Seit einigen Tagen begleiten mich in meiner Küche Geräusche. Also, Geräusche, die auch andere Menschen hören können, nicht nur ich. Nicht ständig, sondern immer nur kurz. Gerade lange genug, um die Aufmerksamkeit eines Menschen zu gewinnen, der eigentlich andere Dinge zu tun hätte. Es ist ein Summen, das klingt, wie eine Mücke, die in eine Flasche gefallen ist.
Es ist schließlich Sommer, und Mücken betrachten geöffnete Fenster bekanntlich als persönliche Einladung. Doch trotz mehrerer Suchaktionen blieb die Verursacherin unsichtbar. Ich versuchte, das Geräusch zu orten, suchte im Geschirrschrank, bei den Tassen, bei den Gläsern. Das Geräusch verstummte immer wieder urplötzlich. Aber es kam und ging.
Neulich war es einfach weg. Ich begann, an meinen Sinnen zu zweifeln. Vielleicht war da gar nichts. Vielleicht produzierte mein Gehirn neuerdings eigene Hintergrundgeräusche. Nach einigen besonders warmen Tagen schien mir selbst diese Theorie nicht völlig abwegig. Was weiß ich, wie sich Hirnzellen beim Schmelzen anhören, vielleicht summen die ja leise.
Heute Abend kehrte ich müde und hitzegeschädigt aus der Redaktion zurück. Die Temperaturen hatten den Arbeitstag in eine Art Ausdauerprüfung verwandelt, auch wenn das Büro immerhin klimatisiert ist. Ich ließ mich auf einen Stuhl fallen und beschloss, für mindestens zehn Minuten keine Verantwortung mehr zu tragen. Und keine unnötigen Klamotten.
Da war es wieder. Ein hohes Surren, erstaunlich nah bei mir. Ich stand leise auf (als ob ich das Geräusch verschrecken könnte) und schlich die Ohren voraus durch die Küche. Um festzustellen – das Gesurre kommt von der Küchentür. Besser gesagt, AUS der Küchentür. Und zwar aus dem Türschloss. Ich lauschte verblüfft einen Moment am Schüsselloch, schaute (unsinnigerweise) von beiden Seiten hinein. Aber da war nichts. Das Geräusch war wieder weg.
Gerade, als ich frustriert aufgeben wollte, sah ich im Augenwinkel etwas krabbeln. Aus dem Türschloss guckte eine Wildbiene. Ich guckte sie an. Sie guckte mich an. Und legte den Kopf schief (schwöre!). Dann flog sie los und zum offenen Fenster hinaus.
Ich brachte mich in Position, beobachtete das Türschloss genau. Nur wenige Minuten später kam sie zurück und flog zielsicher in das Türschloss hinein. Offenbar ist sie zu dem Schluss gekommen, dass ein Türschloss die perfekte Kombination aus Sicherheit, Lage und Infrastruktur bietet.
Während andere Arten Baumhöhlen, Mauerspalten oder Totholz bevorzugen, hat sich diese Dame für urbanes Wohnen entschieden. Das erklärt auch das rätselhafte Summen. Ich habe seit Tagen unbemerkt einer Wildbiene beim Hausbau zugehört (und bin nicht gaga, uff).
Nun beherbergt unsere Küche also eine Baustelle. Die Bauherrin wirkt entschlossen, die Bauarbeiten zügig abzuschließen. Ich wiederum habe beschlossen, mich nicht einzumischen. Wildbienen gehören zu den freundlichsten und nützlichsten Gästen, die man sich wünschen kann. Außerdem muss man anerkennen: Wer bei dieser Hitze freiwillig auf dem Bau arbeitet, verdient Respekt. So endet der heutige Eintrag mit einer überraschenden Erkenntnis: Nicht jede rätselhafte Erscheinung ist ein Zeichen des Älterwerdens oder des Wahnsinns. Manchmal zieht einfach eine Wildbiene ein und eröffnet im Türschloss eine Niederlassung. Die Natur findet ihren Weg. Mitunter sogar durch das Schlüsselloch.