Vom geistigen Türsteher und dem Konsumstop meines Hirns – Trüb und Grau muss draußen bleiben

Ich bin 46. Und mache mir hin und wieder Gedanken darüber, wie gut es ist, nicht mehr jünger zu sein. Wenn ich meinem 26-jährigen Ich heute einmal gegenübersitzen könnte, würde ich ihr wahrscheinlich erst einmal sagen, dass sie sich entspannen soll. Sie muss nicht alles verstehen. Nicht jeden Menschen. Nicht jede Bemerkung. Nicht jede schlechte Stimmung. Nicht jeden Konflikt. Und vor allem muss sie nicht alles mit nach Hause nehmen. Damals hätte ich das vermutlich für einen ziemlich esoterischen Satz gehalten. Heute halte ich es für eine der wichtigsten Lektionen, die ich gelernt habe.

Wir reden viel darüber, was wir unserem Körper zuführen. Du bist, was du isst. Wir achten auf Zucker, Alkohol, Zusatzstoffe, Herkunft und Qualität. Wir kaufen Kleidung bewusster, überlegen, ob wir etwas wirklich brauchen, und machen uns Gedanken darüber, was unser Konsum mit der Umwelt macht. Aber über unseren geistigen Fußabdruck reden wir erstaunlich wenig. Dabei kann auch der krank machen.

Liebes 26-jähriges Ich, du musst nicht alles in dich hineinlassen, das gilt übrigens für alle anderen auch. Du wirst noch viele Menschen treffen, die schlecht gelaunt sind. Menschen, die unfair sind. Menschen, die lästern. Menschen, die ihre Unsicherheit hinter Lautstärke verstecken. Menschen, die ihre schlechte Stimmung an anderen abladen. Und, das ist das eigentliche Problem, du wirst eine ganze Weile glauben, dass du damit umgehen musst. Dass du verstehen musst, warum jemand so ist. Dass du die Situation analysieren musst. Dass du vielleicht etwas falsch gemacht hast. Dass du eine Lösung finden solltest.

Ich sag Dir was: Nein. Manchmal ist jemand einfach schwierig. Und manchmal hat ein Mensch einen schlechten Tag, der nicht deiner werden muss. Das hätte ich gern früher gewusst. Nicht jede Stimmung, die einen Raum betritt, muss auch in dir einziehen. Ich hätte meinem 26-jährigen Ich auch gern gesagt, dass ein Arbeitstag irgendwann vorbei ist. Meinem 36-jährigen Ich übrigens sicherheitshalber nochmal. Nicht alles muss auf dem Heimweg noch einmal durchgekaut werden. Dieses Gespräch. Dieser Satz. Diese Ungerechtigkeit. Diese Kollegin. Dieser Chef. Was hätte ich sagen können? Was hätte ich sagen sollen? Warum hat er das gemacht? Warum ist sie so? Warum habe ich nicht sofort reagiert?

Ich kenne diese Gedankenschleifen. Wahrscheinlich kennen wir sie alle. Und natürlich gibt es Situationen, die man verarbeiten muss. Dinge, die einen wirklich beschäftigen. Probleme, die eine Lösung brauchen. Aber es gibt auch den ganz normalen Büroärger. Und den darf man manchmal einfach dort lassen. Laptop zu. Tür zu. Feierabend. Nicht jeder Konflikt braucht um 22.30 Uhr noch eine interne Untersuchungskommission. Und glaubt mir, seitdem ich das so richtig verinnerlicht habe, bin ich jede neue Woche froh über den Notizzettel, den ich mir selbst im PC hinterlasse. Weil alle Bürothemen übers Wochenende so weit weg sind, dass jeder Dienstag ein kleiner Neustart ist.

Büroärger ist wohl das plakativste Beispiel, aber es gibt noch viel subtilere Dinge. Ich würde ihr zum Beispiel auch den Rat geben, nicht jeden Film zu Ende zu schauen. Auch das gilt heute noch und für jeden. Wenn ein Film dir ein ungutes Gefühl macht: Mach ihn aus. Wenn ein Buch dich nach jeder Seite bedrückt: Leg es weg. Wenn ein Account auf Instagram dich nach fünf Minuten kleiner, hässlicher, ärgerlicher oder unzufriedener macht: Entfolge ihm. Du bist niemandem etwas schuldig. Nicht dem Regisseur. Nicht dem Autor. Nicht dem Algorithmus. Und auch nicht diesem hochgelobten Roman, den alle Welt für ein Meisterwerk hält. Nur deinem Seelenheil.

Du musst nichts konsumieren, nur weil es verfügbar ist. Das ist ein Gedanke, den ich heute sehr mag. Denn mit 26 dachte ich noch oft: Ich muss da durch. Mit 46 denke ich immer öfter: Warum eigentlich?

Doch bevor das jetzt nach rosafarbener Watte klingt: Das Leben darf natürlich unbequem sein. Ich möchte nicht nur Bücher lesen, die mich bestätigen, und nur Menschen zuhören, die meiner Meinung sind. Ich möchte Nachrichten lesen. Ich möchte mich mit Dingen auseinandersetzen, die schwierig sind. Das ist ein Großteil meines beruflichen Alltags und auch völlig gut so.

Ich möchte Filme sehen, die mich berühren. Ich möchte auch einmal widersprechen und mich ärgern und meine Meinung ändern. Aber es gibt einen Unterschied zwischen „Das fordert mich“ und „Das tut mir dauerhaft nicht gut.“ Den Unterschied habe ich mit 46 besser gelernt. Vielleicht, weil man irgendwann merkt, dass die eigene Aufmerksamkeit eine begrenzte Ressource ist. Und dass man sie nicht jedem und allem hinterherwerfen muss.

Liebes 26-jähriges Ich, du darfst auch einen Ort verlassen. Auch das hätte ich dir besonders gern früher gesagt. Wenn sich ein Ort dauerhaft falsch anfühlt, musst du nicht ewig herausfinden, warum. Trust your guts. Wenn du nach einem Treffen regelmäßig erschöpfter bist als vorher, darfst du die Häufigkeit reduzieren. Oder loslassen. Wenn ein Arbeitsplatz dich dauerhaft krank vor Anspannung macht, darfst du irgendwann gehen. Nein, musst Du gehen. Nicht sofort. Nicht impulsiv. Aber du darfst. Du musst nicht jeden Raum bis zum Ende aushalten, nur weil du einmal durch die Tür gegangen bist. Und manchmal weiß dein Körper längst Bescheid, während dein Kopf noch eine PowerPoint-Präsentation über die Vor- und Nachteile erstellt.

Heute weiß ich: Ruhe entsteht nicht durch Zähnezusammenbeißen, Aushalten, Durchstehen oder Meditation. Vielleicht ist das die Erkenntnis, die mich gerade am meisten beschäftigt. Vielleicht ist innere Ruhe manchmal viel banaler. Vielleicht bedeutet es einfach: Nicht noch etwas hineinlassen, was mir nicht guttut. Den inneren Türsteher mal ordentlich auf Schulung schicken, der muss schnell und streng sein. Geistiger Bullshit? Kommt hier nicht rein. Und wenn es so banal erscheint, wie ein Buch wegzulegen, das im immergrauen Norden spielt und wo depressive, desillusionierte Kommissare grausame Verbrecher jagen: Trüb und Grau soll draußen bleiben.

Es hilft auch, den Fernseher auszuschalten. Ja, die Welt brennt und nein, es ist mir nicht egal. Aber ich muss nicht immer live dabei sein. Ich muss nicht auf jede Nachricht antworten. Darf das Handy liegen lassen. Eine Diskussion beenden. Nach einem schwierigen Arbeitstag sagen: Darüber denke ich morgen nach. Oder gar nicht mehr. (Und manchmal zwei Stunden Mittagsschlaf machen, ohne daraus einen „Powernap“ zu machen, ha!)

Was ich meinem 26-jährigen Ich heute wirklich sagen möchte: Du musst nicht alles aushalten, um stark zu sein. Du musst nicht alles verstehen, um klug zu sein. Du musst nicht alles beantworten, um ein guter Mensch zu sein. Du musst nicht überall bleiben, nur weil du einmal angekommen bist. Und du musst nicht jeden Gedanken zu Ende denken. Manches darf einfach vorbeiziehen, aber nicht einziehen. Vielleicht ist das eine der schönsten Freiheiten, die das Älterwerden mit sich bringt: Ich weiß inzwischen, dass meine Aufmerksamkeit kostbar ist. Meine Zeit und Energie sowieso. Und deshalb möchte ich viel bewusster auswählen, was davon ich verschenke. Und an wen. Ich kann die Welt nicht leiser machen. Aber ich kann entscheiden, was ich in meine innere Wohnung lasse. Welche Menschen. Welche Gedanken. Welche Bilder. Welche Geschichten. Welche Nachrichten. Welche Stimmen. Und welche nicht.

Für mich ist das bewusster geistiger Konsumverzicht. Nicht Weltflucht. Nicht Gleichgültigkeit. Sondern die ziemlich erwachsene Erkenntnis: Ich muss nicht alles konsumieren, was mir angeboten wird. Und wenn ich meinem 26-jährigen Ich noch einen letzten Satz mitgeben dürfte, wäre es wahrscheinlich dieser: „Freu dich darauf, 46 zu werden. Älterwerden rockt.“

LaSignorina