Neulich im Hause L., mitten in der Nacht. Ich mache meine Augen auf. Gucke in die Dunkelheit. Dann auf meine Uhr. 2:57 Uhr. Ich bin wach. Nicht, weil irgendwas war. Kein Kind hatte Albträume, keine Klospülung, kein Geräusch im Haus. Ich wache einfach auf, liege da, scanne einmal innerlich durch: Lebe ich noch? Ja. Alle anderen? Offenbar auch. Tut was weh? Nein. Gut. Dann kann ich ja wieder einschlafen.
Das funktioniert meistens erstaunlich gut. Trotzdem frage ich mich inzwischen, warum mein Körper beschlossen hat, jede Nacht einen kleinen Sicherheitsrundgang einzulegen. Und ja, ich weiß, man soll Symptome nicht googeln. Aber Google sagt: Willkommen in der Perimenopause. Bestellt hab ich das jedenfalls nicht.
Man merkt ja selbst irgendwann: Irgendwas verändert sich. Nicht dramatisch. Nicht so, dass man morgens aufwacht und denkt: „Aha, ab heute bin ich alt.“ Eher wie ein Software-Update, das nachts ungefragt installiert wurde. Plötzlich laufen Programme anders. Und manche gar nicht mehr.
Zum Beispiel mein Kurzzeitgedächtnis. Brainfog, it’s a thing. Ich gehe in einen Raum und weiß nicht mehr, warum. Ich drehe mich in der Küche in Richtung Kühlschrank, hebe die Hand zum Griff und denke …“äh…. was wollte ich?“ Ich nehme mir beim Zähneputzen fest vor: „Direkt danach nimmst du noch dein Omega-3.“ Ich spucke die Zahnpasta aus, schaue aus dem Fenster, wische das Waschbecken sauber – und irgendwann am Nachmittag denke ich: Ach. Stimmt.
Mein persönlicher Favorit war allerdings die Zucchini-Reis-Pfanne. Ein Rezept, das ich seit Jahren koche. Ich habe Zucchini geschnibbelt, Zwiebeln angebraten, Gewürze abgestimmt, den Feta gewürfelt, alles liebevoll gekocht. Wir setzen uns an den Tisch, ich nehme den ersten Bissen und denke: Interessant. Wo ist eigentlich der Reis? Er lag ungekocht neben dem Herd. Ich hab ihn einfach vergessen. Details.
Das Faszinierende ist allerdings: Wirklich weg sind diese Gedanken gar nicht. Sie verstecken sich nur. Während ich morgens mit Fragezeichen im Gesicht am Kühlschrank stehe, fällt mir das Vergessene mitten in einer Redaktionskonferenz wieder ein. Ohne Zusammenhang. Ohne Vorwarnung. Mein Gehirn spielt inzwischen offenbar Bingo. Omega 3! Bittegerne.
Und dann sind da plötzlich die Gelenke. Mein Ilio-Sakral-Gelenk scheint morgens aufzuwachen und sich zu überlegen, wer es heute sein möchte. Montag: unauffällig. Dienstag: beleidigt. Mittwoch: 86 Jahre alt. Donnerstag: war was? Dazu melden sich gelegentlich meine Fingergelenke. Einfach so. Ohne Anlass. Random. Wenn ich etwas Schweres trage oder etwas gar nicht mal so Schweres, spüre ich die Gelenke im Ringfinger. Spezifisch: die Mittleren. Wenn ich im Sport 15 Sekunden an der Klimmzugstange hänge, spüre ich nichts. Auch nicht danach.
Das Schöne ist: So rätselhaft das alles manchmal ist – nicht jede Veränderung ist schlecht. Ganz im Gegenteil. Ich merke, dass ich immer weniger Lust auf faule Kompromisse habe. Früher habe ich oft versucht, deeskalierend zu wirken. Harmonie um jeden Preis. Hauptsache, niemand fühlt sich unwohl. Heute denke ich häufiger: Nö. Dann scheppert’s halt. Nicht aus Boshaftigkeit. Sondern weil ich gelernt habe, dass ständiges Rücksichtnehmen erstaunlich oft auf Kosten der eigenen Energie geht.
Ich sage schneller, was ich denke. Ich diskutiere Dinge aus. Manchmal lasse ich sie auch einfach eskalieren, statt reflexartig alle wieder einzufangen. Und wisst ihr was? Die Welt geht davon erstaunlich selten unter. Vielleicht ist das das eigentliche Geschenk der Perimenopause. Nicht das nächtliche Wachliegen. Nicht die Zucchini-Reis-ohne-Reis-Pfanne. Nicht das spontane Gelenkelotto. Sondern die Erkenntnis, dass man nicht mehr jede Rolle erfüllen muss, die andere einem zugedacht haben. Man wird vielleicht vergesslicher. Aber gleichzeitig erinnert man sich daran, wer man eigentlich ist.
Und zum Schluss noch eine steile, theologische Theorie: Falls es einen lieben Gott gibt, dann muss er ein Mann sein. Denn niemand sonst käme ernsthaft auf die Idee, die Töchter gleichzeitig in die Pubertät zu schicken, während ihre Mütter Richtung Wechseljahre unterwegs sind. What a ride.
Das kann sich wirklich nur jemand ausgedacht haben, der nie gleichzeitig mit K-Dramas, verhauenen Mathetests, Schlafstörungen und einer Zucchini-Reis-Pfanne ohne Reis jonglieren musste. Aber wie sagte meine Ärztin heute so schön: „Nehmen Sie es an und fokussieren Sie sich auf die guten Dinge.“ Diese Einstellung mag ich. Und jetzt mehm ich mein Omega 3. Aber sagt’s mir gerne morgen nochmal.

