Von Rösti, die mich zum philosophieren brachten und meinem täglichen Urlaub all-inclusive

Gestern gab es Kartoffelrösti. So wollte ich schon immer mal eine Geschichte anfangen. Tatsächlich gab es gestern simple Resteküche, die mich einmal mehr zum Nachdenken gebracht hat. (Ja ich kann über Rösti philosophieren.) Es gab diese Rösti, weil noch fünf gekochte Kartoffeln vom Vortag im Kühlschrank lagen und mich vorwurfsvoll anguckten.

Früher hätte ich sie wahrscheinlich geschnitten, Käse darüber gelegt, zwei Minuten in die Mikrowelle. Fertig. Satt. Aber ich hatte beim Anblick dieser Kartoffeln ein ganz anderes Bild vor meinem inneren Auge. Also habe ich sie in Ermangelung meiner Reibe gewürfelt, mit einem Ei, Salz und Pfeffer vermengt und kleine Taler daraus ausgebacken. Dazu gab es einen Kräuterdip, der noch im Kühlschrank war, und einen schnellen Radieschensalat.

Eigentlich nichts Besonderes. Und doch irgendwie schon. Ich habe alles auf den Tellern angerichtet, die wir erst vor ein paar Wochen im Allgäu ergattert haben. Es sind nur Teller. Aber jedes Mal, wenn ich sie aus dem Schrank hole, denke ich an diese Mission, die uns durchs halbe Allgäu geführt hatte. Und plötzlich war dieses völlig gewöhnliche Samstagessen… schön. Nicht spektakulär. Nicht Instagram-perfekt.
Einfach schön.

Ich glaube, wir warten viel zu oft auf besondere Momente. Auf den Urlaub. Auf den Abend beim schicken Italiener. Auf das freie Wochenende. Auf den Anlass. Dabei besteht unser Leben zum Großteil aus ganz normalen Samstagen mit fünf übrig gebliebenen Kartoffeln.

Vielleicht liegt genau darin der Unterschied. Ich möchte mein Leben nicht auf den Urlaub verschieben. Ich möchte es leben. Genießen. Jeden Tag. Ich möchte den Alltag wertschätzen, denn davon hab ich reichlich. Mich selbst wertschätzen. Und manchmal bedeutet das, nicht den schnellsten Weg zu wählen. Nicht, weil Kartoffelrösti objektiv besser wären als Kartoffeln mit Käse aus der Mikrowelle.

Sondern weil ich mir selbst sagen möchte: Dieser Tag ist es wert, dass ich ihn schön gestalte. Dass ich Momente schaffe und wahrnehme, die mich glücklich machen. Mit einem liebevoll angerichteten Teller.
Mit einem Dip aus frischen Kräutern. Mit einem knackigen Salat. Und mit Geschirr, das mir Freude macht. Wie oft höre ich „Ach, für mich allein lohnt sich das nicht.“ Hallo? Wer müsste denn zu Besuch kommen, dass es sich lohnt? Der Papst? You are the queen of the castle. Wenn es sich für mich nicht lohnt, für wen denn dann?


Das Tolle ist doch: Genuss hat erstaunlich wenig mit Luxus zu tun. (Sogar die Teller waren im Sale, wir erinnern uns. Jedenfalls zwei von ihnen.) Viel öfter beginnt er mit der Entscheidung, den Alltag nicht wie eine Wartehalle zu behandeln. Vielleicht ist Urlaub gar kein Ort. Vielleicht ist Urlaub das Gefühl, einem ganz gewöhnlichen Samstag dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken wie einem besonderen Anlass.

Und falls ihr euch fragt: Die Reibe habe ich natürlich wiedergefunden, als die Kartoffeln gewürfelt und mit Ei vermischt waren. Mein Hirn funktioniert schon noch, aber hat halt nen anderen Dienstplan als ich manchmal. Wie gut, dass im Urlaub nicht immer alles nach Plan läuft.

Rezept

Zutaten: Gekochte Kartoffeln vom Vortag, ein Bund Radieschen (ich hatte dreifarbige), zwei Eier, 300 g (laktosefreien) Quark, Frühlingszwiebeln, Salz, Pfeffer, Schrank-Gewürze (aka, was man halt so da hat), Essig, Öl, Schnittlauch, glatte Petersilie

Die Kartoffeln grob raspeln (oder eben in kleine Würfel schneiden), in einer Schüssel mit den Eiern, Salz und Pfeffer vermengen und in einer Pfanne mit Olivenöl kleine Taler rausbraten. Geduld lohnt sich, dann fallen sie nicht auseinander. Schmeckt auch, wenn man gehobelten Käse untermischt. Hatte ich vor, habe ich nur vergessen. Für den Salat habe ich die Radieschen geputzt, in feine Streifen geschnitten und mit Essig, Öl, Salz und Pfeffer angemacht. Das Radieschengrün ist sehr gesund, daher habe ich es ebenfalls geputzt und in feine Streifen geschnitten und zum Salat dazugegeben. Dazu kamen fein geschnittene Frühlingszwiebeln, die grünen Röllchen habe ich am Ende als Deko über den Teller gestreut.

Für den Dip habe ich den Quark mit etwas Olivenöl, Salz, Pfeffer, gehackter Petersilie und geschnittenem Schnittlauch verrührt und gut abgeschmeckt. Wer mag kann Knoblauch dazugeben.

Von seltsamen Geräuschen, neuen Mitbewohnern und der Adresse in der Tür

Seit einigen Tagen begleiten mich in meiner Küche Geräusche. Also, Geräusche, die auch andere Menschen hören können, nicht nur ich. Nicht ständig, sondern immer nur kurz. Gerade lange genug, um die Aufmerksamkeit eines Menschen zu gewinnen, der eigentlich andere Dinge zu tun hätte. Es ist ein Summen, das klingt, wie eine Mücke, die in eine Flasche gefallen ist.

Es ist schließlich Sommer, und Mücken betrachten geöffnete Fenster bekanntlich als persönliche Einladung. Doch trotz mehrerer Suchaktionen blieb die Verursacherin unsichtbar. Ich versuchte, das Geräusch zu orten, suchte im Geschirrschrank, bei den Tassen, bei den Gläsern. Das Geräusch verstummte immer wieder urplötzlich. Aber es kam und ging.

Neulich war es einfach weg. Ich begann, an meinen Sinnen zu zweifeln. Vielleicht war da gar nichts. Vielleicht produzierte mein Gehirn neuerdings eigene Hintergrundgeräusche. Nach einigen besonders warmen Tagen schien mir selbst diese Theorie nicht völlig abwegig. Was weiß ich, wie sich Hirnzellen beim Schmelzen anhören, vielleicht summen die ja leise.

Heute Abend kehrte ich müde und hitzegeschädigt aus der Redaktion zurück. Die Temperaturen hatten den Arbeitstag in eine Art Ausdauerprüfung verwandelt, auch wenn das Büro immerhin klimatisiert ist. Ich ließ mich auf einen Stuhl fallen und beschloss, für mindestens zehn Minuten keine Verantwortung mehr zu tragen. Und keine unnötigen Klamotten.

Da war es wieder. Ein hohes Surren, erstaunlich nah bei mir. Ich stand leise auf (als ob ich das Geräusch verschrecken könnte) und schlich die Ohren voraus durch die Küche. Um festzustellen – das Gesurre kommt von der Küchentür. Besser gesagt, AUS der Küchentür. Und zwar aus dem Türschloss. Ich lauschte verblüfft einen Moment am Schüsselloch, schaute (unsinnigerweise) von beiden Seiten hinein. Aber da war nichts. Das Geräusch war wieder weg.

Gerade, als ich frustriert aufgeben wollte, sah ich im Augenwinkel etwas krabbeln. Aus dem Türschloss guckte eine Wildbiene. Ich guckte sie an. Sie guckte mich an. Und legte den Kopf schief (schwöre!). Dann flog sie los und zum offenen Fenster hinaus.

Ich brachte mich in Position, beobachtete das Türschloss genau. Nur wenige Minuten später kam sie zurück und flog zielsicher in das Türschloss hinein. Offenbar ist sie zu dem Schluss gekommen, dass ein Türschloss die perfekte Kombination aus Sicherheit, Lage und Infrastruktur bietet.

Während andere Arten Baumhöhlen, Mauerspalten oder Totholz bevorzugen, hat sich diese Dame für urbanes Wohnen entschieden. Das erklärt auch das rätselhafte Summen. Ich habe seit Tagen unbemerkt einer Wildbiene beim Hausbau zugehört (und bin nicht gaga, uff).

Nun beherbergt unsere Küche also eine Baustelle. Die Bauherrin wirkt entschlossen, die Bauarbeiten zügig abzuschließen. Ich wiederum habe beschlossen, mich nicht einzumischen. Wildbienen gehören zu den freundlichsten und nützlichsten Gästen, die man sich wünschen kann. Außerdem muss man anerkennen: Wer bei dieser Hitze freiwillig auf dem Bau arbeitet, verdient Respekt. So endet der heutige Eintrag mit einer überraschenden Erkenntnis: Nicht jede rätselhafte Erscheinung ist ein Zeichen des Älterwerdens oder des Wahnsinns. Manchmal zieht einfach eine Wildbiene ein und eröffnet im Türschloss eine Niederlassung. Die Natur findet ihren Weg. Mitunter sogar durch das Schlüsselloch.