Ein Leben zwischen Bügelwäsche, Bisquittorte und Brokatgardine – #Tradwives, was ist los mit Euch?

Alle Bilder: Oberholster Venita /Pixabay

Frauen, kündigt Eure schlechtbezahlten Jobs, kehrt Eurer Karriere den Rücken und stattdessen täglich die Garageneinfahrt, in der ihr im adretten Kleid darauf wartet, dass Euer Mann von seiner anstrengenden Arbeit kommt, um ihn so richtig zu verwöhnen. Mit selbstgekochtem Essen, aufgeschüttelten Sofakissen und vorgewärmten Pantoffeln. Denn Frauen, ihr gehört von Natur aus nicht ins Büro, sondern an den Herd. Käsekuchen statt Karriere, Bügeln statt Business.

Wie alles begann…

Völliger Nonsens, sagt ihr? Ja, finde ich auch. Aber einer, der gerade große Wellen schlägt. Doch bevor ich mich heute so richtig in mein Thema vertiefe, bekommt ihr erst eine Schnellbleiche in Sachen Feminismus in Deutschland. Geht ganz schnell, versprochen. Der 30. November 1918 war für Frauen in Deutschland ein wichtiger Tag: Mit der Verordnung über die Wahlen zur verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung bekamen sie das Recht zu Wählen zugesprochen.

Für die Frauen in der DDR war das Jahr 1966 nicht minder entscheidend: Das Familiengesetz verlangte, dass ein Ehepaar sich so organisiert, dass die Frau Beruf und Familie unter einen Hut bringen kann. Der Westen war da wesentlich konservativer: Bis ins Jahr 1977 (!) hieß es im Gesetz, dass die Frau in der Ehe den Haushalt in eigener Verantwortung führt und arbeiten gehen darf, „soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“ Heißt: Legte der Mann ein Veto ein, blieb die Frau daheim und kümmerte sich um Heim und Kinder.

Wo wir heute stehen

Vieles hat sich seither geändert, will man meinen. Oder etwa nicht? Ich habe für ein Porträt vor ein paar Wochen mit dem Koordinator des Konflikttelefons in Baden-Württemberg gesprochen. Seine ehrenamtlichen Mitarbeiter stehen immer dann parat, wenn es Streitigkeiten im Job gibt, die die Beteiligten nicht mehr alleine lösen können. Ich war davon ausgegangen, dass auch er eine Auswirkung der Corona-Krise spürt. Ich dachte, wer nicht mehr im Großraumbüro auf den Kollegen hockt, nicht mehr dem Flurfunk und dem Getratsche in der Kaffeeküche ausgeliefert ist, hat logischerweise auch keinen Stress und keinen Grund zu streiten mehr. Das Konflikttelefon müsste also stillstehen.

Doch weit gefehlt: Er erzählte mir, dass der Beratungsbedarf bei seiner Hotline um 50 Prozent gestiegen sei. Vor allem Frauen seien es, die kurz vor dem Zusammenklappen stünden. Frauen, an denen noch immer die Familienarbeit hängt. Die ihren Alltag jonglieren müssen zwischen dem Chef, der trotz Homeoffice Ergebnisse sehen will, den Kindern, die Hilfe beim Abarbeiten ihrer Homeschooling-Pläne brauchen, womöglich einem pflegebedürftigen Angehörigen und dem Haushalt, der ansonsten liegen bleiben würde. Frauen sind zwar die, die arbeiten gehen dürfen ohne die Zustimmung ihres Manns. Aber sie sind auch immer noch die, die häusliche Pflichten mit ihrem Berufswunsch vereinbaren müssen.

Zurück in alte Muster?

Und genau an diesem Punkt setzt eine neue Bewegung an, die in Großbritannien und den USA gerade immer mehr Anhängerinnen findet: Die Tradwives. Der Begriff setzt sich aus den beiden Wörtern traditional und wife zusammen und meint genau das: Die klassische Haus- und Ehefrau, wie es sie in den Fünfzigern und Sechzigern des letzten Jahrtausends gab. Die Slogans dieser Bewegung sind so rückwärtsgewandt, wie befremdlich: „Am woman’s place is in the home“, sagen sie. Frei übersetzt: Eine Frau gehört nach Hause.

Und, das ist der ganz entscheidende Punkt: Es ist der Wunsch der Frauen selbst, sich ganz auf die Rolle der Hausfrau und Mutter zu konzentrieren. Ein selbstgewähltes Dasein zwischen Bügelwäsche, Bisquittorte und Brokatgardine. Die Tradwives sehen es als ihre natürliche Aufgabe an, vor allem ihren Mann, aber auch die Kinder zu umsorgen und ihnen lästige Pflichten abzunehmen. Wer nach Bildern unter dem Hashtag #tradwife bei Instagram sucht, bekommt massenweise output: blankgewienerte Küchen, adrett gedeckte Mittagstische und strahlende Hausfrauen in gestärkten Schürzen, die Wäsche auf die Leine hängen. Es gleicht einer Rolle rückwärts in Heimatfilme der Sechziger. Wer „Die Frauen von Stepford“ gesehen hat, zieht automatisch ungute Parallelen.

Die BBC hat der Entwicklung eine Doku gewidmet und eine ihrer führenden Vertreterinnen, Alena Kate Pettitt, porträtiert. Diese beschreibt die Wahl, eine traditionelle Hausfrau zu sein, als eine Art erleichterndes Zu-sich-finden. Ihr Mann, der selbst konservative Werte für sich definiere, habe ihr dabei geholfen, die Rolle als „competing carreer-girl“ hinter sich zu lassen und ihre wahre Bestimmung zu leben. In der Reportage ist Alena meistens am Bügelbrett zu sehen, doch ihre Aufgaben seien vielfältig. „My job is housework“, sagt sie. Und dass es eine zutiefst selbstlose Aufgabe sei, mit ihrer Arbeit Mann und Kindern dabei zu helfen, das beste aus sich herauszuholen. Selbstlos wie in erstrebenswert, nicht wie in ausgebeutet.

Dass sie mit diesem gelebten, traditionellen Rollenbild vor allem der Weltanschauung sämtlicher rechter Strömungen entspricht, weist sie von sich. Dass der Entwicklungs-Radius der Frau auf die Entfernung zwischen Herd und Kreißsaal beschränkt ist (böse ausgedrückt) und dass sie mit ihrer Philosophie ziemlich gut in das Bild der Nazi-Herrschaft gepasst hätte – „I didn’t even know that“, sagt sie.

Ich würde nicht so weit gehen wollen, jemandem, der sich für dieses Rollenmodell entscheidet, politische Beweggründe zu unterstellen. Während in den USA hinter der Tradwives-Bewegung zwar die „White Supremacy“ steht, also die Vorherrschaft der weißen Amerikaner, ist die Engländerin Pettitt wohl eher vom nostaligschen Glanz vergangener Tage begeistert. In der Doku träumt sie von einer Zeit, in der Britain noch great war, weil man die Tür nicht abschließen musste und die Nachbarn kannte.

Ein befremdlicher Trend

Welche Gründe es auch sein mögen – mich ganz persönlich befremdet die Entwicklung massiv. Sie basiert darauf, dass die Ehefrau den Part der häuslichen Versorgung übernimmt, kein eigenes Einkommen und kaum Mitbestimmungsrecht hat. Denn „submission“ ist ebenso eine Tugend der Tradwives – Unterwerfung und Anpassung dem Mann gegenüber, dem in der Ehe die führende Rolle zugeschrieben wird. Und damit basiert sie auf Werten, die die gebeutelte und endlich wieder aufstrebende Nachkriegs-Industriegesellschaft in den Fünfzigern, also vor 70 Jahren, als neuen Spirit empfand. Und zwar hauptsächlich deswegen, weil man die Arbeitswelt, die zuvor ganz selbstverständlich von Frauen am Leben gehalten worden war, weil der Krieg viele Männern das Leben gekostet hatte, wieder für die Männerwelt freimachen wollte.

Irgendwie musste man den Frauen diesen Rückschritt an den Herd ja verkaufen und es gelang der Werbeindustrie mit adrett frisierten Frauen im Petticoat, die für einen neuen Kühlschrank und eine Waschmaschine ihren Beruf an den Nagel gehängt haben. Das hat funktioniert, aber mit Tradition hatte es nichts zu tun.

Was also ist an der blütenreinen Fassade der gar nicht so desperate Housewives also heute noch erstrebenswert (wo wir Frauen unsere Kühlschränke selbst kaufen könnten)? Was passiert heute, was passierte damals, wenn der umsorgte Gatte keine Lust mehr auf das betont heimelige House hat und sich eine andere sucht? Oder die Familie einfach so verlässt? Das Rollenmodell verliert die Existenzgrundlage. Und die Konsequenz für die Hausfrau? Ganz praktisch gedacht: Welcher Arbeitgeber schlägt begeistert die Hände überm Kopf zusammen, wenn eine Mitvierzigerin mit halbwüchsigen Kindern und ohne Berufserfahrung bei ihm anklopft und einen Job sucht? Und von welcher Rente will sie später leben?

Dieses Modell der traditionellen Rollenverteilung beruht darauf, dass Alleinverdienerpapa und Haushaltsmanagermama ein Leben lang selbiges teilen. Das ist jedem Paar bei der Eheschließung zu wünschen, nur: Es darf halt nicht schiefgehen. Ich komme ins Grübeln. Natürlich bekommen wir Frauen die Kinder und nehmen in der Regel eine Auszeit vom Berufsleben. Aber allein da fängt es ja schon an – die einen genießen drei oder mehr Jahre Elternzeit, andere gehen nach einem Jahr oder noch früher wieder zurück in den Job. Die einen, weil sie ihre Arbeit lieben, die anderen, weil die Familie auf das zusätzliche Einkommen angewiesen ist. Spoiler: Nicht-repräsentative Umfragen sagen, sie machen es falsch, ganz egal, wie sie sich entscheiden.

Und überhaupt Finanzen: Wie fühlt es sich wohl an, für den Rest seines Lebens Haushaltsgeld zugewiesen zu bekommen? „There is always a buffer for me to buy things that I like for myself“, sagt Alena in der Doku. Es gebe immer ein bisschen Luft für Dinge, die sie sich selbst kaufen wolle beim Haushaltsgeld. Wie nett von ihrem Mann. Ist die traditionelle Rolle als Hausfrau und Mutter also eine Art neues Privileg? Ich bleibe daheim, weil wir uns das leisten können? So wie es die Tradwives darstellen, eher nicht. Sie tun es aus einer inneren Überzeugung heraus, dass das naturgegeben so sein müsse. Mit Unterdrückung habe das absolut nichts zu tun, schließlich sei die Wahl der Rolle absolut selbstbestimmt, eine Errungenschaft des Feminismus quasi.

Und während alle anderen Frauen den schmalen Grat zwischen Karriere und Familie entlanghasten, entledigen sich die Tradwives dieses Spagats ganz einfach, in dem sie sich für eins von beiden entscheiden. Sind sie in Wirklichkeit einfach cleverer, weil sie sich den oft zermürbenden Stress, alles zu wollen, nicht geben? Ich glaube nicht. Für mich ist dieses seltsam anmutende Schauspiel die Schöpfung eben jener Frauen, die keine Lust mehr haben, sich für ihre Wahl von Herd und Hausaufgabenbetreuung rechtfertigen zu müssen. Die keine Lust haben, sich dem Arbeitsmarkt zu stellen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Die die einfache Lösung einfach besser finden.

Der Preis dafür ist der goldene Käfig, Haushaltsgeld zu Beginn des Monats und ein ansonsten sorgen- weil verantwortungsloses Leben. Der Mann bringt das Geld nach Hause, also entscheidet er wie es ausgegeben wird. Im Gegenzug wird er bekocht und bekommt die Hemden gebügelt, muss sich weder um die Hausaufgaben der Kinder noch um Vorsorgetermine Gedanken machen. Und so lange Frauen in Teilzeit arbeiten (müssen) und Berufe ausüben, die für die Gesellschaft absolut relevant sind aber schlecht bezahlt, so lange ist die Entscheidung, sich dann eben ganz der Familie zu widmen, sogar irgendwie nachvollziehbar. 2019 verdienten Frauen in Deutschland 20 Prozent weniger als Männer. Das ist himmelschreiend ungerecht. Und genau daran sollte sich etwas ändern und das wird es nicht, wenn Frauen sich wieder dorthin zurückziehen, wo man sie in den Fünfzigern haben wollte: At home.

Ich wäre eine denkbar schlechte Tradwife. Ich koche zwar gerne, bin aber nicht jeden Tag voller Enthusiasmus am Herd. Rezepte, für die ich länger als 25 Minuten bräuchte, fallen hintenüber. Ich mag ein sauberes Zuhause und allein das ist der Grund, weswegen ich zu Lappen und Staubsauger greifen. Innere Befriedigung empfinde ich dabei nicht. Auch nicht beim Wäschezusammenlegen, wenngleich ich mit einer gewissen Sorgfalt ans Werk gehe. Meinem Mann allerdings begegne ich auf Augenhöhe und hier besteht sicherlich die größte Diskrepanz zwischen dem klassischen Rollenbild und mir. Niemand hat in unserer Ehe das Sagen, dafür hat jeder sein eigenes Konto und gibt Geld aus, wofür er möchte. (HAB ICH EUCH SCHON VON MEINEM NEUEN AUTO ERZÄHLT? Oh… ja, hab’s glaub erwähnt.) Eine Beziehung, in der ich meinem Mann diene, weil ich von seinem Goodwill abhänge, wäre für mich undenkbar. Nicht mal, wenn ich den ganzen Tag Petticoat tragen dürfte.

Und wenn ich meiner Tochter nur einen Rat mit auf den Weg geben dürfte, dann würde er lauten, „bewahr Dir stets Deine Unabhängigkeit“. Das beinhaltet nicht nur den Wunsch, mental frei zu bleiben von toxischen Beziehungen und ungesunden Abhängigkeitsverhältnissen, sondern auch im ganz praktischen Leben einen Job zu haben, der sie selbst trägt. Es sei denn, sie entscheidet sich später aus freien Stücken für ein Leben als Tradwife. Aber bei den Genen kann ich mir das eigentlich kaum vorstellen.

Das Alfa-Mädchen: Eine Foto-Love-Story…

Alfa Romeo Giulia

Kleine Vorwarnung gleich zu Beginn: Wer überhaupt nichts mit Autos am Hut hat, wird heute enttäuscht sein. Es hätte ein Outfit-Posting werden sollen, mit Auto zugegebenermaßen. Aber letztlich hat mir die weiße Schöne dermaßen die Schau gestohlen, dass ihr nun eben durch den Autospam durchmüsst. Die beste Kollegin von Welt hat sich den halben Nachmittag freigenommen, um vom neuen Auto (und mir, aber das ist Nebensache) Fotos zu machen. Wie es zu der Liebesgeschichte zwischen dem italienischen Blech und mir kam, lest ihr hier. Und jetzt: Viel Spaß beim Gucken!

Außerdem hat das Auto schnell Freundschaft geschlossen mit einem schwarzen Artgenossen. So oft sieht man Giulias eben nicht, und schon gar nicht im Doppelpack.

How to achieve your goals, Teil 2 – Die fünf besten Tugenden, die dich wirklich weiterbringen

Wir haben Juni, und auch wenn das Jahr bisher wohl für niemanden auch nur ansatzweise normal gelaufen ist, ist dennoch die erste Hälfte fast um. Zeit, über die guten Vorsätze nachzudenken, die seit der Silvesternacht mehr oder weniger umgesetzt worden sind. Ich persönlich fasse sehr viele Vorsätze, aber nicht in der Silvesternacht, sondern wenn die Zeit dafür gekommen ist. Das kann im April genau so sein wie an Heiligabend oder an jedem neuen Dienstag.

Seien wir ehrlich – Veränderungen brauchen kein spezielles Datum, sondern einen Entschluss und Willenskraft. Ob man also den Job kündigt, um etwas Neues, Besseres anzufangen, sich trennt, sich endlich traut, eine Beziehung einzugehen, den Keller und den Dachboden ausmistet, aufhört zu rauchen, endlich lästige Vorsorgetermine bucht oder oder oder (you name it) – es ist alles keine Aufgabe, die man sich in der Silvesternacht champagnertrunken vornehmen sollte, sondern … immer.

So klar, so einfach. Und was hindert dich? Ich kann es mir schon denken. Deswegen kommen jetzt fünf Tipps, die unbequem sind, aber wirklich gut.

Bereit? Los geht’s.

Hör auf zu Prokrastinieren!

Prokrastinieren ist der Fachausdruck für „Dinge aufschieben“. Und es erinnert nicht nur vom Wort her an Proktologie, es ist auch tatsächlich fürn Arsch. 🙂 Denn während wir denken, wir gönnen uns noch eine halbe Stunde Daily Soap, bevor wir uns um die Küche kümmern, tun wir in Wirklichkeit eins: Wir machen den Berg vor uns größer. Denn nicht nur, dass die Aufgabe unerledigt bleibt, sie bekommt auch so eine eklige Energie des Vertrödelt-habens, des mahnenden Zeigefingers. Und niemand, aber wirklich niemand, erledigt lästige Pflichten LIEBER, wenn er sie nur ausreichend aufgeschoben hat. Lästig ist eben lästig. „Aber bist du denn immer motiviert, alles gleich zu erledigen?“ ICH? NEIN! Aber wo Motivation fehlt, braucht’s Disziplin. Und damit komme ich zu einem zweiten, ganz wesentlichen Punkt:

Manchmal komme ich morgens ins Bad und möchte Schreien. Auf dem Boden liegt ein Wäschehaufen, auf dem Waschbecken liegt eine aufgeschraubte Zahnpastatube, der Deckel ist voll Wasser und ist ins Waschbecken gekullert, die Spuren vom Zähneputzen sind unverkennbar. Und ja, das alles wegzuräumen nervt mich. Aber dann stelle ich mir vor, wie mein Bad eigentlich aussehen könnte. Und das ist auch schon der Trick daran: Ich sehe nicht den Berg, sondern das grüne Tal auf der anderen Seite. Ich male mir bis ins kleinste Detail aus, wie die Dinge sein sollen, die ich erreichen will und allein diese Vorstellungskraft steuert meinen Weg. Ob das nun der zum Putzschrank ist oder übertragen auf jede andere Situation im Leben: Es funktioniert jedes. einzelne. Mal. Und so wird der Berg plötzlich vom unbezwingbaren, lästigen Monster zur absolut überwindbaren Kleinigkeit. Der größte Schritt ist oft nur der Anfang.

Where’s your focus?

In meinem Kopf sind manchmal zu viele Schubladen offen. Beim Ausräumen der Waschmaschine finde ich eine Socke, die ich schon lange gesucht habe, beim Stichwort Socke fällt mir ein, dass im Kinderzimmer noch Socken lagen, die ich in die Wäsche werfen wollte, im Kinderzimmer sehe ich das verwüstete Bett und fange an, Kuscheltiere zu ordnen und plötzlich ist die nasse Wäsche fast vergessen. Das Stichwort heißt Fokus. Schlimmster Ablenker – neben den eigenen Gedanken – ist das Handy. Wenn ich also flott etwas zu Ende bringen will, muss das Handy so lange verschwinden. Und um nicht mal schnell die whatsapp-Nachricht zu lesen und danach kurz auf Instagram vorbei zu huschen (wir kennen das alle), kommt der Ton aus und das Gerät in einen anderen Raum. Und wenn ich dann völlig konzentriert auf meine eigentliche Aufgabe bin, hört auch das Gedankenkarussell auf, sich wie wild zu drehen. Ich komme runter und in einen regelrechten Arbeitsrausch und die Pflichten sind ruckzuck und ohne Ermüdungserscheinungen erledigt.

Denn aus einer vermeintlich lästigen Pflicht kann befriedigendes Tun werden, wenn man sich der Aufgabe mit Haut und Haaren widmet. Ich nenne das …

Hingabe, die unverzichtbar ist

Klar, wenn ich abends ins Bett falle, möchte ich auch mal zu meinem Mann sagen – „heute war ich erfolgreich, ich habe das Problem mit dem Welthunger gelöst“. Aber so lange ich wohl eher kleine Probleme löse, mach ich eben ganz genau das mit der größtmöglichen Hingabe. Wäsche falten ist nicht spektakulär, das ist mir durchaus bewusst. Aber ein möglichst perfekt gefalteter Stapel im Schrank (oder gefaltete Unterwäsche) sagt zu mir „schön, dass Du Dich so wertschätzt“. Es hat überhaupt nichts mit Perfektionismus zu tun, in dem Begriff steckt immer ein wenig Druck und Verbissenheit. Die Perfektion, die ich meine, sagt – „du hast es so gut gemacht, wie du konntest, weil du dir eine schöne Umgebung wert bist.“

Umgekehrt betrachtet: Ich kenne keinen Menschen, der im Chaos versinkt, und mit dem Status quo glücklich ist. Ich kann nicht auf der Couch entspannen, wenn mein Blick am Wäschekorb hängen bleibt, am Kinderspielzeug auf dem Fußboden, am Geschirr auf dem Esstisch. Ich bin mir ein schönes Zuhause wert. Der Genussmensch in mir kommt auf seine Kosten, wenn ich mich einfach so über die frischen Rosen auf dem ansonsten aufgeräumten Tisch freue. Und das ist weiß Gott nicht der Dauerzustand, wir haben ein ganz normales Familienleben. Aber es ist der Zustand, den ich immer wieder anstrebe und herstelle. Und wenn ich Staubwische, dann wische ich Staub mit Hingabe, wenn ich Staubsauge… you get it.

Sei fleißig!

Es klingt ein wenig nach dem, was Mama einem ins Poesiealbum schreiben würde. Fleiß ist eine Tugend, die an die Sechziger erinnert, in der Frauen in der Schule noch Sockenstopfen lernten und allerhand nützliche Dinge, von denen meine Generation spätestens (leider) keine Ahnung mehr hat. Aber mit Fleiß meine ich nichts Antiquiertes, Anerzogenes. Mit Fleiß meine ich die Extraportion, die dich von jemand anderem unterscheidet. Wenn Du fleißig bist, Dinge konsequent und mit Hingabe zu Ende bringst, wird sich das in Deine Persönlichkeit eingraben. Es wird Deine Arbeit zum Leuchten bringen, es wird Deine Arbeitshaltung hervorheben. Das wirst nicht nur Du merken, sondern auch alle um Dich herum, auch Kollegen und Chefs. Wer mit einer großen Portion Fleiß und Hingabe an die Arbeit geht, wird immer ein besseres Ergebnis abliefern, als die anderen. Wer immer bessere Ergebnisse abliefert, fällt früher oder später allen auf. Die einen entwickeln eine misstrauische Abwehrhaltung – ignorier die und lass ihnen einfach noch ein bisschen Zeit. Die anderen lassen sich von deiner Haltung anstecken und das Team wird mitziehen. Was ich nicht meine: Sei nicht die, die jeden Abend Überstunden schrubbt und jeden morgen vor allen anderen da ist. Das ist wiederum nicht nötig. Sei nicht der Oberstreber, das ist nur aufgesetzt.

Und wenn du jetzt sagst, aber wie soll ich das in meinem Job machen, das ist ohnehin nicht das, was ich mein Leben lang tun will, eigentlich nervt mich da alles – dann geh in dich und finde raus, wofür du brennst. Mach Praktika, probier dich aus und finde deine Lebensaufgabe. Ich bin fest davon überzeugt, dass uns alle Möglichkeiten offenstehen und dass es für jeden einen Plan gibt, auch wenn ihm das nicht von Anfang an klar ist. Mit der richtigen Aufgabe in den Händen ergibt sich das mit dem Fleiß von ganz alleine, du wirst gar nicht mehr aufhören wollen, richtig Gas zu geben. Und bis dahin machst du das, was du jetzt gerade machst konzentriert, on point, mit Hingabe und so viel Professionalität wie nur möglich. Der Rest findet sich.

Versprochen!

Herzlich gern verlinkt auf die Sonntags-Netzwerkparade von Soulsistermeetsfriends

Ist das Kunst, oder … – David, der Alte und das kreative Kind

Über die Frage, was Kunst ist, haben sich schon viele Menschen den Kopf zerbrochen. Ich sehe es simpel – jeder, der sich traut, ist ein Künstler. Und seit wir unser Atelier bezogen haben, trauen wir uns ganz viel. Meine kleine Tochter und ich haben grade großen Spaß dran, Dinge auszuprobieren, sei es mit Farbe und Leinwand oder mit anderen Materialien. Neulich mussten wir mit Bedauern feststellen, dass unsere Fimo-Vorräte völlig hart geworden sind (gibt’s da nen Trick?). Also haben wir heute ein ganzes Kilo lufttrocknende Modelliermasse gekauft und uns den ganzen Nachmittag dem Knet-and-Error-Flow hingegeben. 😀 Wer spontan Lust auf kreatives Arbeiten hat: Hier werdet ihr fündig (Amazon-Affiliate-Link)

Während Hannah hingebungsvoll „Teig“ ausgewellt hat, um ein riesiges Herz auszustechen, formte ich vor mich hin und hatte plötzlich eine Art Eierkopf in der Hand. Und dann habe ich beschlossen, dass der Eierkopf eine Nase und einen Mund braucht. Das Ergebnis ist nicht perfekt, aber darauf kommt es nicht an. Wie jedes Gesicht hat auch mein „alter Mann“ Falten und Furchen. Die Arbeit mit den Händen, das Formen, das Herausarbeiten von Augenhöhlen und Nasenflügeln hat unheimlich viel Spaß gemacht.

Stichwort Spaß: Abgesehen davon, dass mich Hannah wirklich nur ganz selten fragt, was sie denn als nächstes tun soll, würde ich es mir auch nicht anmaßen, ihre Werke zu beeinflussen. Das einzige, was für mich zählt, ist, dass sie in ihrer Arbeit versinkt und Erfahrungen sammeln kann. So sind heute die Exponate „Hundeknochen“, „Vogelfutterstation“ und „Fantasie“ entstanden. Es gibt für mich nichts Spannenderes, als sie einfach machen zu lassen. Und wenn dann auf einer riesigen Leinwand unten links eine halbe (!) Palme zu sehen ist, oben rechts eine kleine Sonne und der Rest in Orange versinkt, dann ist das eben ihre Vorstellung von „Sonnenuntergang auf Hawaii“ und wer wäre ich, das verändern zu wollen, nur weil mein erwachsener Blick auf die Dinge ein anderer ist.

Unsere Kunstwerke trocknen noch eine Weile vor sich hin, bevor sie meine Atelier-Fensterbank zieren. Dasselbe geht übrigens auch gut mit Salzteig. Präsentiert man die Kinderkunst dann auf einfarbig schwarz (oder rot? Oder türkis?) gestrichenen, unterschiedlich hohen Holzwürfeln, sehen sie aus, wie ausgewählte Stücke aus dem skandinavischen Interior-Designshop. Man muss sich einfach trauen. Traut Euch!

Mein Industrial-Style-Atelier

Hier sind noch einmal ein paar Impressionen aus dem Atelier – es fügt sich Stück für Stück zusammen. Heute habe ich endlich diese tollen Vintage-Industrial-Style-Stühle vom Dachboden nebenan holen können (und putzen, fragt nicht), sie sind künftig meine Ablage für Bücher. Oder für Besucher. Man wird sehen. 🙂

Ob ich die Spinde wohl noch mit Tafelfarbe streichen soll? Schwarz? Dunkelgrau? Was meint ihr?

Ich wünsche Euch ein schönes Wochenende!

Vom Dolce-Vita aus dem Ofen und dem Schnittlauch mit dem sch… Karma.

Ich kann ja keine halben Sachen, sondern nur ganz oder gar nicht. Und ich gebe zu, dass mich das neue Auto richtig flasht. So sehr, dass ich am liebsten in der Garage übernachten würde und jedes Krümelchen vom Boden aufpicke – dazu später noch eine dramatische Geschichte, stay tuned.

Und so war mir heute auch nach Dolce Vita, nach Bella Italia oder wenigstens nach grün-weiß-rot in der Küche. (Was haben die aber auch Glück mit ihren Landesfarben, wir Deutschen müssten in Teilen ja immer was anbrennen lassen…) Weil ich zweimal zum Supermarkt fahren musste, einmal ohne, einmal mit Geldbeutel, war mir die Zeit zu knapp, selbst Hefeteig zu machen.

Easy-peasy-Italia-Schiffchen

Und so kaufte ich fertigen Pizzateig, TK-Spinat, frische Tomaten und Mozzarella (und laut Kassenbon noch irgendwas Vergoldetes), teilte den Teig in sechs Rechtecke und formte Schiffchen daraus. Die bestrich ich mit Tomatensoße und belegte sie mit Spinat, Mozzarellawürfeln und frischen Tomaten und streute auf die roten und grünen Ecken noch ein bisschen Reibekäse. Nach 15 Minuten duftete die Küche wie eine italienische Piazza am frühen Abend. Dazu gab’s frischen Salat.

Apropos Tomaten: Mit etwas Glück ernten wir demnächst auf dem Balkon eigene. Das ist allein deshalb erwähnenswert, weil ich, seit ich denken kann, ein gespaltenes Verhältnis zu Pflanzen habe. Will sagen, so lang Pflanzen nicht laut um Wasser schreien können, werden sie in meinem Haushalt einfach einen frühen, tragischen Tod sterben. So sehr ich das bedaure. Vielleicht bin ich deswegen Vegetarier geworden, ich esse sie einfach auf, bevor sie leiden müssen.

Umso überraschter war ich, dass auf unserem Balkon tatsächlich nach dem Winter noch Kräuter wuchsen, die ich vergangenen Sommer in einem Anflug von Gärtnerlust gepflanzt hatte. (Also unter dem ganzen verdorrten Teil, you know). Und den Erdbeeren hatte offenbar jemand vergessen zu sagen, dass sie einjährig sind. Die wussten das jetzt nicht und tragen reichlich Früchte. Überrascht ist eigentlich total untertrieben, ich war von der Entdeckung regelrecht überwältigt!

Der Schnittlauch, den ich von weitem so hübsch fand mit seinen violetten Blüten, wurde vom Tochterkind näher beäugt und sie fragte: „MUSS der so schwarze Punkte haben an den Stilen?“ Spoiler: Nein, muss er nicht. Er ist komplett verlaust. Also habe ich mir neulich im Gartencenter (jetzt wo ich es mit der Gärtnersache voll ernst nehme) eine kleine Schaufel gekauft und einen neuen Topf Bio-Schnittlauch. Dieser sch… öne Schnittlauch hat sich in meinem Beifahrerfußraum auf die Seite geworfen und sich samt Wurzelballen von dem erstaunlich großen Rest Erde im Topf getrennt. In der nächsten Kurve kullerte der Topf umher und verteilte großzügig die bröselige Erde im Fußraum DES NEUEN AUTOS. Der in kürzester Zeit aussah, als hätte sich ein Maulwurf ausgetobt. Wenn dieser Schnittlauch jetzt also auch Läuse kriegen sollte, ist es definitiv Karma. Dann hat er das VERDIENT.

So. Zurück zum Balkon: Ein paar der übrigen Kräuter in den Blumenkästen, an denen die Läuse gar kein Interesse hatten, haben das getan, was in der Regel alle meine Pflanzen tun: Sie reiften zu … Tabak heran, hauchten ihr Leben aus, wurden Laub. Und so entfernte ich eifrig alles, was nicht mal mich optimistische Seele irgendwie überzeugen konnte. Mit dem Ergebnis, dass wir ein ziemlich löchriges Bild hatten. „Pflanz doch Geranien“, sagte mein Mann. Ich schluckte trocken. Geranien sind für mich der Inbegriff von Spießigkeit, das florale Fräulein Rottenmaier. Aber weil ich ja schon ein Auto ganz im Alleingang gekauft hatte (wir erinnern uns) fügte ich mich, und kaufte mit viel Überwindung fünf Geranien. Weiße, denn rot geht gar nicht, wir sind ja nicht die Schwarzwaldklinik.

Der Gatte kam abends heim, ich zog geleitete ihn auf den Balkon und präsentierte meine Geranienpracht. Und dann ergab sich folgender Dialog:

Ich: „Da, Geranien, toll, ne?“ Er: „Jo… hängen die auch runter?“ Ich (irritiert): „Ich hab sie ja gegossen, die hängen gar nicht!“ (alte Wunden, you know) Er: „Neee, ich meine, hängen die dann so übers Geländer?“ Ich: „Hm. ich glaube nicht, dass das Hängegeranien sind, aber Hauptsache Geranien, ODER?“ Er: „Naja, ich finde was Hängendes halt toll. Ob das jetzt Geranien sind… ich kenn mich da ja nicht aus.“ Ich: „Waaaas? Duuu wolltest doch Geranien…“ Loriot hätte sich von unserem Gespräch ganz sicher inspiriert gefühlt.

Ergo: Wir haben jetzt Geranien, die ich nicht mag und er nicht kennt. Aber Hauptsache es blüht was ohne schwarze Punkte. Und gebt mir noch zwei Wochen, dann ergibt sich das mit dem Hängen von ganz alleine. Hust.

How to achieve your goals – oder: Wie ich auf Malta mal fast ein Auto geklaut hätte

Diese Geschichte beginnt an einem sonnigen Dezembervormittag im Jahr 2018 auf einer Plaza in Malta. Die engen Altstadtgassen, die oft steil hinab zum Meer führen, waren üppig mit glitzernder Weihnachtsdekoration überhangen, Touristen bummelten, Malteser eilten durch die Straßen, die einen erstanden Souvenirs, die anderen gingen ihrem Tagwerk nach.

Auf einem großen Platz, offenbar vor dem Rathaus oder einer andere Institution, tummelten sich viele junge Leute in denselben Shirts, es sah ein wenig aus, wie eine Schulabschlussklasse. Sie kreischten, lachten, feierten vergnügt und stellten sich für Fotos auf.

Doch ich hatte kaum einen Blick dafür, denn etwas völlig anderes hatte meine Aufmerksamkeit geweckt: Eine tiefschwarze Limousine, schwärzer als schwarz, mitten auf dem für Fahrzeuge gesperrten Platz. Ungewöhnlich elegant in der Formensprache, kein Nummernschild, dafür eine Art Wappen. Der Kühlergrill – ein lang gezogenes Dreieck. Ich machte ein Bild des Autos, das auf mich eine ähnliche Faszination ausübte, wie seinerzeit KIT. Nur, dass es nicht laut mit mir sprach, dafür nicht weniger intensiv.

Ich umrundete das Auto um einen Hinweis auf die Marke zu bekommen. Und siehe da – es war ein Alfa Romeo. „Jaja“, sagte mein Mann auf meinen begeisterten Wortschwall hin und zog mich sanft am Ellbogen weiter. Das Auto aber hatte einen Eindruck hinterlassen. Einen Anker gesetzt, der an ein ganz bestimmtes Gefühl gekoppelt war und nie wieder verschwinden sollte.

Wir sind nach einer Woche Mittelmeer nach Hause zurückgekehrt – ohne das Auto freilich. Ich habe kurz überlegt, meine Fertigkeiten als Autoknacker zu testen, aber spätestens beim Verladen aufs Schiff wäre ich aufgeflogen. Und so geriet es die kommenden Wochen wieder in den Hintergrund. Bis zu jenem Wochenende, an dem wir eine Open-Air-Messe besuchten, bei der unter anderem ein Autohaus ausstellte. Ich stand – mal wieder – vor einem Auto und wieder sollte es eine Begegnung sein, die später in der Geschichte eine Bedeutung hatte: ein schwarz-rotes, tiefergelegtes Abarth-Cabrio. „Jaja“, sagte mein Mann und zog mich sanft am Ellbogen weiter.

Das Cabrio war schick, keine Frage, aber für eine dreiköpfige Familie ungeeignet, das war sogar mir klar. Aber das Autohaus, das es ausgestellt hatte, war ein Alfa-Romeo-Händler. Ich erinnerte mich augenblicklich an die schwarze Giulia auf Malta und scrollte mich durch die Fahrzeugliste des Händlers. Ich fand blaue Autos und graue, aber kein schwarzes. Aber ganz unten auf der Liste schließlich, tauchte eine Giulia in weiß auf, ein Diesel allerdings. Ich erinnere mich noch gut an diesen Aha-Moment, Liebe auf den ersten Blick, in dem ich etwas für mich beschloss: Mein nächstes Auto ist eine weiße Giulia. Es war keiner dieser „wäre ganz nett“-Gedanken, die ohnehin zu nichts führen. Es war ein Entschluss.

Fasse einen Entschluss. Und erinnere dich täglich daran.

Am Montag darauf eröffnete ich auf der Bank ein Sparbuch, nannte es Giulia und legte einen Dauerauftrag an. Träume sind wichtig, aber nur Pläne führen zum Ziel. Ich überlegte sorgfältig, wie viel mir dieser Entschluss wert ist. Und gleichzeitig beflügelte mich der Plan enorm, diverse Projekte zu vervollständigen, die mich meinem Ziel näher bringen würden.

Und weil Schreiben nun mal das ist, was ich am Besten kann, setzte ich mich auf den Hosenboden und brachte nach Monaten endlich mein Krimi-Manuskript zu Ende. „Ich schreibe ein Buch, das wird ein Bestseller und davon kaufe ich mir das Auto“, erklärte ich meinem Mann, als würde ich über etwas so Simples wie den Einkaufszettel sprechen. „Jaja“, sagte der und grinste.

Um es vorweg zu nehmen: Es wurde kein Bestseller. Aber allein die Tatsache, dass ich aus eigener Kraft, aus eigener schöpferischer Fantasie etwas geschaffen habe, das es vorher nicht gab, dass es Menschen gibt, die mein Buch lesen und Freude daran haben, war für mich ein enormer Motivationsschub. Das mit dem Bestseller kann ja übrigens noch kommen. Ich warte quasi täglich darauf.

Um allen klar zu machen, wie Ernst es mir ist, stellte ich in der Küche ein großes Weck-Glas auf, klebte das Bild einer weißen Giulia darauf und füllte Kleingeld hinein. Geld zum Geburtstag, Zuschläge von Wochenenddiensten, Einnahmen aus dem Buchverkauf – was auch immer übrig war, landete auf dem Konto oder im Glas.

Und dann kam der Samstag vor zwei Wochen. Ich hatte wenige Tage zuvor routinemäßig bei einer großen Automobilplattform im Netz die Angebote gecheckt und eine wunderschöne Giulia entdeckt, allerdings 250 Kilometer weit weg. Ich hatte hin und her überlegt, ob ich mir einen Tag freinehmen sollte, um das Auto anzugucken. Ich hatte mich dagegen entschieden und kurze Zeit später war auch das Inserat verschwunden.

Aber an eben jenem Samstag vor zwei Wochen stand ich nach einer halbdurchwachten Nacht morgens um halb sieben schlaftrunken an der Kaffeemaschine und blätterte durch die Fahrzeugliste jenes Alfahändlers vom Anfang der Geschichte. Und mit einem Mal war ich glockenhellwach. Da stand sie. Eine weiße Giulia mit schwarzem Glasdach, das traumschönste Auto, das die Welt je gesehen hat. Erneut ging ein morgendlich-elektrisierter Redeschwall über meinen Mann nieder. Der sagte – you know. Aber immerhin fuhr er mit mir am Sonntag zum Autohaus, nur damit ich ernüchtert feststellen konnte, dass das schöne Auto nirgends zu sehen war. Auch nicht in der zweiten Niederlassung, die wir „können-wir-bitte-noch-40-Kilometer-in-die-andere-Richtung-Schaaahaaatz“ auch noch anfuhren.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt – am Montagmorgen hing ich um drei Minuten nach acht am Telefon und organisierte eine Probefahrt, die mich völlig flashte. Ich schlief eine Nacht darüber, verhandelte hartnäckig und unterschrieb am Dienstag den Kaufvertrag. Ich kümmerte mich um die Versicherung, putzte meinen Kombi, machte Fotos, schrieb ein langes und ausführliches Inserat und wartete auf begeisterte Käufer. Währenddessen räumte ich das angesparte Konto leer, war ein bisschen verdammt stolz auf mich und nutzte die positive Energie im Atelier zum Malen.

Lass dich niemals von den Umständen leiten. Sie brauchen DEINE Ansage.

And then the REAL magic happened: Innerhalb von einer Woche verkaufte ich zwei meiner Bilder und bekam angeboten, ein paar ausgesuchte Stücke auszustellen. Damit sind schon fast zwei zusätzliche Felgen bezahlt.

Und nicht nur das: Ich habe in dem ganzen Prozess unfassbar viel gelernt, weil ich alles alleine entschieden und gemeistert habe. Und ich lernte den eklatanten Unterschied zwischen Autopreis und Autowert kennen und setzte mich mit Autohändlern auseinander, die meinen Kombi gerne geschenkt haben wollten. (Geschenkt hätten ihn übrigens alle genommen, klar.)

Und als die Umstände mir gerade einreden wollten, dass ich das alte Auto wohl doch würde viel günstiger (und vor allem unter Wert!) abgeben müssen, fasste ich einen erneuten Entschluss: Dieses Auto würde für den Preis vom Hof gehen, den ich mir vorgestellt habe und nicht für weniger.

Einen Tag später meldete sich eine Familie aus der Nachbarschaft, die schon länger einen Kombi sucht. Das Auto zieht nun zu meinem Wunschpreis eine Straße weiter. Magic? Magic!

Mein ganz persönliches Fazit aus der Geschichte: Dream big. Aber vom Träumen allein passiert erstmal gar nichts. Arbeit, Leidenschaft für die Sache, Zielstrebigkeit und der unbedingte Wille, sein Ziel zu erreichen, setzen Energien frei, die nicht aufzuhalten sind.

Und wenn die Umstände noch so laut schreien (und das haben sie im Lauf dieser Geschichte ein paar mal getan, glaubt mir), so habe ich jedesmal beschlossen, dass es bei mir anders ist. Dass es bei mir genauso läuft, wie ich es mir vorgestellt habe. Nicht weil ich kindlich-naiv an Dinge herangehe, sondern weil ich alle Kraft und alle Energie in die Sache stecke und mich faule Kompromisse nicht glücklich machen. (Ich wollte auch nicht die kleine Ausgabe des Modells, sondern dieses, basta.)

Ich kann gar nicht anders, ich BIN das Vertrauen in den positiven Ausgang der Dinge. Und das bin ich so felsenfest und sicher, dass sich die Umstände IMMER mir fügen. Die Dinge sind nicht so kompliziert, wie es mir die Umstände einreden wollen, sie sind einfach und klar, weil ICH nur einfach kann.

Alles beginnt mit dem Entschluss, eine Lösung für jedes Problem zu finden. Alles beginnt mit der tiefbegründeten Weigerung, mich von negativen Stimmen, Unsicherheiten, Umständen leiten zu lassen. Und wenn es bei so vielen anderen anders lief, wenn auch Tante Kunigunde genau weiß, dass das bei Cousin Herbert auch in die Hose ging, dann ist es mir trotzdem egal. Ich bin in meinem Kopf der Chef. Zweifel, Unsicherheiten und Ängste brauchen eine klare Ansage, sonst übernehmen sie ungefragt das Kommando in Deinem Leben. Ain’t nobody got time for that.

Fun fact am Rande: Das Glas bleibt in der Küche stehen und ist schon wieder ziemlich voll mit Kleingeld – ich hatte neben 17 (!) Kugelschreibern (Berufskrankheit) eine Kleingeldsammlung im Kombi gefunden, die vermutlich für sich gesehen schon eine weitere neue Felge gibt. Fehlt ja nur noch eine. Ich überlege mir seit einer Woche, was ich jetzt anstatt dem Bild der weißen Giulia draufklebe. Be careful, what you wish for. And keep on dreaming big.

Wie ich mal den Grundstein für eine Künstlerkarriere legte ;)

Im Treppenhaus liegt ein olfaktorisches Gemisch aus Mörtelstaub, altem Gemäuer, jahrzehntelanger Arbeit und …ja äh… Staub. Die Treppenstufen nach oben knarren leise, das alte Türschloss knackt laut beim Öffnen. Aber ist man mal drin, umfängt einen sofort diese besondere Energie des Loslegenwollens, des Ärmelhochkrempelns, des Schaffens.

Seit drei Jahren wartete mein Atelier auf seinen Bezug, wir haben in dem kleinen, alten Fabrikgebäude alles selbst gemacht und noch viel vor uns. Aber mein Raum ist endlich bezugsfertig, weiße Wände, neue Fenster, neuer Dielenboden, freigelegter Dachbalken.

Ich male seit vielen Jahren (eigentlich schon immer) und hab dafür bisher immer den heimischen Esstisch belagert. Und selbst die Staffelei, die mein Mann mir mal gebaut hat, war irgendwie immer im Weg. Jetzt aber habe ich endlich, endlich eine hellen großzügigen Raum ganz für mich alleine, in dem ich mich austoben kann.

Die Einrichtung haben wir größtenteils geschenkt bekommen oder aus der alten Fabrik übernommen. Dazu gehört ein wunderschöner alter Aktenschrank aus Holz mit dem Flair alter Polizeiruf-München-Folgen, der jetzt meine Bastelpapiervorräte farblich sortiert aufbewahrt, wo früher vermutlich Personalakten lagerten. Außerdem habe ich sämtliche Stoffvorräte, die sich im Lauf eines Bastlerlebens so ansammeln, in einen Spind auf Bügeln aufgehängt. In einem zweiten Spind sind Leinwände untergebracht, zwei weitere sind noch leer.

Überhaupt, leer: Die Büromöbel gab’s geschenkt und so habe ich jetzt zwei riesige Schreibtische, auf denen es sich wunderbar malen lässt. Eigentlich müsste ich sagen, ich hatte mal zwei, weil einen davon sich sofort das Tochterkind gesichert hat, die mich jetzt jedes Mal begleitet und auch nach Herzenslust drauflospinselt. Hab Kinder, haben sie gesagt, sie geben einem so viel, haben sie gesagt… 🙂

Und es ist ja nicht nur so, dass die Kurze meine Farb- und Leinwandvorräte schneller wegmalt, als ich „Skizze“ sagen kann, sie verbringt mittlerweile auch gern Zeit mit Freundinnen im Atelier der Mama und ich gucke den Mäusen beim Malen fasziniert zu, was dabei entsteht, wenn man Kindern einfach mal so machen lässt. Im Übrigen – kurzer Exkurs in Sachen Kindererziehung: Ich bin ja kein großer Freund von Bastelsets und fertigen Bastelanleitungen. Da steht nämlich exakt drin, wie es geht. Und welcher Künstler weiß bitte schon vorher, was am Ende rauskommt, wie langweilig ist das denn. Also haben wir es seit je her so gehandhabt: Farben, Schere, Kleber, Buntpapier, Perlen, Schnur, Pailetten (nie wieder upsi-ist-mir-runtergefallen-Glitzer im hochflorigen Esszimmerteppich, yay!), Acylmaler, Steine, Bänder – you name it, we have it – und einfach machen lassen. In Kindern steckt ungeheure Fantasie und Kreativität und wenn wir Erwachsenen aufhören, sie in Bahnen lenken zu wollen, können sich die kleinsten Kinder schon ausdrücken. Dazu gehört leider unbedingt, dass man sich jegliches, unerwünschtes „mach doch hier mal noch die Ecke weg“ und „wenn das jetzt noch ein bisschen grader wäre“ verkneift. Es sei denn, man wird um Rat gefragt. (And that’s the hardest part.)

Und ich bin übrigens auch völlig sicher, dass selbstbestimmtes Schaffen die Persönlichkeit eines Kindes schon früh entwickelt. Kinder, die ihre Kreativität ausleben dürfen, entdecken auch in anderen Bereichen völlig unbedarft und neugierig ihre Talente. Und ob dann jede Ecke grade war (und ob jede Französisch-Vokabel im Kojunktiv-2 gebildet werden konnte und ob jede Parabelgleichung ausgerechnet werden konnte) ist später völlig uninteressant. (Es sei denn, das Kind möchte Französisch studieren oder Mathematikprofessor werden, aber dann bildet sich auch dieses Talent ebenso früh heraus). Am Ende des Tages zählt, was ein Mensch aus sicher heraus schaffen kann. Mit dieser Basis wird er glücklich werden.

So, jetzt aber zurück zum Atelier. Eigentlich hatte ich vor, den dekorativen Teil fürs Atelier auf Flohmärkten zu finden. Da das gerade nicht funktioniert, warte ich mit der weiteren Einrichtung ab. Ich kann die Leere gut ertragen und warte gerne auf die perfekten Stücke, statt mich mit Kompromissen zufrieden zu geben, die dann nachher zu Dauereinrichtungen werden (weil ja jetzt schon da). Einzig die weiße Kaffeekanne, in der meine Pinsel stecken, ist ein Flohmarktfund, allerdings schon mindestens zwei Jahre alt. Geduld können wir.

Ich warne Euch also gleich mal vor – künftig gibt’s sicher Fotospam aus dem Mekka der Kreativität. Mein kreativer Output ist seit dem Bezug des Ateliers jedenfalls enorm gestiegen. Galerien dieser Welt – mind yourself!

Hau rein, alter Freund

Lieber Norbi,

ich weiß, dass Dich diese Zeilen nie mehr erreichen werden, vielleicht schreibe ich Dir trotzdem, um für alle Zeit festzuhalten, was mich in diesem Moment beschäftigt, ganz eigennützig. Und um zu verstehen, dass Du gegangen bist und nicht mehr zurückkommst. Ich war alles andere als bereit, dich gehen zu lassen. Ich bin es immer noch nicht, zwischen wissen und verstehen und gar akzeptieren ist ein weiter Weg. Aber ehrlich gesagt, wäre ich auch in 100 Jahren nicht dazu bereit gewesen. Ich muss es trotzdem hinnehmen und begreifen, dass ich nie wieder Deine Stimme an der Gegensprechanlage höre, dass ich vor ein paar Wochen zum letzten Mal auf Dein „Norbert hier“ auf den Summer gedrückt habe. Dass ich dir unwissend zum letzten Mal die Treppe runter entgegenkam, um mich Deinen zwei Metern auch noch mit zwei Stufen Vorsprung entgegenzustrecken.

Du bist vor 13 Jahren als Kollege in mein Leben gekommen und hast es vor wenigen Tagen als enger Freund und Vertrauter völlig unvermittelt verlassen. Und doch nicht. Denn mir fallen immer mehr Geschichten und Anekdoten ein, die uns verbinden und die Dich für mich unsterblich machen. Erinnerst Du Dich noch daran, wie stolz du mir deinen riesigen, gelben Lego-Bagger vorgeführt hast? Und erinnerst Du Dich noch an mein blödes Gesicht, als Du ihn mir tags darauf komplett zerlegt in der Schachtel mit in den Weihnachtsurlaub gegeben hast mit dem Auftrag, ihn aufgebaut wieder zurückzugeben? Ich erinnere mich an viele Mittagspausen mit Dir, bei denen ich so lachen musste, dass ich tagelang Bauchmuskelkater hatte. Als Du mich in der Tiefgarage mal auf den Kopf gestellt hast, hätte ich mir vor Lachen fast in die Hose gemacht. Wir hatten etliche Insider, die außer uns keiner verstanden hätte. Du warst immer gut darin, anderen eine Freude zu machen, weil Du empathisch und lebensklug wie kaum ein Zweiter warst. Ein gemeinsamer Freund hat heute über Dich gesagt „being a good friend came naturally to him“ und ich finde, treffender kann man es nicht sagen.

Deine Art, Menschen zu beobachten und sich in sie hineinzudenken, hat dich ausgezeichnet. Ich kenne niemanden, der Dich nicht mochte. Du hast Dich ohne Berührungsängste in jede Gruppe eingefügt und eingebracht. Vielen Leuten ging es wie mir am Anfang – man hatte sofort einen Draht zu Dir und das Gefühl, Dich schon ewig zu kenne. Dich, den Sankt-Pauli- und Terry-Pratchett-Fan, den Elektronik-Bastler, den Hörbuch-Hörer, den Nerd, der am Schwäbischen regelmäßig scheiterte, („ich bin Westfale, ich habe hier Migrationshintergrund, sprecht mal richtiges Deutsch!“), aber nichts unversucht ließ, uns westfälisches Sprachgut unterzujubeln. Dass ein belegtes Brot „ne Knifte“ ist, dass ein grauer Himmel auf „usseliges“ Wetter hindeutet und welche Bedeutung ein Mettbrötchen für einen Westfalen hat – ich habe von Dir viel, auch viel unnützes Wissen, gelernt. Intelligente Ironie war immer Deine Lieblingssprache.

Was nicht heißen soll, dass Du nicht oft irrsinnig anstrengend warst, mein Lieber. Ich kenne niemanden, der so leidenschaftlich diskutiert hat, wie Du. Am liebsten über Politik. Zumindest hast Du es immer geschafft, den Gesprächsverlauf bei Trump, der AfD oder dem bedingungslosen Grundeinkommen enden zu lassen. Punk im Herzen. Dabei hast du nie Plattitüden wiederholt, mit Deinem unersättlichen Wissensdurst hast Du Dir angelesen, was anderen zu kompliziert warst, hast über deren „kognitive Dissonanz“ geschimpft, wenn Du sie argumentativ in die Ecke getrieben hattest. Und insgeheim immer Deinen Spaß an der Reibungswärme gehabt. Ich weiß genau, dass Du einfach gerne Recht behalten hast.

Du hast zwar immer damit kokettiert, dass Deine Geschwister alle Intelligenz der Familie auf sich gezogen haben, aber Du wusstest auch immer, dass das nicht stimmt. Wie oft hast Du selbst mich sprachlos argumentiert und mit Deinem Wissensschatz überrollt? Ich seh Dich noch vor mir, wie Du mich von der Seite anguckst, mit den Augen rollst und sagst „Mädchen, so was weiß man doch.“ Das hast du auch oft gesagt, wenn ich Dir eine Frage gestellt habe. Und ich wusste von vornherein, ich muss Zeit mitbringen. Denn sehr oft hast Du dann erstmal Luft geholt, die Hände überm Bauch verschränkt, Dich zurückgelehnt und ungefähr bei der Entstehungsgeschichte des Weltalls angefangen. Unterbrechen war dann nicht mehr, „lass mich das ganz kurz noch zu Ende erzählen“ – da war klar, ich kann mich nochmal setzen. Und mir und Dir noch einen Kaffee holen. Oder eine Kanne. Schwarz, ohne Milch und Zucker, aber mit Löffel. Im Nachhinein bringt mich das zum Schmunzeln, denn oft genug hatte ich nach Deiner umfassenden Erklärung vergessen, welche Ausgangsfrage uns zu diesem Diskurs gebracht hat. Und vielleicht war das ja auch Deine Taktik.

In solchen Augenblicken kam ganz oft die westfälische Seele durch. An den meisten Tagen begleitete dich eine liebenswerte Grummeligkeit wie eine Art Grundrauschen. „Altes Brain“, hast du gesagt, wenn Dir etwas nicht so leicht von der Hand gehen wollte, wie gewünscht. Wer Dich kannte, wusste aber zwischen den Zeilen zu lesen. Denn was nach außen ein bisschen spröde wirkte, war oft nur der Schutzwall für einen weichen Kern, in dem auch Tiefen schlummerten. Ich danke Dir für Dein Vertrauen, dass Du mich manchmal hast hinein- und hinabblicken lassen, damit ich besser verstehe, was Dich umtreibt und was Dich zu dem Menschen gemacht hat, der Du warst. Denn wir haben nicht nur zusammen ein paar meiner Gespenster verscheucht, wir haben auch manche Deiner alten Kisten aufgemacht, die Du eigentlich vor langer Zeit für immer geschlossen hattest. Bei manchen haben wir zusammen den Inhalt vom Staub der Zeit befreit, die Dinge gemeinsam betrachtet, eingeordnet, zurückgelegt und den Deckel wieder geschlossen. Bei anderen hat Dich allein die Beschriftung davon abgehalten, das Schloss aufzumachen. Oft hast Du mir trotzdem grob vom Inhalt erzählt und ich habe akzeptiert und verstanden, warum Du ihn nicht hervorholen willst.

Dich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, war ohnehin nicht Dein Ding. Bescheidenheit, Loyalität und die Fähigkeit, nach Tiefschlägen wieder aufzustehen – das warst Du. Und wenn Du jetzt sehen würdest, wie ich hier sitze und um Dich weine, würdest Du mich unsanft in die Seite boxen und sagen, „Mädchen, hör auf zu flennen, ich kann das gar nicht ab.“

Vielleicht gelingt mir das nicht sofort, aber irgendwann, hoffe ich. Du hast immer gesagt, „schau mich an, ich werde nicht alt“. Ich wollte nicht, dass Du Recht behältst, aber Du hast halt wirklich immer gerne Recht behalten. Ich bleibe also hier und halte die Stellung, Großer. Und Du machst es Dir auf Deiner Wolke bequem und rollst ab und zu die Augen, wenn ich mal wieder eine dringende Frage an Dich hätte, legst die Stirn in Falten und murmelst „hab ich Dir denn gar nichts beigebracht, Mädchen? Sowas weiß man doch“.  Ich vermisse Dich, alter Freund. See you, würdest du sagen. Oder noch viel eher „Hau rein“. Mach ich. Versprochen.

Das Geheimnis ewiger Jugend – 2. Move your … you-know-what

Es könnte ein frühkindliche Prägung sein, aber der Wald ist mein happy place. Habe ich Kopfweh – geh ich in den Wald. Hab ich Bauchweh – geh ich in den Wald. Bedrückt mich etwas – geh ich in den Wald. Sorgen – Wald. Gut, bei Hunger und Durst hilft es jetzt eher weniger, aber nach dem Weg zum Kühlschrank hilft Wald meistens auch wieder. Das Rezept ist einfach: Ich laufe so lange, bis es wieder gut ist. (Wenn’s beim Laufen immer schlimmer wird, ist es der Blinddarm, aber dann ist der Wald ja immerhin auch diagnostisch wertvoll).

Worauf will ich hinaus? Beweg Dich! Der menschliche Körper ist nicht für Schreibtischarbeit gemacht, sonst wären wir sitzend geboren. Joggen, Walken, Nordic Walken, spazieren, rückwärtsgehen, wurscht: Bewegung ist DAS Allheilmittel für ganz viel für mich. Ich habe das große Glück, fast im Wald zu wohnen, ich brauche nur zur Tür raus und nach 500 Metern bin ich auf dem freien Feld und habe die ganze Alb zur Auswahl. Mittlerweile, Corona sei dank, kenne ich ziemlich viele Wege und jedes Reh beim Vornamen. Aber das macht es nicht fad.

Letztes Jahr habe ich beschlossen, dass ich mehr Bewegung brauche. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, am Jahresende 1000 km auf der Uhr zu haben. Am 31. Dezember war ich zum letzten Mal unterwegs und stand bei 1001,1 km. Dieses Jahr werden es 1111km. Nicht nur, weil ich mir beweisen will, dass ich das kann, sondern, weil ich erkannt habe, dass Laufen und Walken etwas mit mir macht.

Es fördert die Konzentration, die Ausdauer und die Kondition, es kräftigt den Körper und die Lunge und gleichzeitig bringt mich die Waldluft völlig runter. Es sei denn, zwei Rehe stehen urplötzlich vor mir auf dem Weg, wir starren uns geschockt zwei Sekunden an und die Vierbeiner nehmen Reißaus, während mein Puls durch die nichtvorhandene Decke geht. Aber das ist das bisschen Restrisiko, mit dem man leben muss in der Wildnis.

Was aber immer immer ist: Es geht mir gut, wenn ich nach Hause komme. Matsch an den Laufschuhen, Matsch an der Laufhose aber rote Wangen und Glück im Herzen. Und das hält neben der Infarktprävention, der Osteoporoseprävention und ganz vielen anderen positiven Nebenwirkungen eben auch jung. Also: Raus mit Euch.

Zum Nachlesen hat übrigens auch der Spiegel einen interessanten Bericht über die Wirkung von Waldluft veröffentlicht. Sag ich ja.