
Ich weiß nicht, ob’s nur mir so geht. Aber früher hatte mein Gehirn einen Schreibtisch. Früher, als ich noch mein eigenes bescheidenes Leben zu managen hatte. Mit 13. Heute hat es einen Browser. Mit ungefähr 147 geöffneten Tabs. Mindestens die Hälfte ist eingefroren und hängt. Mental Load nennt es die Fachwelt.
Neulich stand ich in der Küche und öffnete den Kühlschrank. Ich schaute hinein. Lange. Nicht, weil ich Hunger hatte. Sondern weil ich offenbar hoffte, der Kühlschrank würde mir verraten, warum ich überhaupt dort stand. Tat er nicht. Der Käse wusste es auch nicht.
Ich schloss die Tür wieder und ging zurück ins Wohnzimmer. Dort fiel es mir ein.
Ich wollte mir eine Geleebanane holen. Aber mein Gehirn hatte den Tab schon geschlossen, bevor ich in der Küche war.
Manchmal fühlt sich mein Kopf an wie ein Computer, auf dem im Hintergrund viel zu viele Programme laufen. Gerne mitten in einer anderen Tätigkeit.
Tab 1: Habe ich eigentlich die Waschmaschine angemacht?
Tab 2: Nächste Woche braucht das Kind Sportsachen.
Tab 3: Ich muss unbedingt Omega 3 nachbestellen.
Tab 4: Oder hab ich das schon?
Tab 5: Warum bin ich eigentlich hier?
Tab 6: Ach, stimmt… Geleebanane.
Und während ich versuche, Tab 3 zu schließen, öffnet mein Gehirn ungefragt ein neues Fenster: „Weißt du noch 1996, als du im Englischunterricht ’sheet‘ falsch ausgesprochen hast?“
Vielen Dank. Wirklich hilfreich.
Das Gemeine ist: Nichts davon ist wirklich weg. Es ist nur… schlecht sortiert. Mein Gehirn arbeitet inzwischen nach dem Überraschungsprinzip. Ich suche morgens meine Kopfhörer. Stattdessen fällt mir ein, dass ich vor drei Tagen vergessen habe, auf eine WhatsApp zu antworten. Also suche ich mein Handy. Laufe an den Kopfhörern vorbei. Finde das Handy. Lese zwei whatsapp-Nachrichten. Der Mann schlägt vor, am Wochenende zu Grillen. Ich gehe in die Küche und suche den Einkaufszettel. Zwischendurch erinnere ich mich plötzlich an den Namen der Erzieherin aus dem Kindergarten meiner Tochter. Von 2016. Den Einkaufszettel finde ich trotzdem nicht. Und warum habe ich die ganze Zeit meine Kopfhörer in der Hand?
Neulich fiel mir beim Duschen plötzlich ein, dass ich noch den Zahnarzttermin absagen muss. Warum beim Duschen?Keine Ahnung. Mein Gehirn scheint inzwischen feste Sendezeiten zu haben.
Wichtige Erinnerungen kommen unter der Dusche, nachts um 3:08 Uhr, mitten in einer Redaktionskonferenz, genau in dem Moment, in dem ich keine Hände frei habe.
Nie dann, wenn ich tatsächlich etwas erledigen könnte. Oder wenigstens aufschreiben.
Und dann ist da noch dieser wunderschöne Moment, wenn jemand mitten in meinen Gedankengang platzt.
„Kann ich dich kurz was fragen?“ Nein. Also ja. Aber mein Gehirn war gerade dabei, den Tab „Versicherungsunterlagen sichten“, „Blumen gießen“ und „Warum heißt es eigentlich Gänsehaut?“ zu sortieren. Wenn du jetzt dazwischenfunkst, muss ich gleich wieder ganz von vorne anfangen. Und ich komm nicht mehr drauf, wo das alles angefangen hat.
Ich glaube übrigens, Männer unterschätzen manchmal, was Mental Load eigentlich bedeutet. Sie denken, wir hätten einfach viel im Kopf. Nein. Wir betreiben im Hintergrund ein mittelständisches Unternehmen. Mit mehreren Abteilungen. Logistik. Personal. Einkauf. Terminplanung. Beschwerdemanagement.
Ernährungsberatung. Eventorganisation.
IT. Und Kundenservice. Alles in Personalunion. Ohne Feierabend.
Das Verrückte ist: Nach außen sieht man davon fast nichts. Man sieht nur eine Frau, die einen Raum betritt und plötzlich stehen bleibt. Wie ein unbeschäftigtes SIMS. Dabei versucht sie lediglich herauszufinden, welcher der 147 Tabs sie eigentlich hierhergeführt hat.
Neulich sagte jemand zu mir: „Du musst einfach mal abschalten.“ Ich musste lachen. Mein Gehirn ist wie dieser eine Laptop, der seit sechs Jahren nicht mehr neu gestartet wurde. Da läuft alles gleichzeitig. Irgendwo ist garantiert noch ein Word-Dokument von 2019 geöffnet. Zwei Updates warten auf Installation. Und irgendein Prozess verbraucht 94 Prozent Arbeitsspeicher, ohne dass jemand weiß, welcher.
Vielleicht ist das tatsächlich das Älterwerden. Nicht, dass man vergesslich wird. Sondern dass das Gehirn irgendwann beschließt, Informationen nach einem völlig eigenen Ordnungssystem zu filtern und abzulegen. Eines, das ausschließlich ihm selbst bekannt ist. Und manchmal nicht einmal das. Inzwischen rege ich mich darüber gar nicht mehr so auf.
Ich schreibe mehr auf, um die Zettel danach zu verlegen. Ich stelle Erinnerungen ins Handy. Ich akzeptiere, dass ich manchmal drei Anläufe brauche, um das Ladekabel zu holen. Und wenn mir nachts um drei einfällt, dass ich noch Omega 3 bestellen wollte, denke ich inzwischen nur noch: „Schön, dass wir kurz gesprochen haben.“ Dann drehe ich mich um. Und hoffe, dass mein Gehirn wenigstens bis morgen früh keine neuen Tabs mehr öffnet. Die Chancen stehen allerdings ungefähr fünfzig zu fünfzig.
PS: Sie hieß Andrea. Darauf eine Geleebanane.
