Von der tierischen Eskalation, der Helium-Stimme und der Vernunft, die ausgezogen ist

Es gibt Neuigkeiten von unserem Projekt „Wir holen uns eine Katze“. Wobei der Titel inzwischen eigentlich gelogen ist. Denn nach aktuellem Stand müsste der Beitrag eher heißen: „Wir holen uns Katzen.“

Wie konnte das passieren? Nun, ihr erinnert euch vielleicht: Ich war immer gegen Haustiere. Wirklich immer. Ich hatte gute Argumente. Tiere machen Dreck, zerkratzen das (neue, wunderschöne) Sofa, kosten Geld, schränken einen ein und verursachen zuverlässig Sorgen. Ich habe ein Kind in die Welt gesetzt, um dessen Wohlergehen mein Mutterhirn schon fortwährend kreist, jetzt auch noch Schutzbefohlene mit Fell?? Ich fand meine Haltung ausgesprochen vernünftig.

Dann tauchten in unserer Verwandtschaft vier Findelkätzchen auf. Vier kleine tapsige Fellknäuel mit viel zu großen Ohren, plüschigen Pfoten und genau diesem Blick, der offenbar sämtliche rationalen Entscheidungen im menschlichen Gehirn überschreibt. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich mich wirklich gewehrt habe. Mein Interesse an den Tieren Katzen UNFASSBAR FLAUSCHIGEN PLÜSCHBABIES war rein dienstlich. Eigentlich. Es hat ungefähr drei Fotos gedauert. Wahrscheinlich nicht mal.

Die vier Kleinen waren inzwischen beim Tierarzt. Das Ergebnis: zwei Jungs und zwei Mädchen. Alle gesund, alle munter und alle in der Lage, rational denkende Erwachsene innerhalb von Sekunden in entzückte Katzenfans zu verwandeln. Die auf dem Boden hocken und plötzlich in einer Stimmlage sprechen, als hätten sie Helium inhaliert. Und dann noch Dinge sagen wie „Was bist du aber auch für ein süüüßes Bobbele…“

Und dann sagte die Tierärztin wohl jenen einen Satz, der unseren sorgfältig geplanten Entscheidungsprozess komplett aus den Angeln hob: „Es wäre schön, wenn die Kätzchen paarweise vermittelt würden.“

Aha. Ich schluckte. Meine Restfamilie strahlte über vier Ohren. Ich hatte keine reelle Chance. Aus „vielleicht irgendwann mal eine Katze“ wurde also innerhalb weniger Minuten „Ja ok, dann eben zwei.“ Ich muss sagen: Diese Eskalation kam selbst für mich überraschend. Besonders schön finde ich übrigens die Reaktionen aus dem Umfeld. „Wenn ihr doch schon zwei nehmt … wären euch dann alle vier wirklich zu viel?“ Äh. Ja. Also…

JA! Ich habe das Gefühl, wir müssen irgendwo eine Grenze ziehen. Und zwei Katzen erscheinen mir als durchaus geeignete Stelle dafür. Was mich allerdings am meisten verblüfft, ist meine eigene Verwandlung. Vor wenigen Wochen hätte ich beim Thema Katzen höchstens freundlich genickt. Heute laufe ich gedanklich durch unser Haus und überlege, wo zwei Katzenklos am sinnvollsten stehen, wo Schlafhöhlen strategisch klug verteilt sind und ob ein Kratzbaum wohl eher ans Fenster oder doch in die Zimmerecke gehört. Das Kind überlegt sich derweil, wo in seinem Bett die Katzen genug Platz haben. Ob es bei Fressnapf Schlafhöhlen für Teenager gibt? Ich werde danach fragen.

Ich vergleiche Katzenfutter mit einer Ernsthaftigkeit, die ich früher höchstens bei der Auswahl eines neuen Autos an den Tag gelegt hätte. Ich weiß inzwischen, was Tasso ist, wie man Katzen registrieren lässt und welche Transportboxen gute Bewertungen haben. Und dann ertappe ich mich bei Gedanken wie: „Moment … sind wir eigentlich alle gegen Tetanus geimpft? Und fressen die Katzen wohl meine Pflanzen an?“ (Nicht wegen der Pflanzen, die hier eh nur überleben, weil der Gatte sie hin und wieder gießt, sondern wegen der Katzen. Wartet … ich kann Pflanzen schon nicht am Leben halten, ist das mit den Katzen echt eine gute Idee? …)

Wer ist diese Frau? Ich erkenne sie selbst kaum wieder. Noch sind die beiden gar nicht eingezogen. Aber gedanklich wohnen sie längst hier. Sie haben ihre Schlafplätze, ihre Futternäpfe und vermutlich auch schon die besten Plätze auf dem Sofa reserviert. Ich dagegen bin offiziell immer noch die Person, die eigentlich nie Haustiere wollte. Und niemand lacht darüber lauter als ich selbst.

Von leisen Pfoten, defekten Bremsen und einem Grafen-to-be

Ich war immer die Bremse. Die, die Nein gesagt hat. Konsequent. Nie konnte ich mir vorstellen, dass ein Haustier bei uns einzieht. Es gibt ja solche Dinge, von denen man fest überzeugt ist, als käme es just aus der eigenen DNA. Glaubenssätze, an denen nicht gerüttelt wird. So war ich überzeugt, dass ein Kind völlig ausreicht, um aus einem Paar eine Familie zu machen. Und dass etwas mit mehr als zwei Beinen kein Bestandteil dieses Konstrukts sein muss.

Was nicht heißen soll, dass ich Tiere nicht toll finde, im Gegenteil. Der Hund von Freunden war der erste, der meine Hand ablecken durfte, ohne, dass ich dabei einen Herzkasper bekommen habe. Ein Aquarium in fremden Wohnzimmern? Ich stehe fasziniert davor und beobachte das Unterwasserleben. Aber ein eigenes Haustier?

Ich kenne mich. Man übernimmt schon für ein Kind so viel Verantwortung. Aber das haart wenigstens nicht (oder doch, aber anders), wetzt nicht die Krallen am neuen Sofa und wenn wir in den Uralub wollen, geht es einfach mit. Und im Gegensatz zu einem Haustier kann es sprechen. („Aura, Bro!“). Aber so ein Tier? Da ist man doch ständig in Sorge, ob es ihm gut geht, ob es krank ist oder etwas braucht. Und wenn es abends nicht nach Hause kommt kann man nicht mal die Polizei anrufen. Nein, danke. Ich war immer der Meinung: Tiere sind wunderbar – in der Obhut anderer Menschen. Ein Kind ohne Fell reicht mir völlig.

Bis letzten Samstag. Da kamen diese Findelkätzchen im Garten der erweiterten Verwandtschaft unter einem Holzlager hervorgetapst. Vier an der Zahl. Winzige, flauschige Fellbündel mit weichen Pfoten und diesem Blick, der direkt sämtliche vernünftige Argumente an die Wand fegt. Ich habe sie, dienstlich freilich, besucht und mich nach einer knappen Stunde verwundert gefragt, wo meine jahrelang sorgfältig gepflegte Anti-Haustier-Haltung abgeblieben ist. Leise zerflossen wie Butter in einer heißen Eierpfanne.

Das Tochterkind, das ich leichtsinnigerweise mitgenommen habe, stellte ganz andere Fragen. Eine vor allem, stoisch wiederholend. „Kriegen wir eine Katze? BITTE? WEIL GUCK DOCH MAL WIE SÜÜÜÜÜSS DIE SIND…“ Das Kind guckte mindestens so niedlich wie die Katzen. Ich schluckte trocken. Und murmelte sowas wie „mal sehen“. Weil mir ein überzeugtes Nein einfach nicht mehr über die Lippen kommen wollte.

Fast forward zu heute, ein paar Tage später. Ich habe mir Lektüre bestellt. Ein Katze-für-Dummies-Buch. Einfach nur aus Interesse, versteht sich. Rein theoretisch. Man möchte ja informiert sein. Falls.

Ebenso rein theoretisch schaue ich mir an, welche Ausstattung man für eine Katze eigentlich braucht. Oder besser gesagt: Welche Ausstattung unser Kater bekommen würde. Falls es ihn irgendwann geben sollte. Ein Kater, der möglicherweise Emil heißen könnte. Nicht, dass ich mir Gedanken gemacht hätte. Aber man will ja vorbereitet sein. Falls.

Natürlich würde Emil, Graf von Schnurrbertshausen, es außergewöhnlich guthaben. Emil bekäme ein von der örtlichen Töpferei handgefertigtes Schälchen. Oder zwei, eins für Wasser, eins für den Rest. Man hat schließlich Ansprüche. Sein Bett wäre selbstverständlich kein beliebiges Katzenkissen aus dem Baumarkt, sondern eine kleine Wohlfühloase – kuschelig und hochwertig. Ob Merinowolle gut ist für Katzen? Werde meine Lektüre konsultieren müssen.

Und der Kratzbaum? Nun ja. Während andere Menschen einen Kratzbaum kaufen, würde Emil vermutlich ein architektonisch hochwertiges, vom schreinerisch begabten Gatten gebautes Meisterwerk bekommen. Stabil, elegant, aus natürlichen Materialien und so schick, dass Besucher das Gebilde für ein Designobjekt und nicht etwa für Katzenmöbel halten würden.

Natürlich alles rein hypothetisch. Denn noch gibt es keinen Emil. Noch gibt es nur Überlegungen, vernünftige Gegenargumente (Spoiler: erstaunlich wenige) und eine umfangreiche Merkliste mit Dingen, die zu klären sind, bevor Emil einziehen kann. Könnte. Vielleicht bleibt es dabei. Vielleicht auch nicht.

Aber falls irgendwann ein kleiner, gescheckt-getigerter Kater mit großen Augen, weichen Pfoten und einem herzallerliebsten weißen Punkt an der Schwanzspitze bei uns einzieht, dann wird niemand behaupten können, dass diese Entscheidung überstürzt gewesen wäre. Und falls doch, werde ich natürlich sagen „also ICH war ja von Anfang an dagegen“.