
Ich glaube, ich habe verlernt, mich zu langweilen. In Ba-Wü haben (ENDLICH) die Sommerferien angefangen und das Kind lehrt mich, was Nichtstun heißt. „Hey du, was machst Du grade?“, frage ich und strecke den Kopf zur Zimmertür hinein. „Was soll ich machen? Nichts“, sagt die Tochter und ich glaube ihr aufs Wort. Vielleicht muss ich auch wieder lernen, nichts zu tun. Mich zu langweilen gar.
Nicht dieses pädagogisch wertvolle „Ich mache jetzt bewusst einen Digital Detox und praktiziere achtsames Nichtstun“-Langeweile-Ding. Das wäre ja schon wieder ein Projekt. Ich meine richtige Langeweile. Die Sorte, bei der man irgendwo sitzt und nichts passiert.
Kein Podcast. Keine Serie. Kein Hörbuch. Kein Instagram. Kein „Ich könnte währenddessen noch schnell…“. Wäschekörbe leeren zum Beispiel, never ending story. Aber nein, einfach: nichts. Und ich habe den Verdacht, dass wir das verlernt haben. Auch, weil immer irgendwo im Haushalt Arbeit lauert.
Sogar beim Spazierengehen müssen wir inzwischen etwas lernen. Ich bin ja eigentlich ein großer Fan von Podcasts. Wissenspodcasts besonders. Ich finde es grundsätzlich großartig, dass man sich beim Autofahren, Kochen oder Aufräumen noch schnell erklären lassen kann, warum das Römische Reich untergegangen ist, wie unser Darm funktioniert oder weshalb wir alle Bindungsangst haben. Man kann praktisch keinen Haushalt mehr erledigen, ohne nebenbei ein kleines Studium zu absolvieren.

Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem wir auch beim Spazierengehen denken: Dann könnte ich ja wenigstens noch etwas Sinnvolles hören. Also Kopfhörer auf. Und dann marschiere ich durch den Wald und lerne dabei, wie man sein Nervensystem reguliert. Dabei hätte mein Nervensystem vermutlich gerade gern etwas ganz anderes: Ruhe.
Vielleicht möchte es einfach den Wind in den Blättern hören. Ein Rotkehlchen. Das Knirschen der Schuhe auf dem Weg. Vielleicht sogar – ich wage es kaum zu sagen – die eigenen Gedanken. Und wahrnehmen, wie grün die Blätter im Sonnenschein leuchten. Wie die Kugeldisteln im Wind schaukeln und sich fragen, ob den Hummeln darauf nicht übel wird. Stattdessen haben wir, ich nehme mich nicht aus, aus Freizeit eine zweite Schicht gemacht. Das Verrückte ist: Wir haben inzwischen sogar für unsere Freizeit eine Produktivitätslogik entwickelt.
Wir machen Sport, um fitter zu werden. Wir gehen spazieren, um Schritte zu sammeln. Wir lesen, um etwas zu lernen. Wir kochen, um uns gesund zu ernähren. Wir meditieren, um entspannter zu werden. Wir treffen Freunde, um soziale Kontakte zu pflegen. Wir fahren in den Urlaub, um uns zu erholen. Und wenn wir dann endlich einmal zwei Stunden vollkommen frei haben, kommt zuverlässig dieser kleine Gedanke:
„Was könnte ich denn jetzt machen?“ Ich kenne ihn. Sehr gut sogar.
Man könnte den Balkon noch hübscher machen. Die Schublade ausmisten. Ein Rezept ausprobieren.
Fotos sortieren. Den Blogartikel anfangen. Eine Runde laufen. Der Schritte wegen. Eine pädagogisch wertvolle Serie schauen. Ein Hörbuch hören. Etwas recherchieren. Oder man könnte einfach auf dem Sofa liegen. Oder auf der Gartenliege. Was erstaunlich schwer geworden ist.

Dabei ist ein zweistündiger Mittagsschlaf kein Charakterfehler. Ich finde, wir sollten ihn rehabilitieren. Nicht den Powernap. Nicht 20 Minuten Augen zu, damit man danach wieder leistungsfähig ist. Ich meine einen ordentlichen Zwei-Stunden-Nap. Einen, nach dem man kurz nicht weiß, welcher Wochentag ist.
Einen, bei dem man aufwacht, die Sonne steht woanders und man braucht einen Moment, um sich daran zu erinnern, welche Aufgaben man gerade erfolgreich vermieden hat. Und dann liegt man da und denkt:
Huch. Das war schön.

Und vor allem: Es war zu nichts gut. Man ist danach nicht produktiver. Vielleicht sogar im Gegenteil. Man hat nichts gelernt, keinen Schritt gesammelt, keine Schublade sortiert, keine Kalorien verbrannt und keinen persönlichen Entwicklungsprozess abgeschlossen. Man hat geschlafen. Mitten am Tag. Weil man es kann. Das reicht. Vielleicht müssen wir uns wieder daran gewöhnen, dass nicht jede freie Stunde einen Mehrwert erzeugen muss. Achtsamkeit ohne Räucherstäbchen.
Alle Welt redet von Achtsamkeit. Wir sollen im Hier und Jetzt sein. Den Moment bewusst wahrnehmen. Unsere Umgebung beobachten. Atmen. Spüren. Entschleunigen. Und dann suchen wir uns einen Podcast über Achtsamkeit und hören ihn beim Spaziergang. Ich finde das inzwischen fast rührend. Wir müssen offenbar sogar erstmal lernen, wie man anwesend ist. Dabei ist Achtsamkeit möglicherweise viel weniger kompliziert. Vielleicht ist Achtsamkeit manchmal einfach: Ich gehe durch den Wald und höre Vögel. Nicht: Vögel plus Podcast über die neurologischen Vorteile des Waldbadens. Nur Vögel.
Vielleicht ist das Gehirn irgendwann dankbar, wenn ihm niemand erklärt, was gerade passiert. Vielleicht muss ich nicht wissen, welcher Vogel da singt. Vielleicht muss ich nicht einmal besonders aufmerksam zuhören. Vielleicht reicht es, dass da irgendwo etwas zwitschert und ich es höre. Langeweile ist kein Loch, das gefüllt werden muss. Ich glaube, wir haben uns daran gewöhnt, jedes kleine Vakuum sofort zu stopfen. Warten an der Kasse? Handy. Warten beim Arzt? Handy. Im Auto an der roten Ampel? Handy. Im Zug? Kopfhörer. Spazierengehen? Podcast. Kochen? Musik oder Serie. Putzen? Hörbuch.
Und selbst wenn wir uns aufs Sofa setzen, haben wir das Gefühl, jetzt müsse aber bitte etwas passieren. Fernsehen und Handy gleichzeitig. Völlig banane irgendwie. Vielleicht brauchen wir aber genau diese kleinen Löcher. Denn Langeweile hat etwas, das Unterhaltung nicht hat: Sie lässt Platz.

Für Gedanken, die nicht bestellt wurden. Für Erinnerungen. Für Ideen. Für völlig sinnlosen Blödsinn. Für gar nichts. Mein Hirn defragmentiert, reinigt sich, wenn ich einfach nur da sitze. Und atme. Und vielleicht entstehen genau dort manchmal die besten Gedanken. Nicht, wenn man sich hinsetzt und sagt: So. Jetzt denke ich über mein Leben nach. Sondern beim Blick aus dem Fenster. Beim Duschen. Beim Warten. Beim ziellosen Herumliegen. Beim Spazierengehen ohne Kopfhörer.
Freizeit muss nicht sinnvoll sein. Ich möchte deshalb in nächster Zeit versuchen, mir wieder mehr unproduktive Zeit zu erlauben. Nicht als neues Projekt. Das wäre ja schon wieder absurd. Ich möchte spazieren gehen, ohne etwas zu hören. Ich möchte mich auf eine Bank setzen und nicht automatisch zum Handy greifen. Ich möchte einen Nachmittag verschlafen können, ohne mir danach vorzuwerfen, dass ich ihn „verloren“ habe. Ich möchte manchmal kochen und dabei nur das Messer auf dem Brett hören.
Ich möchte aus dem Fenster schauen. Ich möchte mich langweilen. Und vielleicht sogar feststellen, dass mir langweilig ist, ohne sofort etwas dagegen zu unternehmen. Denn vielleicht ist das die eigentliche Form von Achtsamkeit: Nicht jeden Moment besser oder produktiver machen zu wollen. Nicht jeden freien Nachmittag mit einem Projekt zu füllen. Nicht aus jedem Spaziergang eine Bildungsreise zu machen. Nicht aus jedem Mittagsschlaf einen Powernap. Nicht aus jedem Hobby eine Fähigkeit. Und nicht aus meinem Leben ein Optimierungsprojekt.
Manchmal darf ein Tag einfach vorbeiziehen. Ein Vogel zwitschert. Die Sonne wandert über die Wand. Man schläft zwei Stunden. Und hat danach keine Ahnung, was man eigentlich gemacht hat. Vielleicht war genau das der Sinn. Ich wünsche Euch ein langweiliges Wochenende. 😉