie kann man bitte so blöd sein… ) Weil aber niemand was für meine Schusseligkeit kann, versuchte ich mich zu beherrschen. Und den Tag zu retten.

Allerdings zeigte der Wetterbericht sehr deutlich, dass wir auf „Backofenstufe Umluft“ zusteuerten. Also beschlossen wir schon zu Hause ganz vernünftig: Keine große Wanderung. Wir nehmen eine Alternativroute. Kürzer. Flacher. Mehr Schatten. Weniger Ehrgeiz. Und weniger Anfahrtzeit, weil … ihr wisst schon. Ein Plan, der auf dem Papier hervorragend aussah.

Nur eine gar nicht mehr so kleine Person war von Anfang an eher gegen das Konzept „gemeinsamer Familienausflug“: Die Teenietochter. Mit der beeindruckenden Ausdauer, die nur Teenager besitzen, machte sie augenrollend deutlich, dass weder Natur noch Familienzeit noch Bewegung auf ihrer persönlichen Sonntags-Wunschliste standen. „Warum müssen wir denn IMMER wandern?“, fragte sie, als würden wir sie regelmäßig sonntags zu Mammutmärschen zwingen oder als wäre Turnvater Jahn ein enger Verwandter. Während wir noch optimistisch von „kleinem Ausflug“ sprachen, hatte sie innerlich vermutlich längst ihre Beschwerde bei der Jugendaufsicht eingereicht.

Trotzdem fuhren wir los. Und wie zu erwarten: Es war heiß. Sehr heiß. Im Wald allerdings ging es ganz gut und ganz heimlich schlich sich so etwas wie Wohlgefallen ein. Irgendwie war die „Latscherei“ (O-Ton Kind) gar nicht sooo schlimm. Wir redeten über Alltägliches und schmiedeten Urlaubspläne und am Ende war die kurze Tour genau das, was ich mir erhofft hatte – Familienzeit.

Und dann kam der Höhepunkt. Wir entdeckten eine Bank im Schatten, auf der wir endlich unser ambitioniert durch die Gegend geschlepptes Vesper auspacken konnten. Wir aßen Brote und teilten Gurkenscheiben und Apfelschnitze. Und wedelten die Mücken weg. Und andere Insekten. Und Wespen. Da noch eine. Und „Vorsicht, da sitzt eine Wespe“. Mein Mann stutzte. „Man könnte meinen, hier ist ein Wespennest…“ sprach’s und sprang von der Bank. Um festzustellen, dass sich wenige Zentimter unter seinem Hintern ein tennisballgroßes Wespennest an der Bankunterseite befand. Das hätte sprichwörtlich in die Hose gehen können. Für einen kurzen Moment wurde aus unserem gemütlichen Sonntagsausflug ein Naturdokumentationsfilm mit spontaner Fluchtsequenz.

Am Ende gab es keine Gipfelfotos, keine sportlichen Höchstleistungen und keine plötzlich entflammte Wanderleidenschaft bei der Teenagergeneration. Aber vielleicht war genau das der Punkt. Wir neigen dazu, Familienzeit mit Erwartungen aufzuladen: Der Ausflug soll schön werden, alle sollen gute Laune haben, das Wetter soll mitspielen und am besten entstehen Erinnerungen wie aus einem Urlaubsprospekt. Hochglanz, instagramable, versteht sich. Dabei sind es oft gar nicht die perfekten Tage, die bleiben.

Es war zu heiß. Der Wecker klingelte nicht. Die geplante Route wurde verworfen. Und trotzdem waren wir zusammen unterwegs. Kinder werden schneller groß, als man während der Diskussion um Abfahrtszeiten, Sonnencreme und schlechter Laune wahrhaben will. Irgendwann sind solche gemeinsamen Sonntag nicht mehr selbstverständlich. Umso schöner, wenn man sie nicht daran misst, ob alles nach Plan gelaufen ist.

Denn ehrlich: An die genaue Route wird sich hier wahrscheinlich in ein paar Wochen niemand mehr erinnern. Aber das Wespennest unter der Bank bleibt ein familieninternes „wisst ihr noch“ für immer.

Von meinem Schmelzpunkt, meinem thermischen Gegenpol und meinem Leben im Pizzaofen

Es ist wieder so weit.
Die Wetter-App zeigt sieben kleine Sonnen hintereinander. Nicht eine Wolke. Nicht dieses halbherzige „gefühlt 27 Grad“, das eigentlich 23 Grad bedeutet. Nein. Echte Hitzewoche. Zahlen, die aussehen wie ein Jackpot am Spielautomat. Ich bin 46. In einem Alter, in dem ich früher dachte: „Da hat man sein Leben im Griff.“ In Wirklichkeit recherchiere ich um 6:12 Uhr morgens: „Tipps gegen Hitze“, „Wie überlebt man den Sommer“ und „Ab welcher Temperatur geraten Spiegeleier ohne Pfanne?“

Hitze konnte ich noch nie gut ab. Schon als Kind war ich die, die im Sommer gerne drinnen spielte. Sätze wie „Geh doch in den Garten, das Wetter ist doch so toll“, habe ich damals schon nicht verstanden. Was sollte ich draußen? Meinen Schmelzpunkt finden? Drinnen gab es kühle Getränke, Lego und Bücher. Draußen herrschte eine Umgebungstemperatur wie auf der Venus, der Straßenbelag warf Blasen und schon nach einem kurzen Aufenthalt in der Sonne konnte ich Farben riechen.

Daran hat sich bis heute nicht viel verändert. Doch, eines, und das entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Ich wohne heute in einer Dachwohnung. Also praktisch in einem architektonisch sehr schönen Pizzaofen mit Fenstern. Menschen ohne Dachwohnung sagen gern Dinge wie:
„Mach doch morgens auf und abends zu.“ Ach so. Danke. Darauf wäre ich nie gekommen. Aber die Hitze kriecht an den Fenstern vorbei durch jede Ritze im Dach.

Und so lüfte ich.
06:30 Uhr – alle Fenster auf. Ich renne durch die Wohnung wie ein professioneller Lüftungsmanager.
08:15 Uhr – alles schließen. Rollläden runter. Wohnung abdunkeln. Ab jetzt lebe ich wie ein empfindlicher Museumsgegenstand.
11:00 Uhr – erster Schweißfilm. Nicht dramatisch, nur lästig.
13:30 Uhr – ich liege reglos auf dem Sofa und überlege, ob ich mir ein nasses Geschirrtuch offiziell als Kleidungsstück eintragen lassen kann. Is it a look?
15:00 Uhr – ich öffne den Kühlschrank nur noch, um kurz Hoffnung zu fühlen.
17:45 Uhr – Ich sehe Nachbarn draußen Eis essen. In Jeans. JEANS. Sind das Schauspieler? Werden die bezahlt?
20:30 Uhr – Endlich etwas kühler. Also nur noch Raumtemperatur „Neapel im Hochsommer“.
22:00 Uhr – Fenster auf. Die Nachbarn lachen. Irgendwo summt eine Mücke. Überall riecht es nach Grillwurst. Ich verhandle innerlich mit dem Universum.

Und dann gibt es noch meinen Mann. Meinen thermisch unerschütterlichen Gegenpol.
Mein Mann versteht Hitze nicht. Beziehungsweise: Er versteht schon, was Hitze ist, aber mehr so theoretisch.
Er ist viel draußen. Er arbeitet da körperlich, bei seinen Bienen. In der prallen Sonne. Strohhut auf und gut. Bei Temperaturen, bei denen ich überlege, ob man Kartoffelsalat auch direkt aus dem Kühlschrank essen kann und das dann als warme Mahlzeit zählt.

Er kommt nach Hause und sagt Sätze wie: „Ist doch OK heute.“ OK!
Ich sitze daneben wie Stück Sous-Vide, das seit drei Stunden langsam gegart wird, und starre ihn an.
Er erzählt dann von seiner Arbeit in der Sonne, wischt sich einmal die Stirn und trinkt entspannt einen Kaffee. Einen heißen Kaffee. Ich hingegen trage seit Mittag Augenpads aus dem Kühlschrank wie ein modisches Accessoire und habe den Ventilator auf Stufe „Hubschrauber“.

Neulich meinte er: „Man gewöhnt sich an die Wärme, wenn man öfter draußen ist.“ Das ist ungefähr so hilfreich, als würde man jemandem mit Höhenangst sagen: „Du musst nur runtergucken und entspannen.“ Oder einem Asthmatiker zu raten, einfach mal durchzuatmen.
Vielleicht ist es genetisch, vielleicht haben Männer einfach eine besondere Art von Hitzeresistenz. Ich habe noch nie gehört, dass eine Frau an einem Gießerei-Ofen arbeitet. Das wird wohl seine Gründe haben.
Währenddessen entwickle ich ganz andere erstaunliche Fähigkeiten.
Ich erkenne Temperaturunterschiede von 0,8 Grad. Ich weiß exakt, welche Bodenfliese im Bad am längsten kühl bleibt. Ich kann mit zwei offenen Fenstern und drei halb geschlossenen Türen ein Mikroklima erzeugen, das von außen aussieht wie Hexerei.

Und ich weiß, irgendwann, gegen Donnerstag, passiert etwas Magisches. Ich akzeptiere mein Schicksal. Ich nenne die Küche nicht mehr Küche, sondern „Zone Süd“.
Ich taue den Gefrierschrank ab und behaupte, es sei dringend Zeit dafür. Ich begrüße Menschen am Telefon nicht mehr mit „Hallo“, sondern mit: „Wie viel Grad habt ihr?“ Weil: Kannste halt nicht ändern.

Und irgendwo tief in mir weiß ich: Im November werde ich frieren, den Kaminofen anzünden, eine Decke suchen und sagen: „Hoffentlich wird’s bald wieder wärmer.“ Und das wird natürlich gelogen sein.

Von alten, neuen Dingen, nachhaltigen Verpackungen und dem Biomüll in der Kugel

Ich liebe Vinted. Wirklich. Es ist wie Flohmarkt, nur ohne um sechs Uhr morgens aufstehen zu müssen und ohne den Geruch von Bratwurst in der Turnhalle. Manchmal macht man dort Funde, bei denen man sich kurz fragt, ob man gerade ein Versehen im Universum entdeckt hat.

Ein Echtlederrock für 7 Euro? Danke.
Eine Tosca-Blue-Tasche für 9 Euro? Ich nehme gleich zwei Gefühle mit: Freude und leichten Unglauben.
Man klickt sich durch Fotos, handelt charmant drei Euro runter und fühlt sich am Ende wie ein Investmentprofi mit Nachhaltigkeitssiegel.

Und dann kommt das Paket.
Ich bin grundsätzlich Team Wiederverwendung. Alte Kartons? Großartig. Versandtaschen mit fünf überklebten Adressetiketten? Nachhaltig. Schuhkartons, Schraubenschachteln, Verpackungen mit einem früheren Leben? Alles wunderbar. Secondhand ist ohnehin die schönste Form von Optimismus: Man glaubt daran, dass Dinge ein zweites Leben verdienen.

Was man dabei unterschätzt: Manche Verpackungen offenbar auch. Ich dachte ehrlich, ich hätte schon alles gesehen. Bis mir jemand ein T-Shirt in einer leeren Vitamintabletten-Packung geschickt hat. In einer Vitamintabletten-Packung, die eine zweite Haut aus braunem Klebeband bekommen hatte.
Kein Witz. Dieses Shirt mit dem schwarzen „Paris“-Schriftzug war so kunstvoll zusammengefaltet, dass es aussah wie ein Beipackzettel. Ich habe es ausgepackt aus der Schachtel gezerrt und kurz überlegt, ob ich es mit Wasser einnehmen muss. Irgendwo zwischen „Wie?“ und „Respekt für diese Ingenieursleistung“ blieb ich sprachlos zurück. Passiert nicht so oft.

Ich dachte also, das war wohl der verpackungstechnische Höhepunkt. Ich lag daneben.
Die Krönung kam mit dem Lederrock. Ein wunderschönes Teil – aber verschickt als kompakte Kugel. Einfach zusammengepresst, als hätte jemand versucht, aus Echtleder einen Handball zu formen. Mir hatte die freundliche Dame bei der Post neulich noch erklärt, Päckchen müssten stapelbar sein, ein Umschlag könne nicht als Päckchen verschickt werden. Die hätte beim Anblick der Kugel vermutlich ihr ganzes Berufsleben hinterfragt. Und als wäre das nicht skurril genug: Verpackt war die Kugel in einer braunen Papiertüte. Vom Biomarkt. Ok, originell, dachte ich da noch. Nur: Aus der Tüte rieselten mir beim Auspacken tatsächlich noch Reste von welkem Grünzeug entgegen.

Und so stand ich in meiner Küche mit einem Lederrock in der einen Hand und einem traurigen Blatt Mangoldüberbleibsel in der anderen und fragte mich ernsthaft, ob ich gerade Mode bestellt oder eine Überraschungslieferung von einer solidarischen Landwirtschaft bekommen hatte. Spoiler: Der Rock hat überlebt. Das Grünzeug nicht.

Und trotzdem: Ich werde weitermachen. Denn irgendwo zwischen Vitamintablettenschachteln, Biomarkt-Tüten und Verpackungskunst auf Christo-Niveau warten eben diese kleinen Vinted-Momente, in denen man ein echtes Einzelstück findet und sich fühlt, als hätte man das Internet oder zumindest den Konsumkapitalismus ausgetrickst.

Aber falls jemand demnächst meinen nächsten Kauf verschickt:
Ein Karton wäre super. Und das Gemüse bitte separat.

Von der Eins mit Sternchen, vom Bauchgefühl und von jemandem, der die Wanze sucht

Es gibt Tage in der Lokalredaktion, da fühlt man sich wie ein Chronist der Ewigkeit. Manche Dinge ändern sich nicht und der legendäre Satz „Die tote Kuh kommt morgen rein“ hat einfach immer noch Bestand. Nur nicht unbedingt mit der toten Kuh, denn Tiergeschichten gehen immer, die käme heute noch mit. Und dann gibt es Wochen, in denen man gleichzeitig die Zukunft in den Händen hält und genau weiß, dass man trotz allem ohne seinen Instinkt aufgeschmissen wäre.

Vergangene Woche absolvierte ich eine KI-Schulung. Bereits das „Onboarding“ kam zum Preis einer neuen Stirnfalte. Nicht, weil ich mich dem Thema gegenüber sperren würde. Eher, weil ich mich fragte, wann um alles in der Welt die Verwendung von Anglizismen olympisch geworden ist und wie ambitioniert jemand die Goldmedaille holen will. Holy. Shit. Aber egal. Ich lauschte den Ausführungen zur modernen Arbeitswelt, der digitalen Transformation, den effizienten Prozessen – ihr kennt das Vokabular. Nach einigen Folien darüber, wie künstliche Intelligenz uns monotone Aufgaben abnehmen und unsere Arbeit erleichtern wird, kam der große Abschluss: ein Wissenstest. 60 Prozent galt es mindestens zu erreichen, dann winkte ein Zertifikat. Ich las die erste Frage und die fünf Antwortmöglichkeiten. Dann kopierte ich den Block und fügte ihn bei ChatGPT ein. „Antwort A und B sind korrekt“. Und so fuhr ich fort. Frage um Frage. Am Ende las ich die Frage nicht mal mehr.

Nicht aus Trotz. Nicht aus Faulheit. Sondern aus Prinzip. Denn schließlich hatte ich gelernt, dass KI genau dafür da ist, lästige Arbeit zu übernehmen – warum sollte ich dann plötzlich anfangen, sie nicht zu nutzen? Das wäre ja ungefähr so konsequent, wie einen Taschenrechner anzupreisen, um ihn im anschließenden Mathetest zu verbieten. Das wenig überraschende Ergebnis: 100 Prozent richtige Antworten. Effizienlevel: Eins mit Sternchen. Ich war nach 15 Minuten fertig und konnte mich wieder meiner produktiven Arbeit widmen. Und wehe, es behauptet jetzt einer, das sei Beschiss. Practice what you preach.

Ein paar Tage später dann Szenenwechsel. Ein großes Bauprojekt. Eines dieser Themen, bei denen seit Jahren nichts passiert. Genau genommen: seit fünf Jahren. Aktenlage: ruhig. Außenwirkung: ruhig. Wahrscheinliche Entwicklung: ebenfalls ruhig. Auf der riesigen Brache ist sprichwörtlich Gras über die Sache gewachsen. Ein ganzer Mischwald. Und trotzdem hatte ich dieses Gefühl. Dieses schwer erklärbare Redaktions-Bauchgefühl. Dieses „Was ist eigentlich damit … “. Nicht weil es einen Hinweis gab. Nicht weil ein Algorithmus angeschlagen hätte. Sondern weil Lokaljournalismus zu einem guten Teil daraus besteht, seinem Instinkt zu vertrauen und nachzufragen. Und dabei gelegentlich genau richtig zu liegen.

Also habe ich genau das getan, bei der Stadt nachgefragt. Der Chef des Baudezernats war dezent baff und sucht wahrscheinlich immer noch die Wanze in seinem Büro. Denn genau heute war wieder Bewegung in die Sache gekommen. „Sechs Minuten nach Ihrer Mail war der Videocall mit dem neuen Bauträger anberaumt“, erklärte er mir. Woher ich das wusste? Kein Datensatz, keine Prognose, keine KI-Auswertung. Einfach Timing, Erfahrung, Instinkt und die uralte journalistische Methode: Fragen stellen.

Und da lag plötzlich der Kontrast der Woche ziemlich schön auf dem Tisch. KI ist großartig. Sie kann zusammenfassen, formulieren, organisieren und – wie eine kürzlich durchgeführte praktische Studie belegt – Prüfungsfragen erledigen, die man selbst womöglich nicht besonders ernst nimmt. Ähem.

Aber sie ersetzt kein Bauchgefühl. Zum Glück. Und eine KI-Schulung für journalistischen Instinkt wird’s vermutlich so bald nicht geben. Ansonsten möge man mich in einem Session-Call enablen. ASAP.

Vom Sonntagsblues, der Tatortfalle und den ungebetenen Gästen am Fenster

Sonntag, 17:34 Uhr. Das Wochenende war gefühlt fünf Minuten lang, die Waschmaschine läuft zum dritten Mal (weil „Mama, wo ist meine graue Hose, ich brauche die morgen“), das Tochterkind kommt mit Winkelberechnungen und Physikhausaufgaben zu mir (als ob ich Redakteurin geworden wäre, weil ich so gut mit Zahlen kann… ) und plötzlich schleicht sich dieses Gefühl an: Morgen ist Montag. Willkommen beim Sonntagsblues.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber bei mir beginnt irgendwann am Sonntagnachmittag die mentale To-do-Liste zu rattern. Termine, Besprechungen, wo muss das Kind wann hin (und wer holt es ab), Einkauf, Autowerkstatt, Sport … und irgendwo dazwischen möchte ich selbst auch noch vorkommen. Auch wenn mir die Woche vom Sonntag aus betrachtet wie eine lange Tauchstrecke vorkommt, an deren Ende ich erst wieder Luft bekomme.

Und weil ich dieses Gefühl nicht mag, weil ich die Wochen eigentlich leben und nicht nur überleben möchte, habe ich mir im Lauf der Jahre ein paar Tricks angeeignet, die eigentlich gut funktioneren. (OK, Trick Nummer eins: Ich arbeite montags nicht. Aber erstens hilft das den wenigsten von Euch und zweitens ist der Sonntagsblues eins zu eins auf den Montag übertragbar.)

1. Hör auf, den Montag schon am Sonntag zu leben

Vielleicht kennt ihr das. Man sitzt mit einer Tasse Kaffee auf dem Sofa und könnte, frei nach Loriot, endlich mal gemütlich sein. Stattdessen sitzt man bereits gedanklich in der ersten Besprechung am Montagmorgen. Während mein Körper im Jogginganzug steckt, steckt mein Kopf in der Redaktion.

Ich habe mittlerweile einen Notizblock in der Küchenschublade, griffbereit. Wenn ich eine Idee für den ersten Arbeitstag oder Sorge habe, etwas wichtiges zu vergessen, mache ich mir eine kurze Notiz. Früher hielt ich das für die Angewohnheit vergesslicher Menschen, aber die Wahrheit ist: Es entlastet mein Hirn und ich kann den Gedanken beiseitelegen. Ich parke den Montag bewusst auf diesem Zettel und weigere mich, ihn schon 24 Stunden vorher zu durchleben.

2. Plane nur das Nötigste vor

Früher dachte ich, eine perfekt vorbereitete Woche sei die Lösung für alles. Der Sonntag schien mir wunderbar geeignet dafür, Essenspläne zu machen, Schränke auf Vordermann zu bringen, aufzuräumen, die eine oder andere berufliche Mail zu verfassen. Spoiler: Es hat nicht funktioniert. Denn ich hatte plötzlich am Sonntag einen Montag in spe an der Backe. Und keiner braucht zwei Montage pro Woche. Irgendwann war mir klar, dass Sonntage Tage des Abschaltens sein sollten.

Heute gilt die Regel: Nur die Dinge vorbereiten, die am Montagmorgen wirklich Stress sparen. Dazu gehört eben die graue Hose zu suchen, zu finden, zu waschen, zu trocknen und dem Kind übern Stuhl zu hängen. Einen kurzen Blick in den Kalender zu werfen, um nicht am Montagmorgen um viertel vor acht von der automatischen Erinnerungsfunktion in die Realität geholt zu werden. Kurz mit meinem Mann über anstehende Termine zu sprechen, damit die nicht miteinander kolidieren und wir das Kind versehentlich irgendwo vergessen. Oder bei der falschen Nachhilfe abmelden, iykyk.

3. Ich schaffe mir mindestens einen schönen Sonntagsmoment

Warum haben wir eigentlich so viele Rituale für den Freitagabend, aber kaum welche für den Sonntag? Dabei braucht der Sonntag dringend etwas Schönes. Bei mir ist es meistens ein Spaziergang mit meinem Mann und in seltenen Fällen, wenn ich überzeugend genug war die Bestechung ausreichend war, mit Mann und Tochter. Und manchmal machen wir auch genau das Gegenteil von Ritual. Wer nämlich immer den Tatort guckt am Sonntagabend, schafft keine neuen Eindrücke mehr für sein Gehirn. Dadurch schrumpft der Sonntag zusammen auf fünf Minuten, von kenn-ich-schon zu kenn-ich-schon.

Heute sind wir spontan auf ein Blumenfeld gefahren und ich habe die ersten Bartnelken des Jahres geschnitten. Ich habe sie daheim in einer Glasvase drapiert und mich fünf Minuten an den leuchtend Pink- und Violett-Tönen erfreut. Um dann festzustellen, dass ich mir mit den Blumen auch ungefähr hundertdrölf kleine Käferchen in die Küche geholt hatte, die plötzlich alle am Dachfenster klebten und die Freiheit suchten. Das war freilich auch eine neue Sonntagserfahrung aber eher nicht nachahmenswert. Memo an mich: Blumen das nächste Mal ausschütteln.

4. Hör auf, das Wochenende zu bewerten

Ein besonders fieser Sonntagsgedanke, der sich leider spätenstens am Nachmittag immer wieder anbietet, ist: „Wir haben viel zu wenig gemacht.“ Oder alternativ: „Wir haben viel zu viel gemacht.“ Irgendwie gewinnt man nie. Gerade als berufstätige Eltern haben wir oft den Anspruch, das Wochenende müsse gleichzeitig erholsam, produktiv, familienfreundlich und instagramtauglich sein. Und die Wäsche muss auch gemacht sein, weil die graue Hose … ihr wisst schon. Spoiler: Muss es nicht. Ich habe diese Erwartungshaltung mittlerweile völlig abgelegt. Wenn alle halbwegs satt, gesund und nicht verloren gegangen sind, war das Wochenende wahrscheinlich völlig in Ordnung. Alles andere ist Bonus. Immerhin gab’s bei mir Blumen. Und Käfer.

5. Plane etwas Schönes für den Montag

Nachdem ich jetzt ewig über den perfekten unperfekten Sonntag philosophiert habe, noch ein kurzer Blick nach vorn: Der Montag hat ein Imageproblem. Deshalb hilft es, ihm etwas Positives mitzugeben.

Das muss nichts Großartiges sein. Eine Runde Sport am Morgen. Der Bummel durch die örtliche Buchhandlung in der Mittagspause. Frische Blumen auf dem Schreibtisch, ohne Käfer. Die Folge eines Liebglingspodcasts. Irgendwas, was dem Montag einen kleinen Glanzpunkt gibt, ihm den Gruselfaktor nimmt. Vorfreude ist nicht nur etwas für Urlaube. Ich mag mich wie gesagt nicht nur durchhangeln von Wochenende zu Wochenende. Ain’t nobody got time for Tauchgang.

Mein Fazit

Der Sonntagsblues verschwindet wahrscheinlich nie komplett. Dafür sind viele von uns einfach zu sehr im echten Leben angekommen – mit Verantwortung, Terminen und Wäschekörben.

Aber wir können verhindern, dass der Sonntag zum reinen Wartesaal für den Montag wird. Ein bisschen Vorbereitung, ein bisschen Gelassenheit und vor allem die Erinnerung daran, dass nicht jede Woche perfekt starten muss. Manchmal reicht es völlig aus, wenn man am Montagmorgen aufsteht, einem nichts wehtut, jedenfalls nicht mehr als sonst, man die Kaffeetasse findet und alle Familienmitglieder ungefähr wissen, wo sie hinmüssen. Und ehrlich gesagt: Das ist doch schon eine ziemlich starke Leistung.

Von der Aura, dem Alten und der Schere, die gar keine ist

Neulich am Küchentisch, abends um sieben. Die Teenietochter und ich saßen zusammen und hatten uns Brote geschmiert. Ich war gerade erst aus der Redaktion gekommen und froh, Feierabend zu haben. Morgens hatte ich das Ferienkind noch gebeten, die Spülmaschine auszuräumen. Als ich unsere Teller wegräumen wollte, stellte ich fest, dass das saubere Geschirr unangetastet in der Spülmaschine wartet. „Hast du die Spülmaschine vergessen?“, fragte ich (unnötigerweise) mit hochgezogener Augenbraue. „Ah, Schere“, sagt die Tochter. Ich stutzte. „Schere? Wozu brauchst du jetzt eine Schere?“, fragte ich irritiert. Das Kind schaute vom Handy auf und rollte mit den Augen. „Scheeere, Mama.“ Ich zweifelte kurz an meinem Hörvermögen, da erklärte sie mir: „Schere heißt, ja ok, mein Fehler.“

Das musste ich kurz verarbeiten. „Was kommt danach, Stein und Papier?“, fragte ich belustigt. „Hä?“ Augenrollen in HD-Qualität. „Ach so, ne. Schere heißt einfach, ich hab’s verbockt. Checkst Du?“ Ich: „Äh, ja, ich checke“, murmelte ich verwirrt und nahm dem Kind einen Stapel Teller ab. Klar checke ich. Und plötzlich erinnerte ich mich daran, wann diese Fremdsprache bei uns eingezogen ist. Es ist mindestens drei Jahre her, als ich eines Nachmittags an der leicht geöffneten Kinderzimmertür vorbeigekommen war und eine Freundin meiner Tochter ein aufrichtiges und tief bewunderndes „Aaaaalter, Bro“ von sich gegeben hat. Was damals so unglaublich war, habe ich nicht mitbekommen (ich lausche ja nicht, klar, ne?), aber es war eine Art Initialzündung für die sprachliche Abnabelung in unserem Haus.

Während ich also nachdenklich Tassen ins Regal verräumte, fragte ich „welche Wörter sind denn noch so in grade?“ Ich fühlte mich auf einen Schlag sehr alt. „Hoooar Mama, was weiß ich. Manches sagt man halt so … wie man es heute sagt.“ Ich erinnerte mich, dass in meiner Jugend das Wort „geil“ für einen Aufschrei gesorgt hatte. Alles, was man gut fand, war plötzlich geil. Aus jeglichem erotischen Kontext gerissen war das Attribut geil plötzlich allgegenwärtig, so sehr, dass es sogar Lehrer gab, die sich das Wort in ihrem Unterricht verbaten. Cringe, irgendwie, aus heutiger Sicht.

„Sagt ihr eigentlich noch cringe?“, hörte ich mich fragen, während ich einen Topf polierte. Die Tochter schaute mich an, als habe sie plötzlich körperliche Schmerzen. Mindestens Blinddarm. „Hoaaar Mama, das ist so 2024“, sagte Hannah. Aber sie grinste. „Das crazy grade. Du kannst nicht so reden“, erklärte sie mir. Ich verkniff mir, zu fragen, ob zwischen ‚das‘ und ‚crazy‘ nicht ein Verb fehle. „Warum nicht, vielleicht will ich auch cool sein?“, fragte ich. Ahnend, dass ‚cool‘ etwa so angesagt wie ‚geil‘ ist. „Wenn dann Aura“, sagte sie und das Grinsen wurde immer breiter. „Ich … bin Aura?“, fragte ich verblüfft. „Ne, aber dein Outfit ist zum Beispiel Aura heut.“ „Äh, danke?“. Sie lachte. „Mama, Du musst das bitte nicht alles wissen und schon gar nicht selbst benutzen, ok?“ Ich nahm sie in den Arm. „Ok, versprochen. So lange ich checke und Aura bin…“ „MAMA, echt jetzt… sagen wir, Du slayst, ok?“ Sie grinste, klappte die Spülmaschine zu und entschwand. Ich schlachte? Ich beschloss, nicht zu googeln, sondern drauf zu vertrauen, dass meine Tochter mich gar nicht so schlimm findet. Vielleicht sogar ein bisschen cool. Oder knorke. Das ziemlich crazy.

Welcome to the Rabbithole: Die App, die meinen Schrank und mein Gewissen aufgeräumt hat

Ich weiß, ich bin völlig late to the party. Während die halbe Welt vor Jahren schon gekleiderkreiselt hat und heute selbstverständlich Sofakissen, Salzstreuer und Sandalen bei Vinted kauft, habe ich die App erst vor einigen Wochen runtergeladen. Und was soll ich sagen, sie ist mein neues Rabbithole. Vielleicht war ich so zurückhaltend, weil ich anders sozialisiert worden bin. Als ich Kind war, wurden Klamotten zwar innerhalb der Familie weitergegeben, aber Secondhand-Läden waren überhaupt kein Ding. Und wenn, dann hatte das was von alternativer Szene oder, schlimmer noch, Rot-Kreuz-Kleiderkammer-Vibes. Auf keinen Fall war es irgendwie cool, getragenes Zeug anderer Leute anzuziehen.

Shoppen war gestern, Schatzsuche ist heute

Zum Glück ändern sich die Welt und die Ansichten. Denn im Grunde ist es ziemlich großartig, wenn ungeliebte Kleidungsstücke nicht in Schränken begraben werden. Oder weggeworfen im schlimmsten Fall. Das Überangebot minderwertiger Kleidung hatte zur Folge, dass Altkleidercontainer überall verschwinden, für die Hilfsorganisationen ist die Sammlung zum teuren Müllproblem geworden. Second-Hand-Läden waren immer schon ein Weg, ungeliebte Jeans oder Blazer loszuwerden, ohne sie letztlich wegwerfen zu müssen. Sie machen aus Fast Fashion zumindest „Slowed Down Fashion“. Wir haben in der Stadt mittlerweile zwei davon, einer mit eher hochwertiger Designer-Ware, der andere mit ganz alltäglichen Dingen. Deren Angebot ist freilich begrenzt und trotzdem oder gerade deshalb fühlt sich einkaufen dort wie eine Schatzsuche an. Es gibt jedes Stück nur einmal und nur in der Größe, die eben da ist. Und ich liebe das Stöbern dort mittlerweile viel mehr, als in einen normalen Laden zu gehen. Wo fast alles verfüg- oder bestellbar ist.

Apps wie Vinted hingegen sind ein schier unerschöpflicher Fundus an textilen Besonderheiten, von denen man gar nicht wusste, dass man sie gut findet. Bis man sie abends beim Scrollen auf dem Sofa entdeckt. Ich zum Beispiel wusste bis vor wenigen Tagen nicht, dass ich eine kleine, unpraktische, silberne Handtasche mit einem Gesicht darauf brauche. Ein Gesicht, dass eine schwarze Sonnenbrille trägt. Ich hatte sofort ein Outfit im Kopf, das erst und just mit dieser seltsamen Tasche eine Geschichte erzählt. Es kann schließlich kein Zufall sein, dass meine Kollegin Beate just in derselben Woche eine schwarze Sonnenbrille verkaufte, die noch in der Redaktion die Besitzerin wechselte.

So entsteht eben meine Geschichte. Mode ist die Kunst, zu sagen, wer man ist, ohne den Mund aufzumachen. Der eigene Stil ist etwas, was sich bei den meisten Frauen erst im Lauf des Lebens entwickelt wie eine Handschrift. Gut, wenn ich angezogen wäre wie meine Handschrift aussieht, wäre das eine textile Katastrophe. Aber ihr wisst, wie ich das meine. Ich kann also auf Vinted einen petrolfarbigen Retro-Strickpulli sehen, den man im Laden nicht fände und den ich mangels Talent niemals selbst stricken könnte. Und sehe mich in Gedanken dunkelblaue Capri-Jeans und einen senfgelben Gürtel dazu kombinieren (Das läuft dann so: Suchfeld – gelber Gürtel, oh verflixt, da gibt’s etwa 50 verschiedene … ach guck, der ist ja hübsch, aber ist das nicht orange? Hab ich bei meinen Favoriten nicht einen orangenen Pulli? Ach nö, der ist jetzt schon verkauft. Aber der braune Rock ist noch. Zu dem würde ein cremefarbiges Oberteil passen… Suchfeld – Pulli in beige… das Rabbithole hat mich…) Gleichzeitig stelle ich Dinge online, bei denen ich mich ganz kurz frage, ob das überhaupt jemand kaufen würde. Um eine halbe später einer euphorischen Käuferin Echtleder-Overknee-Boots mit zwölf-Zentimeter-Hacken einzupacken. Sie lagen seit 15 Jahren auf dem Grund meines Schuhschranks. Und weinten leise. Ich vermute, sie steuern auf ein spannenderes Leben als bei mir zu.

Die Regeln

Um nicht komplett uferlos zu werden, habe ich mir Regeln auferlegt. Ausgegeben wird nur Geld, das im Vinted-Geldbeutel ist. Ist ja ganz logisch: Das ist ja kein „neues“ Geld. Es ist Geld, das ich schon einmal ausgegeben hatte, das durch Verkäufe wieder teilweise zurückkam. Geb ich das Geld ein zweites Mal aus, sind das keine echten Kosten, weil das Geld ja davor eh schon weg war. Total logisch find ich das.

Man darf sich trotzdem nicht verleiten lassen, Dinge zu kaufen, nur weil sie manchmal unfassbar günstig sind. Erstens ist Stil keine Frage des Geldes und man kann ihn sich auch nicht mit Masse kaufen. Zweitens lohnt sich immer die kritische Frage, ob der grüne-violette Rock tatsächlich zum Rest des Kleiderschranks passt, oder ob ihn sein Preis von drei Euro gerade so attraktiv macht. Mein erster Kauf auf Vinted war übrigens Geschirr. Weil ich zwar zu viele Klamotten, aber offenbar immer noch nicht alle Tassen im Schrank habe. Der zweite war ein Superhelden-T-Shirt, der dritte ein schwarz-weiß-gestreifter Blazer, den ich mir im Laden womöglich nicht gekauft hätte. Vier Euro fünfzig UND die Frage, ob es cool aussieht oder eher wie Beetlejuice made me do it. Zum Glück find ich ihn cool. Und ich habe ihn davor bewahrt, den Rest seines Lebens leise in einem Berliner Kleiderschrank zu weinen wie meine Stiefel.

Was ich als nächstes kaufe? Meine Favoritenliste ist voll, der Geldbeutel leer. Ich vertraue derweil fest darauf, dass die Dinge zu mir kommen, die zu mir gehören. Erwähnte ich schon die schräge Handtasche mit dem Sonnenbrillenfräulein drauf? Stay tuned!

Wie mich ein Deichselstapler daran erinnerte, dass ich nicht Harry Potter bin

Vergangene Woche habe ich Flurschaden produziert. Ich bin mit einem Deichselstapler über den Hof gefahren und wollte an einem Auto vorbei, dessen Heckklappe offenstand. Unten hat es gut gereicht, die Frage des Herrn, ob er beiseite fahren sollte, verneinte ich. „Reicht schon“, sagte ich. Souverän. Lächelnd. Selbstsicher. Bis der Stapler mit einem ohrenbetäubenden Knall zum Stehen kam. Denn während die Gabel auf dem Boden elegant und mit ausreichend großer Entfernung um das Heck des Autos biegen wollte, blieb der Mast am Kofferraumdeckel hängen. Sein Eck war nach innen geknickt. Ich meldete den Schaden also unserer Versicherung.

Vorgestern kam ein Schreiben. Ich sollte den Vorgang noch einmal genauer beschreiben.

Soweit nachvollziehbar. Getroffen hat mich allerdings diese Frage:

„Weshalb ist Ihre Ehepartnerin gegen das Fahrzeug gestoßen?“

Nun. Weshalb. Ja, WESHALB DENN. Ich holte tief Luft … und verkniff mir, folgendes zu schreiben:

Es war ein nebliger Tag im September. Einer jener Tage, an dem die feuchte Kälte der milchigen Nebelschwaden, die wie Smog über dem Dorf hingen, einem in die Kleidung hineinkroch, einen frösteln ließ. Der Himmel war von einem monochrom-hellen Grau, es lag eine seltsam dumpfe Stille über dem Ort. Allein das Surren des Deichselstaplers durchtrennte diese Stille auf fast sonore Art.

Während ich meiner Wege ging und meine eintönige Arbeit verrichtete, versank ich immer mehr in meinen Gedanken. Wie lange würde ich heute noch, im Geiste mit Sysiphos geeint, mit meinem FaBa ESG 1000 Paletten von einer Stelle an die andere verräumen? Wie war ich überhaupt hier her gekommen? Und wo war meine Kindheit geblieben, in der ich doch erst gestern barfuß durch blühende Wiesen gerannt war und rein gar nichts von der Last des Erwachsenenlebens geahnt hatte? In der ich stunden-, ja tagelang zurückgezogen in meinem Jugendzimmer verbracht hatte, in Bücher vertieft?

Wehmütig dachte ich an mein geliebtes Bücherregal und zog den Zipper meiner Engelbert-Strauß-Jacke hoch und die Nase noch höher. Ich hatte sie alle gelesen, die großen Romane meiner Jugend. Die Kinder von Bullerbü. Die fünf Freunde. Momo. Die unendliche Geschichte. Harry Potter. Ja, was hatte ich die Abenteuer des jungen Zauberers verschlungen, der aus der Knechtschaft seines Onkels fliehen und die Welt der Magie entdecken konnte? Und plötzlich spürte ich die Energie zurückkehren, ich würde wie der junge Harry Potter meiner grauen Welt entschweben, ich würde allen Mut zusammennehmen und wie Harry am Bahngleis neundreiviertel mit dem Kopf durch die Wand … da holte mich ein lauter Knall und ein schaurig-metallisches Krächzen in die Realität zurück. Und ich musste zutiefst ernüchtert feststellen: Ich bin nicht Harry Potter. Mein Deichselstapler ist kein fliegender Besen und ein schnöder Kofferraumdeckel ist stärker als die Wände am Bahngleis neundreiviertel. Das Blech war so geknickt wie mein Selbstbewusstsein und jetzt stehe ich da, an diesem nebligen Tag im September und bitte höflichst um Regulierung des Schadens, dessen Zustandekommen ich hoffentlich ausführlich genug geschildert habe.

Stattdessen schrieb ich (mit leisem Bedauern): „Sie war auf den Fahrweg am Boden konzentriert, um nicht gegen das Auto stoßen und übersah dabei die Höhe des Mastes des Hubwagens und dessen Kollisionskurs mit dem Kofferraumdeckel.“

Und jetzt warte ich gespannt, was als nächstes passiert.

Glitter up your life

Hier ist Glanz und Gloria eingezogen. Leider weniger spektakulär, als sich das anhört. Angefangen hat nämlich alles mit Dreck. Dreck, der offenbar am Samstagmorgen aus den Sohlen meiner Wanderschuhe gebröckelt ist, als ich sie im Flur zum Anziehen bereitstellen wollte. Und mit Dreck meine ich nicht ein paar Krümel, sondern einen veritablen Haufen Kalkstein. So viel, dass man in geologischen Fachzeitschriften vermutlich in Kürze in wissenschaftlichen Aufsätzen den unerklärlichen Masseverlust der Schwäbischen Alb zu erklären versucht. Spoiler: Er lag am Samstagmorgen auf meiner Schmutzfangmatte.

Seufzend machte ich mich also auf den Weg zum Staubsauger, beschloss aber, nicht das große, schwere Ungetüm die Stufen hinabzuschleppen, sondern mich des tragbaren Handstaubsaugers zu bedienen. Wir erinnern uns: Gesteinsbrocken, Handstaubsauger – das war schon die erste blöde Idee.

Als ich das grüne Helferlein allerdings in Händen hielt, erinnerte ich mich daran, dass man Mann sich neulich über die Nutzlosigkeit eines Handstaubsaugers beschwert hatte, „der ja überhaupt nicht zieht“. Nach eingehender Inspektion des Auffangbehälters meinte ich, den Grund ausfindig gemacht zu haben. Was dann geschah, war eine Verkettung unglücklicher Umstände. Ich drückte auf alle möglichen schwarzen Schalter, zog und ruckelte an Plastikteilen, bis mir schließlich die Klappe des Auffangbehälters entgegenkam und sich der Inhalt des Staubsaugers in den geöffneten Küchenmülleimer ergoss.

Mit großem Erstaunen blickte ich wenige Augenblicke später auf in wenig Staub und ungeheuer viel Goldglitzer ertränkten Siedlungsabfall. Der Goldglitzer. Kleiner Exkurs: Vor einigen Wochen stand ich mit der Teenie-Tochter in der Bastelabteilung eines Gartencenters und fand mich unfreiwillig in eine Diskussion um die Notwendigkeit des Kaufs einer Dose Goldglitzer vertieft. Oder eher – gefangen. Denn welches Argument ich auch anbrachte („das macht eine Riesensauerei, das haben wir nachher überall, wozu brauchst du denn so viel Goldglitzer…“) bemühte sich die Tochter mit glühenden Versprechen zu entkräften. Am Ende ließ ich mich erweichen. („Weil wenn ich diesen Glitzer nicht bekomme, wird es nie wieder einen Papst geben, wird Trump eine dritte Amtszeit haben, ist mein Leben sinnlos *insert random drama*“)

Und jetzt stand ich da und hatte den Glitzersalat. Unter wüsten Schimpftiraden stapfte ich an den Schrank, in dem der große Staubsauger steht, der mit Wegwerfbeutel, der, den man nicht umständlich leeren muss… „Du hast gesagt, ich soll staubsaugen, nicht wie genau“, argumentierte die Tochter. Inhaltlich musste ich ihr rechtgeben, was meine Laune jedoch nicht verbesserte. Den Rückweg zur Küche wies mir ein sanfter Goldschimmer auf dem Flurteppich, weil offenbar auch meine Socken nicht vom Flitterregen verschont geblieben waren. Ich saugte mich also zur Küche zurück, saugte den Küchenboden und hielt letztlich in nahezu kriegerischer Geste das Staubsaugerrohr in Richtung glitzerndem Plastikmüll, um auch den zu retten. Woraufhin sich die glitzergetränkte Folie einer Käseverpackung in die Luft erhob, sich mit schnarrendem Flattern am Staubsaugerrohrende festsog und derweil allen Glitzer abschüttelte. Ich saugte noch sehr lange.

Als ich meinte, dem güldenen Inferno so langsam Herr zu werden, begann ich, die übrigen abnehmbaren Teile des Handstaubsaugers abzubauen, diesmal über der Küchenspüle. Es ist erstaunlich, in wie viele Ritzen es die kleinen Glitzerpartikel geschafft hatten. Sämtliche Dichtungen, Filter und Schraubenlöcher schimmerten im Gegenlicht und die Partikel wollten auch nicht in Gänze weichen, als ich den kleinen Staubsauger mit dem Großen aussaugte. Die Spüle, die wohl noch feucht gewesen war, glitzerte, die Anrichte glitzerte, der Spülschwamm glitzerte. „Du hast Glitzer im Gesicht“, konstatierte die Tochter, die sich ein Glas Wasser holen wollte und mit selbigem entschwand, bevor ich erneut lospoltern konnte.

Und dann fiel mir ein, dass ich eigentlich losgezogen war, um dem Jura im Flur den Garaus zu machen. Seufzend baute ich den Handstaubsauger wieder zusammen und stapfte die Treppe hinab. Immerhin hatte ich schon mal ein Problem gelöst. Und just in dem Moment, als ich das Staubsaugerrohr im Flur gen Boden neigte, rieselte eine offenbar im Schlauch angesammelte und vergessene Menge an Goldglitzer heraus und verzauberte in einem einzigen Augenblick den Dreck auf der Schmutzfangmatte in glitzernden Dreck. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann glitzern (und staubsaugen) sie noch heute.