Meine Tochter ist 13. Und wenn ich sie heute frage, was sie später einmal werden möchte, dann lautet die Antwort ungefähr: etwas Handwerkliches. Etwas Praktisches. Etwas, bei dem man nicht den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt. Was genau, weiß sie noch nicht. Und das ist auch völlig in Ordnung. Neulich war es noch Försterin. Wäre auch ok,
Ich musste in ihrem Alter übrigens nicht lange überlegen. Ich wusste tatsächlich schon als Kind, dass ich Journalistin werden wollte. Damals hatte ich vermutlich keine besonders konkrete Vorstellung davon, was dieser Beruf einmal bedeuten würde. Ich wusste nur: Ich möchte schreiben, Geschichten erzählen, Menschen kennenlernen und herausfinden, was hinter den Dingen steckt. Heute weiß ich: Genau das ist es, was ich an meinem Beruf so liebe. Ich darf jeden alles fragen. Ich lebe meine persönliche Sendung-mit-der-Maus-Folge. Jeden Tag.
Meine typische Arbeitswoche lässt sich jedenfalls nur schwer in ein Genre pressen. Am Dienstag habe ich ziemlich viel Zeit am Schreibtisch verbracht. Recherchieren, telefonieren, Informationen zusammentragen, Texte schreiben – all das, was man sich vielleicht ganz klassisch unter Journalismus vorstellt.
Am Mittwoch sah mein Arbeitstag schon völlig anders aus. Morgens durfte ich einen Naturgarten besichtigen und mich anderthalb Stunden durch Stauden- und Kräuterbeete führen lassen. Ich habe Ringelnattern und Libellen gesehen und mich sehr nett mit der Gartenbesitzerin unterhalten.
Mittags wurde es dann wissenschaftlich und ein bisschen rätselhaft: Eine Familie hatte beim Spielen mit ihrer kleinen Tochter einen Zahn gefunden. Einen ziemlich besonderen Zahn, wie sich herausstellte. Selbst Experten rätseln noch, von welchem Tier er stammen könnte. Handelt es sich womöglich um einen erdgeschichtlichen Sensationsfund? Nach ersten Einschätzungen könnte es sich um eine inzwischen ausgestorbene Art handeln. Was genau dahintersteckt, bleibt spannend. Die Tatsache, dass der Papa Exoten bei sich aufnimmt, machte den Termin ungleich spannender: Morgens noch Ringelnatter, mittags gelbe Riesenschlange – zum Glück hinter Glas. Seh ich auch nicht alle Tage. Oder Fauchschaben. Oder Axolottl.
Und am Donnerstag saß ich vormittags im Gerichtssaal. Dort musste sich ein Angeklagter wegen Urkundenfälschung verantworten. Wenn ich am Ende dieser Woche gefragt würde, welches journalistische Genre ich eigentlich bedient habe, müsste ich vermutlich passen. Naturreportage? Wissenschaftsjournalismus? Lokaljournalismus? Gerichtsberichterstattung? Ein bisschen von allem. Und genau das liebe ich.
Mein Beruf hat mir ermöglicht, innerhalb weniger Tage völlig unterschiedliche Welten kennenzulernen. Ich durfte in einen Garten eintauchen, über einen möglicherweise sensationellen Fund recherchieren, Menschen zuhören und im Gerichtssaal verfolgen, was passiert, wenn jemand mit dem Gesetz in Konflikt gerät. Dazwischen: Telefonate, Recherche, Schreiben und jede Menge Schreibtischarbeit. Es ist ein Beruf, der mich immer wieder überrascht.
Und vielleicht ist das auch etwas, das ich meiner Tochter mitgeben möchte, wenn es irgendwann ernst wird mit der Berufswahl: Man muss mit 13 noch nicht wissen, was man mit 30 machen möchte. Vielleicht muss man es auch mit 16 nicht wissen. Und selbst wenn man sich entscheidet, heißt das nicht, dass damit für immer alles festgelegt ist.
Meine Tochter sagt heute, sie könnte sich etwas Handwerkliches, etwas Praktisches vorstellen. Und ich finde das wunderbar. Vielleicht wird sie später Schreinerin. Vielleicht Gärtnerin. Vielleicht arbeitet sie mit Tieren, baut Häuser, repariert Maschinen oder findet einen Beruf, von dem wir heute noch gar nicht wissen, dass er perfekt zu ihr passt.
Vielleicht ändert sie ihre Meinung auch noch fünfmal. Das darf sie. Denn eigentlich ist es doch ein großes Glück, wenn man die Möglichkeit hat, herauszufinden, was zu einem passt. Und noch etwas empfinde ich dabei als großes Geschenk: Meine Tochter wächst in einer Zeit auf, in der Mädchen grundsätzlich alle Wege offenstehen. Sie muss nicht in einen bestimmten Beruf, weil sie ein Mädchen ist. Sie muss nicht zu Hause bleiben, weil Frauen angeblich nicht arbeiten sollen. Sie muss nicht ihr Leben nach dem richten, was andere für sie vorgesehen haben.
Sie darf ausprobieren. Sie darf sich umentscheiden. Sie darf praktisch arbeiten oder am Schreibtisch sitzen. Sie darf mit Menschen, Pflanzen, Tieren, Maschinen, Zahlen oder Worten arbeiten. Sie darf einen Beruf ergreifen, den es heute vielleicht noch gar nicht gibt.
Und sie darf ihren eigenen Weg suchen. Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis bei der Berufswahl: Es geht nicht unbedingt darum, möglichst früh den einen perfekten Beruf zu finden. Es geht darum, neugierig zu bleiben. Dinge auszuprobieren. Fragen zu stellen. Menschen kennenzulernen. Herauszufinden, was einem liegt – und genauso, was einem nicht liegt.
Manchmal ist sie sich auch sicher, Journalistin werden zu wollen. Wenn ich von Gärten und Schlangen und spannenden Gerichtsprozessen berichte. Wenn ich stundenlang im Gemeinderat sitze, möchte sie aber doch nicht tauschen. Und vielleicht ist es viel wichtiger, dass sie mit 13 noch ganz viele Möglichkeiten vor sich sieht.
Erzähler: Neulich begab sich folgender Mutter-Tochter-Dialog „Ich möchte vielleicht was mit Tieren machen.“ „Oh, Tierarzthelferin oder Tierärztin oder so?“ „Neee, nix mit kranken Tieren, die tun mir so leid…“ „Hm. Ok, dann vielleicht Tierfachwirt in der Wilhelma oder so?“ „Neee, die müssen ja auch ausmisten und so… ich weiß nicht ob mir das Spaß machen würde…“ „Ok… dann vielleicht … Metzgerin?“ „HOAARR MAMA!!“ 😉 * Kind ab*