Neulich am Küchentisch, abends um sieben. Die Teenietochter und ich saßen zusammen und hatten uns Brote geschmiert. Ich war gerade erst aus der Redaktion gekommen und froh, Feierabend zu haben. Morgens hatte ich das Ferienkind noch gebeten, die Spülmaschine auszuräumen. Als ich unsere Teller wegräumen wollte, stellte ich fest, dass das saubere Geschirr unangetastet in der Spülmaschine wartet. „Hast du die Spülmaschine vergessen?“, fragte ich (unnötigerweise) mit hochgezogener Augenbraue. „Ah, Schere“, sagt die Tochter. Ich stutzte. „Schere? Wozu brauchst du jetzt eine Schere?“, fragte ich irritiert. Das Kind schaute vom Handy auf und rollte mit den Augen. „Scheeere, Mama.“ Ich zweifelte kurz an meinem Hörvermögen, da erklärte sie mir: „Schere heißt, ja ok, mein Fehler.“
Das musste ich kurz verarbeiten. „Was kommt danach, Stein und Papier?“, fragte ich belustigt. „Hä?“ Augenrollen in HD-Qualität. „Ach so, ne. Schere heißt einfach, ich hab’s verbockt. Checkst Du?“ Ich: „Äh, ja, ich checke“, murmelte ich verwirrt und nahm dem Kind einen Stapel Teller ab. Klar checke ich. Und plötzlich erinnerte ich mich daran, wann diese Fremdsprache bei uns eingezogen ist. Es ist mindestens drei Jahre her, als ich eines Nachmittags an der leicht geöffneten Kinderzimmertür vorbeigekommen war und eine Freundin meiner Tochter ein aufrichtiges und tief bewunderndes „Aaaaalter, Bro“ von sich gegeben hat. Was damals so unglaublich war, habe ich nicht mitbekommen (ich lausche ja nicht, klar, ne?), aber es war eine Art Initialzündung für die sprachliche Abnabelung in unserem Haus.
Während ich also nachdenklich Tassen ins Regal verräumte, fragte ich „welche Wörter sind denn noch so in grade?“ Ich fühlte mich auf einen Schlag sehr alt. „Hoooar Mama, was weiß ich. Manches sagt man halt so … wie man es heute sagt.“ Ich erinnerte mich, dass in meiner Jugend das Wort „geil“ für einen Aufschrei gesorgt hatte. Alles, was man gut fand, war plötzlich geil. Aus jeglichem erotischen Kontext gerissen war das Attribut geil plötzlich allgegenwärtig, so sehr, dass es sogar Lehrer gab, die sich das Wort in ihrem Unterricht verbaten. Cringe, irgendwie, aus heutiger Sicht.
„Sagt ihr eigentlich noch cringe?“, hörte ich mich fragen, während ich einen Topf polierte. Die Tochter schaute mich an, als habe sie plötzlich körperliche Schmerzen. Mindestens Blinddarm. „Hoaaar Mama, das ist so 2024“, sagte Hannah. Aber sie grinste. „Das crazy grade. Du kannst nicht so reden“, erklärte sie mir. Ich verkniff mir, zu fragen, ob zwischen ‚das‘ und ‚crazy‘ nicht ein Verb fehle. „Warum nicht, vielleicht will ich auch cool sein?“, fragte ich. Ahnend, dass ‚cool‘ etwa so angesagt wie ‚geil‘ ist. „Wenn dann Aura“, sagte sie und das Grinsen wurde immer breiter. „Ich … bin Aura?“, fragte ich verblüfft. „Ne, aber dein Outfit ist zum Beispiel Aura heut.“ „Äh, danke?“. Sie lachte. „Mama, Du musst das bitte nicht alles wissen und schon gar nicht selbst benutzen, ok?“ Ich nahm sie in den Arm. „Ok, versprochen. So lange ich checke und Aura bin…“ „MAMA, echt jetzt… sagen wir, Du slayst, ok?“ Sie grinste, klappte die Spülmaschine zu und entschwand. Ich schlachte? Ich beschloss, nicht zu googeln, sondern drauf zu vertrauen, dass meine Tochter mich gar nicht so schlimm findet. Vielleicht sogar ein bisschen cool. Oder knorke. Das ziemlich crazy.