Von Weggabelungen, Menschen und dem Geheimnis des Schaltjahrs

Habt ihr euch schon jemals gefragt, so im Rückblick, wann ihr einmal abgebogen seid? Ob euch in dem Moment überhaupt klar war, dass ihr vor einer Weggabelung steht? Und wie sich die Geschichte entwickelt hätte, wenn ihr die Bewerbung für den Job abgeschickt (oder nicht abgeschickt) hättet? Wenn ihr Euch nicht den Arm gebrochen und deswegen die Ferien nicht daheim verbracht hättet, wo ihr den tollen Typen im Park kennen gelernt habt, der heute Euer Mann ist? An wievielen Punkten entscheiden wir uns sogar ganz unbewusst für eine Richtung, die maßgeblich den Rest unseres Lebens prägt? Und ist es überhaupt gut, sich im Nachhinein Gedanken zu machen, was gewesen wäre, wenn?

Grundsätzlich halte ich es für müßig, an nicht gegangene Wege auch nur einen einzigen Gedanken zu verschwenden. Man weiß ja nicht, ob die Firma, bei der man sich nicht beworben oder die einen nicht genommen hat, nicht ohnehin nicht das Gelbe vom Ei gewesen wäre. Und es im Urlaub nicht nur geregnet hätte. Oder man in Tokyo überfahren worden wäre. Hätte, hätte. Manchmal ist man doch im Nachhinein auch froh, sich für x statt für y entschieden zu haben und ein bisschen hat das auch was mit Schicksal zu tun.

Ich erinnere mich gut an die geplante Kreuzfahrt, die schon so gut wie gebucht war, auf die wir uns schon richtig gefreut hatten. Als mein Schwiegervater dann aber am Herzen operiert werden musste, genau in dieser Woche, verzichteten wir auf den Urlaub, um daheim zu bleiben und ihm beizustehen. Für mich ist das noch immer der beste Beweis dafür, dass nichts ohne Grund geschieht. Denn das Schiff, auf dem wir den Urlaub buchen wollten, war die Costa Concordia, die in jener Woche vor der Insel Giglio sank und etliche Passagiere in den Tod riss. Ja, so hab ich an dem Abend auch geguckt, als ich wie vom Donner gerührt vor den Nachrichten saß.

Doch so sehr ich an eine gewisse Bestimmung glaube, so sicher bin ich mir auch, dass man das anzieht, worauf man sich konzentriert. Wenn man davon ausgeht, dass man immer den Kürzeren zieht, den Job eh nicht kriegt, immer Single bleibt, nie Kochen lernen wird, die Prüfung eh versemmelt, desto sicherer wird genau das auch eintreffen. Die Psychologie spricht von sich selbst erfüllenden Prophezeiungen, man will nämlich tief drin einfach immer Recht behalten. Siehste, hab ich ja gleich gesagt.

Wer sich einredet, zu blöd zum Autofahren (oder Rückwärtseinparken) zu sein, wird durch die Prüfung fallen (und sehr lange nach großen Parklücken suchen). Wer sich im Spiegel immer hässlich findet, wird Unsicherheit und Minderwertigkeit ausstrahlen, jemand, der sich selbst nicht für den Richtigen hält, wird auch das Gegenüber im Vorstellungsgespräch nicht davon überzeugen können. Im Umkehrschluss heißt das übrigens aber auch, Du kannst sein, was Du sein willst, Du musst nur mit Hingabe den Fokus auf dein Ziel richten und nicht wie so ein Lemming ans Scheitern glauben.

Und, liebe Eltern, wer seinem Kind immer nur sagt, was es alles nicht kann und wofür es nicht gemacht ist, zieht einen Erwachsenen heran, der später einmal gegen alte Glaubenssätze ankämpfen und mühsam herausfinden muss, was er alles verpasst hat. Das richtige Mindset ist also: Du kannst das und wenn Du es können willst, dann lernst Du es.

Nicht nur Situationen fordern dich plötzlich heraus, manchmal frage ich mich auch, warum manche Menschen in unser Leben purzeln. Man sagt ja, die einen kommen als Freunde, die anderen als Lehrer. Und auch da ist was dran. Das Rumpelstilzchen hat mir gezeigt, wo meine Schwachstellen sind – ich lasse mich enorm von Ungerechtigkeit triggern, von haltlosen Vorwürfen. Nicht unbedingt eine Schwäche, sich gegen Ungerechtigkeit einzusetzen ist ja nicht verkehrt. Aber wie man mit solchen Vorwürfen umgeht, hat man ganz allein selbst in der Hand. Ich habe gelernt, dass es bis zu einem gewissen Grad sinvoll, richtig und notwendig ist, sich mit Kritikern auseinander zu setzen. Wenn es sich aber nach selbstkritischer Prüfung wirklich nur um haltlose und unverschämte Vorwürfe dreht, darf, nein, muss man sogar souverän einen Cut machen. Das Rumpelstilzchen hat mich also gelehrt, diese rote Linie für mich besser zu definieren. Loslassen muss man üben.

Menschen kommen in Dein Leben und zeigen Dir, manchmal schmerzhaft, manchmal zu Deiner großen Verblüffung, was Dir selbst von Dir bisher verborgen geblieben ist. Sie kitzeln Facetten an Dir heraus und bringen sie zum Strahlen, lehren Dich, wer Du in den Augen anderer sein kannst und halten Dir einen Spiegel vor. Sie stoßen Prozesse an, sie prägen sich, sie verändern Dich. Und manchmal gehen sie genauso lautlos wieder. Dann hast Du Deine Lektion offenbar gelernt. Sag leise Danke, aber halt sie nicht fest. Wer will, bleibt von selbst. What flows, flows. What crashes, crashes. Ich übe mich also darin, klug genug zu sein, den Lehrer und seine Aufgabe in meinem Leben zu erkennen, offen genug zu sein, dem Freund einen Platz in meinem Leben einzuräumen. Und weise genug zu sein, den einen vom anderen zu unterscheiden.

On a less philosophical note: Heute festgestellt, dass wir ein Homeschooling-Luxus-Lotterleben führen. Das Kind arbeitet diszipliniert und weitestgehend fehlerfrei, wir hatten heute nicht mal Zoff (dabei bin ich eine verdammt schlechte und ungeduldige Lehrerin, was der Grund dafür sein könnte, dass ich nie Lehrerin werden wollte). Und im Gegensatz zu anderen Müttern, die vier Kinder in zwei Schulen, einen Job im Homeoffice und das ganze restliche Familienleben wuppen müssen, hab ich mit meinem Einzelkind und zwei freien Tagen in der Woche irgendwie das Gefühl, gar nicht so richtig mitreden zu dürfen, wenn’s um „mental load“ geht. Aber man muss ja jetzt auch nicht überall im Leben die volle Packung abkriegen, ne?

Sonst so: Spaghetti mit Shrimps gekocht, dem weiblichen Teil der Familie die Nägel lackiert, einen Arm voll Tulpen beim Gärtner abgeholt und dem Kind mit einem Luftballon, einer Taschenlampe, einem Stuhl und einem veritablen Drehschwindel erklärt, wie ein Schaltjahr zustande kommt. Für heut ist Feierabend.

LaSignorina

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