Wer glaubt, dass Lokaljournalisten hauptsächlich in Gemeinderatssitzungen herumhocken und fern von weltbewegenden Ereignissen ihren Job tun, hat manchmal Recht. Manchmal aber auch nicht. Denn oft genug tauchen wir ein in Geschehnisse und Schicksale, die vielleicht die Welt nicht bewegen. Sehr wohl aber die Welt desjenigen, der betroffen ist. Eine dieser Geschichten ist zu spannend, um sie nicht zu teilen. Denn manchmal sind Lokalredakteure auch Ermittler.
Ich hatte den Brand fast vergessen. Natürlich erinnerte ich mich an die Schlagzeilen. Eine Scheune war abgebrannt. Hoher Sachschaden. Feuerwehr, Polizei, Ermittlungen. Man ging nach ersten Erkenntnissen von Brandstiftung aus. Es war einer von den Bränden, die eine Woche lang durch die Presse gehen und dann in Vergessenheit geraten, sollten sich keine spektakulären Neuigkeiten ergeben. Die Welt, auch die kleine, dreht sich weiter.
Bis ein Jahr später eine Mail im Redaktionspostfach landete. Die betroffene Familie meldete sich mit einer Bitte. Ob wir den Fall noch einmal aufgreifen könnten. Ob wir noch einmal darüber schreiben könnten, mögliche Zeugen ermutigen könnten, sich doch noch zu melden. Denn einen Täter gab es nicht. Die Polizei hatte die Ermittlungen ohne Ergebnis eingestellt.
Aber die Angst der Familie, die von dem Brandanschlag überrascht worden ist, war geblieben. Also schrieb ich zurück. Ja, ich würde mir die Geschichte noch einmal anhören. Nicht nur die Brandnacht rekapitulieren, sondern das gesamte Jahr danach. Die Unsicherheit. Die Schlaflosigkeit.
Das Gefühl, dass irgendwo jemand frei herumläuft, der ihnen das alles angetan haben könnte.
Wer so etwas nicht erlebt hat, unterschätzt, was ein ungeklärtes Verbrechen mit Menschen macht.
Nicht das Feuer bleibt. Sondern die Fragen.
Wir trafen uns an der Brandruine, die noch genau so da lag wie an jenem Morgen im März des Vorjahres. Ich sah das verkohlte Gerippe, das die Flammen von der Holzhalle und dem angebauten Carport übrig gelassen hatten. Aber mehr noch spürte ich die Verzweiflung der Familie, die der Anblick der Trümmer ihres einstigen Freizeitgrundstücks aufwühlte. „Es kostet mich jedesmal Kraft, hier her zu kommen“, sagte der Vater der Familie. Ich schrieb die Geschichte, selbst in der Hoffnung, dass sich vielleicht doch noch ein Zeuge meldet. Manchmal braucht es Zeit. Manchmal erkennt jemand erst Monate später die Bedeutung einer Beobachtung. Ich wartete. Die Familie wartete. Es meldete sich niemand.
Eigentlich hätte die Geschichte dort enden müssen. Tat sie aber nicht. Denn immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich noch einmal die alte Polizeimeldung las. Die erste Berichterstattung zum Brand. Ich wollte wissen, ob ich etwas übersehen hatte und begann, mir dieselbe Frage zu stellen, wie die Familie: Wer war das? Und warum? Lokaljournalisten und Ermittler sind zwei einander gar nicht so ferne Berufe.
Und so wurde aus Neugier Recherche. Die erste Frage war naheliegend. Wer hatte es auf die Familie abgesehen? Der Vater ist lokalpolitisch engagiert. War das ein Motiv? Gab es Streit? Wir überlegten gemeinsam, er erinnerte sich an Begebenheiten aus der Vergangenheit, bei denen er im Rahmen seines Amts bei manchen angeeckt war. Aber reichte eine möglicherweise unbequeme kommunalpolitische Haltung aus, um viele Jahre später Opfer eines Brandanschlags zu werden? Mir erschien das unglaubwürdig. Auch an ein ausländerfeindliches Motiv – die Familie hat einen Migrationshintergrund, lebt allerdings seit vielen Jahrzehnten bestens integriert im Dorf – glaubte ich nicht so recht. Wohl wissend, dass es genügend Idioten auf der Welt gibt. Aber an irgendetwas muss man sich bei der Recherche ja entlang hangeln.
Eine Besonderheit des Falls sollte mich lange Zeit beschäftigen: Es gibt ein Video vom Brandanschlag, aufgenommen von einer Kamera an einem Nachbarhaus. Die Familie erzählte mir, dass man darauf schemenhaft ein Auto erkenne, das vorfährt. Und dann, wie sich jemand zwischen den Gebäudeteilen zu schaffen mache. „Und dann ging hinter ihm eine Flamme hoch wie im Actionfilm“ – so hatte es der Familienvater beschrieben. Eine Formulierung, über die ich einmal stolpern würde. Aber dazu später mehr.
Die Frage nach dem Motiv beschäftigte mich zunächst einige Zeit. Spielte womöglich das begehrte Grundstück eine Rolle? Diesen Verdacht hatte der Familienvater geäußert. Denn kurz nach dem Brand sei er von einem Anrufer mit unterdrückter Nummer gefragt worden, ob er bereit zum Verkauf der Fläche sei. Ich sprach mit Menschen. Ich hörte mir Gerüchte an. Gedanklich versuchte ich, mich nicht von einer fixen Idee leiten zu lassen. Es hat sich schon oft als wesentlich erwiesen, Dinge nicht als gegeben anzunehmen, nur weil jemand sagt, dass sie so sind. Und so dachte ich auch über Versicherungsbetrug nach, verwarf die Idee jedoch schnell. Lukrativ, das wusste ich irgendwann, wäre die Aktion nicht gewesen. Zudem schmerzte die Familie vor allem auch der ideelle Schaden.
Also weiter. Während meiner Recherche kristallisierte sich relativ schnell eine Person heraus, auf die mehrere Finger zeigten. Nicht, weil es Beweise gab. Sondern weil sie in das passte, was man landläufig ein Motiv nennt. Ich begann, dieser Spur zu folgen. Ich sprach wieder mit vielen Menschen, die mir ein recht eindeutiges Bild jenes Menschen zeichneten. Und irgendwann auch mit jemandem, der in der Nacht in jenem Gewerbegebiet gearbeitet hatte und einer derjenigen war, der einen Notruf abgesetzt hatte. Ich hatte mit ihm zunächst nur per Mail Kontakt gehabt. Um mich zu bedanken, rief ich ihn aber persönlich an. Wir kamen ins Plaudern. Er erzählte mir, er habe den Brand in der ersten Hektik beim Blick aus dem Fenster zunächst falsch verortet, auf einem anderen Grundstück nämlich. Und direkt nach der Leitstelle dessen Besitzer angerufen, nachts um halb vier. Man kennt sich.
Und irgendwann fiel der Satz, der mich von meinem Bürostuhl aufpringen ließ. „… ich sagte ihm, bei Dir brennt es, aber da meinte er, nene, es brennt nicht bei mir“, erzählte er am Telefon. „Woher konnte er das nachts um halb vier am Telefon wissen?“, fragte ich irritiert. „Das … ja das weiß ich auch nicht“, antwortete er. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, ein Puzzlestück in der Hand zu halten.
Bis ich etwas herausfand, das meine ganze schöne Überzeugung wieder auf den Kopf stellte.
Fortsetzung folgt.
Nächstes Mal: Warum gerade ein seltenes Beweisstück einem Alibi gleichkommt …








