Ich glaube, mein schlechtes Gewissen ist müde geworden. Nicht weg. So weit würde ich nicht gehen. Es meldet sich schon noch. Aber früher war es deutlich engagierter.
Heute wirkt es eher wie ein Sachbearbeiter kurz vor der Rente. Es nimmt Beschwerden entgegen, stempelt sie ab und murmelt: „Ja, ja… wir schauen mal.“
Früher hatte ich wegen allem ein schlechtes Gewissen. Wenn ich gearbeitet habe, dachte ich, ich müsste mehr Zeit mit meiner Tochter verbringen. War ich bei ihr, hatte ich das Gefühl, eigentlich müsste ich arbeiten.
Saß ich abends auf dem Sofa, hätte ich noch die Wäsche zusammenlegen können.
Legte ich Wäsche zusammen, fiel mir ein, dass ich eigentlich Sport machen sollte. Machte ich Sport, dachte ich, ich müsste mal wieder meine Eltern anrufen. Außerdem blieb die Wäsche liegen.
Rief ich meine Eltern an, piepte währenddessen der Geschirrspüler. Der Haushalt! Ich war praktisch ein wandelndes Schuldgefühl mit Pulsmesser.
Irgendwann habe ich verstanden, dass mein schlechtes Gewissen nie Feierabend macht. Es ist völlig egal, was ich tue. Es findet immer etwas, das ich stattdessen hätte tun können. Ein echtes Multitalent.
Besonders kreativ war es übrigens beim Thema Selbstfürsorge. „Entspannte Mütter machen auch mal etwas nur für sich.“
Also nahm ich mir Zeit, wandern zu gehen. Ich freute mich. Am Tag selbst dachte ich:
„Eigentlich könntest du die vielen Stunden auch sinnvoll nutzen. Statt durch die Landschaft zu stapfen.“ Ich wanderte trotzdem und entspannte ungefähr so gut wie ein Eichhörnchen auf der A8.
Oder Essen. Ich wollte ausgewogen kochen. Regional, saisonal, vollwertig, frisch. Bio wäre schön. Nicht zu teuer. Allen sollte es schmecken. Vegetarisch wäre gut. Proteinreich auch. Und bitte möglichst ohne Zucker.
Irgendwann stand ich abends nach der Arbeit im Supermarkt vor einer Packung Tiefkühlpizza und dachte: „Weißt du was? Heute gewinnt die Funghi.“ Nicht weil sie gesund ist. Sondern weil ich keine Lust und Kraft mehr hatte, aus jedem Abendessen ein moralisches Großprojekt zu machen.
Das Faszinierende ist: Irgendwann zwischen Perimenopause und dem ersten Geräusch, das man beim Aufstehen macht, verschieben sich die Prioritäten. Man merkt plötzlich: Die Welt dreht sich erstaunlich zuverlässig weiter. Auch wenn ich den Kuchen nicht selbst backe. Auch wenn ich zum Geburtstag gekaufte Muffins mitgebe. Auch wenn ich eine WhatsApp erst morgen beantworte.
Auch wenn ich mal Nein sage. Vor allem dann.
Neulich fragte mich jemand, ob ich noch schnell etwas übernehmen könnte. Früher hätte ich gesagt:
„Klar.“
Und anschließend eine Woche lang versucht, Zeit zu falten. Diesmal hörte ich mich sagen: „Nein, das schaffe ich gerade nicht.“
Es folgte…
…nichts.
Keine empörten Gesichter. Kein gesellschaftlicher Zusammenbruch. Keine Eilmeldung bei tagesschau.de. Die Erde blieb erstaunlicherweise in ihrer Umlaufbahn. Ich war fast ein bisschen enttäuscht.
Ich glaube, Frauen verbringen einen großen Teil ihres Lebens damit, sich für Dinge verantwortlich zu fühlen, die nie ihre Verantwortung waren. Für die Stimmung am Familientisch. Für gelungene Geburtstage. Für harmonische Weihnachten. Für das Wetter beim Grillfest wahrscheinlich auch noch, wenn es irgendwie möglich wäre.
Wir organisieren, erinnern, planen, moderieren und entschuldigen uns vorsorglich schon mal für Dinge, die vielleicht irgendwann passieren könnten.
Und irgendwann kommt dieser Moment, an dem man denkt: vielleicht muss ich gar nicht alles auffangen. Vielleicht dürfen andere Menschen auch mal mit den Folgen ihres eigenen Handelns leben. Ein revolutionärer Gedanke.
Versteht mich nicht falsch. Ich bin nicht plötzlich egoistisch geworden. Ich kümmere mich immer noch gern. Ich helfe immer noch. Ich bringe immer noch Pflaster, Taschentücher und Ersatzladekabel mit. Ich weiß sogar meistens, wo die Impfpässe liegen.
Aber ich habe aufgehört zu glauben, dass mein Wert davon abhängt, wie viele Bälle ich gleichzeitig in der Luft halte. Und das fühlt sich überraschend leicht an. Vielleicht ist das eines der schönsten Geschenke des Älterwerdens.
Nicht, dass man gelassener wird. Das wäre übertrieben. Ich rege mich immer noch über nicht eingeräumte Spülmaschinen auf. Und über Menschen, die mitten im Supermarkt ihren Einkaufswagen quer stellen. Und verschwinden. Es gibt Grenzen.
Aber das schlechte Gewissen hat seinen festen Arbeitsplatz verloren. Es kommt nur noch stundenweise vorbei. Und ehrlich gesagt hoffe ich, dass es bald ganz in den Ruhestand geht. Es hat ihn sich verdient.