17/10/23 – Tag 0

Ich

Ich habe heute ein Foto meines Textes im Autoreply-Feld gemacht. Da steht „Ich bin am Dienstag, 2. Januar 2024, wieder erreichbar.“ Mein Verstand braucht glaube ich noch eine Weile, um zu realisieren, wie scheißelang ich frei habe.

Aber von vorn. Ich hatte einen produktiven Vormittag und habe noch einiges weggeschafft. Ich habe eine Übergabe für die Kollegen geschrieben, etliche Mal die Frage, ob ich wirklich nur noch heute da sei und wirklich so lange weg, mit ja (oooh jahaaa!!!) beantwortet und zehn Minuten vor eins den Rechner runtergefahren. Jetzt fühle ich mich ein bisschen wie das Schaf, das das Loch im Zaun gefunden hat und unschlüssig in der Freiheit steht.

Und dann habe ich getan, was mir am Nötigsten schien: gegrast. Sprich, ich habe Lebensmittel für den Rest der Woche gekauft wie so’n Hamsterrentner, damit ich die kostbare Zeit nicht im Supermarkt verschwende. Morgen also beginnt das Abenteuer. (Wahrscheinlich ereilt mich in 2 Wochen der Anruf des Grauens, der mich zurück an den Schreibtisch nötigt. Aber da bin ja auf Hawaii. Oder nebendran. Weitweitweg halt. Das wird so guuut!

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Eine Banane, zwei Teller Nudeln mit selbstgemachter Tomatensoße, eine Brezel mit Camembert. Gleich noch ein bisschen Obst.

Gelesen: „Ich bin ab Dienstag, 2. Janua…“ und eigene und fremde Texte.

Gesportelt: Knapp 6km spaziert mit der Hundebegleitung ohne Hund.

Gefreut über: na, offensichtlich.

Geärgert über: meine Schusseligkeit, hab im Supermarkt eine Glasflasche fallen gelassen. Sofort kam eine Mitarbeiterin und drückte mir Papiertücher in die Hand, mit denen ich sofort begann, die Pfütze aufzuwischen. Daraufhin ist sie ganz erschrocken, die Tücher seien für meine Finger, sie würde doch den Boden übernehmen … äh, ach so. Es war dann irgendwie zweimal peinlich. Aber sie hat mich beruhigt, sowas passiere jeden Tag. Nicht mir zum Glück.

16/10/23 – Einmal schleudern, bitte

Ich

Heute morgen stach ich in See. Beziehungsweise den Rhein-Herne-Kanal. Jedenfalls stellte ich mir eindrücklich vor, ich säße an Bord eines Ruderboots und glitt Schlag um Schlag über die stillglänzende Wasseroberfläche, vorbei an Containerschiffen, Ausflugsdampfern und … Enten. In Wirklichkeit saß ich auf dem kleinen schwarzen Popobrett meines Rudergeräts und stellte fest, dass 15 Minuten dort drauf eine kleine Ewigkeit sind. Ich habe Muskeln an meinem Körper entdeckt, die bislang unbenutzt in Ecken herumgehangen haben (jetzt nicht bildlich gemeint). Aber es macht Spaß, weil ich mich so richtig auspowern kann damit. Ich freue mich SO SO SO auf meine Auszeit, die – laut Plan – morgen um spätestens 13 Uhr beginnt. Yay!

Job

Womit wir zu dem kommen, was meinen gesamten Tag regelrecht gefressen hat: Meinem Job. Ich hatte zwei Geschichten, um die ich mich heute kümmern wollte. Der Plan war so lange gut, bis ich die Redaktion betrat (so lange schon im Geschäft und immer noch blauäugig, hach). Ab da stellte der Tag auf Schleuderprogramm. (Ein ganz normaler Arbeitstag also.) Um hinten anzufangen: Die beiden Geschichten sind fertig geworden. Aber um zehn kam ein Termin hinzu, den ich ehrlicherweise nicht mehr auf dem Schirm gehabt hatte. Kurz vor elf begann ich mit der Recherche für den Aufmacher, unterbrochen von Telefonaten. Um elf wurde während der morgendlichen Konferenz klar, dass meine Geschichte auf eine andere Seite wandert, meine Seitenplanung war folglich kurzfristig verworfen. Außerdem organisierte ich Termine der restlichen Woche, sagte hier zu und dort ab und erschrak fast, als meine Kollegin, mit der ich zum Essen verabredet war (mein Highlight heute!) neben mir stand. Einen viel zu großen Teller Nudeln und Frühlingsröllchen später schrieb ich zuerst Geschichte zwei, baute meine Seite fertig und recherchierte dann am Aufmacher weiter. Ich las Texte des Kollegen, half bei Überschriften, telefonierte mit Gemeinderäten und Ortsvorstehern und heute Abend noch mit dem Protagonisten des Aufmachers. Gefühlt habe ich etliche Dinge erledigt, tatsächlich aber nicht viel. Mein Kopf ist voll und leer zugleich und vermutlich habe ich irgendetwas wichtiges vergessen. An manchen Tagen erfüllt es mich, an manchen erschöpft es mich. Bin unschlüssig heute.

Aber ich sag’s Euch – die Aussicht auf den Feierabend morgen macht alles schon viel erträglicher.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Ein Müsli aus Hüttenkäse, Crunch und Blaubeeren, dann ging’s bergab: einen Teller vegetarischer Frühlingsrollen, einen Riesenteller chinesischer Nudeln mit Gemüse und heute Abend ein Laugenbrötchen mit Camembert. Morgen wieder das mit dem Gemüse.

Gelesen: Texte, eigene, fremde.

Gesportelt: Ich komme heute nicht mal auf 4000 Schritte, aber die 15 Minuten Rudern zählen ja auch

Gefreut über: Die besteste Kollegin und das lustige Mittagessen. Tut gut, nicht allein in dem Boot zu sitzen.

Geärgert über: Tunlichst nichts mehr, lohnt sich auch nicht.

15/10/23 – Row, row, row your boat …

Ich

Liebes Tagebuch, heute komme ich mir vor, als hätte ich die Langsamkeit erfunden. Das erste Mal wurde ich kurz vor acht wach, das zweite Mal kurz vor neun. Irgendwann gab es Kaffee und ein Frühstück mit Rührei, ich räumte die Spülmaschine ein und die Waschmaschine aus. Aber als ich gerade die Betten machen wollte – beschloss ich, mich noch fünf Minuten reinzule… chrrrrr… Dabei geriet ich in eine Art Zeitschlaufe. Als ich erwachte, war es kurz vor ein Uhr mittags. Ganz offensichtlich hatte ich noch eine Mütze mehr Schlaf gebraucht. Und einen Restday, um richtig runterzufahren. Ich sag’s ja, das Alter.

Ich kochte spät und aß noch später und beschloss dann, eine Runde um den Block zu spazieren, nachdem der Rest der Familie auch eigenen Plänen nachging. Kaum vor der Tür, erlebte ich einen Kälteschock, den Temperatursturz hatte ich theoretisch zwar mitbekommen, mich praktisch aber noch nicht daran gewöhnt – es ist im Süden Deutschlands plötzlich empfindlich kalt verglichen mit dem Sommerwetter, das wir bis vor ein oder zwei Tagen noch hatten. Ich spazierte also gar nicht ganz so gemütlich über Wiesen und Wege und freute mich, wieder ins warme Zuhause zu kommen. Mein Highlight allerdings ließ bis zum Abend auf sich warten: Mein Mann montierte mein Rudergerät und ich kann ab sofort meine Bahnen über den Rhein-Herne-Kanal ziehen. Theoretisch. Trockenen Fußes. Ich habe es keine zehn Minuten ausprobiert und festgestellt, dass es sehr viele Muskelpartien anspricht, denen bisher wohl jegliche Ansprache gefehlt hat. Das wird lustig.

Und damit kommen wir zum Plan: Da, Stand jetzt, der Dienstag mein letzter Arbeitstag in diesem Jahr sein wird und ich folglich viel Freizeit am Stück füllen darf, habe ich beschlossen, sie mir und meiner Kondition und Kraft zu widmen. Ich habe Lust auf Sport, also widme ich meine Zeit genau dem. Der Sonntag soll der faule Tag bleiben, an den übrigen Tagen habe ich mir Einheiten aus Laufen, Schwimmen, Radeln, Rudern, Walken, Krafttraining und Wandern vorgenommen. Projekt Sixpack startet am Mittwoch, ich bin gespannt, was sich in zehn Wochen tut. Ob ich Vorher-Nachher-Fotos machen sollte?

Job

Morgen noch und übermorgen den Vormittag – klingt immer noch unwirklich. Dabei habe ich ausgerechnet jetzt noch mindestens zwei Storys in petto, die ich noch machen will. Nun gut, ich habe ja auch noch anderthalb Tage Zeit. Ob ich wirklich loslassen kann danach? Ob mich das Schreiben nicht zu sehr lockt, als dass ich hin und wieder… hm. Und wenn nicht, ob ich dann im Januar (NÄCHSTES JAHR DANN!) wieder smooth zurückfinde? Mich treiben viele Gedanken um, aber erstens kommt alles eh, wie es kommt, und zweitens ist es immer so gut, wie man es sein lässt.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Ein Brot mit Frischkäse und Rührei, Reispfanne mit Brokkoli, Paprika, Karotten, Pilzen und Wildlachs, ein Müsli aus Hüttenkäse, Erdnusmus und Blaubeeren, heute abend ein Mini-Snickers.

Gelesen: Gebrauchsanleitungen für die Montage von Rudergeräten, ein bisschen im Internet.

Gelaufen: 3,4 km durch den Wind spaziert. Schnell spaziert. Die Kategorie heißt ab sofort „Gesportelt“, weil ich mehr vorhabe, als nur zu laufen.

Gefreut über: Das Rudergerät! Es powert mich glaub richtig gut aus und man kann überschüssige Energie loswerden.

Geärgert über: Heute keinen Grund gehabt.

14/10/23 – Die alte Frau und das Universum

Ich

… werde alt. Woran ich das merke?

  1. Ich war gerade bei einem Polterabend eingeladen, bei Menschen, die eben noch bei meinem Polterabend waren. Als Kinder, maximal Heranwachsende. Wieso heiraten die jetzt schon selbst?
  2. Menschen auf diesem Polterabend tragen winzige Babys mit sich herum und ich denke – bin ICH froh, dass ich das Wickel-Sabber-Alter hinter mir habe.
  3. Ich überlege am Buffet, ob mir Essen um diese Uhrzeit überhaupt noch bekommt.
  4. Ich verlasse den Polterabend vor 22 Uhr und freue mich, dass ich zeitig ins Bett komme. 21 Uhr ist das neue Mitternacht.
  5. Mein Rücken gewöhnt sich dieses Jahr partout nicht an die Arbeit im Stehen. Vielleicht ist es nicht einfach Überlastung, sondern Verschleiß?
  6. Während ich vor ein paar Jahren noch während der Arbeit den Inhalt der Süßigkeitenschublade dezimiert habe, knabbere ich heute Gurke und Karotte mit der Begeisterung eines Zwergkaninchens – irgendwie muss man ja die Vitamine in sich kriegen.

Die Liste wäre noch endlos fortsetzbar, aber: Neulich schätzte mich jemand zehn Jahre jünger als ich tatsächlich bin. Also reiß ich mich einfach mal zusammen, da ist noch Luft nach … unten. Und geh schlafen, der Augenringe wegen.

Und sonst so? Ich habe heute bewiesen, dass das Universum ganz genau zuhört. Denn beim Apfelsaftabfüllen kam mir plötzlich in den Sinn, dass wir noch nicht einen einzigen undichten Beutel in dieser Saison hatten. Hin und wieder, wirklich selten, ist einer der Folienbeutel undicht, oft rinnt es dann an einer Schweißnaht, die unsauber ausgeführt ist. Ich überlegte kurz, ob ich es wirklich laut aussprechen soll, entschied mich dann dafür. Ich schwöre – keine zehn Minuten später drehte ich mich zur Palette um und ein Karton stand in einer kleinen, dampfenden Lache heißen Apfelsaft – der Beutel hatte ein ziemliches Loch. Also liebes Universum, ich weiß, Du kannst mich hören. Kannst Du eigentlich aus 43-Jährigen auch 34-Jährige machen? Frage für eine Freundin.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Ein Joghurt mit Crunch, eine Feige, eine Butterbrezel, ein Stück Zwiebelkuchen, ein (!) Gummibärchen, zwei Teller Kürbiscremesuppe und einen Pizzamuffin. Letzteres nach 21 Uhr! Leben am Limit.

Gelaufen: Mehr als 10.000 Schritte. Außerdem getestet: Ich halte eine saubere Plank für eine Minute. Da ist noch Luft nach oben. Aber immerhin.

Gelesen: Nichts Spannendes, tatsächlich.

Gefreut über: Eine dampfende, hausgemachte Kürbissuppe am Lagerfeuer nach einem langen Tag körperlicher Arbeit – es sind wirklich die kleinen Dinge, die glücklich machen.

Geärgert über: Zeitliche Fehlplanung heute morgen, die meinen Feierabend eine Stunde nach hinten geschoben haben – aber der Tag ging trotzdem vorbei.

13/10/23 – Menschliche’s (sic!) zwischen Äpfeln

Ich

Wenn man so wie ich mit Menschen zusammenarbeitet, egal, ob im eigentlichen Beruf oder im Privaten, weiß man, dass Menschen sehr verschieden sind. Man begegnet immer wieder welchen, die völlig anders ticken als man selbst.

Drei Begebenheiten aus einem Tag im Apfelsaftbusiness:

  1. Ein junger Mann war beauftragt worden, den Apfelsaft, der zuvor bei uns gepresst und in Beutel samt Karton abgefüllt worden war, abzuholen. Der Saft stand ordentlich gestapelt auf unserem wirklich breiten Hof auf einer Palette. Der junge Mann stellte sich kurz vor, wir zeigten ihm, welche Palette die seine war und baten ihn, nach dem Einladen mit der Rechnung einfach kurz zu uns zu kommen. Normalerweise schließe ich das Tor, weil es zieht. Heute aber war es so warm, dass der Durchzug gut tat. Und so konnte ich folgendes beobachten: Der junge Mann hob einen Karton (5 Liter) von der Palette, marschierte damit etwa 15 Meter runter von unserem Hof und bog rechts um die Hausecke. Nach einiger Zeit kam er wieder und holte sich den nächsten Karton. Ich schaute dem Spiel eine Weile zu. Nach etwa zehn Minuten hatte er 4 Kartons abgeladen. Irgendwann fasste ich mir ein Herz und fragte ihn, ob er nicht einfach mit dem Auto AUF DEN HOF zur Palette fahren möchte, der Hof sei ja komplett leer. Er guckte mich an, dann die Palette, dann in die Richtung, in der sein Auto hinter dem Hauseck wohl stand, und sagte dann, ehrlich beeindruckt von der Idee: „Ach so. Ja. Dann müsste ich nicht so weit tragen, gell?“ Sprachs und stellte seinen Oldtimer (!) direkt neben die Palette. In zehn weiteren Minuten war der ganze Rest verladen. Man hilft ja gern, aber … äh?!
  2. Ein nicht mehr gar so junger Mann wollte wissen, wie viel Text auf unseren Etiketten wohl Platz hat. Dort steht der Name des Kunden, das MHD, das Abfülldatum, etc. drauf. Ich sagte scherzhaft, dass es für ein Gedicht sicher nicht lange. Er zeigte mir einen Zettel. Gerne hätte er den Familiennamen und darunter die Herkunft und Sorte der Äpfel stehen. Wir probierten am Etikettendrucker, ob es hinhaut. Während ich tippte, sagte Herr Müller (so nennen wir ihn jetzt), „… dann können sie ja ein Apostroph dran machen bei Müllers“. Ich sagte „könnte ich, mach ich aber nicht, denn da gehört keins hin“ und tippte weiter die Apfelsorte ab, die ich noch nie gehört hatte. Wir stellten fest, dass alles wunderbar passt. „So?“ fragte ich und wir guckten gemeinsam auf den Bildschirm. „Ja, aber wenn Sie jetzt noch das Apostroph…“ Sowas triggert mich ja. Ich holte Luft. Und erklärte, möglichst ohne oberlehrerhaft zu klingen (was mir sicher misslang), was ein Genitiv-s ist, und dass es ebenso wenig Müller’s Apfelsaft wie Tom’s Auto oder Peter’s Duden heißt. Der Mann hörte mir interessiert zu. Und dann sagte er: „Ja aber ich mach’s halt immer hin.“ Und ich: „Ja und dann ist das halt schon immer falsch.“ Wortlos guckten wir uns eine gefühlte Ewigkeit an. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass es wegbleibt. (Puh). MAN NENNT DAS DEPPENAPOSTROPH, GOOGLE IT.
  3. Seit Tagen wurmt es mich, dass ich den letzten Kunden für morgen nachmittags um drei ins Terminbuch geschrieben habe. In der irrigen Annahme, der Tag würde sich morgen ohnehin füllen. Stattdessen klaffte bis heute Abend zwischen 13 und 15 Uhr eine gähnende Lücke im Terminkalender, wir würden also zwei Stunden warten müssen, bevor wir Feierabend machen können und mit der Putzerei anfangen können. Ich googelte den Namen und versuchte den Mann anzurufen, aber leider fand ich keinen Eintrag im Telefonbuch, der passen könnte. Nicht mit unserer Vorwahl und auch nicht mit denen aus der plausiblen Umgebung. Und die Nummer hatte ich nicht aufgeschrieben. Heute Abend, als wir uns alle längst in das Schicksal ergeben hatten, klingelte bei uns das Telefon. Just dieser Kunde hakte nach, ob sein Termin um 14 oder 15 Uhr sei, er habe es vergessen. Und ob es nicht eher ginge. Er kommt jetzt kurz nach 12, schließt somit eine viel frühere Lücke und beschert uns einen um zwei Stunden vorverlegten Feierabend. Manchmal muss man einfach Dusel haben. Von wegen, Freitag, der 13. …

Überhaupt, irgendwann, zum 100-jährigen Firmenbestehen, werde ich eine Festschrift zusammenstellen und alle Anekdoten aufschreiben, die wir in den vielen Jahren erlebt haben. Mein Highlight ist immer noch die Dame vor ein paar Jahren, die wissen wollte, wie groß denn die möglichen Gebinde sind. Ich erklärte „es gibt fünf oder zehn Liter.“ Die Dame sagte „Aaaaaha.“ Dann wandte sie sich zum Gehen, drehte sich aber noch einmal um, und fragte: „Und was ist da dann der Unterschied?“ … was sagt man da? „Warten Sie, ich muss es auch kurz erst ausrechnen?“

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Ein Joghurt mit Crunch und Blaubeeren, eine Banane, eine Feige, Flammkuchen mit Räucherlachs und Champignons (einmal frisch, einmal aufgewärmt) und beim ersten Mal dazu einen grünen Salat mit Karotte, Tomate und Gurke. Außerdem einen Powerriegel vom Müslihersteller dessen Name nicht erwähnt werden soll. The one who must not be named. SEIIIIIIIITENBA… aus jetzt.

Gelaufen: Jap, erst 3,8 Kilometer, selbe Hood wie gestern nur ohne Reh, dabei einen Trimmdichpfad entdeckt. Als ich dann am Auto war, fand der innere Monk, dass 3,8 Kilometer eine schlimm ungrade Zahl sind. Also hängte ich noch 1,2 Kilometer dran. Mit deutlich flotterem Tempo. Daheim quälte ich mich noch durch ein Pamela Reif Abs-Video, weil Cardio allein dem Sixpack auch nicht hilft. Aber: Aua.

Gelesen: Auftragszettel. Und Etiketten. You know.

Gefreut über: Dass ich heute den Tipp für eine Zeitungsstory bekommen habe mit dem Zusatz „ist mir lieber, wenn sich die Beste darum kümmert“. Muss bis Montag warten, aber dann!

Geärgert über: Nichts. Es lohnt sich nicht.

12/10/23 – Von meinem Hirn, den vielen Schubladen und dem Reh, das mir den Weg wies

Ich

Manchmal glaube ich, mein Hirn ist ausgestattet, wie eine alte Apotheke – voller Türchen, Schublädchen und Schränkchen. Es ist alles gleichzeitig da: Du musst ein Geburtstagsgeschenk aus dem Korb im Spielwarenladen für den Geburtstag von Pia-Petronella kaufen; Du musst das Rezept bei deinem Hausarzt bestellen – und abholen; Wir brauchen noch Brot für morgen; Die Kinder wollen am Wochenende Marshmallows grillen; Die Rechnung muss überwiesen werden; Du brauchst einen TÜV-Termin fürs Auto; Du musst Frau Schröder eine Mail schicken und einen Termin für ein Interview vereinbaren; Am Dienstag ist ein Pressegespräch gleich morgens im Rathaus; Der Kontaktlinsenreiniger geht aus; Das eigene Kind hat ja auch schon wieder Geburtstag (was ist wohl gleich gut wie ein Hund, ohne ein Hund zu sein?); Am Freitag hat das Kind Aktionstag und muss erst zur zweiten Stunde dort sein; Die Tintenpatronen gehen aus; Für den Kunstunterricht brauchen wir Eierkartons; Der Mann braucht einen Frisörtermin UND WANN WAR NOCHMAL DER TERMIN IM NAGELSTUDIO?!

Je nach Bedarf öffnen wir Schubladen und schließen sie wieder, holen Infos aus dem Schränkchen links oben und legen sie ins Erledigt-Fach links unten. Es ist ein Wust, eine Fülle an Dingen, die wir auf Kommando abrufen können. Und manchmal sind es auch Gedanken, die sich einem aufdrängen, die man ausführlich begrübelt aber zu keinem rechten Schluss kommt. Für die gibt’s, wie in jeder gescheiten Apotheke, einen Giftschrank, der sich leider meistens ungefragt öffnet und seinen Inhalt auf den Boden spuckt. Wo man es dann mühsam immer wieder aufwischt.

Manchmal habe ich einfach keine Lust mehr auf dieses Hamsterrad. Aber seit ich laufen gehe, habe ich ein Ventil gefunden, eine kurze Zeitspanne, in der mein Hirn Urlaub macht und ich einfach nur mechanisch funktioniere. In dieser Zeit hängt meine Apotheke am Ladegerät, was aus den Schubladen hängt, ordnet sich, was aus den Türen quillt, sortiert sich zurück. Der Giftschrank ist in dieser Zeit hermetisch verschlossen. Laufen ist, auch in kurzer Distanz, zur Auszeit für mich geworden, in der ich und meine Gedanken nur mir gehören.

Und heute passierte folgendes: Ich schreckte bei einer Runde, die ich noch nie gelaufen bin, ein Reh auf. Es stand plötzlich am Wegrand, wir starrten uns ein paar Zehntelsekunden an und dachten vermutlich beide „oh, scheiße“. (Jedenfalls hat das Reh so geguckt.)

Es trabte ohne große Eile vor mir auf dem Schotterweg entlang. Immer, wenn ich um eine Biegung kam, lief es weiter, als hätte es auf mich gewartet, um zu sehen, ob ich wirklich immer noch da lang komme. Es verließ den Weg nicht und schien zu hoffen, ich würde das stattdessen tun. Tat ich aber nicht. Als ich es fast eingeholt hatte, machte es sich letztlich doch auf ins Gebüsch.

Um es aus dem philosophischen Blickwinkel zu betrachten – wenn einen Gedanken nicht in Ruhe lassen und immer wieder auftauchen, einen einholen und nerven, ist es vielleicht nötig, den Weg zu verlassen, auf dem diese Gedanken unterwegs sind? Vielleicht ist die Richtung im Gebüsch erstmal unklar, aber womöglich ist die Wiese dahinter grüner? Ich denke darüber nach. Genug philosophiert für heute.

PS: Der Gedanke an die Geldscheine in meiner Schaffhos‘, der mich seit neulich nachts um kurz vor drei verfolgt, lässt mich auch nicht los. Stand der Dinge: In der Hose war nur ein Schein, der andere ist weder in der Trommel noch im Gummiring der Maschine, nicht im Trockner, in der Wäsche oder im Flusensieb des Trockners aufgetaucht. Ich bin da einem ganz großen Ding auf der Spur.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Spaghetti mit Karotten und Zucchini, dazu einen grünen Salat mit Tomate und Mais, eine Banane, ein Stück Zwiebelkuchen (beste Jelena!), eine Nipponreiswaffel.

Gelesen: Vertretungspläne, Einkaufszettel, Auftragszettel, nix Spannendes.

Gelaufen: 2,3 Kilometer Hirnwäsche-Runde mit Bambigarnitur.

Gefreut über: Den Besuch der Kollegin aus dem Lieblingsteam, das war mein soziales Highlight heute. Und den Spruch meiner Beinaheelfjährigen, als ich sie ermahnte, heute bitte pünktlich ins Bett zu gehen. „Och neee, ich wollte doch noch meditieren!“ (Was man halt so tut mit elf, wenn man nicht ins Bett will.)

Geärgert über: Dinge, die ich nicht ändern kann, Dinge, die ich nicht einschätzen kann, Dinge, von denen ich nicht weiß, was sie konkret für mich bedeuten. Eigentlich kann ich den Ärger darüber grad auch lassen, ne?

11/10/23 – Das andere links!

Job

Mein Beruf bringt Unwägbarkeiten mit sich. Meistens geschieht dann, wenn man einen guten Plan vom Ablauf der Dinge hat, etwas Unerwartetes, das alles auf den Kopf stellt. Heute Nachmittag meldete sich ein blaulichtbeauftragter Kollege, es habe in meiner Heimathood einen Unfall gegeben, vermutlich größeren Ausmaßes. Auch das ist Lokaljournalismus. Ich ließ also alles Stehen und Liegen und machte mich mit Block, Stift und Handy auf den Weg – als Ortskundige aus der praktikabelsten Richtung. Vor Ort, einer neuralgischen Kreuzung, an der es öfter mal scheppert, stellte sich dann heraus, dass es zumindest keine schwerer verletzten Beteiligten zu geben schien, die Autos waren halt Blechschaden. Nachdem ich kurz mit den Feuerwehrleuten gesprochen habe (man kennt sich auf dem Dorf, musste ich feststellen), machte ich mich auf den Rückweg zum Auto. Mit dem Kollegen am Ohr, dem ich die ersten Details durchgab. Währenddessen hielt ein BMW mit Münchner Kennzeichen neben mir. Der Fahrer schaute irritiert auf das Gewusel aus Feuerwehr, Rettungswagen und Polizeiblaulicht und fragte „Entschuldigung, ist da ein Unfall passiert?“ Kurz war ich versucht zu sagen, dass es sich um die Leistungsschau der hiesigen Einsatzkräfte handle, für die jeden Mittwoch zur Parade eine zentrale Kreuzung gesperrt werde. Aber in Anbetracht der Ernsthaftigkeit der Lage riss ich mich zusammen, bejahte die Frage und riet ihm, möglichst gleich zu wenden. Ich setzte meinen Weg fort. Der Kollege am anderen Ende war derweil unfreiwillig Zeuge des Gesprächs geworden. Nur wenige Augenblicke später stand der BMW, diesmal in umgekehrter Richtung, wieder neben mir. „Entschuldigung, wie komme ich denn jetzt am Schnellsten zur Bundesstraße?“ Ich schluckte kurz. Ich mag noch so ortskundig sein, aber sobald mich jemand nach dem Weg fragt, verwandelt sich mein wohlorientiertes Hirn in eine leere Landkarte und ich kann mir nicht einmal mehr vorstellen, wie es um die nächste Ecke herum aussieht.

Mit einem langgezogenen „Aaaalso…“ verschaffte ich mir etwas Zeit und verlieh meinem hektischen Nachdenken den Anschein, es handle sich um eine wirklich komplizierte Strecke, die ich mir selbst erst einmal zurecht legen müsste. Fast ein wenig von mir selbst überrascht hörte ich mich sagen: „Sie fahren einfach links und wieder links und sind dann ruckzuck wieder da unten an dem Kreisverkehr.“

Der Fahrer bedankte sich, das Auto fuhr los.

Erzähler: Und er sollte in einem Wohngebiet landen und wenn er nicht gestorben ist, so irrt er heute noch darin herum.

Ich schaute ihm nach. Und sah zu, wie der Fahrer den Blinker links setzte. „Jetzt fährt der nach links!“ sagte ich kopfschüttelnd zu dem Kollegen am Telefon. „Haja, warum auch nicht. Hast du ja auch gesagt“, antwortete der. Hatte ich?

Halten wir fest: Ich hatte VIELLEICHT links gesagt. Aber rechts gemeint und auch nach rechts gezeigt. Was kann ich dafür, wenn Mimik und Gestik so gar nichts zählen. (Sollten wir uns jemals im echten Leben treffen, fragt google maps oder die Sternenkonstellation am Firmament, falls ihr von A nach B finden wollt. Aber nicht mich.)

Zurück in der Redaktion, die ich übrigens problemlos und auf Anhieb fand, stellte ich meine Seiten soweit fertig, dass ich mich auf den Weg in den Ausschuss der Verwaltung machen konnte. Und weil ich morgen nicht im Dienst bin, hinterließ ich im Anschluss zwei fertige Texte mit Kommentar (hatte ich mal wieder Lust drauf und Grund zu), machte als Letzte in der Redaktion das Licht aus, holte das Tochterkind ab, begutachtete und kontrollierte Hausaufgaben und atme jetzt einfach mal durch und geh ins Bett. Da weiß ich ganz sicher, wo es steht.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Hüttenkäse mit Erdnussmuß und Banane, mittags überbackene Rigatoni mit Gemüse, heute Abend ein belegtes Käsebrötchen im Ausschuss.

Gelesen: Eigene Texte. Deutschaufgaben.

Gelaufen: Die Hunderunde spaziert, die heute morgen von einem rosa Wattewolkenhimmel garniert wurde.

Gefreut über: Das Erinnern daran, was ich an meinem Beruf so liebe. Das hatte ich in den letzten Wochen kaum noch erkannt.

Geärgert über: Dies, das, nichts Erwähnenswertes. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr stelle ich fest, dass ich ganz gut ohne Ärgern auskomme.

10/10/23 Vom Waschmaschinennirvana und dem „Tschekrasselterrier“

Ich

Vor drei oder vier Tagen, in der größten Apfelsafthektik, drückte mein Mann mir zwei Geldscheine in die Hand mit den Worten „nimm mal“. Ich faltete sie zusammen und steckte sie in Ermangelung eines Geldbeutels in meine rechte Hosentasche. Und nahm mir vor, sie abends in den Geldbeutel zu stecken.

Erzähler: Was sie natürlich vergaß.

Als ich das nächste Mal an diese Geldscheine dachte, war es kurz vor drei Uhr nachts, ich saß im Kinderbett, und mir fiel aus heiterem Himmel ein, dass ich die Hose erst in die Waschmaschine und dann in den Trockner gesteckt hatte. Samt dem Inhalt in der rechten Tasche. Als ich sie gestern Morgen aus dem Trockner friemelte, fand ich auch prompt einen zerknitterten aber sauberen Zehn-Euro-Schein. Vom anderen allerdings fehlt jede Spur. Ich bin mir sicher, dass ich zwei Geldscheine in der Hand hatte, der andere lebt jetzt vermutlich in Saus und Braus mit den BH-Bügeln und Socken, die alle an einem besseren Ort sind.

Zwei Dinge geben mir zu denken: Erstens – wohin zum Teufel kann Geld in der Waschmaschine geraten, wenn sich jedes doofe Papiertaschentuch hartnäckig in tausend Fusselklümpchen an alle Kleidungsstücke klebt? Und zweitens – warum fällt mir so ein Umstand völlig aus dem Zusammenhang gerissen nachts um drei ein? Vermutlich hat die Putzkolonne nachts in meinem Hirn gerade den „unbedingt-dran-denken-dass“-Flur gewischt und hat mir diese Erinnerung, da eh wach, einfach in die Hand gedrückt. Und vielleicht habe ich zu oft „Es war einmal der Mensch“ geguckt als Kind. (Ihr seht die behelmte Putzkolonne doch jetzt auch, oder?)

Sonst so? Die Spedition war heute da und hat mein Paket geliefert – ich hatte mir ein Rudergerät bestellt. Der Schachtelgröße nach allerdings habe ich eine römische Galeere mit Paddeln und Ersatzpaddeln, dazu einen Bootssteg, eine Umkleidekabine für die Ruder-Mannschaft und einen aufblasbaren Rhein-Herne-Kanal dazu erstanden. Zum Auspacken bin ich noch nicht gekommen, aber es muss so sein.

Und während die Galeere Schachtel quasi schon den ganzen Tag den Hausflur einnimmt, saß ich in der Redaktion und hatte einen recht normalen Tag, was angesichts der Umstände schon was Gutes ist. Noch zweikommafünf Arbeitstage to go. Dann erobere ich den Rhein-Herne-Kanal.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Frühstück ist wieder ausgefallen, zu Mittag gab es auf vielfachen Wunsch einer einzelnen Tochter Fischstäbchen, Kartoffeln und Lauchgemüse. Später noch zwei kleine Käse-Laugen-Teilchen und eine halbe Brezeln mit Käse und Gurken.

Gelesen: Texte, auch sehr bedrückende. Lokaljournalismus ist nicht immer Friede-Freude-Kaninchenzüchter, sondern oft auch menschlicher Abgrund auf der Anklagebank.

Gelaufen: 5,3 Kilometer spaziert mit der morgendlichen Spazierbegleitung. Die 10.000-Schritt-Marke ist geknackt heute.

Gefreut über: Eine Whatsapp meiner Tochter, die sich einen Hund wünscht. Aber nicht irgendeinen, sondern einen Tschekrasselterrier. Ja, so hab ich auch geguckt. 🙂 Außerdem, dass sich meine Termine heute so wunderbar gefügt haben. Manchmal hat man einfach einen Lauf.

Geärgert über: Ain’t nobody got time for this.

9/10/23 – Alles ist rund!

Ich

Protokoll einer Nacht.

Gestern, 21 Uhr: Das Kind wird ins Bett geschickt.

21:15 Uhr: Das Kind wird daran erinnert, dass es auf dem Weg ins Bett war. Kann man ja schon mal vergessen, beim Umziehen, mit einem Buch in der Hand. Unter Murren zieht es den Schlafi an und putzt die Zähne.

21:30 Uhr: Das Kind sitzt auf meiner Couch und hat sein schier unstillbares Interesse für das deutsche Müllerhandwerk entdeckt: Gebannt guckt es eine Dokumentation auf einem dritten Programm, an der ich nur zufällig hängen geblieben bin. „Mama, das ist SO spannend!“

21: 45 Uhr: Unter erneutem Murren hat es sich in sein Bett gelegt. Die Alexa spielt TKKG.

22:15 Uhr: Dem Kind war das Hörspiel (das so leise war, dass es keiner mitbekommen hat) doch zu gruselig. „Kann bitte jemand zu mir liegen?“ Wir verneinen.

22:30 Uhr: Das Kind hat Durst.

22:41 Uhr: Das Kind muss auf die Toilette und fragt, ob nicht doch jemand … wir verneinen erneut. Vehement.

23 Uhr: Ich liege auf 30 Zentimetern Breite im Kinderbett und frage mich, wie lange es wohl dauert, bis …

23:01 Uhr: … das Kind schläft und …

23:01:30 Uhr: … ich schlafe.

Es kehrt Ruhe ein. Die Stille der Nacht durchbricht lediglich der leise Ruf eines Käuzchens. Alles schläft. Alles? Um …

2:34 Uhr: Das Kind sitzt im Bett und sagt energisch „MAMA!“ Woraufhin ich ebenso ruckartig im Bett sitze, mich ganz kurz frage, in welchem, und dann sage: „Ich bin da, was ist los?“ Darauf das Kind mit vorwurfsvollem Ton: „Es ist alles rund hier!“ Ich gucke im Schein des Nachtlichts an mir herunter und will gerade empört widersprechen, da sagt das Kind „Ich bekomme Kopfweh und Schwindel, wenn alles so rund ist!“ Sprach’s und warf sich zurück in die Kissen. Im Tiefschlaf. Fühle mich, als würde ich neben der Wiedergeburt von Pythagoras sitzen, der gerade die Theorie widerlegt hatte, dass die Erde eine Scheibe sei. Das war sicher auch nachts.

2:40 Uhr: Ich bin wach und beschließe, in mein Bett umzuziehen. Und schlafe zum Glück ziemlich sofort wieder ein.

3:46 Uhr: Das Kind steht im Schlafzimmer und verkündet wie einst der Herr mit den zehn Geboten: „Ich habe Euch die Alexa gebracht.“ Zum Glück hat kein Dornbusch Feuer gefangen. Es legt den runden Echodot (alles ist rund!) auf den Nachttisch und schiebt sich zwischen uns. Das Kind schläft wieder. Ich habe Fragen.

6:10 Uhr: Mein Wecker klingelt und ich hasse ihn.

6:30 Uhr: Ich rufe und locke das und drohe dem Kind und beschließe irgendwann, dass ich es, da ohnehin erst zur zweiten Stunde Unterricht, fahre.

7:15 Uhr: Das Kind stellt philosophische Fragen nach dem Grund des frühen Schulbeginns in Bawü, nach dem Sinn von Musikunterricht und dem Sinn des Lebens überhaupt, und ist – überraschend! – müde. Von dem ganzen nächtlichen Budenzauber weiß es – natürlich – nichts mehr.

Ich hingegen starte in einen Tag, der pickepacke voll ist. Nachdem ich die Motte an der Schule abgesetzt hatte, war ich einkaufen, dann eine schöne Runde laufen. Inklusive Waldverirrung kam ich auf etwa fünfeinhalb Kilometer. Ich erledigte diverse Dinge, fuhr nach Hause, verarbeitete eine Hand voll Äpfel zu einem Apfelcrumble, der backte (buk?) während ich unter der Dusche stand. Zwischendurch kündigte sich erst ein weiteres Mittagessenskind an, dann der Entfall der letzten Stunde (Mama, MATHE FÄLLT AUS! *Der Moment, als alles rund lief).

Ich holte also Kind und Leihkind vom Bus ab, fütterte die Bande mit Gemüse und Reis, reichte einen Applecrumble zum Nachtisch (wie so die Mutter des Jahres) und gab hilfreiche Tipps bei den Mathehausaufgaben. (Und rechnete sicherheitshalber noch drei Mal nach, weil Mathe nie Neigungsfach war aber ich mich nicht schon in Klasse fünf blamieren will).

Wir

Nach der ganzen nächtlichen und morgendlichen Hektik war ich fast ein bisschen glücklich, mich der stupiden, eintönigen Arbeit mit dem Rest der Familie im Apfelsaftbusiness hingeben zu können. Allerdings war ich einige tausend Liter später auch glücklich, es hinter mir zu haben. Und jetzt freue ich mich sehr ernsthaft auf mein Bett. Irgendwie war der Tag tatsächlich rund. Prallvoll, aber rund.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Das Frühstück ist ausgefallen weil aus viel Zeit plötzlich wenig Zeit geworden war. Stattdessen gab es Zucchinipfanne mit Reis und Feta, danach ein bisschen Applecrumble. Einen Haferriegel eines namhaften Müsliherstellers, dessen Werbung allein aufgrund ihrer Grottigkeit schon funktioniert (wir alle wissen, wer gemeint ist). Lecker lecker lecker lecker! Eine Feige, zwei Bananen und grade vorhin noch einen Tomaten-Thunfisch-Salat mit einer Scheibe Brot und eine kalte Pizzaecke von gestern.

Gelaufen: 5,5km, das Jahresziel ist geknackt und um 700 Meter übertroffen. Da kommen sicher noch 150 Kilometer obendrauf. So zumindest der Plan.

Gelesen: Matheaufgaben. „Gib die Distanz der Städte in einem Balkendiagramm an, 100 Kilometer sind dabei ein Millimeter, runde.“ (Weil – alles rund heut, da war’s wieder)

Gefreut über: Das Laufziel geschafft zu haben, obwohl es mit Knieverletzung im Januar gar nicht danach aussah. Die Ankündigung, dass mein Home-Gym-Zuwachs morgen per Spedition eintrifft.

Geärgert über: Dass ich den Italienisch-Kurs heute verpasst habe, weil die Putzerei so lange gedauert hat. Nächste Woche wieder.

8/10/23 Von einer, die loszog, um mit sich zu sein

Ich

Es gibt Menschen, die grundsätzlich sehr gesellig sind und sich gerne mit anderen zusammentun. Bei der Arbeit, in der Freizeit, am Abend, am Wochenende – bei manchen ist immer Action. Vermutlich kennt jeder solche Leute, die sich wie der personifzierte verkaufsoffene Sonntag durchs Leben verabreden. Dann gibt es diejenigen, die quasi gar kein Sozialleben haben, sondern sich nach Dienstschluss aufs heimische Sofa setzen und nichts mehr von der Außenwelt wissen wollen.

Und dann gibt es mich. Die selektiv-soziophobe Hybridvariante, die mit vielen Menschen auf einem Haufen gar nicht kann, mit wenigen, wohlsortierten aber wiederum sehr gut. (Vermutlich hat Corona einen Teil dazu beigetragen, aber wie unangenehm ist es bitte, bei einem Konzert so nah an so vielen fremden Menschen zu stehen, dass man die Schuppen auf deren Schultern zählen, den herausgewachsenen Haaransatz in Millimetern angeben und die Hautunreinheiten in der Falte hinterm Ohr beschreiben könnte? Dass man deren Körperwärme auf der Haut spürt und die Spucke- oder Schweißtröpfchen fliegen sieht, wenn sie mitsingen? WER möchte das? Aber ich schweife ab.)

Ich mag Menschen und soziale Interaktion, aber eben in so dosierter Darreichungsform, dass noch genügend Zeit zum Alleinsein bleibt. Es ist kompliziert. Ich bin wohl eine Art Schroedingers Misanthrop. (Weswegen ich den Lockdown persönlich überhaupt nicht als Einschränkung empfunden habe, endlich war Alleinsein mal the thing to do, aber das ist eine andere Story.)

Heute morgen, nach den ersten Wochen im Apfelsaftbusiness und vielen Kunden und dazwischen noch meinem Job, hatte ich Sehnsucht nach mir. Einfach nur der Stimme in meinem Kopf lauschen (was jetzt sehr nach schrulliger Catlady klingt, aber mei) und mich dabei bewegen. Also machte ich mich auf in den Wald hinterm Haus in der Hoffnung, dass die Sturmschäden mittlerweile soweit beseitigt sind, dass ich nicht den Darwin Award gewinne. Da ich diese Zeilen tippe, ist dem aufmerksamen Leser ohnehin klar, dass mich kein herabkrachender Eichenast erschlagen hat. Ich sag’s bloß: Ich hab aufgepasst.

Ich spazierte einen Waldweg entlang, den ich seit Monaten nicht gegangen bin. Und als die Stimme in meinem Kopf zur Ruhe kam („boah geht das hier weit hoch“, „wie viele Kurven kommen denn noch“, „was hat da gerade geraschelt?“ „Wie viele Kilometer bin ich wohl schon?“ „Oh ein Eichhörnchen!“), war es einfach nur noch gut. Die Sonne glitzerte durch die Äste, es war warm, ich lauschte dem rythmischen Knirschen meiner Schuhe auf dem Schotter und genoss das Alleinsein einfach so sehr. Allein ist nicht einsam, wer einsam ist, leidet unter der Situation. Wer allein ist und das gut kann, tankt Energie und kommt mit sich in den Dialog. Wenn ich allein bin, kann ich Situationen verarbeiten und abhaken, die mir im hektischen Alltag wiederfahren sind und für die es noch keine Zeit gab. Mein Inneres ist wie eine Art Schreibtisch. Wenn ich zu lange keine Ablage mache, wird’s chaotisch.

Ich bin auch schon Menschen begegnet, die gesagt haben, sie könnten nie und nimmer 30 Kilometer allein wandern, weil sie dabei zu sehr ins Grübeln kämen. Vielleicht wäre aber genau diese Form von Seelenhygiene gut und wichtig? Nun ja, Küchentischpsychologie. Mir hilft’s immer wieder. Und nebenbei bewege ich mich auch noch, win-win. Morgen geht’s dann mit dem Apfelsaft weiter und jaaaa, auch mit Menschen. Morgen kann ich das wieder.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Durcheinander. Nach meinem ausgedehnten Spaziergang heute morgen ein Müsli aus Hüttenkäse, Crunch mit Kokos, Blaubeeren, Feigen und Erdnussbutter. Dann lange nichts und heute Abend eine dreiviertel Pizza mit Brokkoli mit wenig Soße und viel Käse. Habe einen kleinen Käseklumpen im Bauch. Börps.

Gelesen: Die Englischvokabeln der Tochter. ICH kann sie jetzt.

Gelaufen: Knapp 11 Kilometer aber in zügigem Spaziertempo. Es war sooo schön. Sagte ich bereits?

Gefreut über: Das dankbare Gefühl, allein sein zu können, begriffen zu haben, wie ich ticke und was mir guttut.

Geärgert über: Menschen, die andere kritisieren und dabei selbst offensichtlich große Defizite haben. Wer im Glashaus sitzt, sollte einfach die Klappe halten.