Von Vorbildern, Nachahmern und der schönsten Verantwortung von Eltern

Neulich, als ich mit meiner Tochter zum geparkten Auto zurückkam, steckte eine dieser „wir kaufen ihr Auto“-Karte an der Fahrerscheibe. Ich zupfte sie ab und nahm sie mit ins Auto. „Nimmst du die mit?“, fragte sie. „Soll ich sie etwa hier wegwerfen?“, fragte ich zurück. „Nein, natürlich nicht“, kam empört zurück. Nachdem wir geklärt haben, dass ich die Karte zwar mitnehme, den Alfa aber trotzdem nicht verkaufe, war sie beruhigt. Die Karte wanderte daheim in den Müll.

Mir ist bei dieser kleinen Szene etwas bewusst geworden. Kinder kommen nicht mit einer Anleitung auf die Welt. Sie lernen jeden Tag. Sie beobachten ihre Umgebung, hören zu, nehmen Stimmungen wahr und speichern unzählige kleine Momente ab. Und dabei schauen sie vor allem auf uns. Nicht auf Influencer. Nicht auf Lehrer. Nicht auf irgendwelche Ratgeber. Auf Mama und Papa.

Vielleicht ist uns gar nicht bewusst, wie oft wir beobachtet werden. Wie selbstverständlich unsere Kinder übernehmen, was wir tun. Nicht, weil wir es ihnen erklären, sondern weil wir es ihnen vorleben. Wir wünschen uns Kinder, die Verantwortung übernehmen. Die ihren Müll nicht einfach auf den Boden werfen. Die freundlich sind, Rücksicht nehmen und anderen mit Respekt begegnen.

Doch was sehen sie im Alltag? Wenn wir die ungewollt zugesteckte Visitenkarte oder den Kaffeebecher mit nach Hause nehmen, weil weit und breit kein Mülleimer steht, senden wir eine Botschaft. Ebenso, wenn wir den Einkaufswagen zurückbringen, obwohl niemand zuschaut.

Wenn wir der Kassiererin ein ehrliches Lächeln schenken oder dem Nachbarn freundlich „Guten Morgen“ sagen. Jemandem die Tür aufhalten, den Vortritt lassen, einfach so. Das alles sind keine großen Erziehungsmaßnahmen. Es sind kleine Gesten. Aber genau aus diesen kleinen Gesten entsteht das Weltbild eines Kindes.

Leider funktioniert das auch in die andere Richtung. Wer aus dem Autofenster eine Zigarette wirft, ständig über andere Menschen herzieht oder glaubt, Höflichkeit sei überflüssig oder allenfalls einer bestimmten Schicht gegenüber vorbehalten, vermittelt seinem Kind ebenfalls Werte – nur eben andere.

Kinder hören außerdem jedes Wort. Schimpfwörter, Beleidigungen oder respektlose Kommentare bleiben hängen. Genauso wie ein freundliches „Bitte“, ein ehrliches „Danke“ oder eine Entschuldigung, wenn man selbst einen Fehler gemacht hat.

Und das gilt nicht nur beim Benehmen, sondern in allen Lebensbereichen.
Viele Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder gesund essen. Doch Kinder orientieren sich nicht an Ernährungspyramiden. Sie orientieren sich an uns.

Wenn Obst selbstverständlich auf dem Tisch steht, wenn gemeinsam gekocht wird und Gemüse kein notwendiges Übel, sondern ganz normal dazugehört, wächst für Kinder etwas Wertvolles heran: Selbstverständlichkeit. Das bedeutet nicht, dass Eis, Pizza oder Schokolade verboten sein müssen.

Im Gegenteil. Kinder profitieren viel mehr von einem entspannten und vernünftigen Umgang mit Essen als von Verboten oder starren Regeln. Sie dürfen erleben, dass Genuss und Gesundheit kein Widerspruch sind, womit wir wieder beim Optimierungswahn wären. Wer jeden Tag versucht, eine gute Entscheidung mehr zu treffen, vermittelt oft mehr als jemand, der Perfektion verlangt.

Auch der Satz „Sport ist Mord“ ist ein gutes Beispiel. Kaum eine Floskel hat sich so hartnäckig gehalten. Natürlich ist er oft nur scherzhaft gemeint. Doch Kinder verstehen etwas ganz anderes. Sie hören: Bewegung ist lästig. Sport ist etwas, das Erwachsene möglichst vermeiden. Wenn dann noch Kommentare fallen wie: „Schau mal, wie der sich abstrampelt. Das wäre mir viel zu blöd“, oder „Freiwillig joggen? Die haben doch einen Knall“, bleibt davon mehr hängen, als wir glauben.

Dabei müssen Eltern keine Leistungssportler sein. Es geht nicht darum, Marathons zu laufen oder jeden Abend ins Fitnessstudio zu fahren. Es geht darum, Kindern zu zeigen, dass Bewegung Freude machen kann. Eine Fahrradtour. Ein Spaziergang durch den Wald. Eine Partie Tischtennis. Eine kleine Wanderung. Kinder, die erleben, dass Bewegung zum Familienleben gehört, entdecken oft ganz selbstverständlich ihren eigenen Zugang dazu.

Die gute Nachricht ist: Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen echte Eltern. Eltern, die auch mal gestresst sind. Die mal Fast Food essen. Die manchmal lieber auf der Couch liegen als joggen gehen. Aber sie brauchen Eltern, die versuchen, die Werte zu leben, die ihnen wichtig sind. Und die den Mut haben zu sagen: „Es tut mir leid. Das war gerade nicht in Ordnung.“ Auch das ist ein Vorbild. Vielleicht sogar eines der wertvollsten. Denn Kinder lernen dadurch, dass Fehler zum Leben gehören. Dass man Verantwortung übernehmen kann. Dass Stärke nicht darin liegt, immer recht zu haben, sondern bereit zu sein, sich weiterzuentwickeln.


Oft glauben wir, Erziehung finde in den großen Gesprächen statt. Dabei geschieht sie viel häufiger in den Momenten dazwischen. Wenn wir jemanden vorlassen. Wenn wir Müll aufheben.
Wenn wir freundlich grüßen. Wenn wir nach einem langen Arbeitstag trotzdem noch eine Runde mit dem Fahrrad drehen. Wenn wir gemeinsam Gemüse schneiden oder einen Apfel statt der dritten Süßigkeit essen. (Wir reden nicht über Puffreis, ok? If you know, you know.)

All diese scheinbar unbedeutenden Augenblicke erzählen unseren Kindern jeden Tag dieselbe Geschichte: So lebt man. Vielleicht ist das die größte Verantwortung, die Eltern tragen.
Aber gleichzeitig auch die schönste.

LaSignorina