Achtung, Badeverbot – oder: Die Sache mit der Struktur

Neulich, an einem Montagabend. Ich hatte frei, wie immer montags. Und gerade als ich mir Badewasser einlaufen ließ und mich auf eine Runde Abtauchen vor dem Italienischkurs im Schaum gefreut hatte, klingelte mein Telefon. Kurz: Der Chef, eine wichtige Sache, mein Themengebiet. Ich zögerte nicht lang, drehte das Wasser ab und arbeitete.

Tags darauf erwähnte ich in der morgendlichen Redaktionskonferenz in einem Nebensatz, dass ich für den Text meine Badewanne UND den Italienischkurs geschwänzt hatte. Ungläubige Gesichter. „Baden? An einem Montag?? Gebadet wird am Samstag“, hieß es da.

In dieser Woche habe ich dann natürlich nicht mehr an einem Montag gebadet. Sondern an einem Dienstag. Rebell kann ich ja voll gut. Und beim Baden dachte ich mir, wie schön es doch ist, gegen diese kleinen, anerzogenen, erlenten, geerbten Macht-man-so’s zu verstoßen. Manchmal haben wir vor lauter hat-man-immer-schon-so-gemacht gar keinen Grund, seine Sicht auf die Dinge zu hinterfragen. Mir ist schon klar, dass man am Samstagabend gebadet hat (Mama, Papa, dann die Kinder, alle in derselben Wanne), weil man das Wasser sparen und am Sonntagmorgen sauber in die Kirche wollte. Die Zeiten und die Rituale haben sich aber geändert. Bei vielen im Außen, bei nicht allen im Innen.

Ich bade also nicht, weil Samstag ist, sondern weil mir kalt ist, weil ich Rückenschmerzen habe, weil ich meine Ruhe brauche, weil mir danach ist. Montags im Winter, Mittwochs im Hochsommer, Dienstagmorgens weil ich’s kann. Intuitiv zu handeln fängt damit an, der inneren Stimme zu glauben, die uns sagt, wann wir Erholung brauchen, wann wir essen sollten, wann wir ins Bett gehen sollten. Wir pressen unseren Tagesablauf nur viel zu oft in eine von außen vorgegebene Norm (die getaktet ist von Arbeitszeiten, Kantinenzeiten, Fahrplänen, Kita-Öffnungszeiten, Stundenplänen, Freizeitterminen).

Und vielleicht genieße ich deswegen auch die Pandemie ein bisschen mehr, als manche glauben können: Ich lebe nach meinem Takt. Und nicht nur ich. Ich habe begriffen, dass mein Kind denselben Bioryhthmus hat, wie ich. Kinder brauchen Strukturen, das ist mir klar. Aber wir zwingen unseren Kindern einen straffen Plan auf, wie sie wann zu funktionieren haben. Und der geht an der Realität meiner Tochter eher vorbei.

Während sie, 2. Klasse, zu Schulzeiten um zehn vor sieben (6.50 Uhr!) aus dem Haus wankt, schlafen wir beide gerade um diese Zeit noch. Während sie sonst um 7.20 Uhr mit Mathe und Deutsch beginnt, wird es jetzt eher halb zehn. Und siehe da: Um diese Zeit ist sie nicht nur völlig wach und hat gefrühstückt, die Arbeit geht ihr auch besser von der Hand.

Sollte ich mich jetzt also stur an die Regel halten und das starre Zeitkorsett des normalen Lebens aufrecht erhalten, um dafür ein müdes und gereiztes Kind zum Homeschooling zu zwingen? (Zu Zeiten, wo noch nicht einmal ich so richtig da bin und statt „Tiere im Winter“ „Tiere im Wald“ gelesen hatte und mich noch über die aufgeführte Forelle gewundert hatte… wer kennt sie nicht, die Forstforelle…)

Ich habe beschlossen, dass das Leben wieder früher tickt, wenn es Zeit dafür ist. Und so lange lernt das Kind im Schlafanzug bis zum Mittagessen, weil es funktioniert. Und wegen mir übt es lesen auch in der Badewanne. Wenn ich nicht grad selbst drin liege, Donnerstagmorgens. Ihr versteht.

LaSignorina

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