14/10/23 – Die alte Frau und das Universum

Ich

… werde alt. Woran ich das merke?

  1. Ich war gerade bei einem Polterabend eingeladen, bei Menschen, die eben noch bei meinem Polterabend waren. Als Kinder, maximal Heranwachsende. Wieso heiraten die jetzt schon selbst?
  2. Menschen auf diesem Polterabend tragen winzige Babys mit sich herum und ich denke – bin ICH froh, dass ich das Wickel-Sabber-Alter hinter mir habe.
  3. Ich überlege am Buffet, ob mir Essen um diese Uhrzeit überhaupt noch bekommt.
  4. Ich verlasse den Polterabend vor 22 Uhr und freue mich, dass ich zeitig ins Bett komme. 21 Uhr ist das neue Mitternacht.
  5. Mein Rücken gewöhnt sich dieses Jahr partout nicht an die Arbeit im Stehen. Vielleicht ist es nicht einfach Überlastung, sondern Verschleiß?
  6. Während ich vor ein paar Jahren noch während der Arbeit den Inhalt der Süßigkeitenschublade dezimiert habe, knabbere ich heute Gurke und Karotte mit der Begeisterung eines Zwergkaninchens – irgendwie muss man ja die Vitamine in sich kriegen.

Die Liste wäre noch endlos fortsetzbar, aber: Neulich schätzte mich jemand zehn Jahre jünger als ich tatsächlich bin. Also reiß ich mich einfach mal zusammen, da ist noch Luft nach … unten. Und geh schlafen, der Augenringe wegen.

Und sonst so? Ich habe heute bewiesen, dass das Universum ganz genau zuhört. Denn beim Apfelsaftabfüllen kam mir plötzlich in den Sinn, dass wir noch nicht einen einzigen undichten Beutel in dieser Saison hatten. Hin und wieder, wirklich selten, ist einer der Folienbeutel undicht, oft rinnt es dann an einer Schweißnaht, die unsauber ausgeführt ist. Ich überlegte kurz, ob ich es wirklich laut aussprechen soll, entschied mich dann dafür. Ich schwöre – keine zehn Minuten später drehte ich mich zur Palette um und ein Karton stand in einer kleinen, dampfenden Lache heißen Apfelsaft – der Beutel hatte ein ziemliches Loch. Also liebes Universum, ich weiß, Du kannst mich hören. Kannst Du eigentlich aus 43-Jährigen auch 34-Jährige machen? Frage für eine Freundin.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Ein Joghurt mit Crunch, eine Feige, eine Butterbrezel, ein Stück Zwiebelkuchen, ein (!) Gummibärchen, zwei Teller Kürbiscremesuppe und einen Pizzamuffin. Letzteres nach 21 Uhr! Leben am Limit.

Gelaufen: Mehr als 10.000 Schritte. Außerdem getestet: Ich halte eine saubere Plank für eine Minute. Da ist noch Luft nach oben. Aber immerhin.

Gelesen: Nichts Spannendes, tatsächlich.

Gefreut über: Eine dampfende, hausgemachte Kürbissuppe am Lagerfeuer nach einem langen Tag körperlicher Arbeit – es sind wirklich die kleinen Dinge, die glücklich machen.

Geärgert über: Zeitliche Fehlplanung heute morgen, die meinen Feierabend eine Stunde nach hinten geschoben haben – aber der Tag ging trotzdem vorbei.

13/10/23 – Menschliche’s (sic!) zwischen Äpfeln

Ich

Wenn man so wie ich mit Menschen zusammenarbeitet, egal, ob im eigentlichen Beruf oder im Privaten, weiß man, dass Menschen sehr verschieden sind. Man begegnet immer wieder welchen, die völlig anders ticken als man selbst.

Drei Begebenheiten aus einem Tag im Apfelsaftbusiness:

  1. Ein junger Mann war beauftragt worden, den Apfelsaft, der zuvor bei uns gepresst und in Beutel samt Karton abgefüllt worden war, abzuholen. Der Saft stand ordentlich gestapelt auf unserem wirklich breiten Hof auf einer Palette. Der junge Mann stellte sich kurz vor, wir zeigten ihm, welche Palette die seine war und baten ihn, nach dem Einladen mit der Rechnung einfach kurz zu uns zu kommen. Normalerweise schließe ich das Tor, weil es zieht. Heute aber war es so warm, dass der Durchzug gut tat. Und so konnte ich folgendes beobachten: Der junge Mann hob einen Karton (5 Liter) von der Palette, marschierte damit etwa 15 Meter runter von unserem Hof und bog rechts um die Hausecke. Nach einiger Zeit kam er wieder und holte sich den nächsten Karton. Ich schaute dem Spiel eine Weile zu. Nach etwa zehn Minuten hatte er 4 Kartons abgeladen. Irgendwann fasste ich mir ein Herz und fragte ihn, ob er nicht einfach mit dem Auto AUF DEN HOF zur Palette fahren möchte, der Hof sei ja komplett leer. Er guckte mich an, dann die Palette, dann in die Richtung, in der sein Auto hinter dem Hauseck wohl stand, und sagte dann, ehrlich beeindruckt von der Idee: „Ach so. Ja. Dann müsste ich nicht so weit tragen, gell?“ Sprachs und stellte seinen Oldtimer (!) direkt neben die Palette. In zehn weiteren Minuten war der ganze Rest verladen. Man hilft ja gern, aber … äh?!
  2. Ein nicht mehr gar so junger Mann wollte wissen, wie viel Text auf unseren Etiketten wohl Platz hat. Dort steht der Name des Kunden, das MHD, das Abfülldatum, etc. drauf. Ich sagte scherzhaft, dass es für ein Gedicht sicher nicht lange. Er zeigte mir einen Zettel. Gerne hätte er den Familiennamen und darunter die Herkunft und Sorte der Äpfel stehen. Wir probierten am Etikettendrucker, ob es hinhaut. Während ich tippte, sagte Herr Müller (so nennen wir ihn jetzt), „… dann können sie ja ein Apostroph dran machen bei Müllers“. Ich sagte „könnte ich, mach ich aber nicht, denn da gehört keins hin“ und tippte weiter die Apfelsorte ab, die ich noch nie gehört hatte. Wir stellten fest, dass alles wunderbar passt. „So?“ fragte ich und wir guckten gemeinsam auf den Bildschirm. „Ja, aber wenn Sie jetzt noch das Apostroph…“ Sowas triggert mich ja. Ich holte Luft. Und erklärte, möglichst ohne oberlehrerhaft zu klingen (was mir sicher misslang), was ein Genitiv-s ist, und dass es ebenso wenig Müller’s Apfelsaft wie Tom’s Auto oder Peter’s Duden heißt. Der Mann hörte mir interessiert zu. Und dann sagte er: „Ja aber ich mach’s halt immer hin.“ Und ich: „Ja und dann ist das halt schon immer falsch.“ Wortlos guckten wir uns eine gefühlte Ewigkeit an. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass es wegbleibt. (Puh). MAN NENNT DAS DEPPENAPOSTROPH, GOOGLE IT.
  3. Seit Tagen wurmt es mich, dass ich den letzten Kunden für morgen nachmittags um drei ins Terminbuch geschrieben habe. In der irrigen Annahme, der Tag würde sich morgen ohnehin füllen. Stattdessen klaffte bis heute Abend zwischen 13 und 15 Uhr eine gähnende Lücke im Terminkalender, wir würden also zwei Stunden warten müssen, bevor wir Feierabend machen können und mit der Putzerei anfangen können. Ich googelte den Namen und versuchte den Mann anzurufen, aber leider fand ich keinen Eintrag im Telefonbuch, der passen könnte. Nicht mit unserer Vorwahl und auch nicht mit denen aus der plausiblen Umgebung. Und die Nummer hatte ich nicht aufgeschrieben. Heute Abend, als wir uns alle längst in das Schicksal ergeben hatten, klingelte bei uns das Telefon. Just dieser Kunde hakte nach, ob sein Termin um 14 oder 15 Uhr sei, er habe es vergessen. Und ob es nicht eher ginge. Er kommt jetzt kurz nach 12, schließt somit eine viel frühere Lücke und beschert uns einen um zwei Stunden vorverlegten Feierabend. Manchmal muss man einfach Dusel haben. Von wegen, Freitag, der 13. …

Überhaupt, irgendwann, zum 100-jährigen Firmenbestehen, werde ich eine Festschrift zusammenstellen und alle Anekdoten aufschreiben, die wir in den vielen Jahren erlebt haben. Mein Highlight ist immer noch die Dame vor ein paar Jahren, die wissen wollte, wie groß denn die möglichen Gebinde sind. Ich erklärte „es gibt fünf oder zehn Liter.“ Die Dame sagte „Aaaaaha.“ Dann wandte sie sich zum Gehen, drehte sich aber noch einmal um, und fragte: „Und was ist da dann der Unterschied?“ … was sagt man da? „Warten Sie, ich muss es auch kurz erst ausrechnen?“

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Ein Joghurt mit Crunch und Blaubeeren, eine Banane, eine Feige, Flammkuchen mit Räucherlachs und Champignons (einmal frisch, einmal aufgewärmt) und beim ersten Mal dazu einen grünen Salat mit Karotte, Tomate und Gurke. Außerdem einen Powerriegel vom Müslihersteller dessen Name nicht erwähnt werden soll. The one who must not be named. SEIIIIIIIITENBA… aus jetzt.

Gelaufen: Jap, erst 3,8 Kilometer, selbe Hood wie gestern nur ohne Reh, dabei einen Trimmdichpfad entdeckt. Als ich dann am Auto war, fand der innere Monk, dass 3,8 Kilometer eine schlimm ungrade Zahl sind. Also hängte ich noch 1,2 Kilometer dran. Mit deutlich flotterem Tempo. Daheim quälte ich mich noch durch ein Pamela Reif Abs-Video, weil Cardio allein dem Sixpack auch nicht hilft. Aber: Aua.

Gelesen: Auftragszettel. Und Etiketten. You know.

Gefreut über: Dass ich heute den Tipp für eine Zeitungsstory bekommen habe mit dem Zusatz „ist mir lieber, wenn sich die Beste darum kümmert“. Muss bis Montag warten, aber dann!

Geärgert über: Nichts. Es lohnt sich nicht.

12/10/23 – Von meinem Hirn, den vielen Schubladen und dem Reh, das mir den Weg wies

Ich

Manchmal glaube ich, mein Hirn ist ausgestattet, wie eine alte Apotheke – voller Türchen, Schublädchen und Schränkchen. Es ist alles gleichzeitig da: Du musst ein Geburtstagsgeschenk aus dem Korb im Spielwarenladen für den Geburtstag von Pia-Petronella kaufen; Du musst das Rezept bei deinem Hausarzt bestellen – und abholen; Wir brauchen noch Brot für morgen; Die Kinder wollen am Wochenende Marshmallows grillen; Die Rechnung muss überwiesen werden; Du brauchst einen TÜV-Termin fürs Auto; Du musst Frau Schröder eine Mail schicken und einen Termin für ein Interview vereinbaren; Am Dienstag ist ein Pressegespräch gleich morgens im Rathaus; Der Kontaktlinsenreiniger geht aus; Das eigene Kind hat ja auch schon wieder Geburtstag (was ist wohl gleich gut wie ein Hund, ohne ein Hund zu sein?); Am Freitag hat das Kind Aktionstag und muss erst zur zweiten Stunde dort sein; Die Tintenpatronen gehen aus; Für den Kunstunterricht brauchen wir Eierkartons; Der Mann braucht einen Frisörtermin UND WANN WAR NOCHMAL DER TERMIN IM NAGELSTUDIO?!

Je nach Bedarf öffnen wir Schubladen und schließen sie wieder, holen Infos aus dem Schränkchen links oben und legen sie ins Erledigt-Fach links unten. Es ist ein Wust, eine Fülle an Dingen, die wir auf Kommando abrufen können. Und manchmal sind es auch Gedanken, die sich einem aufdrängen, die man ausführlich begrübelt aber zu keinem rechten Schluss kommt. Für die gibt’s, wie in jeder gescheiten Apotheke, einen Giftschrank, der sich leider meistens ungefragt öffnet und seinen Inhalt auf den Boden spuckt. Wo man es dann mühsam immer wieder aufwischt.

Manchmal habe ich einfach keine Lust mehr auf dieses Hamsterrad. Aber seit ich laufen gehe, habe ich ein Ventil gefunden, eine kurze Zeitspanne, in der mein Hirn Urlaub macht und ich einfach nur mechanisch funktioniere. In dieser Zeit hängt meine Apotheke am Ladegerät, was aus den Schubladen hängt, ordnet sich, was aus den Türen quillt, sortiert sich zurück. Der Giftschrank ist in dieser Zeit hermetisch verschlossen. Laufen ist, auch in kurzer Distanz, zur Auszeit für mich geworden, in der ich und meine Gedanken nur mir gehören.

Und heute passierte folgendes: Ich schreckte bei einer Runde, die ich noch nie gelaufen bin, ein Reh auf. Es stand plötzlich am Wegrand, wir starrten uns ein paar Zehntelsekunden an und dachten vermutlich beide „oh, scheiße“. (Jedenfalls hat das Reh so geguckt.)

Es trabte ohne große Eile vor mir auf dem Schotterweg entlang. Immer, wenn ich um eine Biegung kam, lief es weiter, als hätte es auf mich gewartet, um zu sehen, ob ich wirklich immer noch da lang komme. Es verließ den Weg nicht und schien zu hoffen, ich würde das stattdessen tun. Tat ich aber nicht. Als ich es fast eingeholt hatte, machte es sich letztlich doch auf ins Gebüsch.

Um es aus dem philosophischen Blickwinkel zu betrachten – wenn einen Gedanken nicht in Ruhe lassen und immer wieder auftauchen, einen einholen und nerven, ist es vielleicht nötig, den Weg zu verlassen, auf dem diese Gedanken unterwegs sind? Vielleicht ist die Richtung im Gebüsch erstmal unklar, aber womöglich ist die Wiese dahinter grüner? Ich denke darüber nach. Genug philosophiert für heute.

PS: Der Gedanke an die Geldscheine in meiner Schaffhos‘, der mich seit neulich nachts um kurz vor drei verfolgt, lässt mich auch nicht los. Stand der Dinge: In der Hose war nur ein Schein, der andere ist weder in der Trommel noch im Gummiring der Maschine, nicht im Trockner, in der Wäsche oder im Flusensieb des Trockners aufgetaucht. Ich bin da einem ganz großen Ding auf der Spur.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Spaghetti mit Karotten und Zucchini, dazu einen grünen Salat mit Tomate und Mais, eine Banane, ein Stück Zwiebelkuchen (beste Jelena!), eine Nipponreiswaffel.

Gelesen: Vertretungspläne, Einkaufszettel, Auftragszettel, nix Spannendes.

Gelaufen: 2,3 Kilometer Hirnwäsche-Runde mit Bambigarnitur.

Gefreut über: Den Besuch der Kollegin aus dem Lieblingsteam, das war mein soziales Highlight heute. Und den Spruch meiner Beinaheelfjährigen, als ich sie ermahnte, heute bitte pünktlich ins Bett zu gehen. „Och neee, ich wollte doch noch meditieren!“ (Was man halt so tut mit elf, wenn man nicht ins Bett will.)

Geärgert über: Dinge, die ich nicht ändern kann, Dinge, die ich nicht einschätzen kann, Dinge, von denen ich nicht weiß, was sie konkret für mich bedeuten. Eigentlich kann ich den Ärger darüber grad auch lassen, ne?

11/10/23 – Das andere links!

Job

Mein Beruf bringt Unwägbarkeiten mit sich. Meistens geschieht dann, wenn man einen guten Plan vom Ablauf der Dinge hat, etwas Unerwartetes, das alles auf den Kopf stellt. Heute Nachmittag meldete sich ein blaulichtbeauftragter Kollege, es habe in meiner Heimathood einen Unfall gegeben, vermutlich größeren Ausmaßes. Auch das ist Lokaljournalismus. Ich ließ also alles Stehen und Liegen und machte mich mit Block, Stift und Handy auf den Weg – als Ortskundige aus der praktikabelsten Richtung. Vor Ort, einer neuralgischen Kreuzung, an der es öfter mal scheppert, stellte sich dann heraus, dass es zumindest keine schwerer verletzten Beteiligten zu geben schien, die Autos waren halt Blechschaden. Nachdem ich kurz mit den Feuerwehrleuten gesprochen habe (man kennt sich auf dem Dorf, musste ich feststellen), machte ich mich auf den Rückweg zum Auto. Mit dem Kollegen am Ohr, dem ich die ersten Details durchgab. Währenddessen hielt ein BMW mit Münchner Kennzeichen neben mir. Der Fahrer schaute irritiert auf das Gewusel aus Feuerwehr, Rettungswagen und Polizeiblaulicht und fragte „Entschuldigung, ist da ein Unfall passiert?“ Kurz war ich versucht zu sagen, dass es sich um die Leistungsschau der hiesigen Einsatzkräfte handle, für die jeden Mittwoch zur Parade eine zentrale Kreuzung gesperrt werde. Aber in Anbetracht der Ernsthaftigkeit der Lage riss ich mich zusammen, bejahte die Frage und riet ihm, möglichst gleich zu wenden. Ich setzte meinen Weg fort. Der Kollege am anderen Ende war derweil unfreiwillig Zeuge des Gesprächs geworden. Nur wenige Augenblicke später stand der BMW, diesmal in umgekehrter Richtung, wieder neben mir. „Entschuldigung, wie komme ich denn jetzt am Schnellsten zur Bundesstraße?“ Ich schluckte kurz. Ich mag noch so ortskundig sein, aber sobald mich jemand nach dem Weg fragt, verwandelt sich mein wohlorientiertes Hirn in eine leere Landkarte und ich kann mir nicht einmal mehr vorstellen, wie es um die nächste Ecke herum aussieht.

Mit einem langgezogenen „Aaaalso…“ verschaffte ich mir etwas Zeit und verlieh meinem hektischen Nachdenken den Anschein, es handle sich um eine wirklich komplizierte Strecke, die ich mir selbst erst einmal zurecht legen müsste. Fast ein wenig von mir selbst überrascht hörte ich mich sagen: „Sie fahren einfach links und wieder links und sind dann ruckzuck wieder da unten an dem Kreisverkehr.“

Der Fahrer bedankte sich, das Auto fuhr los.

Erzähler: Und er sollte in einem Wohngebiet landen und wenn er nicht gestorben ist, so irrt er heute noch darin herum.

Ich schaute ihm nach. Und sah zu, wie der Fahrer den Blinker links setzte. „Jetzt fährt der nach links!“ sagte ich kopfschüttelnd zu dem Kollegen am Telefon. „Haja, warum auch nicht. Hast du ja auch gesagt“, antwortete der. Hatte ich?

Halten wir fest: Ich hatte VIELLEICHT links gesagt. Aber rechts gemeint und auch nach rechts gezeigt. Was kann ich dafür, wenn Mimik und Gestik so gar nichts zählen. (Sollten wir uns jemals im echten Leben treffen, fragt google maps oder die Sternenkonstellation am Firmament, falls ihr von A nach B finden wollt. Aber nicht mich.)

Zurück in der Redaktion, die ich übrigens problemlos und auf Anhieb fand, stellte ich meine Seiten soweit fertig, dass ich mich auf den Weg in den Ausschuss der Verwaltung machen konnte. Und weil ich morgen nicht im Dienst bin, hinterließ ich im Anschluss zwei fertige Texte mit Kommentar (hatte ich mal wieder Lust drauf und Grund zu), machte als Letzte in der Redaktion das Licht aus, holte das Tochterkind ab, begutachtete und kontrollierte Hausaufgaben und atme jetzt einfach mal durch und geh ins Bett. Da weiß ich ganz sicher, wo es steht.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Hüttenkäse mit Erdnussmuß und Banane, mittags überbackene Rigatoni mit Gemüse, heute Abend ein belegtes Käsebrötchen im Ausschuss.

Gelesen: Eigene Texte. Deutschaufgaben.

Gelaufen: Die Hunderunde spaziert, die heute morgen von einem rosa Wattewolkenhimmel garniert wurde.

Gefreut über: Das Erinnern daran, was ich an meinem Beruf so liebe. Das hatte ich in den letzten Wochen kaum noch erkannt.

Geärgert über: Dies, das, nichts Erwähnenswertes. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr stelle ich fest, dass ich ganz gut ohne Ärgern auskomme.

10/10/23 Vom Waschmaschinennirvana und dem „Tschekrasselterrier“

Ich

Vor drei oder vier Tagen, in der größten Apfelsafthektik, drückte mein Mann mir zwei Geldscheine in die Hand mit den Worten „nimm mal“. Ich faltete sie zusammen und steckte sie in Ermangelung eines Geldbeutels in meine rechte Hosentasche. Und nahm mir vor, sie abends in den Geldbeutel zu stecken.

Erzähler: Was sie natürlich vergaß.

Als ich das nächste Mal an diese Geldscheine dachte, war es kurz vor drei Uhr nachts, ich saß im Kinderbett, und mir fiel aus heiterem Himmel ein, dass ich die Hose erst in die Waschmaschine und dann in den Trockner gesteckt hatte. Samt dem Inhalt in der rechten Tasche. Als ich sie gestern Morgen aus dem Trockner friemelte, fand ich auch prompt einen zerknitterten aber sauberen Zehn-Euro-Schein. Vom anderen allerdings fehlt jede Spur. Ich bin mir sicher, dass ich zwei Geldscheine in der Hand hatte, der andere lebt jetzt vermutlich in Saus und Braus mit den BH-Bügeln und Socken, die alle an einem besseren Ort sind.

Zwei Dinge geben mir zu denken: Erstens – wohin zum Teufel kann Geld in der Waschmaschine geraten, wenn sich jedes doofe Papiertaschentuch hartnäckig in tausend Fusselklümpchen an alle Kleidungsstücke klebt? Und zweitens – warum fällt mir so ein Umstand völlig aus dem Zusammenhang gerissen nachts um drei ein? Vermutlich hat die Putzkolonne nachts in meinem Hirn gerade den „unbedingt-dran-denken-dass“-Flur gewischt und hat mir diese Erinnerung, da eh wach, einfach in die Hand gedrückt. Und vielleicht habe ich zu oft „Es war einmal der Mensch“ geguckt als Kind. (Ihr seht die behelmte Putzkolonne doch jetzt auch, oder?)

Sonst so? Die Spedition war heute da und hat mein Paket geliefert – ich hatte mir ein Rudergerät bestellt. Der Schachtelgröße nach allerdings habe ich eine römische Galeere mit Paddeln und Ersatzpaddeln, dazu einen Bootssteg, eine Umkleidekabine für die Ruder-Mannschaft und einen aufblasbaren Rhein-Herne-Kanal dazu erstanden. Zum Auspacken bin ich noch nicht gekommen, aber es muss so sein.

Und während die Galeere Schachtel quasi schon den ganzen Tag den Hausflur einnimmt, saß ich in der Redaktion und hatte einen recht normalen Tag, was angesichts der Umstände schon was Gutes ist. Noch zweikommafünf Arbeitstage to go. Dann erobere ich den Rhein-Herne-Kanal.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Frühstück ist wieder ausgefallen, zu Mittag gab es auf vielfachen Wunsch einer einzelnen Tochter Fischstäbchen, Kartoffeln und Lauchgemüse. Später noch zwei kleine Käse-Laugen-Teilchen und eine halbe Brezeln mit Käse und Gurken.

Gelesen: Texte, auch sehr bedrückende. Lokaljournalismus ist nicht immer Friede-Freude-Kaninchenzüchter, sondern oft auch menschlicher Abgrund auf der Anklagebank.

Gelaufen: 5,3 Kilometer spaziert mit der morgendlichen Spazierbegleitung. Die 10.000-Schritt-Marke ist geknackt heute.

Gefreut über: Eine Whatsapp meiner Tochter, die sich einen Hund wünscht. Aber nicht irgendeinen, sondern einen Tschekrasselterrier. Ja, so hab ich auch geguckt. 🙂 Außerdem, dass sich meine Termine heute so wunderbar gefügt haben. Manchmal hat man einfach einen Lauf.

Geärgert über: Ain’t nobody got time for this.

9/10/23 – Alles ist rund!

Ich

Protokoll einer Nacht.

Gestern, 21 Uhr: Das Kind wird ins Bett geschickt.

21:15 Uhr: Das Kind wird daran erinnert, dass es auf dem Weg ins Bett war. Kann man ja schon mal vergessen, beim Umziehen, mit einem Buch in der Hand. Unter Murren zieht es den Schlafi an und putzt die Zähne.

21:30 Uhr: Das Kind sitzt auf meiner Couch und hat sein schier unstillbares Interesse für das deutsche Müllerhandwerk entdeckt: Gebannt guckt es eine Dokumentation auf einem dritten Programm, an der ich nur zufällig hängen geblieben bin. „Mama, das ist SO spannend!“

21: 45 Uhr: Unter erneutem Murren hat es sich in sein Bett gelegt. Die Alexa spielt TKKG.

22:15 Uhr: Dem Kind war das Hörspiel (das so leise war, dass es keiner mitbekommen hat) doch zu gruselig. „Kann bitte jemand zu mir liegen?“ Wir verneinen.

22:30 Uhr: Das Kind hat Durst.

22:41 Uhr: Das Kind muss auf die Toilette und fragt, ob nicht doch jemand … wir verneinen erneut. Vehement.

23 Uhr: Ich liege auf 30 Zentimetern Breite im Kinderbett und frage mich, wie lange es wohl dauert, bis …

23:01 Uhr: … das Kind schläft und …

23:01:30 Uhr: … ich schlafe.

Es kehrt Ruhe ein. Die Stille der Nacht durchbricht lediglich der leise Ruf eines Käuzchens. Alles schläft. Alles? Um …

2:34 Uhr: Das Kind sitzt im Bett und sagt energisch „MAMA!“ Woraufhin ich ebenso ruckartig im Bett sitze, mich ganz kurz frage, in welchem, und dann sage: „Ich bin da, was ist los?“ Darauf das Kind mit vorwurfsvollem Ton: „Es ist alles rund hier!“ Ich gucke im Schein des Nachtlichts an mir herunter und will gerade empört widersprechen, da sagt das Kind „Ich bekomme Kopfweh und Schwindel, wenn alles so rund ist!“ Sprach’s und warf sich zurück in die Kissen. Im Tiefschlaf. Fühle mich, als würde ich neben der Wiedergeburt von Pythagoras sitzen, der gerade die Theorie widerlegt hatte, dass die Erde eine Scheibe sei. Das war sicher auch nachts.

2:40 Uhr: Ich bin wach und beschließe, in mein Bett umzuziehen. Und schlafe zum Glück ziemlich sofort wieder ein.

3:46 Uhr: Das Kind steht im Schlafzimmer und verkündet wie einst der Herr mit den zehn Geboten: „Ich habe Euch die Alexa gebracht.“ Zum Glück hat kein Dornbusch Feuer gefangen. Es legt den runden Echodot (alles ist rund!) auf den Nachttisch und schiebt sich zwischen uns. Das Kind schläft wieder. Ich habe Fragen.

6:10 Uhr: Mein Wecker klingelt und ich hasse ihn.

6:30 Uhr: Ich rufe und locke das und drohe dem Kind und beschließe irgendwann, dass ich es, da ohnehin erst zur zweiten Stunde Unterricht, fahre.

7:15 Uhr: Das Kind stellt philosophische Fragen nach dem Grund des frühen Schulbeginns in Bawü, nach dem Sinn von Musikunterricht und dem Sinn des Lebens überhaupt, und ist – überraschend! – müde. Von dem ganzen nächtlichen Budenzauber weiß es – natürlich – nichts mehr.

Ich hingegen starte in einen Tag, der pickepacke voll ist. Nachdem ich die Motte an der Schule abgesetzt hatte, war ich einkaufen, dann eine schöne Runde laufen. Inklusive Waldverirrung kam ich auf etwa fünfeinhalb Kilometer. Ich erledigte diverse Dinge, fuhr nach Hause, verarbeitete eine Hand voll Äpfel zu einem Apfelcrumble, der backte (buk?) während ich unter der Dusche stand. Zwischendurch kündigte sich erst ein weiteres Mittagessenskind an, dann der Entfall der letzten Stunde (Mama, MATHE FÄLLT AUS! *Der Moment, als alles rund lief).

Ich holte also Kind und Leihkind vom Bus ab, fütterte die Bande mit Gemüse und Reis, reichte einen Applecrumble zum Nachtisch (wie so die Mutter des Jahres) und gab hilfreiche Tipps bei den Mathehausaufgaben. (Und rechnete sicherheitshalber noch drei Mal nach, weil Mathe nie Neigungsfach war aber ich mich nicht schon in Klasse fünf blamieren will).

Wir

Nach der ganzen nächtlichen und morgendlichen Hektik war ich fast ein bisschen glücklich, mich der stupiden, eintönigen Arbeit mit dem Rest der Familie im Apfelsaftbusiness hingeben zu können. Allerdings war ich einige tausend Liter später auch glücklich, es hinter mir zu haben. Und jetzt freue ich mich sehr ernsthaft auf mein Bett. Irgendwie war der Tag tatsächlich rund. Prallvoll, aber rund.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Das Frühstück ist ausgefallen weil aus viel Zeit plötzlich wenig Zeit geworden war. Stattdessen gab es Zucchinipfanne mit Reis und Feta, danach ein bisschen Applecrumble. Einen Haferriegel eines namhaften Müsliherstellers, dessen Werbung allein aufgrund ihrer Grottigkeit schon funktioniert (wir alle wissen, wer gemeint ist). Lecker lecker lecker lecker! Eine Feige, zwei Bananen und grade vorhin noch einen Tomaten-Thunfisch-Salat mit einer Scheibe Brot und eine kalte Pizzaecke von gestern.

Gelaufen: 5,5km, das Jahresziel ist geknackt und um 700 Meter übertroffen. Da kommen sicher noch 150 Kilometer obendrauf. So zumindest der Plan.

Gelesen: Matheaufgaben. „Gib die Distanz der Städte in einem Balkendiagramm an, 100 Kilometer sind dabei ein Millimeter, runde.“ (Weil – alles rund heut, da war’s wieder)

Gefreut über: Das Laufziel geschafft zu haben, obwohl es mit Knieverletzung im Januar gar nicht danach aussah. Die Ankündigung, dass mein Home-Gym-Zuwachs morgen per Spedition eintrifft.

Geärgert über: Dass ich den Italienisch-Kurs heute verpasst habe, weil die Putzerei so lange gedauert hat. Nächste Woche wieder.

8/10/23 Von einer, die loszog, um mit sich zu sein

Ich

Es gibt Menschen, die grundsätzlich sehr gesellig sind und sich gerne mit anderen zusammentun. Bei der Arbeit, in der Freizeit, am Abend, am Wochenende – bei manchen ist immer Action. Vermutlich kennt jeder solche Leute, die sich wie der personifzierte verkaufsoffene Sonntag durchs Leben verabreden. Dann gibt es diejenigen, die quasi gar kein Sozialleben haben, sondern sich nach Dienstschluss aufs heimische Sofa setzen und nichts mehr von der Außenwelt wissen wollen.

Und dann gibt es mich. Die selektiv-soziophobe Hybridvariante, die mit vielen Menschen auf einem Haufen gar nicht kann, mit wenigen, wohlsortierten aber wiederum sehr gut. (Vermutlich hat Corona einen Teil dazu beigetragen, aber wie unangenehm ist es bitte, bei einem Konzert so nah an so vielen fremden Menschen zu stehen, dass man die Schuppen auf deren Schultern zählen, den herausgewachsenen Haaransatz in Millimetern angeben und die Hautunreinheiten in der Falte hinterm Ohr beschreiben könnte? Dass man deren Körperwärme auf der Haut spürt und die Spucke- oder Schweißtröpfchen fliegen sieht, wenn sie mitsingen? WER möchte das? Aber ich schweife ab.)

Ich mag Menschen und soziale Interaktion, aber eben in so dosierter Darreichungsform, dass noch genügend Zeit zum Alleinsein bleibt. Es ist kompliziert. Ich bin wohl eine Art Schroedingers Misanthrop. (Weswegen ich den Lockdown persönlich überhaupt nicht als Einschränkung empfunden habe, endlich war Alleinsein mal the thing to do, aber das ist eine andere Story.)

Heute morgen, nach den ersten Wochen im Apfelsaftbusiness und vielen Kunden und dazwischen noch meinem Job, hatte ich Sehnsucht nach mir. Einfach nur der Stimme in meinem Kopf lauschen (was jetzt sehr nach schrulliger Catlady klingt, aber mei) und mich dabei bewegen. Also machte ich mich auf in den Wald hinterm Haus in der Hoffnung, dass die Sturmschäden mittlerweile soweit beseitigt sind, dass ich nicht den Darwin Award gewinne. Da ich diese Zeilen tippe, ist dem aufmerksamen Leser ohnehin klar, dass mich kein herabkrachender Eichenast erschlagen hat. Ich sag’s bloß: Ich hab aufgepasst.

Ich spazierte einen Waldweg entlang, den ich seit Monaten nicht gegangen bin. Und als die Stimme in meinem Kopf zur Ruhe kam („boah geht das hier weit hoch“, „wie viele Kurven kommen denn noch“, „was hat da gerade geraschelt?“ „Wie viele Kilometer bin ich wohl schon?“ „Oh ein Eichhörnchen!“), war es einfach nur noch gut. Die Sonne glitzerte durch die Äste, es war warm, ich lauschte dem rythmischen Knirschen meiner Schuhe auf dem Schotter und genoss das Alleinsein einfach so sehr. Allein ist nicht einsam, wer einsam ist, leidet unter der Situation. Wer allein ist und das gut kann, tankt Energie und kommt mit sich in den Dialog. Wenn ich allein bin, kann ich Situationen verarbeiten und abhaken, die mir im hektischen Alltag wiederfahren sind und für die es noch keine Zeit gab. Mein Inneres ist wie eine Art Schreibtisch. Wenn ich zu lange keine Ablage mache, wird’s chaotisch.

Ich bin auch schon Menschen begegnet, die gesagt haben, sie könnten nie und nimmer 30 Kilometer allein wandern, weil sie dabei zu sehr ins Grübeln kämen. Vielleicht wäre aber genau diese Form von Seelenhygiene gut und wichtig? Nun ja, Küchentischpsychologie. Mir hilft’s immer wieder. Und nebenbei bewege ich mich auch noch, win-win. Morgen geht’s dann mit dem Apfelsaft weiter und jaaaa, auch mit Menschen. Morgen kann ich das wieder.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Durcheinander. Nach meinem ausgedehnten Spaziergang heute morgen ein Müsli aus Hüttenkäse, Crunch mit Kokos, Blaubeeren, Feigen und Erdnussbutter. Dann lange nichts und heute Abend eine dreiviertel Pizza mit Brokkoli mit wenig Soße und viel Käse. Habe einen kleinen Käseklumpen im Bauch. Börps.

Gelesen: Die Englischvokabeln der Tochter. ICH kann sie jetzt.

Gelaufen: Knapp 11 Kilometer aber in zügigem Spaziertempo. Es war sooo schön. Sagte ich bereits?

Gefreut über: Das dankbare Gefühl, allein sein zu können, begriffen zu haben, wie ich ticke und was mir guttut.

Geärgert über: Menschen, die andere kritisieren und dabei selbst offensichtlich große Defizite haben. Wer im Glashaus sitzt, sollte einfach die Klappe halten.

7/10/23 – Vom langsamen Vorankommen und ungewollten Duschen

Ich

Dass leidige Dinge gefühlt ewig dauern und kein Ende nehmen wollen, kennen wir alle. Als ich heute in mein Apfelsaftuniversum abgetaucht war und Liter um Liter, Beutel um Beutel befüllte im monotonen selben Bewegungsablauf, dachte ich über die Energie nach, die hinter meinem Tun steckt. Denn immer, wenn ich kurz glaubte, auf dem Laufenden zu sein, bekam ich ein neues Fass herangeschoben. Mal kleine Mengen (50 Liter sind für den Apfelsafttrinker vielleicht viel, für den Apfelsaftabfüller geradezu lächerlich wenig), mal mehrere hundert Liter auf einmal.

So öde ich es zwischendurch fand – ist nicht das ganze Leben eine Abfolge von Tagen, die sich ja doch immer wieder ähneln? Ist zwischen Montag und Sonntag, zwischen Januar und Dezember, nicht ganz oft durchhalten und dranbleiben angesagt? Mit jeder Tüte, die in einen Karton rutschte und auf die Palette neben mir wanderte, arbeitete ich mich dem Feierabend entgegen. Und wenn man morgens noch glaubt, niemals fertig zu werden, zieht man doch jeden Tag einmal das Wasser vom Boden, stellt den Schieber in die Ecke und macht das Licht aus. Die Frage ist nur, wie man sich zwischen Liter 1 und Liter xtausend, zwischen Montag und Sonntag, Januar und Dezember dabei fühlt. Ob man sich über die Umstände ärgern will oder ob man Sinn findet in dem, was man tut.

Ich habe mich heute immer wieder ermahnt, dran zu denken, warum ich diese Sparte des Betriebs einmal geschaffen habe (weswegen sie jetzt auch an mir hängt) und dass die Gründe dafür nach wie vor dieselben guten sind. (Sogar, als ich beim Putzen zum xten Mal eine Dusche aus dem Schlauch abbekam und irgendwann mit nassen Ärmeln und Hosenbeinen und triefendem Gesicht dastand, weil mir die Kraft fehlt, den Reinigungsball mit Wasserdruck durch die Schläuche zu schieben. Das Wasser sucht sich immer den falschen Weg.)

Und so freute ich mich heute ganz bewusst über wirklich nette Kundschaft, mit der das Plaudern Spaß machte. Über die Anerkennung, die viele heute äußerten. Und am Ende nahm ich dann sogar noch alle Chuzpe zusammen und holte vier 600-kg Obstkisten mit dem Hubwagen von fremden Hängern herunter, ganz ohne fremdes Eigentum zu demolieren. Eigenes übrigens auch nicht. Als ich einem Kunden erklärte, ich käme zwischen seinem SUV und der Hauswand mit meiner Stapelgabel schon durch, andernfalls sei ich versichert, entglitt ihm ganz kurz das Gesicht. Aber erstens kam ich wirklich durch, zweitens bin ich wirklich versichert und drittens muss man mich nicht immer ernst nehmen, ich tu’s ja selbst nicht. Aber sein Gesicht war gut.

Ein Tag also, den ich müde aber ziemlich zufrieden beschließe.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Ein Müsli mit Kokos und Blaubeeren bei der Arbeit, eine Banane, ein Brötchen mit Käse aus der Hand, ebenso eine Butterbrezel, einen Haferriegel und weil die Stimme der Vernunft zu mir gesprochen hat, habe ich mir heute Abend noch 400 Gramm TK-Gemüse mit Curry-Kokos-Soße gekocht und zu einer Nudelpfanne verarbeitet. Etwas Warmes braucht der Mensch.

Gelesen: Nichts außer Auftragszetteln.

Gelaufen: Gefühlt viel, tatsächlich sagt der Schrittzähler knapp 7 Kilometer in gut 10.000 Schritten. Nur mein Radius war sehr klein.

Gefreut über: Eigenes Können, nette Menschen, meine Badewanne heute Abend

Geärgert über: Jammern auf hohem Niveau – aber das ungewöhnlich schöne Herbstwetter hätte ich heute lieber für eine Wanderung genutzt. Aber manchmal kann man sich’s nicht aussuchen.

6/10/23 – Von Äpfeln und Essig

Ich

Seit geraumer Zeit pflege ich ein Ritual, das mir allein beim Beschreiben schon Grusel beschert – und ich tu’s trotzdem. Jeden Morgen, nach dem Aufstehn und vor allem anderen trinke ich ein Glas lauwarmes Wasser mit einem Schuss Apfelessig drin. Vermutlich kriege ich das nur deswegen runter, weil mein Körper noch zu müde für Widerstand ist. Aber: seit ich das mit einer gewissen Regelmäßigkeit mache, hat sich mein gereizter Darm wieder beruhigt. Vielleicht hat er auch einfach nur Schiss (haha, Wortwitz), dass ich sonst andere Geschütze auffahre. Rizinus oder Lebertran. Oder Wurstwasser. Falls also jemand ähnliche Beschwerden hat – vielleicht hilft’s. Bittegerne.

Wir

Apropos Äpfel – die Saison ist ziemlich auf dem Höhepunkt aber verglichen mit früheren Jahren echt einigermaßen locker. Darf auch mal sein. Mein Rücken allerdings findet nicht, dass gut noch mehr ginge. Wie wir vor fünf Jahren 7 Wochen, 6 Tage die Woche, bis zu 12h täglich durchgeschafft haben – es ist mir ein Rätsel. Allerdings haben die sechs „Arbeiter“ damals in den 7 Wochen auch zusammen 35 Kilo abgenommen – wir hatten einfach nicht mal mehr Zeit zum Essen. Brauch ich so auch nicht nochmal.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: ein Müsli mit Kokos und Blaubeeren, ein Ingwershot, ein Teller Spaghetti Napoli, eine Banane, eine Brezel, gekochte Eier, Oliven, Kartoffelsalat und ein kleines Blätterteighörnchen mit Nutellafüllung.

Gelesen: Tageszeitung, Auftragszettel

Gelaufen: nur um die Abfüllanlage rum, immerhin gut 8600 Schritte

Gefreut über: das superliebe Gastkind heut, mei, dich leihen wir uns gern noch öfter aus!

Geärgert über: tatsächlich nix, offenbar gibts an dienstfreien Tagen wenig Frustpotenzial. Hm hm.

5/10/23 – Von leeren, kalten Flaschen, dem Paralleluniversum und dem Bettmagnetismus

Ich

Dass Kindern morgens um sieben einfällt, sie bräuchten JETZT SOFORT fünf Eierkartons, drei leere, ausgespülte Tetrapaks, neue Sportschuhe oder einen Erdbeerkuchen für den Schulbasar habe ich schon gehört. Meine Tochter gehört (wessen Gene auch immer da reingrätschen) zu den organisierten Kindern, die Elternzettel frühzeitig zuhause aushändigen. Somit ist sie allerdings auch immer aus dem Schneider und Mama kann die Eierkartons und Tetrapaks dann schön selbst vergessen, zum Problem werden und selbiges lösen. Ist mir natürlich noch nie passiert. Hab ich nur gehört.

Heute allerdings kam das Kind heim und blubberte aufgekratzt vor sich hin (ein Zustand, der in den vergangenen vier Wochen eher die Ausnahme als die Regel war). Sie hatte noch keinen Bissen gegessen, als sie fragte: „Haben wir eine Glasflasche da? Eine leere?“ Ich durchforstete kurz die Altglassammlung und fand Gewünschtes. Darauf das Kind: „Hoaar, die muss aus dem Kühlschrank sein!“ NA-TÜR-LICH, wie doof von mir. Klar, wir bewahren grundsätzlich kalte Luft in Flaschen im Kühlschrank auf, falls mal jemand keinen Durst hat, aber … äh … frische Luft braucht.

Wir stellten also eine leere Glasflasche in den Kühlschrank, damit sie abkühlen konnte, („ich verrate aber nicht waruuuhuum! *kichergacker“) während das Tochterkind ungeduldig ein paar Gnocchi gabelte. Voller Begeisterung schließlich demonstrierte sie zwei Versuche, bei denen der Luftstrom sichtbar gemacht wird, einmal mit einer Münze, einmal mit einem Luftballon. Das Fach, das bis vergangene Woche noch „megaätzend“ war, ware heute „schon viel cooler“. Wenn wir jetzt noch Gottfried Wilhelm Leibniz auferstehen lassen könnten und der das große Einmaleins mit … sagen wir … Butterkeksen (höhö) aufmotzt, wäre das Abitur jetzt schon sicher.

Wir

Weil ich heute morgen so fleißig war (meine Kollegin würde ‚getaktet‘ sagen) und nach dem Joggen und der obligatorischen Dusche danach die Bäder geputzt, die Wohnung gesaugt und gekocht hatte, hatte ich mir einen kurzen Mittagsschlaf verdient, fand ich. Wer hätte schon ahnen können, dass ich in 30 Minuten so tief einschlafen kann, dass mich der Wecker quasi aus einem Paralleluniversum holt, in dem es sicher keine Apfelsaft-Abfüllanlagen oder körperliche Arbeit jedeweder Art gibt.

Ich stand auf und fühlte mich, als wären das Bett und ich magnetisch und folglich sehr unglücklich über die Zwangstrennung. (Sollte die Klasse meiner Tochter den Bettmagnetismus je in Versuchen nachweisen wollen – count me in!). Zombiegleich holte ich erst das Kind vom Bus ab und machte mich auf den Weg in den Familienbetrieb. In sechs Arbeitsstunden fand ich dann aber schnell wieder in die Realität zurück. Und jetzt freue ich mich ziemlich sehr auf mein Bett und darauf, dass ich es nicht nach 30 Minuten wieder verlassen muss. Hach.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Ein Müsli mit Blaubeeren und Hüttenkäse, einen Teller Gnocchi mit Tomatensoße und Zucchini, eine Banane, heute Abend Reste vom Mittag. Dazwischen: Ein Duplo und ein Lebkuchen.

Gelaufen: 6 Kilometer, lief ziemlich gut. Außerdem habe ich Bodyweight-Übungen gemacht und hassliebe es aus tiefster Seele. Schwanke immer noch zwischen ich-will-das-können und ich-habe-bisher-auch-keine-Bauchmuskeln-zum-Leben-gebraucht.

Gelesen: Auftragszettel.

Gefreut über: Das gutgelaunte Kind, das so langsam in der neuen Schule ankommt, nette zwischenmenschliche Begegnungen offline und online und das Gefühl der Leichtigkeit beim Joggen.

Geärgert über: Nichts.