
Meine gesamte Bubble packt gerade die Koffer. Menschen mit Kindern sind offenbar ohne Kinder verreist, Menschen mit großen Kindern nutzen die Zeit außerhalb der Ferien. Und ich? Ich arbeite. Noch zwei Monate lang, erst dann entschwinde ich in den Sommerurlaub. Beim darüber Nachdenken, was das mit mir macht, ist mir klar geworden, dass ich meine Haltung in den vergangenen Jahren geändert habe. Obwohl mir Neid grundsätzlich fremd ist, kam ich früher nicht umhin, ab Juni sehnsuchtsvoll Fotos von Stränden, Altstadtgassen und Meerblick wegzuswipen, die mir in die Timeline gespült wurden. Das Gefühl, dass alle Welt offenbar gerade die Zeit ihres Lebens hat, während ich zwischen drögen Gemeinderäten und unklimatisierten Pressegesprächen hin und her pendle – irgendwie wurmte mich das.
Bis ich eines Tages einen Entschluss fasste. Was ist das für ein Leben, das man zwischen zwei Sommerurlauben lebt? Ist das dieser berühmte, fade Alltag, vor dem wir zwei Wochen im Jahr in die Sommerfrische flüchten? Ganz schön armselig. Denn gemessen am Jahr ist die Urlaubszeit einfach ein verschwindend geringer Teil. Das Leben besteht zum Großteil nicht aus Altstadtgassen und Meerblick (es sei denn, man arbeitet an der Amalfi-Küste, bless you). Und ich will mich nicht durchhangeln von Urlaub zu Urlaub, um dann richtig auf den Putz zu hauen.
Ich habe also beschlossen, mich nie wieder von der Traumkulisse anderer Leute beeindrucken zu lassen. Und mit beschlossen meine ich zementiert. Und dann ist mir noch was klar geworden. Beim Reisen kommt es nicht auf das Ziel an, sondern auf das Gepäck. Und damit meine ich nicht die korrekte Anzahl der Unterhosen (x plus 2, macht ihr doch auch so, oder?) und den Waschbeutel, sondern das mentale Gepäck. Wenn ich mit mir und meinem Leben hadere, über eigene Unzulänglichkeiten grüble und mich mit anderen vergleiche, dann ist das eine Last, die ich mir selbst aufbürde. Ich schleppe diesen Koffer voller Zweifel und Unsicherheiten nach Malle, Malta und auf die Malediven. Ist es da auch schön genug für Instagram? Da kann der Sonnenuntergang atemberaubend sein: Wenn ich mich frage, ob Tante Agathe es am Strand von Miami grade nicht viel schöner hat als ich, dann ist nichts mehr ein Genuss. Menschen, die mit innerer Unzufriedenheit an die schönsten Orte der Welt reisen, werden immer ärmer sein, als die, die ihre Ferien daheim in Pasewalk statt in Paris erleben.
Im Umkehrschluss bedeutet das, dass ich nicht auf den Malediven und nicht in Miami sein muss, um die beste Zeit überhaupt zu haben. Ich muss noch nicht mal irgendwo sein.
Denn ich habe einfach genau da, wo ich jetzt bin, die maximal beste Zeit. Ich brauche keine Suite in New York, ich kann genauso gut in einem Zimmer von Pension Gerda in Bad Salzuflen sitzen und absolut nichts vermissen. (Falls es die Pension Gerda in Bad Salzuflen gibt: Es ist bestimmt sehr schön bei Ihnen.)
Denn wenn ich zwar Altstadtgassen und Meerblick habe, aber innerlich ist nur Kellerabteil, wem nützt es?
Vielleicht ist Deine Urlaubskasse auch einfach leer – wie gut, dass man gar nicht wochenlang um die Welt jetten muss, um glücklich zu sein. Also falls das grade jemand hören musste – Urlaub ist Herzenssache. Und da sollte die Sonne immer scheinen. All inclusive.
PS: Kleiner Service – „Bad Salzuflen ist unter den ersten fünf Heilbädern in Deutschland und steht für gesundheitliche Exzellenz und nachhaltigen Gesundheitstourismus.“ Also wer jetzt Lust auf „attraktive (Gesundheits-)Angebote und ein kulturelles Veranstaltungsangebot auf hohem Niveau in vielfältigen Formaten“ hat, nur zu. Und grüßt mir Gerda.