Von der Zeit, die den Turbo gezündet hat

Ich bin ziemlich sicher, dass die Zeit früher langsamer verging. Nicht nur gefühlt. Wissenschaftlich. Physikalisch. Irgendwie.

Als Kind konnte ein Nachmittag ungefähr sieben Jahre dauern. Ich kam mittags aus der Schule, aß etwas, schaltete nach den Hausaufgaben den Fernseher ein und wartete darauf, dass endlich irgendetwas Interessantes passierte. Danach spielte ich draußen, kam wieder rein, langweilte mich kurz, aß Abendbrot – und es war immer noch erst 18.30 Uhr.

18.30 Uhr! Heute ist 18.30 Uhr gefühlt fünf Minuten nach dem Aufstehen.

Ich mache morgens einen Kaffee, beantworte zwei Nachrichten, räume eine Tasse weg, denke kurz darüber nach, was ich eigentlich heute alles erledigen müsste – und plötzlich ist es 21.47 Uhr und ich frage mich, ob es noch Sinn ergibt, die Spülmaschine auszuräumen oder ob ich jetzt einfach direkt ins Bett ziehen sollte. Dazwischen fand offenbar ein ganzer Tag statt.

Als Kind lag zwischen zwei Sommerferien ungefähr ein halbes Leben. Die Sommerferien selbst waren ein eigenes Zeitalter. Die ersten zwei Wochen waren aufregend, danach war man schon leicht gelangweilt, und irgendwann hatte man das Gefühl, die Schule würde nie wieder anfangen.

Heute?

Sommerferien? Zack. Halbzeit.

Und Weihnachten erst. Ich weiß noch, wie unendlich lang die Zeit bis Weihnachten war. Im November begann man langsam, darüber nachzudenken. Dann kamen die Adventskalender, die ersten Plätzchen, irgendwann der Weihnachtsbaum – und trotzdem hatte man das Gefühl, man hätte auf Heiligabend ungefähr so lange gewartet wie auf die nächste Mondlandung. Heute ist der 24. Dezember gefühlt eine Woche nach dem letzten 24. Dezember.

Und mein Geburtstag? Als Kind war ein Jahr bis zum nächsten Geburtstag eine kaum überwindbare Distanz.

„Wie alt bist du?“

„Sechs.“

„Und wann wirst du sieben?“

„Im März.“

Im März!

Das war ungefähr so weit entfernt wie Australien. Heute denke ich: Moment mal. War nicht gerade Januar?

Nein.

Es ist Mitte August.

Mitte August!

Ich möchte an dieser Stelle offiziell Einspruch einlegen.

Das Jahr hat doch gerade erst angefangen. Ich habe doch gerade erst Silvester gefeiert. Ich weiß noch genau, wie ich dachte: 2026. Verrückt. Und jetzt stehen wir hier, die Hälfte des Jahres ist einfach verschwunden, ohne sich abzumelden.

Wir waren im Februar in Wien.

Im Februar!

Das war doch gerade erst.

Und jetzt ist das ein halbes Jahr her?!

Was stimmt denn mit der Zeit nicht?

Früher hatte ich zwischen zwei Ereignissen gefühlt eine Ewigkeit. Heute kann ich mich an etwas erinnern und bekomme anschließend mitgeteilt, dass es „schon wieder sechs Monate her“ ist.

Sechs Monate.

Das ist inzwischen ungefähr die Zeitspanne, die ich brauche, um mich daran zu erinnern, dass ich eigentlich noch etwas erledigen wollte.

Und natürlich habe ich früher über die älteren Leute geschmunzelt, die genau das gesagt haben. „Warte nur, wenn du älter wirst. Dann vergeht die Zeit immer schneller.“

Jaja. Ich habe innerlich genickt, freundlich gelächelt und gedacht: Klar. Wie sollte die Zeit denn schneller vergehen? Eine Minute bleibt doch eine Minute. Eine Stunde bleibt eine Stunde. Ein Jahr bleibt ein Jahr.

Tja.

Offenbar nicht.

Und dann kam dieser Satz, den ich besonders amüsant fand:

„Man merkt, dass man alt wird, wenn man sieht, wie schnell die Kinder groß werden.“

Auch da dachte ich früher: Was für ein dramatisches Gerede. Heute möchte ich diese Menschen gern nachträglich um Entschuldigung bitten. Denn mein Baby wird bald 14. Vierzehn!

Ich habe das Gefühl, ich hätte sie doch gerade erst im Arm gehalten. Gerade erst diese winzigen Strampler gekauft. Gerade erst die ersten Schuhe. Gerade erst Kindergarten. Gerade erst Schule.

Und jetzt steht da ein fast vierzehnjähriger Mensch vor mir, der größer ist als ich und mich liebevoll „Zwergi“ nennt, eigene Meinungen hat, Musik hört, Dinge weiß, von denen ich keine Ahnung habe, und mich gelegentlich mit einem Blick anschaut, der sehr deutlich sagt:

Mama, echt jetzt?!

Ich habe offenbar einen kompletten Teil meines Lebens verpasst. Oder schlimmer: Ich habe ihn erlebt und fand ihn einfach zu kurz. Vielleicht ist das das Geheimnis.

Als Kind ist ein Jahr ein riesiger Teil des eigenen Lebens. Mit zehn ist ein Jahr immerhin ein Zehntel von allem, was man kennt. Mit sechsundvierzig ist ein Jahr nur noch ein kleiner Ausschnitt.

Und irgendwann wird aus „Wie lange dauert es noch bis Weihnachten?“ ein erschrockenes:

„Was? Schon wieder Weihnachten?“

Vielleicht ist das Erwachsenwerden also gar nicht das, was wir immer dachten. Vielleicht wird man nicht plötzlich alt. Vielleicht merkt man es einfach daran, dass man irgendwann nicht mehr auf Weihnachten wartet – sondern sich wundert, dass es schon wieder vorbei ist.

Dass aus Sommerferien plötzlich Erinnerungen werden. Dass Kinder, die gestern noch ihre Schuhe falsch herum angezogen haben, plötzlich Teenager sind.

Dass Reisen, auf die man sich monatelang gefreut hat, auf einmal „dieses Jahr im Februar“ waren.

Und dass man an einem ganz normalen Samstagmorgen auf den Kalender schaut und denkt:

Moment.

Mitte August?

Wie bitte?

Ich glaube, ich hätte gern noch einmal die Zeit von früher.

Diese Zeit, die sich gezogen hat.

Die langsamen Nachmittage.

Die endlosen Ferien.

Die Ewigkeit zwischen Geburtstag und Weihnachten.

Aber vielleicht kann man die Zeit nicht langsamer machen.

Vielleicht kann man nur dafür sorgen, dass sie sich nicht so anfühlt, als wäre sie einfach durchgerannt.

Indem man öfter stehen bleibt.

Noch einen Kaffee auf dem Balkon trinkt.

Noch eine Runde spazieren geht.

Noch ein Foto macht, obwohl man eigentlich schon weiter wollte.

Noch einmal hinschaut, wenn das eigene Kind durch die Küche läuft – auch wenn es inzwischen 14 ist und eigentlich nur schnell etwas aus dem Kühlschrank holen wollte.

Denn vielleicht ist das ja das eigentliche Problem mit der Zeit:

Sie wird nicht schneller.

Wir werden nur besser darin, sie zu übersehen.

Und deshalb werde ich jetzt ganz bewusst auf die Uhr schauen. Es ist Samstagmorgen. Sehr früh am Samstagmorgen. Mitte August. Und ich habe noch einen ganzen Tag vor mir.

Also, theoretisch jedenfalls. Machen wir viele gelebte Minuten daraus!