
Gibt’s bei Euch „gute Teller“? In der Generation meiner Mama jedenfalls gibt es die. Die mit dem Goldrand. Die, die nur auf den Tisch kommen, wenn Besuch kommt. Die, die 95 Prozent des Jahres in einem Schrank stehen, der nur dann geöffnet wird, wenn es einen Anlass gibt.
Es gibt noch mehr dieser Schränke in unseren Häusern. Den mit den guten Tellern. Den mit den teuren Kerzen, die „zu schade zum Anzünden“ sind. Den mit dem Parfum, das nur zu besonderen Anlässen getragen wird. Den mit den Schuhen, die auf die nächste Hochzeit warten. Und irgendwo ganz hinten im Kleiderschrank liegt wahrscheinlich auch noch die Unterwäsche, die wir gekauft haben, weil wir uns darin wunderschön fühlen – und die wir dann doch nur für „besondere Gelegenheiten“ anziehen.
Ich frage mich inzwischen: Wann genau soll dieser besondere Anlass eigentlich sein? Teller sind dazu gemacht, um von ihnen zu essen. Warum sollten diese Teller auf Gäste warten? Warum sollten sie im Schrank stehen, bis jemand kommt, der wichtiger ist als wir? Ich glaube, viele von uns – und ich nehme mich da ausdrücklich nicht aus – haben gelernt, die schönen Dinge aufzuheben.
Für später. Für Besuch. Für Weihnachten. Für den Tag, an dem… Aber was, wenn der Tag längst da ist?
Was, wenn der Anlass ein ganz gewöhnlicher Dienstag ist? (Oder ein Samstag mit fünf übrig gebliebenen Kartoffeln?) Vielleicht ist das einer der größten Irrtümer unseres Erwachsenenlebens: dass wir glauben, Wertschätzung müsse immer nach außen gehen. Für die Gäste decken wir den Tisch besonders schön.
Für das Geburtstagsessen zünden wir die Kerzen an. Für die Feier tragen wir das Lieblingsparfum.

Und für uns selbst? Da reicht oft der schnelle Teller aus der Mikrowelle. Ich möchte das nicht.
Nicht, weil jeder Tag perfekt sein muss. Sondern weil jeder Tag ein Stück meines Lebens ist. Ich möchte die Schuhe tragen, die ich liebe. Das Parfum benutzen, das mich glücklich macht. Die schöne Tasse aus dem Schrank holen. Weil ich aufgehört habe, mein Leben in Alltag und besondere Anlässe einzuteilen.
Der Alltag ist mein Leben. Urlaub ist ein wunderbares Geschenk. Aber ich möchte nicht elf Monate warten, bis ich mir erlaube, Schönheit zu genießen. Ich möchte den Kräuterduft auf meinem Balkon wahrnehmen.
Das Abendlicht zwischen den Dachbalken. Den Kaffee aus meiner Lieblingstasse trinken. Kartoffelrösti auf den schönen Tellern essen. Nicht, weil das Leben immer leicht ist. Gerade deshalb, weil es NICHT immer leicht ist. Dann möchte ich nicht auch noch in vermackte alte Alltagstassen heulen. 😉
Das Leben ist kostbar. Vielleicht ist das mein neues Verständnis von Luxus. Nicht mehr besitzen. Sondern bewusster benutzen. Nicht mehr kaufen. Sondern mehr wertschätzen. Und vielleicht beginnt ein schönes Leben gar nicht mit einer Fernreise. Sondern mit der Entscheidung, heute den schönsten Teller aus dem Schrank zu holen. Einfach so. Weil heute der Anlass ist.