Ich finde, der Sonntagsausflug hat ein echtes Imageproblem. Das Wort klingt ein bisschen nach den 90ern. Nach Thermoskanne, hartgekochten Eiern, Funktionsjacken in Beige und Eltern, die sagen: „Jetzt wird aber gewandert, da gibt’s nichts zu diskutieren.“ (Wir haben nicht diskutiert, die augenrollende Teenietochter einfach daheim gelassen, ain’t nobody got time for „wieweitissesdennnooooch“)
Dabei ist der Sonntagsausflug eigentlich völlig unterschätzt. Denn mal ehrlich: Wir warten ständig auf den nächsten Urlaub. Zählen die Wochen bis zu den Sommerferien, träumen von Bergen, Seen oder dem Meer und vergessen dabei, dass wir jeden Sonntag einen kleinen Urlaubstag geschenkt bekommen.
Man muss ihn nur nutzen. Wir wohnen ja sogar mitten in einer Urlaubsregion. Menschen fahren stundenlang hierher, buchen Hotels, studieren Wanderführer und machen Fotos von genau den Wegen, an denen wir im Alltag achtlos vorbeifahren. Und wir? Denken oft: „Ach, können wir ja irgendwann mal machen.“ Wenn wir mal Zeit haben.
Gestern war dieses „irgendwann“. Wir haben einen wunderschönen Traufweg ausgesucht. Mit spektakulären Ausblicken, einer Hängebrücke und genau der Sorte Landschaft, bei der man sich fragt, warum man dafür eigentlich nicht jedes Wochenende die Wanderschuhe anzieht. Wir haben sogar noch Geocaches gefunden, die wir gar nicht gesucht hatten und die Freude an der Schatzsuche wiederentdeckt.
Natürlich lief nicht alles nach Plan. Ich war nämlich der festen Überzeugung, den Weg zu kennen. Spoiler: Tat ich nicht. Irgendwann standen wir an einer Gabelung, an der ich mit bemerkenswerter Überzeugung in die falsche Richtung marschierte. Mein Mann, der keinen Plan vom richtigen Weg hatte, hätte spontan den richtigen ausgesucht, aber wer kann denn bitte mitten im Wald ahnen, dass er EINMAL Recht hätte… Erst nach einer kleinen Extrarunde – nennen wir sie „landschaftliche Erweiterung“ – fiel uns auf, dass wir vielleicht doch nicht mehr ganz auf dem offiziellen Weg waren. Es waren gar keine fünf, sondern acht Kilometer am Schluss, also immer noch ein verlängerter Spaziergang. Und sind wir ehrlich: Ist es überhaupt ein richtiger Sonntagsausflug, wenn sich niemand mindestens einmal verläuft?
Am Ende sind wir natürlich angekommen. Mit ein paar Kilometern mehr in den Beinen, dafür aber auch mit jeder Menge zu lachen. Und genau das ist es doch. Es geht gar nicht darum, die spektakulärste Tour zu machen oder möglichst viele Höhenmeter zu sammeln. Es geht darum, rauszukommen. Den Kopf freizubekommen. Gemeinsam etwas zu erleben, das nichts mit Wäsche, Einkauf oder der To-do-Liste zu tun hat. Schöne Momente zu teilen. Plötzlich schmeckt das Eis danach besser. Der Kaffee auf der Terrasse fühlte sich sehr verdient an.
Und der Sonntag ist nicht einfach nur der Tag vor Montag. Er wird zu einem kleinen Kurzurlaub. Vielleicht liegt das Geheimnis gar nicht darin, öfter wegzufahren. Sondern öfter so zu leben, als wären wir schon da.
Und falls ihr – so wie ich – zwischendurch den falschen Weg einschlagt: Keine Sorge. Solange die Aussicht schön ist und alle am Ende wieder nach Hause finden, zählt das einfach zum Abenteuer. Ich jedenfalls bin bereit, dem Sonntagsausflug seinen guten Ruf zurückzugeben. Ohne Thermoskanne. Wobei… gegen Kaffee und Kuchen im Rucksack hätte ich eigentlich auch nichts einzuwenden.
