27/10/23 – Tag10 – Vom Durchhalten und Dranbleiben – und dem letzten Saftsack

Ich

Ist es zu fassen – die Schlacht ist geschlagen, die letzten Äpfel sind verarbeitet, der letzte Saft ist eingetütet! Wir haben heute Abend gleich damit begonnen, alles zu zerlegen und mit dem Großputz zu starten. Es war eine moderate Saison, trotzdem sind wir alle froh, dass wir es hinter uns haben. Wie immer war für mich das monotone Arbeiten am Ende das Zehrendste, körperlich strengt es nur die ersten beiden Wochen an, daran gewöhnt man sich. Ich habe wirklich den allergrößten Respekt vor allen, die jeden Tag bei Daimler am Band stehen und immer dasselbe tun, tage-, wochen-, jahrelang.

Es ist eine durchaus lehrreiche Zeit, man lernt zu beißen, weiter zu machen, wenn man längst keine Lust mehr, aber noch viele hundert Liter vor sich hat. Das Fieseste ist immer die Putzerei am Ende, die nochmal knapp 2 Stunden in Anspruch nimmt. Aber auch das schafft man irgendwann, räumt alles wieder zusammen, zieht den Boden ab, löscht das Licht. Fünf Wochen in diesem Jahr, nicht voll durch. Und jetzt ist es geschafft – bis zum nächsten Jahr.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Hüttenkäse, Banane, Kokoscrunch, Gnocchi mit Pilzen und Tomatenrahmsoße, einen Apfelriegel, eine halbe vegetarische Pizza, 6 Gummibärle und zwei Schokowäffelchen für die Nerven.

Gelesen: Tatsächlich nur Auftragszettel.

Gesportelt: 2,2 Kilometer auf dem Laufband aufgewärmt, 25 Minuten Bodyweight, dann musste ich zum Frisörtermin.

Gefreut über: Das Ende der Saison!

Geärgert über: Diese Rubrik wird offiziell abgeschafft. Ärgern ist ungesund.

26/10/23 – Tag 9 – Von Spontaneität, Ritualen und dem Festhalten an Gewohntem

Ich

Wird man als spontaner Mensch geboren oder lernt man das irgendwann? Ich erinnere mich dunkel, dass ich als Kind eine gewisse Sicherheit in Dingen gefühlt habe, die sich wiederholen. In ganz banalen Dingen wie dem täglichen Mittagessen mit beiden Elternteilen am Tisch oder auch den Heiligabend bei meiner Oma. Hätte mich eine plötzliche Veränderung dieser Riten erstmal aus dem Takt gebracht? Vielleicht schon. Vielleicht auch nicht?

Sehr deutlich spüre ich diesen Wesenzug am Tochterkind. Hat sie sich auf etwas eingestellt, das dann anders kommt, tut sie sich kurz schwer damit. (Es sei denn Mathe fällt überraschend aus, das geht.) Ich erinnere mich an den Sommer, als kurz zur Debatte stand, ob wir mit meinem Auto in den Urlaub fahren, weil das andere in die Werkstatt muss. Das Kind guckte uns an, als hätten wir beschlossen, statt an den Starnberger See in den Kongo zu fahren. In eine Jurte, acht Wochen. „Aber wenn wir in den Urlaub fahren, fährt IMMER Papa“, jammerte sie. „Sonst ist es kein richtiger Urlaub.“ Heißt wohl: Wenn Mama am Steuer sitzt, ist die Erholung der Beifahrer offenbar von vornherein zum Scheitern verurteilt…

Als wir ihr neulich erzählten, dass wir Silvester dieses Jahr nicht zu Hause sein werden, sondern in einem tollen, kleinen Hotel, setzte sie wieder diesen entsetzten Blick auf. „Wir essen dann kein Raclette??“, fragte sie fassungslos. Kein Raclette, kein eigenes Feuerwerk, kein Exitspielen mit Freunden? Stattdessen Wellness, Abgeschiedenheit und leckeres Essen, für das niemand von uns Zeit in der Küche verbringen muss. ICH hatte mich mit dieser Variante sehr schnell anfreunden können, das Kind hatte anfangs etwas Mühe. Sie hatte dann aber gehört, dass es dort einen Pool gibt und das ist schließlich durchaus ein Pfund in der Waagschale. Wer weiß, vielleicht jammert sie nächstes Jahr „Kein Pool, kein Sechs-Gänge-Menü, kein Hotelfrühstück? Das ist gar kein richtiges Silvester…“

Ich werde genau aufpassen, ob dieses Festhalten am Gewohnten irgendwann einmal nachlässt, ob sie schneller bereit ist, sich auf Neues einzulassen. Und bis dahin halten wir einfach an dem fest, was wir lieben. Wenn’s dabei um Raclette geht, bin ich jederzeit dabei.

Die Kurznachrichten des Tages

Gegessen: Eine Banane, ein Eiweißbrot mit Hüttenkäse, Quäse und Honig (nicht gruseln, das war tatsächlich lecker), Zucchini-Reispfanne, ein Käsebrötchen und nochmal Hüttenkäse mit Kokoscrunch. Und dazwischen zwei Wäffelchen mit Schokolade.

Gelesen: Mathehausaufgaben. Hand aufs Herz, wie nennt man eine Zahl mit sechzehn Nullen? Ich musste auch googeln: Billiarde. Ein bisschen ist das Lernen am Leben vorbei, aber was weiß ich schon.

Gesportelt: Drei Kilometer auf dem Laufband zum Aufwärmen, zehn Minuten workout auf der Matte, zehn Minuten Rudern, nochmal einen Kilometer aufm Laufband zum Runterkommen.

Gefreut über: Nette Apfelsaftkunden, die Tatsache, dass Liegestütze schon bis zur Hälfte gehen. Irgendwann komm ich ganz runter. (Also runter ist nicht das Problem, schon klar.) Und ganz banal: Dass ich heute morgen in der Stadt noch spontan ein sehr süßes Geschenk fürs Tochterkind gefunden habe.

Geärgert über: Den ewigen Stundenausfall in der Schule. Wir hatten in dieser Woche genau einen Tag, an dem alles nach Plan lief. Ich sag ja, das mit dem G8 ist einfach nur Makulatur. Aber vielleicht gewöhnt man sich da ja auch dran.

25/10/23 – Tag 8 – Vom Machen und vom Lassen

Ich

Seit ich frei habe, habe ich einen Schalter umgelegt. Ich bin sowas von raus. Und runtergekommen.

Erzähler: Wie sie auch dachte, von Tag eins an täglich 16 Stunden lang die Welt zu retten, haha… nichts tut sie, NICHTS.

Ich habe in kürzester Zeit völlig losgelassen, erlebe die Zeitung wie jeder andere Leser völlig von außen. Ich merke richtig, wie ich nicht mehr am News-Puls hänge, nichts mehr mitkriege. Seltsames Gefühl, aber auch nicht schlecht. Weniger getrieben.

Mein Tag hat einen anderen Rhythmus bekommen, nicht unbedingt langsamer, aber anders. Der Wecker klingelt leider nach wie vor ungnädig um sechs, weil das Tochterkind schon vor sieben aus dem Haus muss. Andererseits ist das ein Segen, denn der Tag fängt nicht vertrödelt an. Der Weg führt mich dann meistens erstmal zum Sport. (Nur heute nicht, weil Muskelkater aus der Hölle). Ab nachmittags bestimmt die Familie wieder den Takt, aber klar, es bleibt viel Zeit übrig, die ich füllen kann, womit ich möchte.

In dieser ersten Woche war es ein Runterkommen, Entschleunigen, Löcher-in-die-Luft-gucken. Man muss auch Zeit haben, einfach da zu sitzen und nichts zu tun, sagten schon andere schlaue Menschen. Die Erkältung tat ihr Übriges. Und mit so viel Freiheit muss man erstmal umgehen können. Heute war das Kind bei einer Freundin, ich habe es erst um fünf abgeholt. Und weil ich Zeit hatte, habe ich sie mir auch gelassen. Heute morgen war ich eine Runde spazieren, aktive Regeneration und so. Dann quälte ich mich eine Weile über die Blackroll und setzte danach auf warmes Wasser in der Wanne. Der Muskelkater wird langsam besser, aber meine Güte, das war heftig.

Heute Nachmittag allerdings kam dann der Aktivismus wieder zum Vorschein: Ich wuselte durch den Haushalt, putzte Bad und Gästebad, saugte Staub, verräumte Geschirr und Wäsche. Das Gefühl danach ist unbezahlbar. Was nämlich liegen bleibt, bleibt liegen und bildet Haufen und jeder, der zum Beispiel schon einmal zu spät Ablage gemacht hat, weiß, wie ermüdend solche Haufen sind. Die nur größer aber niemals kleiner werden. Ob es nun Unterlagen fürs Finanzamt oder Wäscheberge sind, spielt dabei keine Rolle.

Menschen, die tägliche Aufgaben allerdings strukturiert nach Wochentagen erledigen, sind mir auch wieder suspekt: Einerseits bewundere ich sie zutiefst für ihre stoischen Routinen, die nach einem einfachen Abarbeiten von Aufgaben und einem immer perfekten Zuhause klingen. Andererseits sind sie für mich unerreichbar, ich ticke einfach völlig anders. Angenommen, ich würde immer dienstags und samstags waschen – wäre mein Lieblingspulli nicht genau dann in der Wäsche, wenn ich ihn anziehen will? Angenommen, ich würde montags für den Rest der Woche Essenspläne schreiben und einkaufen – wüsste ich dann auch, worauf ich donnerstags Lust habe? Ich, die montags um elf noch nicht weiß, worauf sie eine Stunde später Hunger hat? Angenommen, ich würde sonntags für die ganze Woche vorkochen – ich würde sicher jeden Tag Zeit sparen, wäre aber auch gebunden an das, was bereits vorbereitet ist. Wer so tickt, hat meine Hochachtung. Ich kann es nicht. Ich schwankte heute ungefähr eine Stunde lang zwischen Bahnenschwimmen in der Stadt, Therme 60 Kilometer weiter oder Badewanne daheim wegen bequem. Und entschied mich – weil ich zwischendurch das Frühstücken angefangen habe – für letzteres. Sollte also mal die Welt untergehen, muss sie das auf alle Fälle spontan tun – ich würde meine Pläne sonst nur drölfmal ändern und davor noch zum Frisör gehen.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Hüttenkäse mit Blaubeeren und Kokoscrunch (Dauerbrenner!), Gemüsemaultaschen mit Kartoffelsalat, eine Banane, ein paar Nüsse, ein Brot mit Quäse und zwei Spiegeleier.

Gelesen: Hilfreiche Artikel, wie man Muskelkater loswird. („Achten Sie darauf, Ihr Pensum sorgfältig auszuwählen und sich nicht zu übernehmen“ – ACH…!)

Gesportelt: Nein, weil! Aber ich bin 3km um einen See geschlurft, die mir ewig lang vorkamen.

Gefreut über: Dass das Tochterkind langsam die Richtung gefunden hat und sich alles normalisiert. So’n Schulwechsel ist nicht ohne.

Geärgert über: Meine Sturheit, die mir diesen Muskelkater beschert hat. Ach ne, Disziplin, das war’s.

24/10/23 – Tag 7 – Vom Muskelzoo und dem G7 1/3

Ich

Wenn Muskelkater das ist, bei dem man die sportliche Betätigung tags drauf spürt, habe ich einen verdammten ganzen Instant-Muskelzoo. Ich habe heute morgen ein Workout gemacht, das wohl nicht ohne Grund „Tyrann“ heißt. Unter anderem beinhaltete das Ganze 120 Squats in 6 Sätzen (es waren eigentlich 16 und nicht 20 pro Satz, aber wer nicht lesen kann, muss leiden). Ich vermute, dass die unter anderem der Grund dafür sind, warum mich Treppen gerade vor ein größeres Problem stellen. Rutsche ich auf dem Po runter? Versuch ich’s rückwärts? Ich jaule beim Hinsetzen und beim Aufstehen, beim Bücken, beim Gehen – eigentlich jaule ich seit heute morgen sehr viel.

Und dann gab es noch das einbeinige Kreuzheben ohne Gewichte, bei dem ich mich fragte, was das wohl bringen soll. Seit heute mittag weiß ich, dass auf der Rückseite meiner Oberschenkel Muskeln verlaufen, deren Existenz mir noch nie so bewusst war, wie seit heute. (Gelernt: Das sind die Hamstrings. Meine tun weh.) Der Rest zielte eher auf den Rumpf ab (Core, wie der Sportler sagt) und macht nur beim Husten, Lachen und Niesen aua. Man wird irgendwann leidensfähig. Nun denn, selbst verschuldet, ich werd’s auch überleben. Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.

Das Kind schüttelt derweil mitleidig den Kopf und sagt, „vielleicht war das zuviel, in Deinem Alter…“ (Mein Alter ist der running gag seit Neuestem: Wir haben Fotos von Michelle Hunziker betrachtet und ich hatte gesagt, dass die Frau wirklich toll aussieht, dafür, dass sie schon Oma ist. Woraufhin das Kind meinte, „Oma?? Dabei sieht die fünf Jahre jünger als Du aus…“ Hab Kinder, haben sie gesagt, sie sind ein Quell der Freude, haben sie gesagt … )

Apropos Kind: Wir haben seit diesem Schuljahr einen digitalen Vertretungsplan als App auf dem Handy. Während ich damals noch stöhnend an einem schwarzen Brett hinter Glas morgens um kurz vor acht lesen musste, dass die erste Stunde ausfällt und ich ganz umsonst so früh aufgestanden bin, weiß mein Kind das heute schon am Vorabend. Was ja grundsätzlich sehr praktisch ist. Heute allerdings ist das Mamataxi zur zweiten Stunde gefahren (wo kein Bus mehr fährt, ÖPNV, Dorf, Katastrophe), um um kurz nach zwölf zu hören, dass die erste Stunde sehr wohl stattgefunden hätte, der Plan halt falsch war. Dafür fallen morgen erneut die erste und sechste Stunde aus. Sagt jedenfalls der Plan. Wir haben in den ersten sechs Wochen bereits mehr Stunden eingebüßt als in vier Jahren Grundschule davor. Wenn das so weiter geht, macht sie Abi nicht nach G-8-Modell, sondern nach G-7-1/3… Der Stoff wird nicht weniger, er wird nur zusammengestrichen und der Rest in einem Tempo durchgepeitscht, dass die Kinder sich schon in Klasse fünf für friss oder stirb entscheiden müssen. Ob das dieses vielgepriesene hohe Gut der Bildung ist, von dem die Politiker immer sprechen? Auf Binge-Learning habe ich eigentlich keine Lust.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Ein Eiweißbrot mit Quäse, zwei Teller Vollkornnudeln mit Soja-Bolo, ein Stück Marmorkuchen, Ein Brot mit Bergkäse und ein paar Möhrenstückchen.

Gelesen: Vertretungspläne, Workoutpläne, Bildungspläne, ach.

Gesportelt: 30 Minuten Bodyweight, 20 Minuten Rad. Viel hilft viel. Aua.

Gefreut über: Einen sehr sehr sehr schönen Nachmittag bei Kaffee, Kuchen und bester Unterhaltung. Ich durfte auf die Invaliden-Sitzschale sitzen und ein paar Stunden meine physischen Einschränkungen vergessen. Es tut so gut zu spüren, dass es auch normale Leute gibt. („Endlisch nommaaale Leute!“). Außerdem hatte ich heute morgen maximal viel Zeit für mich ganz allein. Sowas genieße ich ja wirklich sehr.

Geärgert über: Nichts wirklich. Macht nur Muskelkater im Hirn und da brauch ich ihn nicht auch noch.

23/10/23 – Tag 6 – Was fliegt denn da?

Ich

Ihr Lieben, der heutige Blogpost wird Ihnen präsentiert von *insert Antibrechmittel*. Wer einen empfindlichen Magen hat und noch dazu mit einer bildhaften Phantasie gesegnet ist, sollte sich heute an dieser Stelle einfach andere Lektüre suchen.

-Jetzt ist die Gelegenheit abzuschalten-

Ihr seid noch da? Ok, selbst verantwortlich. Also. Diese Geschichte beginnt vor etwa drei Wochen. Ich saß bei einem Kaffee in meiner Küche, als ein kleiner, brauner Falter auf dem Tisch neben meiner Tasse landete. Ich scheuchte ihn weg. Es wird kalt draußen, langsam drückt allerhand Getier rein ins Warme, dachte ich mir. Irgendwann hatte ich mich an die Anwesenheit des Flattertiers gewöhnt. Bis ich bemerkte, dass es mittlerweile zwei waren. Vor lauter Apfelsaft und anderen Dingen schenkte ich dem Ganzen wenig Bedeutung.

Bis ich heute zwei dieser Flattertiere am selben Küchenschrank sitzen sah. Und mindestens zwei weitere an anderen Stellen in der Küche. Ich stutzte. Grundsätzlich würde ich mich als tierlieben Menschen bezeichnen, aber invasive Arten dulde ich nicht in meiner Küche. Einer Eingebung, die mir gewissen Schauder bereitete, folgend, googelte ich „Wie sehen Lebensmittelmotten aus?“.

Erzähler: Und sie wurde panisch.

Wenige Augenblicke später stapelte ich Nudelpackungen auf Vorratsdosen, räumte Soßengläser und Maisdosen aus den Schubladen, ständig in der Sorge, mir käme gleich eine ganze flatternde Heerschar dieser kleinen, braunen Falter entgegen. Aber – ich fand nichts. Also googelte ich „Wie sehen Eier von Lebensmittelmotten aus?“ und fand zumindest den Hinweis, dass man nach Gespinsten Ausschau halten solle, die das Nest kennzeichnen. Außerdem hieß es, dass man sich die Eier dieser Motte in den allermeisten Fällen mit Lebensmitteln ins Haus holt. Nudeln, Reis, Haferflocken, sowas.

Also guckte ich in jede Nudelpackung und prüfte, ob die Luft auf Druck noch jede einzelne Plastikverpackung aufbläht. Ich fand – nichts. Ich putzte die Schubladen mit Hygienereiniger und räumte einigermaßen ratlos alle Vorräte wieder zurück. Und dann fiel mein Blick auf den Oberschrank, in dem neben Geschirr noch ein paar Gewürze stehen.

Tatsächlich kam mir ein Flattertier aus dem Geschirrfach entgegen. Ich räumte also Salz, Pfeffer, Nelken, Korianer, Sternanis, Curry, Paprika und alles andere aus. Schüttelte Päckchen, starrte auf Pfefferkörner, beäugte argwöhnisch jede fest verschlossene Gewürzdose. Aber ich fand – nichts. Und dann holte ich die Porzellanschüsseln von oben herunter und fand zwei der Falter in den Schüsseln. Aber kein Gespinst.

Meine Küche sah aus wie ein orientalischer Gewürzbasar in chaotisch. Ich räumte Döschen für Döschen und Päckchen für Päckchen wieder ein, nachdem ich alle Flächen geputzt hatte. Und zum Schluss fiel mein Blick auf die große Dose Allzweckwürze. In meinem Hirn lief ein Film ab, wie man ihn aus Sherlock-Holmes-Folgen kennt. Diese Dose hatte ich erst neulich aufgefüllt. Aus dieser Dose hatte ich in den letzten Wochen etliche Male das gelbe Würzpulver ins Essen geschüttelt. (Ich würge beim Gedanken daran echt immer noch)

Mir war sogar aufgefallen, dass die Löcher begonnen hatten, sich zu verengen, was ich aber darauf zurückgeführt hatte, dass die feuchte Hitze beim Kochen die Brösel verklebt hatte, während man das blubbernd kochende Essen im Topf würzt. Ich betrachtete die Löcher aus der Nähe. Und stellte fest, dass sich die Würzkrümel in einer Art Gespinst … ich schluckte. Und öffnete mit einer Gabel den festen Drehverschluss der Dose, nur, um ihn kreischend und würgend sofort wieder zu verschließen.

Sagen wir so, ich habe das Nest gefunden. In einem Zipbeutel, in einem Sack und einem weiteren Sack habe ich die Dose entsorgt. Ich würgte den Rest vom Nachmittag ein bisschen und hoffe, dass ich wirklich die Wurzel allen Übels erwischt und eliminiert habe. Vermutlich hat sich das Problem nur deswegen nicht größer und schneller ausgeweitet, weil wir die neuen Eier einfach täglich mitgekocht haben. ÖÖÖÖRKS.

So. Soviel dazu. Ich bin sehr froh, ohnehin die meisten trockenen Vorräte in gut verschlossenen Dosen zu haben, aber sowas brauch ich echt nicht nochmal.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: (Örks!) Hüttenkäse, Blaubeeren, Banane, Kokoscrunch, überbackene Gemüsemaultaschen (heute tatsächlich mit Salz und Pfeffer only), ein Brot mit Hartkäse.

Gelesen: Artikel über Lebensmittelmotten. Unschön.

Gesportelt: 25 Minuten Bodyweight und 10 Minuten gerudert.

Gefreut über: Die beiden netten Damen, die mich heute morgen an der Supermarktkasse freundlich durchgewunken und mich vorgelassen haben.

Geärgert über: Erklärt sich von selbst, ne? Öööörks…

22/10/23 – Tag 5 – Vom Leben als goofy Fossil

Ich

Alte Menschen, so dachte ich früher, sind die, die einen Mittagsschlaf halten. Heute weiß ich – ich lag entweder falsch oder ich bin alt. Heute morgen stand ich vor neun auf mit dem dringenden Bedürfnis, einen Kaffee zu trinken und einmal schnell die nächtlichen Ansammlungen all dessen, was mit der Rüsselpest zu tun hat, wegzuschneuzen (keine Details, versprochen). Und nach Spülmaschine, Waschmaschine, Trockner und Rumräumaufgaben, die man eben so nebenbei erledigt weil einer muss ja, hatte ich das ebenso dringende Bedürfnis, mich wieder hinzulegen. Und so schlief und döste ich weitere anderthalb Stunden über die Mittagszeit hinweg, um danach gefühlt in einem anderen Jahrhundert eines anderen Planetensystems wieder aufzuwachen.

Im Lauf des Tages stellte ich weitere Zeichen zunmehmenden Alterns fest. Erstens meinen Hang zu Printmedien. Zwar habe ich e-Books heruntergeladen, aber noch keins davon je zu Ende gelesen. Ich liebe es, Bücher in der Hand zu haben, zu blättern, Eselsohren hineinzuknicken als Lesezeichen (pscht! Ich darf das, sind ja meine Bücher!) und sie überall im Haus herumzutragen. Manche Bücher zeigen später mit welligen Seiten, dass sie längere Zeit über Feuchtigkeit ausgesetzt waren, keinesfalls, weil sie in einem modrigen Keller gelagert, sondern weil sie in der Badewanne gelesen wurden. Büchern geht nie der Akku aus und wenn sie in die Wanne fallen, sind sie nicht sofort hinüber.

Ähnlich geht es mir mit der Zeitung. Wer zu meinen jüngeren Kollegen gehört, sollte an dieser Stelle das Programm wechseln, mich aber jedenfalls nicht für schrulliger als gedacht halten, denn auch bei Zeitung bin ich noch immer sehr an das Medium aus Papier gebunden. Ich weiß, dass Onlinemedien inhaltlich nicht weniger wertvoll, nicht weniger gut recherchiert, nicht weniger seriös aufgearbeitet sind. Mein Verstand weiß das. Mein Bauch hingegen hängt am Knisterpapier, an den schwarzen Fingern beim Blättern, am von-hinten-anfangen-zu-lesen, am Falten, am Ausschneiden und Aufheben.

Weil: Ich bin offenbar wirklich alt. Zum ersten Mal beschleicht mich das leise Gefühl, nicht mehr zur Generation zu gehören, die auf dem Laufenden ist. Die intuitiv tut, was moderne Menschen eben tun. Die auf der Höhe der Zeit ist. Zum ersten Mal fühle ich mich ein kleines bisschen wie ein Reisender aus einer anderen Zeit, der sich den neuen Kontinent anguckt, ohne sich wie ein Indigener zu fühlen.

Einerseits ist das ausgesprochen seltsam. Andererseits öffnet es den Blick für die Generationen, die jeden Tag noch von viel weiter anreisen in diese heutige Zeit, für die Apps auf dem Smartphone Böhmische Dörfer sind, die den Wetterbericht in der Tagesschau sehen wollen, um tags drauf von Regenschauern überrascht zu werden, von denen gestern noch nix im Fernsehen kam. Ich komme nicht von ganz-weit-weg. Nicht von vorgestern. Aber vielleicht von gestern Spätabends. Als man noch Texte von Disketten gezogen hat, als man schwarz-weiß-Filme mühsam im Dunkeln über Gitter gewickelt und sie tastend in Entwicklerflüssigkeiten getunkt hat. Als man irreversible braune Sprenkler auf T-Shirts hatte, wenn der Deckel jener Behälter in die Flüssigkeit geplatscht ist, als man fluchend auf Laborböden herumtastete, weil die Filmrolle runtergefallen war.

Wenn ich das meinen jüngeren Kolleginnen erzähle, gucken sie mich an, als würde ich von meiner Kindheit im ersten Weltkrieg erzählen. Ich habe in Redaktionen gesessen, in denen Kette geraucht wurde. Ich bin durch Drucksäle gelaufen, habe Klebeumbrüche begutachtet und meine Ausdrucke zwischen Aschenbecher und Bierflaschen gelegt. Ich habe Lieder aus dem Radio auf Kassette aufgenommen und weiß heute noch, wenn eines davon auf dem Oldiesender läuft, an welcher Stelle der Moderator reingequatscht hat. Ich habe in Röhrenfernseher geguckt, die nach dem Ausschalten noch lange knisterten und wenn man mit dem Finger den Bildschirm berührte, weiße Punkte fabriziert haben. Und wenn heute jemand sagt, „das ist jetzt auch schon 15 Jahre her“, denke ich an irgendwas in den Neunzigern. Um festzustellen, dass Menschen, die 2005 geboren wurden, längst Autofahren dürfen.

Alles hat seine Zeit, offenbar. Und eigentlich ist es nicht schlimm, all diese Geschichten erzählen zu können, wie so ein Fossil. Es zeugt davon, dass der Fahrtenschreiber schon einiges dokumentiert hat, mehr, als manch anderem überhaupt vergönnt ist. Also bin ich dankbar für das, was war und so offen wie ich eben kann, für das, was kommt. Meine Tochterkind ist immerhin eine sehr stabile Verbindung in diese neue Welt, wenn ich dann mal im richtig peinlichen Alter bin, wo ich gar nichts mehr verstehe. So richtig … goofy halt.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Gruselige Bilanz – angefangen mit Hüttenkäse, Blaubeeren, Banane und Kokoscrunch, dann eine Kaki. Dann ein Brötchen mit Käse und grad noch ein Brot mit Käse. Das warme Mittagessen ist einfach ausgefallen. Eine Schande.

Gelesen: Einen herrlichen Artikel in der SZ, ansonsten ein bisschen quer durchs Netz.

Gesportelt: Nope. Immer noch Rüsselpestschonzeit.

Gefreut über: Alle Geburtstagsgeschenke fürs Kind beisammen zu haben. Und so langsam über die Erkenntnis, dass ich frei habe. Es sickert langsam in mein Bewusstsein durch.

Geärgert über: Nichts heute. Man wird halt auch altersmilde.

21/10/23 – Tag 4 – Von der Mitternachtsformel und den Dingen, die man wirklich braucht

Ich

Anknüpfend an die Diskussion mit meiner Tochter gestern, ob man als gebildeter Mensch zwingend das große Einmaleins auswendig können muss, kamen wir heut auf alle möglichen Dinge, die man mal gelernt hat. Groß war ihr Erstaunen, als ich, die weiß Gott (haha) nicht bibelfest ist, aus dem Stegreif Psalm 23 aufsagen konnte, „den lernen wir grad in Reli, aber woher kennst DU den?“ Nicht alles, was man in der Schule lernt vergisst man, auch wenn man es nicht wirklich anwenden kann.

Aber jetzt mal Butter bei die Fische: Wie oft haben mir Mathelehrer gesagt, die Mitternachtsformel heiße deswegen so, weil man sie aus dem FF aufsagen können müsse, wenn man um Mitternacht geweckt und danach gefragt würde. Heute, mit 43 Jahren, kann ich mit absoluter Sicherheit sagen: Was fürn Quatsch! Nie, aber auch wirklich nie mehr nach dem Abitur habe ich diese x1,2=-b +-…Formel je wieder gebraucht. (Geschweige denn, dass es jemand gewagt hätte, mich deswegen um Mitternacht zu wecken.) Noch nie war ich in meinem Leben an dem Punkt, an dem ich gedacht hätte, „mei, jetzt kann nur noch die Mitternachtsformel helfen.“ Einzige Ausnahme: Ein Mathelehrer sollte die möglicherweise parat haben. Aber der Rest der Menschheit braucht. das. einfach. nicht.

Ich habe nie wieder Parabeln berechnet oder bin der Frage nachgegangen, wie schnell sich ein 80 kg schwerer Mann in einem Zug fortbewegt, der bei 140 km/h entgegen der Fahrtrichtung in Schrittgeschwindigkeit durch den Gang geht. Insofern hilft ein bisschen Gelassenheit womöglich dabei, wenn sich unsere Kinder schwer tun zu verstehen, warum sie lernen sollen, was sie lernen sollen. Und wie wir ja alle wissen, ist das Argument „später habt ihr ja auch nicht immer einen Taschenrechner dabei“ schon längst keines mehr.

Und übrigens: So lange es Erwachsene gibt, die der Meinung sind, aus 300 Kilo Äpfeln könne man 300 Liter Saft gewinnen, ist die Mitternachtsformel sicher nicht die dringlichste Aufgabe an Bildungseinrichtungen. Nur mal so.

Sonst so? Heute zum Abschluss des Apfelsafttages sehr liebe Menschen da gehabt, mit denen wir den Abend haben gemütlich ausklingen lassen. Noch zwei Tage haben wir geöffnet, dann war’s das wieder mit der Saison.

Die Rüsselpest hat sich im Lauf des Tages verbessert, zwar ist die Nase noch nicht ganz frei, aber das Schlimmste, so scheint es, habe ich überstanden. Freue mich trotzdem auf einen entspannten Sonntag.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Klassischer Arbeitssamstag – Frühstück ist ausgefallen, es gab eine Banane, eine Kaki, einen Ananas-Riegel, eine Tasse Brühe mit Backerbsen (Kindheitserinnerungen!), eine Butterbrezel, später ein Brötchen mit Käse und eine Brezel mit Käse und Gurken.

Gesportelt: Nein, aber über 10.000 Schritte gegangen.

Gelesen: Auftragszettel und Bestimmungen zur Kennzeichnungspflicht

Gefreut über: Liebe Menschen, die mir den Tag echt versüßt haben.

Geärgert über: Die Anspruchshaltung der Menschen, die für mein Empfinden immer krasser wird.

20/10/23 – Tag 3 – Von der Rüsselpest, der Schulpflicht, dem Wollen und Müssen

Ich

Szene am Mittagstisch: Das Kind blubbert. Kauend, zwischen den Gabeln voll Kartoffelauflauf, entsprechend nuschelig. „Und dann hat der das gesagt und dann hat die jenes gesagt und Lina und Lana und Lena haben gemeint *blubberblubber*, und dass diesdasAnanas, dabei hat Luana eigentlich gar nichts…“ … you get it.

Ich lauschte eine Weile und versuchte die Stringenz der Story dessen, was sich in der Pause zugetragen haben mag, zu erkennen. War ein bisschen so, wie wenn man beim Tatort einschläft, um elf im nächsten Blockbuster wieder aufwacht und verzweifelt versucht, die Handlung bis dahin nachzuvollziehen.

Als das Geblubber eine kleine Verschnaufpause einlegte, versuchte ich, sachte eine kleine Rüge ans Kind zu bringen, nämlich die, dass sie gestern noch frohlockend meinte, „Mama, morgen IST gar keine Mathearbeit“, und heute an der Bushaltestelle einstieg mit den Worten „Rate mal, was passiert ist – heute war keine Mathearbeit, sondern ein TEST“. Ähm.

Es liegt mir fern, unnötig Druck aufzubauen. Nur so ein bisschen mehr Organisation wäre hilfreich. Fairerweise muss ich sagen, dass sie die übrigen Termine (wenn Mütter Kalender vergleichen, hähä) alle richtig eingetragen hatte. „Hoar Mama, jetzt vergess ich in viereinhalb Jahren EINMAL was….“ Nun. Wir harren der Dinge, die da kommen. Und schwanken zwischen „War aber leicht“, „Ich hab alles richtig“, „glaub ich“, „Die drei letzten Aufgaben hab ich halt nicht mehr geschafft“.

Wir Mütter lernen im Geburtsvorbereitungskurs, wie man Wehen veratmet. Und je älter die Kinder werden, desto mehr begreifen wir, dass das Veratmen mit den Wehen unter der Geburt nicht viel zu tun hatte, eher mit denen, die nach dem Kreißsaal noch kommen. Am Ende der Diskussion hab ich ihr gesagt, dass man den Wert eines Menschens sicher auch nicht danach bemisst, ob er auswendig sagen kann, wie viel Siebzehn zum Quadrat ist. „Siehste“, sagte das Kind und ging spielen. Und Mama atmet weiter.

Stichwort Atmen: Die Rüsselpest, die mir gestern den Hals hat kratzen lassen, hat sich ein Stockwerk höher in die Nase verzogen und lässt die laufen. Deswegen hatte ich heute einen völligen Ruhetag. Außer, dass ich mit einer Handvoll anderer Rentner um viertel vor acht im Supermarkt war, habe ich völlig die Füße still gehalten. Zwischen zehn und elf heute morgen bin ich sogar auf der Couch eingeschlafen. Wohl dem, der’s kann, ne? Dem Muskelkater nach zu urteilen, war das auch dringend nötig. Ich spür’s immer noch.

Ich habe die Zeit stattdessen sinnvoll genutzt und ein Stück Buch im Erkältungsbad gelesen, dem Kind ein Geburtstagsgeschenk bestellt und mir selbst überlegt, eine Uhr zu kaufen. Die Wahl zwischen ganz schwarz und ganz weiß fällt mir nicht leicht und ich hab’s auch erstmal aufgeschoben. Den besten Rat hatte vermutlich die Lieblingskollegin, die mich von weiß abbrachte. „Das sieht nur braungebrannt gut aus, wir sind aber alle käsig. Fifty shades of Brie.“ Ich bin fast abgesoffen vor Lachen. Brie ist the new Tan.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Ein Eiweißbrot mit Frischkäse, Honig und Bananenscheiben (klingt komisch, schmeckt aber), zwei Teller Kartoffel-Gemüse-Auflauf und gleich nochmal Brot mit Spiegeleiern und Käse.

Gelesen: In der Wanne ein Stück davon. Nicht unbedingt was für zarte Seelen.

Gesportelt: Nada. Weil Rüsselpest.

Gefreut über: Dass das Kind durchaus auf- und abrunden, sauber schreiben, sich Dinge merken kann. Nur halt nicht, wenn ICH es will. (Aber gut zu wissen, dass es geht.)

Und: Bei meinem letzten Mailandbesuch schlich ich in dem Bialetti-Fachgeschäft am Dom um eine Bialetti-Mokkakanne herum und konnte mich nicht durchringen, sie zu kaufen. Der Mann, der die Story nur aus Erzählungen kennt weil er gar nicht dabei war, hat sich das gemerkt und eine bestellt. Fehlt nur noch das richtige Pulver dazu.

Geärgert über: Dass sich Mama immer nen Kopf um Dinge macht, die vielleicht einfach noch Zeit brauchen. Als ob das Gras schneller wüchse, weil ich dran ziehe.

19/10/23 – Tag 2 – Von alten weißen Männern und der Disziplin

Ich

Heute wurde mir mehrfach von unterschiedlichen Menschen zu meiner eisernen Disziplin gratuliert. Ich habe heute morgen um kurz nach sieben Kraftübungen gemacht und danach 15 Minuten auf dem Rudergerät verbracht. Weil ich das mit dem Muskelaufbau und dem Sport in meiner Auszeit ganz ernst meine und auch ernst nehme.

Ob das was mit Disziplin zu tun hat? Ich weiß nicht, warum das so ist, aber wenn ich mir selbst ein Ziel setze, dann kann ich einfach nicht anders, als den Weg dorthin zu gehen, so wie ich ihn mir vorgenommen habe. Ich habe vor Jahren mitten in einem Februar beschlossen, 1000 km bis Jahresende zu walken. Ich stellte die Uhr und walkte. Am Silvestermorgen lief ich die letzten 4 Kilometer. Ich kann gar nicht anders. Es ist ja so: Verspricht man einem Kind, dass es ein Eis bekäme, wenn es sein Zimmer aufräumte, dann hält man sich dran, wenn man das Kind nicht in seinem Grundvertrauen erschüttern will. Versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen.

Dasselbe gilt für Versprechen, die man sich selbst gibt. Diesen ominösen Schweinehund, der bei manchen Menschen offenbar ständig mitredet, hat man in meinem Bauplan irgendwie vergessen. Klar, manchmal ist es früh, noch dunkel, kalt, schmuddelig. Aber wie übel ist das Gefühl, die Laufrunde geschwänzt zu haben? Dann tausendmal lieber kalt und dunkel. Nicht denken, einfach machen.

Möglicherweise liegt die Kunst auch darin, realistische Ziele zu setzen? Oder sich nichts vorzunehmen, was man nicht auch wirklich möchte? Ich treibe nicht Sport, weil ich glaube, dass es gesund und sinnvoll ist, sondern weil ich mir ganz sicher bin. Insofern ist es Disziplin, Selbstliebe oder Sturheit – wurscht, finde ich – es funktioniert.

Job

Nicht der eigentliche, sondern der im Familienbetrieb: Es hat diesmal fast bis zum Ende der Saison gedauert, bis mir ein alter, weißer Mann erklärt hat, wie ich meinen Job richtig mache. Das geht oft schneller. Dafür sogar schriftlich diesmal mittels ausgedrucktem Infomaterial. Erst wollte er ein selbstgewähltes MHD aufgedruckt haben, die Verantwortung dann per Unterschrift aber nicht selbst tragen. Und wir haben dann alle bereits geklebten Etiketten nochmal neu gedruckt, kostenpflichtig, versteht sich. MENSCHEN.

Ansonsten war der Tag viel anstrengender als gedacht – das Terminbuch sah gar nicht so voll aus, plötzlich wurde es aber immer voller. Was aber auch daran liegen könnte, dass „zwei Zentner“ und „zwei Hänger“ eben ganz grundverschiedene Mengenangaben sind, die, wenn man sie missversteht, zu Engpässen führen können. Wir hatten so spät Feierabend, wie noch nie in diesem Jahr. Aber, Feierabend ist Feierabend.

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Einen halben Becher Hüttenkäse mit Müsliflocken und Banane, ein Eiweißbrot mit Frischkäse und Quäse zwischendurch, zwei Teller Spaghetti mit grünem Pesto und Erbsen, ein halbes Brötchen mit Käse. Ein Lebkuchen für die Nerven und eine Handvoll Nüsse.

Gelesen: Herstellerangaben, Auftragszettel, dies und das.

Gesportelt: 30 Minuten Bodyweight und 15 Minuten Rudern. Eins von beiden hat mir schrecklichen Bauchmuskelkater beschert, Husten, Lachen, um die Kurve fahren – alles tut irgendwie weh. Erstaunlich, wofür man Bauchmuskeln braucht, wenn man sie nicht mal sieht.

Gefreut über: Ein Kind, das gelöst und lachend von der Schule kommt, wo es heute eine Deutscharbeit geschrieben hat.

Geärgert über: Den Virus im Haus, der sich nun wohl auch in meinem Hals einnistet. Morgen ist Ruhetag angesagt – zu wissen, wann das Priorität hat, ist wohl auch ein Teil der Disziplin.

18/10/23 – Tag 1 – Bin ich, was ich esse?

Ich

Ich würde mich als intuitiven Esser bezeichnen. Auf ein Frühstück kann ich am ehesten verzichten, wenn, dann gibt es aber ein Müsli mit Milch, Joghurt oder Hüttenkäse, Obst dazu, irgendwelche Flocken, Crunchiges, sowas eben. Beim Mittagessen hingegen verstehe ich nur wenig Spaß: Ein Tag ohne warmes Mittagessen ist möglich, aber sinnlos, frei nach Loriot. Mittags etwas kaltes aus der Tüte essen, ist für mich die absolute Not-Not-Lösung. Lieber stelle ich mich selbst in die Küche, als dass ich mir ein mit Käse überbackenes Brötchen aus der Bäckertüte einverleiben würde. Auch Salat macht mich nur so halb glücklich, höchstens an einem heißen Sommertag. Das Mittagessen unterteilt für mich den (Arbeits-)Tag in zwei Hälften, ist eine Zeit des Innehaltens, kurz Herunterfahrens, Genießens. An einem Tisch mit Porzellanteller und Besteck.

Abends darf es dann kalt und auch eher spartanisch sein – Brot, Brötchen, Frischkäse, Käse, Oliven, Tomaten – und ich bin glücklich. Fleisch und Wurst habe ich vor einigen Jahren komplett aus dem Speiseplan gestrichen und vermisse es auch nicht.

Ich habe noch nie eine Diät gemacht und noch nie Kalorien gezählt, geschweige denn eine Ahnung, wieviele Kalorien wo drin stecken. Auch bin ich noch nie hungrig ins Bett gegangen oder hätte mir Süßes verkniffen. Ich esse andererseits auch nie mehr, als reinpasst. Kein fieseres Gefühl, als das letzte Stück Pizza wider besseren Wissens noch gegessen zu haben und sich dann so entsetzlich voll zu fühlen.

Seit ich allerdings weiß, dass mein Darm auf zu viel Zucker ziemlich beleidigt reagiert, habe ich bei Süßem ein bisschen ein Auge drauf. Dennoch vergeht fast kein Tag, an dem ich nicht wenigstens ein kleines Stückchen Schoki oder süß-saures Gummizeug esse. So what.

So viel also dazu. Heute wies mich jemand darauf hin, dass ich womöglich nicht genügend esse, ständig im Kaloriendefizit bin. Aus reiner Neugier habe ich über einen Online-Rechner meinen Kalorienbedarf ermittelt. Ich komme auf etwa 1800 Kalorien, die ich – ohne Sport – pro Tag verbrauche. Rudern, so sagt es das Gerät jedenfalls, verbraucht aber ganz ordentlich viele Kalorien. Das heißt, an Tagen wie heute, an denen ich Krafttraining mache und Laufen gehe, rutsche ich womöglich wirklich in ein Defizit. Muskelaufbau, so viel habe ich mittlerweile verstanden, ist dann nicht möglich. Eigentlich logisch, wie soll der Körper etwas Neues bauen, wenn der Input nicht einmal oder höchstens gerade so reicht, das Bestehende zu erhalten. Und ja, offensichtlich ist ein Kalorienplus notwendig, um Muskelmasse aufzubauen. Ich habe mir erstmal einen zweiten (halben) Teller Lachsnudeln geholt. Und heute mittag eine Schüssel Hüttenkäse mit Banane und Erdnussmus gesnackt. Proteinpulver hatte ich vor geraumer Zeit verschiedene probiert, aber irgendwie ist das nix für mich: Entweder schmeckt das Zeug wie aufgelöste Gummibärchen oder wie das, was unten aus dem Komposthaufen austritt. Lieber löffle ich zwei Becher Hüttenkäse am Tag.

Nur eines geht nicht: Harzer Käse. (Danke, Tanja, für den Tipp, aber NEIN!) Diese kleinen, gallertartigen Gummischeiben, die riechen wie ein Kuhfladen, KANN man nicht essen. Wer’s versucht hat, weiß, wovon ich spreche. Und wer’s wirklich essen kann, hat meine absolute Hochachtung. (Aber ich würde mal nach meinen Geruchs- und Geschmacksnerven gucken lassen, da kann was nicht stimmen. Örks.)

Die Kurznachrichten des Tages:

Gegessen: Wie bereits erwähnt, eine kleine Schüssel Hüttenkäse mit Blaubeeren und Müsli, zwei Teller Nudeln mit Wildlachs in Hafersahnesoße, Zucchini und Karotten, eine Schüssel Hüttenkäse mit einer Banane und einem Löffel Erdnussmus zwischendurch, eine Scheibe Brot mit Camembert und frischen Gurken.

Gelesen: Einiges über Ernährung, über Kalorienüberschuss und Defizite.

Gesportelt: Erst war ich mit der Hunderundenbegleitung ohne Hund eine Runde walken, knapp 4,5 Kilometer. Dann habe ich zwanzig Minuten Bodyweight gemacht und mich fünf Minuten aufs Rudergerät gesetzt, weil ich Lust darauf hatte. Und dann bin ich noch 6 Kilometer joggen gewesen. Stand so auf dem Plan, jedenfalls Kraft und Laufen, Disziplin ist mein zweiter Vorname. Komme auf knapp 17.000 Schritte heute. Und ahne, dass ich diese zehneinhalb Wochen später einmal als eine Zeit des Muskelkaters in Erinnerung haben werde. Aber das Ergebnis zählt.

Gefreut über: Dass das Kind heute von sich aus (!) freiwillig (!) Mathe üben wollte. Die Zeit der ersten Klassenarbeiten kommt.

Geärgert über: Die Viren im Haus (nicht das fiese C), die hoffentlich an mir vorbei gehen. Rüsselpest braucht niemand.