Vom geistigen Türsteher und dem Konsumstop meines Hirns – Trüb und Grau muss draußen bleiben

Ich bin 46. Und mache mir hin und wieder Gedanken darüber, wie gut es ist, nicht mehr jünger zu sein. Wenn ich meinem 26-jährigen Ich heute einmal gegenübersitzen könnte, würde ich ihr wahrscheinlich erst einmal sagen, dass sie sich entspannen soll. Sie muss nicht alles verstehen. Nicht jeden Menschen. Nicht jede Bemerkung. Nicht jede schlechte Stimmung. Nicht jeden Konflikt. Und vor allem muss sie nicht alles mit nach Hause nehmen. Damals hätte ich das vermutlich für einen ziemlich esoterischen Satz gehalten. Heute halte ich es für eine der wichtigsten Lektionen, die ich gelernt habe.

Wir reden viel darüber, was wir unserem Körper zuführen. Du bist, was du isst. Wir achten auf Zucker, Alkohol, Zusatzstoffe, Herkunft und Qualität. Wir kaufen Kleidung bewusster, überlegen, ob wir etwas wirklich brauchen, und machen uns Gedanken darüber, was unser Konsum mit der Umwelt macht. Aber über unseren geistigen Fußabdruck reden wir erstaunlich wenig. Dabei kann auch der krank machen.

Liebes 26-jähriges Ich, du musst nicht alles in dich hineinlassen, das gilt übrigens für alle anderen auch. Du wirst noch viele Menschen treffen, die schlecht gelaunt sind. Menschen, die unfair sind. Menschen, die lästern. Menschen, die ihre Unsicherheit hinter Lautstärke verstecken. Menschen, die ihre schlechte Stimmung an anderen abladen. Und, das ist das eigentliche Problem, du wirst eine ganze Weile glauben, dass du damit umgehen musst. Dass du verstehen musst, warum jemand so ist. Dass du die Situation analysieren musst. Dass du vielleicht etwas falsch gemacht hast. Dass du eine Lösung finden solltest.

Ich sag Dir was: Nein. Manchmal ist jemand einfach schwierig. Und manchmal hat ein Mensch einen schlechten Tag, der nicht deiner werden muss. Das hätte ich gern früher gewusst. Nicht jede Stimmung, die einen Raum betritt, muss auch in dir einziehen. Ich hätte meinem 26-jährigen Ich auch gern gesagt, dass ein Arbeitstag irgendwann vorbei ist. Meinem 36-jährigen Ich übrigens sicherheitshalber nochmal. Nicht alles muss auf dem Heimweg noch einmal durchgekaut werden. Dieses Gespräch. Dieser Satz. Diese Ungerechtigkeit. Diese Kollegin. Dieser Chef. Was hätte ich sagen können? Was hätte ich sagen sollen? Warum hat er das gemacht? Warum ist sie so? Warum habe ich nicht sofort reagiert?

Ich kenne diese Gedankenschleifen. Wahrscheinlich kennen wir sie alle. Und natürlich gibt es Situationen, die man verarbeiten muss. Dinge, die einen wirklich beschäftigen. Probleme, die eine Lösung brauchen. Aber es gibt auch den ganz normalen Büroärger. Und den darf man manchmal einfach dort lassen. Laptop zu. Tür zu. Feierabend. Nicht jeder Konflikt braucht um 22.30 Uhr noch eine interne Untersuchungskommission. Und glaubt mir, seitdem ich das so richtig verinnerlicht habe, bin ich jede neue Woche froh über den Notizzettel, den ich mir selbst im PC hinterlasse. Weil alle Bürothemen übers Wochenende so weit weg sind, dass jeder Dienstag ein kleiner Neustart ist.

Büroärger ist wohl das plakativste Beispiel, aber es gibt noch viel subtilere Dinge. Ich würde ihr zum Beispiel auch den Rat geben, nicht jeden Film zu Ende zu schauen. Auch das gilt heute noch und für jeden. Wenn ein Film dir ein ungutes Gefühl macht: Mach ihn aus. Wenn ein Buch dich nach jeder Seite bedrückt: Leg es weg. Wenn ein Account auf Instagram dich nach fünf Minuten kleiner, hässlicher, ärgerlicher oder unzufriedener macht: Entfolge ihm. Du bist niemandem etwas schuldig. Nicht dem Regisseur. Nicht dem Autor. Nicht dem Algorithmus. Und auch nicht diesem hochgelobten Roman, den alle Welt für ein Meisterwerk hält. Nur deinem Seelenheil.

Du musst nichts konsumieren, nur weil es verfügbar ist. Das ist ein Gedanke, den ich heute sehr mag. Denn mit 26 dachte ich noch oft: Ich muss da durch. Mit 46 denke ich immer öfter: Warum eigentlich?

Doch bevor das jetzt nach rosafarbener Watte klingt: Das Leben darf natürlich unbequem sein. Ich möchte nicht nur Bücher lesen, die mich bestätigen, und nur Menschen zuhören, die meiner Meinung sind. Ich möchte Nachrichten lesen. Ich möchte mich mit Dingen auseinandersetzen, die schwierig sind. Das ist ein Großteil meines beruflichen Alltags und auch völlig gut so.

Ich möchte Filme sehen, die mich berühren. Ich möchte auch einmal widersprechen und mich ärgern und meine Meinung ändern. Aber es gibt einen Unterschied zwischen „Das fordert mich“ und „Das tut mir dauerhaft nicht gut.“ Den Unterschied habe ich mit 46 besser gelernt. Vielleicht, weil man irgendwann merkt, dass die eigene Aufmerksamkeit eine begrenzte Ressource ist. Und dass man sie nicht jedem und allem hinterherwerfen muss.

Liebes 26-jähriges Ich, du darfst auch einen Ort verlassen. Auch das hätte ich dir besonders gern früher gesagt. Wenn sich ein Ort dauerhaft falsch anfühlt, musst du nicht ewig herausfinden, warum. Trust your guts. Wenn du nach einem Treffen regelmäßig erschöpfter bist als vorher, darfst du die Häufigkeit reduzieren. Oder loslassen. Wenn ein Arbeitsplatz dich dauerhaft krank vor Anspannung macht, darfst du irgendwann gehen. Nein, musst Du gehen. Nicht sofort. Nicht impulsiv. Aber du darfst. Du musst nicht jeden Raum bis zum Ende aushalten, nur weil du einmal durch die Tür gegangen bist. Und manchmal weiß dein Körper längst Bescheid, während dein Kopf noch eine PowerPoint-Präsentation über die Vor- und Nachteile erstellt.

Heute weiß ich: Ruhe entsteht nicht durch Zähnezusammenbeißen, Aushalten, Durchstehen oder Meditation. Vielleicht ist das die Erkenntnis, die mich gerade am meisten beschäftigt. Vielleicht ist innere Ruhe manchmal viel banaler. Vielleicht bedeutet es einfach: Nicht noch etwas hineinlassen, was mir nicht guttut. Den inneren Türsteher mal ordentlich auf Schulung schicken, der muss schnell und streng sein. Geistiger Bullshit? Kommt hier nicht rein. Und wenn es so banal erscheint, wie ein Buch wegzulegen, das im immergrauen Norden spielt und wo depressive, desillusionierte Kommissare grausame Verbrecher jagen: Trüb und Grau soll draußen bleiben.

Es hilft auch, den Fernseher auszuschalten. Ja, die Welt brennt und nein, es ist mir nicht egal. Aber ich muss nicht immer live dabei sein. Ich muss nicht auf jede Nachricht antworten. Darf das Handy liegen lassen. Eine Diskussion beenden. Nach einem schwierigen Arbeitstag sagen: Darüber denke ich morgen nach. Oder gar nicht mehr. (Und manchmal zwei Stunden Mittagsschlaf machen, ohne daraus einen „Powernap“ zu machen, ha!)

Was ich meinem 26-jährigen Ich heute wirklich sagen möchte: Du musst nicht alles aushalten, um stark zu sein. Du musst nicht alles verstehen, um klug zu sein. Du musst nicht alles beantworten, um ein guter Mensch zu sein. Du musst nicht überall bleiben, nur weil du einmal angekommen bist. Und du musst nicht jeden Gedanken zu Ende denken. Manches darf einfach vorbeiziehen, aber nicht einziehen. Vielleicht ist das eine der schönsten Freiheiten, die das Älterwerden mit sich bringt: Ich weiß inzwischen, dass meine Aufmerksamkeit kostbar ist. Meine Zeit und Energie sowieso. Und deshalb möchte ich viel bewusster auswählen, was davon ich verschenke. Und an wen. Ich kann die Welt nicht leiser machen. Aber ich kann entscheiden, was ich in meine innere Wohnung lasse. Welche Menschen. Welche Gedanken. Welche Bilder. Welche Geschichten. Welche Nachrichten. Welche Stimmen. Und welche nicht.

Für mich ist das bewusster geistiger Konsumverzicht. Nicht Weltflucht. Nicht Gleichgültigkeit. Sondern die ziemlich erwachsene Erkenntnis: Ich muss nicht alles konsumieren, was mir angeboten wird. Und wenn ich meinem 26-jährigen Ich noch einen letzten Satz mitgeben dürfte, wäre es wahrscheinlich dieser: „Freu dich darauf, 46 zu werden. Älterwerden rockt.“

Vom Glück der Langeweile, dem Zwei-Stunden-Nap und warum Nichtstun die größte Anstrengung ist

Ich glaube, ich habe verlernt, mich zu langweilen. In Ba-Wü haben (ENDLICH) die Sommerferien angefangen und das Kind lehrt mich, was Nichtstun heißt. „Hey du, was machst Du grade?“, frage ich und strecke den Kopf zur Zimmertür hinein. „Was soll ich machen? Nichts“, sagt die Tochter und ich glaube ihr aufs Wort. Vielleicht muss ich auch wieder lernen, nichts zu tun. Mich zu langweilen gar.

Nicht dieses pädagogisch wertvolle „Ich mache jetzt bewusst einen Digital Detox und praktiziere achtsames Nichtstun“-Langeweile-Ding. Das wäre ja schon wieder ein Projekt. Ich meine richtige Langeweile. Die Sorte, bei der man irgendwo sitzt und nichts passiert.

Kein Podcast. Keine Serie. Kein Hörbuch. Kein Instagram. Kein „Ich könnte währenddessen noch schnell…“. Wäschekörbe leeren zum Beispiel, never ending story. Aber nein, einfach: nichts. Und ich habe den Verdacht, dass wir das verlernt haben. Auch, weil immer irgendwo im Haushalt Arbeit lauert.

Sogar beim Spazierengehen müssen wir inzwischen etwas lernen. Ich bin ja eigentlich ein großer Fan von Podcasts. Wissenspodcasts besonders. Ich finde es grundsätzlich großartig, dass man sich beim Autofahren, Kochen oder Aufräumen noch schnell erklären lassen kann, warum das Römische Reich untergegangen ist, wie unser Darm funktioniert oder weshalb wir alle Bindungsangst haben. Man kann praktisch keinen Haushalt mehr erledigen, ohne nebenbei ein kleines Studium zu absolvieren.



Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem wir auch beim Spazierengehen denken: Dann könnte ich ja wenigstens noch etwas Sinnvolles hören. Also Kopfhörer auf. Und dann marschiere ich durch den Wald und lerne dabei, wie man sein Nervensystem reguliert. Dabei hätte mein Nervensystem vermutlich gerade gern etwas ganz anderes: Ruhe.

Vielleicht möchte es einfach den Wind in den Blättern hören. Ein Rotkehlchen. Das Knirschen der Schuhe auf dem Weg. Vielleicht sogar – ich wage es kaum zu sagen – die eigenen Gedanken. Und wahrnehmen, wie grün die Blätter im Sonnenschein leuchten. Wie die Kugeldisteln im Wind schaukeln und sich fragen, ob den Hummeln darauf nicht übel wird. Stattdessen haben wir, ich nehme mich nicht aus, aus Freizeit eine zweite Schicht gemacht. Das Verrückte ist: Wir haben inzwischen sogar für unsere Freizeit eine Produktivitätslogik entwickelt.

Wir machen Sport, um fitter zu werden. Wir gehen spazieren, um Schritte zu sammeln. Wir lesen, um etwas zu lernen. Wir kochen, um uns gesund zu ernähren. Wir meditieren, um entspannter zu werden. Wir treffen Freunde, um soziale Kontakte zu pflegen. Wir fahren in den Urlaub, um uns zu erholen. Und wenn wir dann endlich einmal zwei Stunden vollkommen frei haben, kommt zuverlässig dieser kleine Gedanke:
„Was könnte ich denn jetzt machen?“ Ich kenne ihn. Sehr gut sogar.

Man könnte den Balkon noch hübscher machen. Die Schublade ausmisten. Ein Rezept ausprobieren.
Fotos sortieren. Den Blogartikel anfangen. Eine Runde laufen. Der Schritte wegen. Eine pädagogisch wertvolle Serie schauen. Ein Hörbuch hören. Etwas recherchieren. Oder man könnte einfach auf dem Sofa liegen. Oder auf der Gartenliege. Was erstaunlich schwer geworden ist.



Dabei ist ein zweistündiger Mittagsschlaf kein Charakterfehler. Ich finde, wir sollten ihn rehabilitieren. Nicht den Powernap. Nicht 20 Minuten Augen zu, damit man danach wieder leistungsfähig ist. Ich meine einen ordentlichen Zwei-Stunden-Nap. Einen, nach dem man kurz nicht weiß, welcher Wochentag ist.
Einen, bei dem man aufwacht, die Sonne steht woanders und man braucht einen Moment, um sich daran zu erinnern, welche Aufgaben man gerade erfolgreich vermieden hat. Und dann liegt man da und denkt:
Huch. Das war schön.



Und vor allem: Es war zu nichts gut. Man ist danach nicht produktiver. Vielleicht sogar im Gegenteil. Man hat nichts gelernt, keinen Schritt gesammelt, keine Schublade sortiert, keine Kalorien verbrannt und keinen persönlichen Entwicklungsprozess abgeschlossen. Man hat geschlafen. Mitten am Tag. Weil man es kann. Das reicht. Vielleicht müssen wir uns wieder daran gewöhnen, dass nicht jede freie Stunde einen Mehrwert erzeugen muss. Achtsamkeit ohne Räucherstäbchen.

Alle Welt redet von Achtsamkeit. Wir sollen im Hier und Jetzt sein. Den Moment bewusst wahrnehmen. Unsere Umgebung beobachten. Atmen. Spüren. Entschleunigen. Und dann suchen wir uns einen Podcast über Achtsamkeit und hören ihn beim Spaziergang. Ich finde das inzwischen fast rührend. Wir müssen offenbar sogar erstmal lernen, wie man anwesend ist. Dabei ist Achtsamkeit möglicherweise viel weniger kompliziert. Vielleicht ist Achtsamkeit manchmal einfach: Ich gehe durch den Wald und höre Vögel. Nicht: Vögel plus Podcast über die neurologischen Vorteile des Waldbadens. Nur Vögel.

Vielleicht ist das Gehirn irgendwann dankbar, wenn ihm niemand erklärt, was gerade passiert. Vielleicht muss ich nicht wissen, welcher Vogel da singt. Vielleicht muss ich nicht einmal besonders aufmerksam zuhören. Vielleicht reicht es, dass da irgendwo etwas zwitschert und ich es höre. Langeweile ist kein Loch, das gefüllt werden muss. Ich glaube, wir haben uns daran gewöhnt, jedes kleine Vakuum sofort zu stopfen. Warten an der Kasse? Handy. Warten beim Arzt? Handy. Im Auto an der roten Ampel? Handy. Im Zug? Kopfhörer. Spazierengehen? Podcast. Kochen? Musik oder Serie. Putzen? Hörbuch.

Und selbst wenn wir uns aufs Sofa setzen, haben wir das Gefühl, jetzt müsse aber bitte etwas passieren. Fernsehen und Handy gleichzeitig. Völlig banane irgendwie. Vielleicht brauchen wir aber genau diese kleinen Löcher. Denn Langeweile hat etwas, das Unterhaltung nicht hat: Sie lässt Platz.



Für Gedanken, die nicht bestellt wurden. Für Erinnerungen. Für Ideen. Für völlig sinnlosen Blödsinn. Für gar nichts. Mein Hirn defragmentiert, reinigt sich, wenn ich einfach nur da sitze. Und atme. Und vielleicht entstehen genau dort manchmal die besten Gedanken. Nicht, wenn man sich hinsetzt und sagt: So. Jetzt denke ich über mein Leben nach. Sondern beim Blick aus dem Fenster. Beim Duschen. Beim Warten. Beim ziellosen Herumliegen. Beim Spazierengehen ohne Kopfhörer.

Freizeit muss nicht sinnvoll sein. Ich möchte deshalb in nächster Zeit versuchen, mir wieder mehr unproduktive Zeit zu erlauben. Nicht als neues Projekt. Das wäre ja schon wieder absurd. Ich möchte spazieren gehen, ohne etwas zu hören. Ich möchte mich auf eine Bank setzen und nicht automatisch zum Handy greifen. Ich möchte einen Nachmittag verschlafen können, ohne mir danach vorzuwerfen, dass ich ihn „verloren“ habe. Ich möchte manchmal kochen und dabei nur das Messer auf dem Brett hören.

Ich möchte aus dem Fenster schauen. Ich möchte mich langweilen. Und vielleicht sogar feststellen, dass mir langweilig ist, ohne sofort etwas dagegen zu unternehmen. Denn vielleicht ist das die eigentliche Form von Achtsamkeit: Nicht jeden Moment besser oder produktiver machen zu wollen. Nicht jeden freien Nachmittag mit einem Projekt zu füllen. Nicht aus jedem Spaziergang eine Bildungsreise zu machen. Nicht aus jedem Mittagsschlaf einen Powernap. Nicht aus jedem Hobby eine Fähigkeit. Und nicht aus meinem Leben ein Optimierungsprojekt.

Manchmal darf ein Tag einfach vorbeiziehen. Ein Vogel zwitschert. Die Sonne wandert über die Wand. Man schläft zwei Stunden. Und hat danach keine Ahnung, was man eigentlich gemacht hat. Vielleicht war genau das der Sinn. Ich wünsche Euch ein langweiliges Wochenende. 😉

Von Putzplänen, dem echten Leben und der Frage, wer immer den Staub anschleppt

Donnerstag ist in meinem Kopf ein ganz besonderer Tag. Ich komme aus der Redaktion nach Hause, schließe die Tür auf und werde von einem herrlichen Duft nach frisch geputzter Wohnung empfangen. Auf dem Esstisch stehen frische Blumen, die Kissen auf dem Sofa sehen aus wie im Möbelhaus und auf dem Küchentisch liegt ein kleiner Zettel:

„Heute erledigt: Badezimmer geputzt, Böden gewischt, Fenster gereinigt, Küche geputzt, Bett frisch bezogen, Staub gewischt auf allen Ablagen, Kühlschrank ausgewischt, Backofen gereinigt. Schönen Feierabend! PS: Die frischen Blumen habe ich im Vorbeigehen auf dem Markt mitgenommen!“

Hach.

Ich sehe mich dann kurz lächelnd mit einer Tasse Iced Matcha auf dem Sofa sitzen und denke: Genau so machen das Erwachsene. Und dann fällt mir ein, dass ich keine Putzfrau habe. Hart ist das.

Stattdessen wartet zu Hause meistens das ganz normale Chaos. Nicht dramatisch. Aber eben… bewohnt. Neulich habe ich den Fehler gemacht, einen Artikel über die „vergessenen Stellen im Haushalt“ zu lesen. Wusstet ihr, wie viel Staub sich auf glatten Fliesenwänden hinter Heizkörpern sammeln kann? Nein? Ich bis dahin auch nicht. Ehrlich gesagt hätte ich ohne diesen Artikel vermutlich nie hinter den Heizkörper geschaut. Jetzt habe ich es getan und plötzlich sehe ich überall Baustellen.

Die Sockelleisten. Die Lampenschirme. Die Oberkanten der Türen. Lichtschalter. Türrahmen. Der Kühlschrank. Die Küchenfronten. Die Badschränke. Die Möbelfüße (!). Offenbar gibt es Menschen, die all diese Dinge regelmäßig reinigen. Und zwar nach Plan. Nach Putzplan.

Montag das Bad. Dienstag Staub wischen. Mittwoch Küche. Donnerstag Böden. Freitag Fenster. Samstag Kühlschrank. Sonntag… vermutlich die Sockelleisten feudeln. Natürlich „alles ganz entspannt, 20 Minuten am Tag.“ Und ich frage mich jedes Mal: Möchte ich wirklich die persönliche Assistentin meines Haushalts sein? Und wenn diese easypeasyputzenden Menschen Familien haben, wo leben die denn dann?

Versteht mich nicht falsch. Ich mag es sauber. Ich freue mich über frisch gewischte Böden und ein ordentliches Bad. Aber irgendwo zwischen Job, Schule, Wocheneinkauf, Wäschebergen, Papierkram und dem ganz normalen Familienwahnsinn fehlt mir ehrlich gesagt die Zeit und auch die Motivation, dem Staub hinter dem Heizkörper hinterherzujagen. Demnächst ziehen auch noch Katzen bei uns ein. Ich ahne jetzt schon, dass sie meine Prioritäten endgültig neu sortieren werden. Katzenhaare auf dem Sofa? Geschenkt. Hauptsache, die Katzen sind glücklich. Und ich auch.

Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich denke, andere hätten das alles viel besser im Griff. Bei ihnen glänzen bestimmt die Armaturen, der Kühlschrank ist perfekt sortiert und die Fliesen könnte man als Spiegel benutzen. Und dann erinnere ich mich daran, dass Social Media selten zeigt, was hinter der Kamera liegt. Oder hinter dem Heizkörper.

Wir haben ein echtes Leben. Hier wird gearbeitet, gelernt, gekocht, gelacht, diskutiert, gespielt und demnächst mit Katzen gekuschelt. Hier bleiben auch mal Schuhe im Flur stehen und auf dem Esstisch steht nicht nur ein Blumenstrauß, da liegt auch die Post (und aufgerissene Kuverts), ein Ladekabel und mindestens drei Dinge, die eigentlich woanders hingehören.

Es ist kein absolutes Chaos aber eben auch nicht perfekt. Aber es ist unser Zuhause. Und wenn ich mich entscheiden muss zwischen blitzblanken Sockelleisten und einem entspannten Abend mit meiner Familie, dann weiß ich ziemlich genau, wofür ich mich entscheide. Der Staub läuft schließlich nicht weg. Leider.

Vom öden Warten auf den Anlass und dem Goldrandgeschirr

Gibt’s bei Euch „gute Teller“? In der Generation meiner Mama jedenfalls gibt es die. Die mit dem Goldrand. Die, die nur auf den Tisch kommen, wenn Besuch kommt. Die, die 95 Prozent des Jahres in einem Schrank stehen, der nur dann geöffnet wird, wenn es einen Anlass gibt.

Es gibt noch mehr dieser Schränke in unseren Häusern. Den mit den guten Tellern. Den mit den teuren Kerzen, die „zu schade zum Anzünden“ sind. Den mit dem Parfum, das nur zu besonderen Anlässen getragen wird. Den mit den Schuhen, die auf die nächste Hochzeit warten. Und irgendwo ganz hinten im Kleiderschrank liegt wahrscheinlich auch noch die Unterwäsche, die wir gekauft haben, weil wir uns darin wunderschön fühlen – und die wir dann doch nur für „besondere Gelegenheiten“ anziehen.

Ich frage mich inzwischen: Wann genau soll dieser besondere Anlass eigentlich sein? Teller sind dazu gemacht, um von ihnen zu essen. Warum sollten diese Teller auf Gäste warten? Warum sollten sie im Schrank stehen, bis jemand kommt, der wichtiger ist als wir? Ich glaube, viele von uns – und ich nehme mich da ausdrücklich nicht aus – haben gelernt, die schönen Dinge aufzuheben.

Für später. Für Besuch. Für Weihnachten. Für den Tag, an dem… Aber was, wenn der Tag längst da ist?
Was, wenn der Anlass ein ganz gewöhnlicher Dienstag ist? (Oder ein Samstag mit fünf übrig gebliebenen Kartoffeln?) Vielleicht ist das einer der größten Irrtümer unseres Erwachsenenlebens: dass wir glauben, Wertschätzung müsse immer nach außen gehen. Für die Gäste decken wir den Tisch besonders schön.
Für das Geburtstagsessen zünden wir die Kerzen an. Für die Feier tragen wir das Lieblingsparfum.

Und für uns selbst? Da reicht oft der schnelle Teller aus der Mikrowelle. Ich möchte das nicht.
Nicht, weil jeder Tag perfekt sein muss. Sondern weil jeder Tag ein Stück meines Lebens ist. Ich möchte die Schuhe tragen, die ich liebe. Das Parfum benutzen, das mich glücklich macht. Die schöne Tasse aus dem Schrank holen. Weil ich aufgehört habe, mein Leben in Alltag und besondere Anlässe einzuteilen.

Der Alltag ist mein Leben. Urlaub ist ein wunderbares Geschenk. Aber ich möchte nicht elf Monate warten, bis ich mir erlaube, Schönheit zu genießen. Ich möchte den Kräuterduft auf meinem Balkon wahrnehmen.
Das Abendlicht zwischen den Dachbalken. Den Kaffee aus meiner Lieblingstasse trinken. Kartoffelrösti auf den schönen Tellern essen. Nicht, weil das Leben immer leicht ist. Gerade deshalb, weil es NICHT immer leicht ist. Dann möchte ich nicht auch noch in vermackte alte Alltagstassen heulen. 😉

Das Leben ist kostbar. Vielleicht ist das mein neues Verständnis von Luxus. Nicht mehr besitzen. Sondern bewusster benutzen. Nicht mehr kaufen. Sondern mehr wertschätzen. Und vielleicht beginnt ein schönes Leben gar nicht mit einer Fernreise. Sondern mit der Entscheidung, heute den schönsten Teller aus dem Schrank zu holen. Einfach so. Weil heute der Anlass ist.

Von Rösti, die mich zum philosophieren brachten und meinem täglichen Urlaub all-inclusive

Gestern gab es Kartoffelrösti. So wollte ich schon immer mal eine Geschichte anfangen. Tatsächlich gab es gestern simple Resteküche, die mich einmal mehr zum Nachdenken gebracht hat. (Ja ich kann über Rösti philosophieren.) Es gab diese Rösti, weil noch fünf gekochte Kartoffeln vom Vortag im Kühlschrank lagen und mich vorwurfsvoll anguckten.

Früher hätte ich sie wahrscheinlich geschnitten, Käse darüber gelegt, zwei Minuten in die Mikrowelle. Fertig. Satt. Aber ich hatte beim Anblick dieser Kartoffeln ein ganz anderes Bild vor meinem inneren Auge. Also habe ich sie in Ermangelung meiner Reibe gewürfelt, mit einem Ei, Salz und Pfeffer vermengt und kleine Taler daraus ausgebacken. Dazu gab es einen Kräuterdip, der noch im Kühlschrank war, und einen schnellen Radieschensalat.

Eigentlich nichts Besonderes. Und doch irgendwie schon. Ich habe alles auf den Tellern angerichtet, die wir erst vor ein paar Wochen im Allgäu ergattert haben. Es sind nur Teller. Aber jedes Mal, wenn ich sie aus dem Schrank hole, denke ich an diese Mission, die uns durchs halbe Allgäu geführt hatte. Und plötzlich war dieses völlig gewöhnliche Samstagessen… schön. Nicht spektakulär. Nicht Instagram-perfekt.
Einfach schön.

Ich glaube, wir warten viel zu oft auf besondere Momente. Auf den Urlaub. Auf den Abend beim schicken Italiener. Auf das freie Wochenende. Auf den Anlass. Dabei besteht unser Leben zum Großteil aus ganz normalen Samstagen mit fünf übrig gebliebenen Kartoffeln.

Vielleicht liegt genau darin der Unterschied. Ich möchte mein Leben nicht auf den Urlaub verschieben. Ich möchte es leben. Genießen. Jeden Tag. Ich möchte den Alltag wertschätzen, denn davon hab ich reichlich. Mich selbst wertschätzen. Und manchmal bedeutet das, nicht den schnellsten Weg zu wählen. Nicht, weil Kartoffelrösti objektiv besser wären als Kartoffeln mit Käse aus der Mikrowelle.

Sondern weil ich mir selbst sagen möchte: Dieser Tag ist es wert, dass ich ihn schön gestalte. Dass ich Momente schaffe und wahrnehme, die mich glücklich machen. Mit einem liebevoll angerichteten Teller.
Mit einem Dip aus frischen Kräutern. Mit einem knackigen Salat. Und mit Geschirr, das mir Freude macht. Wie oft höre ich „Ach, für mich allein lohnt sich das nicht.“ Hallo? Wer müsste denn zu Besuch kommen, dass es sich lohnt? Der Papst? You are the queen of the castle. Wenn es sich für mich nicht lohnt, für wen denn dann?


Das Tolle ist doch: Genuss hat erstaunlich wenig mit Luxus zu tun. (Sogar die Teller waren im Sale, wir erinnern uns. Jedenfalls zwei von ihnen.) Viel öfter beginnt er mit der Entscheidung, den Alltag nicht wie eine Wartehalle zu behandeln. Vielleicht ist Urlaub gar kein Ort. Vielleicht ist Urlaub das Gefühl, einem ganz gewöhnlichen Samstag dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken wie einem besonderen Anlass.

Und falls ihr euch fragt: Die Reibe habe ich natürlich wiedergefunden, als die Kartoffeln gewürfelt und mit Ei vermischt waren. Mein Hirn funktioniert schon noch, aber hat halt nen anderen Dienstplan als ich manchmal. Wie gut, dass im Urlaub nicht immer alles nach Plan läuft.

Rezept

Zutaten: Gekochte Kartoffeln vom Vortag, ein Bund Radieschen (ich hatte dreifarbige), zwei Eier, 300 g (laktosefreien) Quark, Frühlingszwiebeln, Salz, Pfeffer, Schrank-Gewürze (aka, was man halt so da hat), Essig, Öl, Schnittlauch, glatte Petersilie

Die Kartoffeln grob raspeln (oder eben in kleine Würfel schneiden), in einer Schüssel mit den Eiern, Salz und Pfeffer vermengen und in einer Pfanne mit Olivenöl kleine Taler rausbraten. Geduld lohnt sich, dann fallen sie nicht auseinander. Schmeckt auch, wenn man gehobelten Käse untermischt. Hatte ich vor, habe ich nur vergessen. Für den Salat habe ich die Radieschen geputzt, in feine Streifen geschnitten und mit Essig, Öl, Salz und Pfeffer angemacht. Das Radieschengrün ist sehr gesund, daher habe ich es ebenfalls geputzt und in feine Streifen geschnitten und zum Salat dazugegeben. Dazu kamen fein geschnittene Frühlingszwiebeln, die grünen Röllchen habe ich am Ende als Deko über den Teller gestreut.

Für den Dip habe ich den Quark mit etwas Olivenöl, Salz, Pfeffer, gehackter Petersilie und geschnittenem Schnittlauch verrührt und gut abgeschmeckt. Wer mag kann Knoblauch dazugeben.

Vom langsamen Ende des schlechten Gewissens und der revolutionären Entdeckung des Neins

Ich glaube, mein schlechtes Gewissen ist müde geworden. Nicht weg. So weit würde ich nicht gehen. Es meldet sich schon noch. Aber früher war es deutlich engagierter.

Heute wirkt es eher wie ein Sachbearbeiter kurz vor der Rente. Es nimmt Beschwerden entgegen, stempelt sie ab und murmelt: „Ja, ja… wir schauen mal.“

Früher hatte ich wegen allem ein schlechtes Gewissen. Wenn ich gearbeitet habe, dachte ich, ich müsste mehr Zeit mit meiner Tochter verbringen. War ich bei ihr, hatte ich das Gefühl, eigentlich müsste ich arbeiten.

Saß ich abends auf dem Sofa, hätte ich noch die Wäsche zusammenlegen können.
Legte ich Wäsche zusammen, fiel mir ein, dass ich eigentlich Sport machen sollte. Machte ich Sport, dachte ich, ich müsste mal wieder meine Eltern anrufen. Außerdem blieb die Wäsche liegen.

Rief ich meine Eltern an, piepte währenddessen der Geschirrspüler. Der Haushalt! Ich war praktisch ein wandelndes Schuldgefühl mit Pulsmesser.

Irgendwann habe ich verstanden, dass mein schlechtes Gewissen nie Feierabend macht. Es ist völlig egal, was ich tue. Es findet immer etwas, das ich stattdessen hätte tun können. Ein echtes Multitalent.

Besonders kreativ war es übrigens beim Thema Selbstfürsorge. „Entspannte Mütter machen auch mal etwas nur für sich.“

Also nahm ich mir Zeit, wandern zu gehen. Ich freute mich. Am Tag selbst dachte ich:
„Eigentlich könntest du die vielen Stunden auch sinnvoll nutzen. Statt durch die Landschaft zu stapfen.“ Ich wanderte trotzdem und entspannte ungefähr so gut wie ein Eichhörnchen auf der A8.

Oder Essen. Ich wollte ausgewogen kochen. Regional, saisonal, vollwertig, frisch. Bio wäre schön. Nicht zu teuer. Allen sollte es schmecken. Vegetarisch wäre gut. Proteinreich auch. Und bitte möglichst ohne Zucker.

Irgendwann stand ich abends nach der Arbeit im Supermarkt vor einer Packung Tiefkühlpizza und dachte: „Weißt du was? Heute gewinnt die Funghi.“ Nicht weil sie gesund ist. Sondern weil ich keine Lust und Kraft mehr hatte, aus jedem Abendessen ein moralisches Großprojekt zu machen.

Das Faszinierende ist: Irgendwann zwischen Perimenopause und dem ersten Geräusch, das man beim Aufstehen macht, verschieben sich die Prioritäten. Man merkt plötzlich: Die Welt dreht sich erstaunlich zuverlässig weiter. Auch wenn ich den Kuchen nicht selbst backe. Auch wenn ich zum Geburtstag gekaufte Muffins mitgebe. Auch wenn ich eine WhatsApp erst morgen beantworte.
Auch wenn ich mal Nein sage. Vor allem dann.

Neulich fragte mich jemand, ob ich noch schnell etwas übernehmen könnte. Früher hätte ich gesagt:

„Klar.“
Und anschließend eine Woche lang versucht, Zeit zu falten. Diesmal hörte ich mich sagen: „Nein, das schaffe ich gerade nicht.“

Es folgte…

…nichts.

Keine empörten Gesichter. Kein gesellschaftlicher Zusammenbruch. Keine Eilmeldung bei tagesschau.de. Die Erde blieb erstaunlicherweise in ihrer Umlaufbahn. Ich war fast ein bisschen enttäuscht.

Ich glaube, Frauen verbringen einen großen Teil ihres Lebens damit, sich für Dinge verantwortlich zu fühlen, die nie ihre Verantwortung waren. Für die Stimmung am Familientisch. Für gelungene Geburtstage. Für harmonische Weihnachten. Für das Wetter beim Grillfest wahrscheinlich auch noch, wenn es irgendwie möglich wäre.

Wir organisieren, erinnern, planen, moderieren und entschuldigen uns vorsorglich schon mal für Dinge, die vielleicht irgendwann passieren könnten.

Und irgendwann kommt dieser Moment, an dem man denkt: vielleicht muss ich gar nicht alles auffangen. Vielleicht dürfen andere Menschen auch mal mit den Folgen ihres eigenen Handelns leben. Ein revolutionärer Gedanke.

Versteht mich nicht falsch. Ich bin nicht plötzlich egoistisch geworden. Ich kümmere mich immer noch gern. Ich helfe immer noch. Ich bringe immer noch Pflaster, Taschentücher und Ersatzladekabel mit. Ich weiß sogar meistens, wo die Impfpässe liegen.

Aber ich habe aufgehört zu glauben, dass mein Wert davon abhängt, wie viele Bälle ich gleichzeitig in der Luft halte. Und das fühlt sich überraschend leicht an. Vielleicht ist das eines der schönsten Geschenke des Älterwerdens.

Nicht, dass man gelassener wird. Das wäre übertrieben. Ich rege mich immer noch über nicht eingeräumte Spülmaschinen auf. Und über Menschen, die mitten im Supermarkt ihren Einkaufswagen quer stellen. Und verschwinden. Es gibt Grenzen.

Aber das schlechte Gewissen hat seinen festen Arbeitsplatz verloren. Es kommt nur noch stundenweise vorbei. Und ehrlich gesagt hoffe ich, dass es bald ganz in den Ruhestand geht. Es hat ihn sich verdient.

Vom Elternsein mit Teenagern und dem Gefühl, nerviger Kundensupport zu sein

Es gibt einen Moment im Leben jeder Mutter, da merkt man: Die Kinder brauchen einen eigentlich noch. Sie finden es nur zunehmend unangenehm. Früher war Elternsein vergleichsweise einfach. Die Probleme waren überschaubar. „Mama, mein Kuscheltier ist weg.“ „Mama, ich hab Durst.“ „Mama, kannst du mich tragen?“

Heute klingt das eher so: „Warum ist das WLAN so langsam?“ „Wo ist mein Ladekabel?“ „Hast du meine graue Hose gesehen?“ „Nein, die andere graue Hose.“ „NEHEIN! Die andere-andere graue Hose!“ Ich bin inzwischen weniger Mutter als First-Level-Support. Und wie jeder Kundensupport kenne ich die Regeln.


Ticket Nummer 1: Das Problem ist dringend.
„Mein Handy lädt nicht.“
„Probier mal ein anderes Kabel.“
„Find aber keins.“

„Dann nimm meins.“

„Ich hab schon deins.“(sic!)
„Ein anderes Netzteil?“
„Hab ich schon.“
„Andere Steckdose?“
„Hab ich schon.“

Ich komme ins Zimmer.
Das Kabel steckt nicht im Netzteil. Problem gelöst. Bearbeitungszeit: 14 Sekunden.
Kundenzufriedenheit: mittel.

Ticket Nummer 2: Der Kunde kennt die Lösung bereits besser.

„Kannst du mir helfen?“
„Klar.“
„Mach mal.“
Ich schaue drauf.
„Ich glaube, wenn du…“
„Nee, das geht nicht.“
„Okay… dann vielleicht…“
„Nee.“
„Dann weiß ich auch nicht.“
„Doch! Überleg doch mal, Mama!“

Es ist faszinierend. Man wird um Hilfe gebeten, darf aber ausschließlich Lösungen anbieten, die der Kunde bereits selbst gut findet.

Ticket Nummer 3: Priorität Rot.

„Mamaaaaa!“ Alle Alarmglocken gehen an.

Ich renne. Herzschlag 180. „Was ist passiert?“
„Kannst du mal riechen, ob dieses T-Shirt noch geht?“ Ja. Natürlich. Das war den Sprint wert.

Dann gibt es noch diese Supportanfragen, die ausschließlich aus einem Wort bestehen.

„Mama.“

„Ja?“
„…“
„Ja?“
„…“
„Was?“
„Ach, egal.“

Und fünf Minuten später:
„Mama??“

Man entwickelt als Mutter irgendwann ein erstaunliches Gespür dafür, ob jetzt gleich eine philosophische Lebensfrage kommt oder nur:
„Wo sind meine Kopfhörer?“
Antwort übrigens in beiden Fällen:
Keine Ahnung.

Besonders spannend wird es, wenn Teenager etwas suchen.
„Wo ist mein Ladekabel?“
„Keine Ahnung.“
„Hast du es gesehen?“
Nein.
„Kannst du mal helfen?“
Ich betrete das Zimmer.
Das Ladekabel liegt sichtbar auf dem Schreibtisch.
Nicht unter einem Stapel Bücher.
Nicht hinter dem Bett.
Man hilft ja gerne.

Das eigentliche Kunststück besteht allerdings darin, den schmalen Grat zwischen Einmischen und Nicht-Einmischen zu treffen. Fragt man nach der Schule, kommt: „War okay.“ Fragt man nicht, heißt es später: „Du interessierst dich gar nicht für mich. Das hab ich doch erzäähäält.“

Bietet man Hilfe an: „Ich schaff das allein. Ich bin doch kein Baby mehr.“

Bietet man keine Hilfe an:
„Warum hast du mir nicht geholfen?“

Man bewegt sich permanent auf einem Minenfeld, dessen Regeln täglich geändert werden. Ohne Rundmail.

Und trotzdem gibt es sie. Diese kleinen Momente. Wenn plötzlich beim Autofahren erzählt wird, wie der Tag wirklich war. Wenn beim Spülmaschineausräumen ganz nebenbei eine Sorge herausrutscht. Wenn abends doch noch gefragt wird: „Kannst du kurz kommen?“ Nicht, weil das WLAN streikt. Sondern weil das Leben gerade ein bisschen kompliziert ist. Dann merkt man: Der Kundensupport wurde gar nicht abgeschafft. Er hat nur seine Öffnungszeiten geändert. Sie sind völlig unvorhersehbar. Meistens ungünstig.
Und dauern entweder 30 Sekunden oder zwei Stunden. Dazwischen gibt es keine Abstufung. Ich glaube inzwischen, genau das ist Elternsein mit Teenagern. Man wird seltener gebraucht. Aber wenn doch, dann nicht mehr zum Schuhezubinden oder Trinkflaschenöffnen. Sondern dafür, einfach da zu sein. Als sichere Anlaufstelle. Als Mensch, der zuhört. Als jemand, der nicht jede Antwort kennt, aber trotzdem bleibt. Und ehrlich gesagt ist das wahrscheinlich die schönste Form von Kundensupport, die es gibt.

Auch wenn ich mir wünschen würde, dass zwischendurch mal jemand ein Ticket mit folgendem Inhalt eröffnet: „Mama, ich hab dein Ladekabel zurückgebracht. Und übrigens: Danke.“ Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Vom selektiven Hirn, den offenen Tabs und der Geleebanane

Ich weiß nicht, ob’s nur mir so geht. Aber früher hatte mein Gehirn einen Schreibtisch. Früher, als ich noch mein eigenes bescheidenes Leben zu managen hatte. Mit 13. Heute hat es einen Browser. Mit ungefähr 147 geöffneten Tabs. Mindestens die Hälfte ist eingefroren und hängt. Mental Load nennt es die Fachwelt.

Neulich stand ich in der Küche und öffnete den Kühlschrank. Ich schaute hinein. Lange. Nicht, weil ich Hunger hatte. Sondern weil ich offenbar hoffte, der Kühlschrank würde mir verraten, warum ich überhaupt dort stand. Tat er nicht. Der Käse wusste es auch nicht.

Ich schloss die Tür wieder und ging zurück ins Wohnzimmer. Dort fiel es mir ein.
Ich wollte mir eine Geleebanane holen. Aber mein Gehirn hatte den Tab schon geschlossen, bevor ich in der Küche war.

Manchmal fühlt sich mein Kopf an wie ein Computer, auf dem im Hintergrund viel zu viele Programme laufen. Gerne mitten in einer anderen Tätigkeit.

Tab 1: Habe ich eigentlich die Waschmaschine angemacht?
Tab 2: Nächste Woche braucht das Kind Sportsachen.
Tab 3: Ich muss unbedingt Omega 3 nachbestellen.
Tab 4: Oder hab ich das schon?
Tab 5: Warum bin ich eigentlich hier?
Tab 6: Ach, stimmt… Geleebanane.

Und während ich versuche, Tab 3 zu schließen, öffnet mein Gehirn ungefragt ein neues Fenster: „Weißt du noch 1996, als du im Englischunterricht ’sheet‘ falsch ausgesprochen hast?“
Vielen Dank. Wirklich hilfreich.

Das Gemeine ist: Nichts davon ist wirklich weg. Es ist nur… schlecht sortiert. Mein Gehirn arbeitet inzwischen nach dem Überraschungsprinzip. Ich suche morgens meine Kopfhörer. Stattdessen fällt mir ein, dass ich vor drei Tagen vergessen habe, auf eine WhatsApp zu antworten. Also suche ich mein Handy. Laufe an den Kopfhörern vorbei. Finde das Handy. Lese zwei whatsapp-Nachrichten. Der Mann schlägt vor, am Wochenende zu Grillen. Ich gehe in die Küche und suche den Einkaufszettel. Zwischendurch erinnere ich mich plötzlich an den Namen der Erzieherin aus dem Kindergarten meiner Tochter. Von 2016. Den Einkaufszettel finde ich trotzdem nicht. Und warum habe ich die ganze Zeit meine Kopfhörer in der Hand?

Neulich fiel mir beim Duschen plötzlich ein, dass ich noch den Zahnarzttermin absagen muss. Warum beim Duschen?Keine Ahnung. Mein Gehirn scheint inzwischen feste Sendezeiten zu haben.

Wichtige Erinnerungen kommen unter der Dusche, nachts um 3:08 Uhr, mitten in einer Redaktionskonferenz, genau in dem Moment, in dem ich keine Hände frei habe.
Nie dann, wenn ich tatsächlich etwas erledigen könnte. Oder wenigstens aufschreiben.

Und dann ist da noch dieser wunderschöne Moment, wenn jemand mitten in meinen Gedankengang platzt.

„Kann ich dich kurz was fragen?“ Nein. Also ja. Aber mein Gehirn war gerade dabei, den Tab „Versicherungsunterlagen sichten“, „Blumen gießen“ und „Warum heißt es eigentlich Gänsehaut?“ zu sortieren. Wenn du jetzt dazwischenfunkst, muss ich gleich wieder ganz von vorne anfangen. Und ich komm nicht mehr drauf, wo das alles angefangen hat.

Ich glaube übrigens, Männer unterschätzen manchmal, was Mental Load eigentlich bedeutet. Sie denken, wir hätten einfach viel im Kopf. Nein. Wir betreiben im Hintergrund ein mittelständisches Unternehmen. Mit mehreren Abteilungen. Logistik. Personal. Einkauf. Terminplanung. Beschwerdemanagement.
Ernährungsberatung. Eventorganisation.
IT. Und Kundenservice. Alles in Personalunion. Ohne Feierabend.

Das Verrückte ist: Nach außen sieht man davon fast nichts. Man sieht nur eine Frau, die einen Raum betritt und plötzlich stehen bleibt. Wie ein unbeschäftigtes SIMS. Dabei versucht sie lediglich herauszufinden, welcher der 147 Tabs sie eigentlich hierhergeführt hat.

Neulich sagte jemand zu mir: „Du musst einfach mal abschalten.“ Ich musste lachen. Mein Gehirn ist wie dieser eine Laptop, der seit sechs Jahren nicht mehr neu gestartet wurde. Da läuft alles gleichzeitig. Irgendwo ist garantiert noch ein Word-Dokument von 2019 geöffnet. Zwei Updates warten auf Installation. Und irgendein Prozess verbraucht 94 Prozent Arbeitsspeicher, ohne dass jemand weiß, welcher.

Vielleicht ist das tatsächlich das Älterwerden. Nicht, dass man vergesslich wird. Sondern dass das Gehirn irgendwann beschließt, Informationen nach einem völlig eigenen Ordnungssystem zu filtern und abzulegen. Eines, das ausschließlich ihm selbst bekannt ist. Und manchmal nicht einmal das. Inzwischen rege ich mich darüber gar nicht mehr so auf.

Ich schreibe mehr auf, um die Zettel danach zu verlegen. Ich stelle Erinnerungen ins Handy. Ich akzeptiere, dass ich manchmal drei Anläufe brauche, um das Ladekabel zu holen. Und wenn mir nachts um drei einfällt, dass ich noch Omega 3 bestellen wollte, denke ich inzwischen nur noch: „Schön, dass wir kurz gesprochen haben.“ Dann drehe ich mich um. Und hoffe, dass mein Gehirn wenigstens bis morgen früh keine neuen Tabs mehr öffnet. Die Chancen stehen allerdings ungefähr fünfzig zu fünfzig.

PS: Sie hieß Andrea. Darauf eine Geleebanane.

Vom Trick, aus dem Sonntag einen ganzen Urlaub zu machen (und wie ich die Wanderung heimlich in die Länge zog)

Ich finde, der Sonntagsausflug hat ein echtes Imageproblem. Das Wort klingt ein bisschen nach den 90ern. Nach Thermoskanne, hartgekochten Eiern, Funktionsjacken in Beige und Eltern, die sagen: „Jetzt wird aber gewandert, da gibt’s nichts zu diskutieren.“ (Wir haben nicht diskutiert, die augenrollende Teenietochter einfach daheim gelassen, ain’t nobody got time for „wieweitissesdennnooooch“)

Dabei ist der Sonntagsausflug eigentlich völlig unterschätzt. Denn mal ehrlich: Wir warten ständig auf den nächsten Urlaub. Zählen die Wochen bis zu den Sommerferien, träumen von Bergen, Seen oder dem Meer und vergessen dabei, dass wir jeden Sonntag einen kleinen Urlaubstag geschenkt bekommen.

Man muss ihn nur nutzen. Wir wohnen ja sogar mitten in einer Urlaubsregion. Menschen fahren stundenlang hierher, buchen Hotels, studieren Wanderführer und machen Fotos von genau den Wegen, an denen wir im Alltag achtlos vorbeifahren. Und wir? Denken oft: „Ach, können wir ja irgendwann mal machen.“ Wenn wir mal Zeit haben.

Gestern war dieses „irgendwann“. Wir haben einen wunderschönen Traufweg ausgesucht. Mit spektakulären Ausblicken, einer Hängebrücke und genau der Sorte Landschaft, bei der man sich fragt, warum man dafür eigentlich nicht jedes Wochenende die Wanderschuhe anzieht. Wir haben sogar noch Geocaches gefunden, die wir gar nicht gesucht hatten und die Freude an der Schatzsuche wiederentdeckt.

Natürlich lief nicht alles nach Plan. Ich war nämlich der festen Überzeugung, den Weg zu kennen. Spoiler: Tat ich nicht. Irgendwann standen wir an einer Gabelung, an der ich mit bemerkenswerter Überzeugung in die falsche Richtung marschierte. Mein Mann, der keinen Plan vom richtigen Weg hatte, hätte spontan den richtigen ausgesucht, aber wer kann denn bitte mitten im Wald ahnen, dass er EINMAL Recht hätte… Erst nach einer kleinen Extrarunde – nennen wir sie „landschaftliche Erweiterung“ – fiel uns auf, dass wir vielleicht doch nicht mehr ganz auf dem offiziellen Weg waren. Es waren gar keine fünf, sondern acht Kilometer am Schluss, also immer noch ein verlängerter Spaziergang. Und sind wir ehrlich: Ist es überhaupt ein richtiger Sonntagsausflug, wenn sich niemand mindestens einmal verläuft?

Am Ende sind wir natürlich angekommen. Mit ein paar Kilometern mehr in den Beinen, dafür aber auch mit jeder Menge zu lachen. Und genau das ist es doch. Es geht gar nicht darum, die spektakulärste Tour zu machen oder möglichst viele Höhenmeter zu sammeln. Es geht darum, rauszukommen. Den Kopf freizubekommen. Gemeinsam etwas zu erleben, das nichts mit Wäsche, Einkauf oder der To-do-Liste zu tun hat. Schöne Momente zu teilen. Plötzlich schmeckt das Eis danach besser. Der Kaffee auf der Terrasse fühlte sich sehr verdient an.

Und der Sonntag ist nicht einfach nur der Tag vor Montag. Er wird zu einem kleinen Kurzurlaub. Vielleicht liegt das Geheimnis gar nicht darin, öfter wegzufahren. Sondern öfter so zu leben, als wären wir schon da.

Und falls ihr – so wie ich – zwischendurch den falschen Weg einschlagt: Keine Sorge. Solange die Aussicht schön ist und alle am Ende wieder nach Hause finden, zählt das einfach zum Abenteuer. Ich jedenfalls bin bereit, dem Sonntagsausflug seinen guten Ruf zurückzugeben. Ohne Thermoskanne. Wobei… gegen Kaffee und Kuchen im Rucksack hätte ich eigentlich auch nichts einzuwenden.

Von unbestellten Systemupdates, dem vergessenen Reis und der Erklärung, warum der liebe Gott ein Mann ist

Neulich im Hause L., mitten in der Nacht. Ich mache meine Augen auf. Gucke in die Dunkelheit. Dann auf meine Uhr. 2:57 Uhr. Ich bin wach. Nicht, weil irgendwas war. Kein Kind hatte Albträume, keine Klospülung, kein Geräusch im Haus. Ich wache einfach auf, liege da, scanne einmal innerlich durch: Lebe ich noch? Ja. Alle anderen? Offenbar auch. Tut was weh? Nein. Gut. Dann kann ich ja wieder einschlafen.

Das funktioniert meistens erstaunlich gut. Trotzdem frage ich mich inzwischen, warum mein Körper beschlossen hat, jede Nacht einen kleinen Sicherheitsrundgang einzulegen. Und ja, ich weiß, man soll Symptome nicht googeln. Aber Google sagt: Willkommen in der Perimenopause. Bestellt hab ich das jedenfalls nicht.

Man merkt ja selbst irgendwann: Irgendwas verändert sich. Nicht dramatisch. Nicht so, dass man morgens aufwacht und denkt: „Aha, ab heute bin ich alt.“ Eher wie ein Software-Update, das nachts ungefragt installiert wurde. Plötzlich laufen Programme anders. Und manche gar nicht mehr.

Zum Beispiel mein Kurzzeitgedächtnis. Brainfog, it’s a thing. Ich gehe in einen Raum und weiß nicht mehr, warum. Ich drehe mich in der Küche in Richtung Kühlschrank, hebe die Hand zum Griff und denke …“äh…. was wollte ich?“ Ich nehme mir beim Zähneputzen fest vor: „Direkt danach nimmst du noch dein Omega-3.“ Ich spucke die Zahnpasta aus, schaue aus dem Fenster, wische das Waschbecken sauber – und irgendwann am Nachmittag denke ich: Ach. Stimmt.

Mein persönlicher Favorit war allerdings die Zucchini-Reis-Pfanne. Ein Rezept, das ich seit Jahren koche. Ich habe Zucchini geschnibbelt, Zwiebeln angebraten, Gewürze abgestimmt, den Feta gewürfelt, alles liebevoll gekocht. Wir setzen uns an den Tisch, ich nehme den ersten Bissen und denke: Interessant. Wo ist eigentlich der Reis? Er lag ungekocht neben dem Herd. Ich hab ihn einfach vergessen. Details.

Das Faszinierende ist allerdings: Wirklich weg sind diese Gedanken gar nicht. Sie verstecken sich nur. Während ich morgens mit Fragezeichen im Gesicht am Kühlschrank stehe, fällt mir das Vergessene mitten in einer Redaktionskonferenz wieder ein. Ohne Zusammenhang. Ohne Vorwarnung. Mein Gehirn spielt inzwischen offenbar Bingo. Omega 3! Bittegerne.

Und dann sind da plötzlich die Gelenke. Mein Ilio-Sakral-Gelenk scheint morgens aufzuwachen und sich zu überlegen, wer es heute sein möchte. Montag: unauffällig. Dienstag: beleidigt. Mittwoch: 86 Jahre alt. Donnerstag: war was? Dazu melden sich gelegentlich meine Fingergelenke. Einfach so. Ohne Anlass. Random. Wenn ich etwas Schweres trage oder etwas gar nicht mal so Schweres, spüre ich die Gelenke im Ringfinger. Spezifisch: die Mittleren. Wenn ich im Sport 15 Sekunden an der Klimmzugstange hänge, spüre ich nichts. Auch nicht danach.

Das Schöne ist: So rätselhaft das alles manchmal ist – nicht jede Veränderung ist schlecht. Ganz im Gegenteil. Ich merke, dass ich immer weniger Lust auf faule Kompromisse habe. Früher habe ich oft versucht, deeskalierend zu wirken. Harmonie um jeden Preis. Hauptsache, niemand fühlt sich unwohl. Heute denke ich häufiger: Nö. Dann scheppert’s halt. Nicht aus Boshaftigkeit. Sondern weil ich gelernt habe, dass ständiges Rücksichtnehmen erstaunlich oft auf Kosten der eigenen Energie geht.

Ich sage schneller, was ich denke. Ich diskutiere Dinge aus. Manchmal lasse ich sie auch einfach eskalieren, statt reflexartig alle wieder einzufangen. Und wisst ihr was? Die Welt geht davon erstaunlich selten unter. Vielleicht ist das das eigentliche Geschenk der Perimenopause. Nicht das nächtliche Wachliegen. Nicht die Zucchini-Reis-ohne-Reis-Pfanne. Nicht das spontane Gelenkelotto. Sondern die Erkenntnis, dass man nicht mehr jede Rolle erfüllen muss, die andere einem zugedacht haben. Man wird vielleicht vergesslicher. Aber gleichzeitig erinnert man sich daran, wer man eigentlich ist.

Und zum Schluss noch eine steile, theologische Theorie: Falls es einen lieben Gott gibt, dann muss er ein Mann sein. Denn niemand sonst käme ernsthaft auf die Idee, die Töchter gleichzeitig in die Pubertät zu schicken, während ihre Mütter Richtung Wechseljahre unterwegs sind. What a ride.

Das kann sich wirklich nur jemand ausgedacht haben, der nie gleichzeitig mit K-Dramas, verhauenen Mathetests, Schlafstörungen und einer Zucchini-Reis-Pfanne ohne Reis jonglieren musste. Aber wie sagte meine Ärztin heute so schön: „Nehmen Sie es an und fokussieren Sie sich auf die guten Dinge.“ Diese Einstellung mag ich. Und jetzt mehm ich mein Omega 3. Aber sagt’s mir gerne morgen nochmal.