Von alter, neuer Musik, Lightsticks und der Frage, was alt ist

Es gibt Momente im Leben als Eltern, da fühlt man sich plötzlich sehr alt. Nicht wegen der Falten. Nicht wegen des leisen Stöhnens beim Aufstehen. Sondern weil das eigene Kind fragt: „Mama, kennst du eigentlich Avril Lavigne?“

Ja. Ich kenne sie. Persönlich fast. Also zumindest fühlt es sich so an. Meine Tochter ist 13. Offiziell ist sie K-Pop-Fan. BTS, Blackpink, Choreografien, Lightsticks, Songtexte, die ich ungefähr so gut verstehe wie eine Bedienungsanleitung für einen Kernreaktor. Ich gebe mir Mühe. Inzwischen erkenne ich BTS tatsächlich auf Fotos und weiß, dass Blackpink keine neue Limonadensorte ist. Das ist doch schon mal was.

Musikalisch hatte ich mich also darauf eingestellt, dass bei ihr rund um die Uhr K-Pop läuft. Und meistens tut er das auch. Aber dann gibt es diese Momente. Ich laufe an ihrer Zimmertür vorbei und höre plötzlich: „He’s just a Skater Boy, she said see you later boy… “ von Avril Lavigne.

Ich bleibe stehen. Kurz darauf läuft Rihanna. Dann Michael Jackson. Irgendwann dröhnt Rock aus ihrem Zimmer, gefolgt von River Flows in You. Und keine zehn Minuten später singen die Backstreet Boys: „I want it that way…“ Ich weiß nicht, wie diese Playlist heißt, aber sie fühlt sich an wie eine musikalische Zeitreise mit sehr spontanen Zwischenstopps. Und ich liebe es.

Ich finde es unglaublich schön zu beobachten, wie sie Musik entdeckt. Nicht nach dem Motto: „Das hören gerade alle, also höre ich das auch.“ Sondern mit echter Neugier. Alles darf nebeneinander existieren. K-Pop genauso wie Klaviermusik. Pop aus den 2000ern neben Rockklassikern. Michael Jackson neben BTS.

Vielleicht ist genau das das Schönste am Musikgeschmack mit 13. Man muss sich noch nicht entscheiden. Während wir Erwachsenen oft in unseren musikalischen Komfortzonen wohnen – irgendwo zwischen „Das lief damals auf jeder Party“ und „Das war noch richtige Musik“ – zieht sie einfach quer durch alle Genres und sammelt ein, was ihr gefällt. Ganz ohne Schubladen.

Und dann passiert noch etwas. Sie kommt manchmal zu mir und sagt: „Mama, hör mal. Das ist richtig gut.“ Und dann läuft ein Lied, das ich mit 19 in Dauerschleife gehört habe. Plötzlich sitzen wir gemeinsam da und hören dieselbe Musik. Sie entdeckt sie zum ersten Mal. Ich entdecke meine Erinnerungen wieder. Das ist ein ziemlich besonderer Moment.

Wobei ich zugeben muss: Es trifft mich jedes Mal ein kleines bisschen, wenn sie fragt, aus welchem Jahr ein Song ist. Ich google. „Oh, von 2002“. Sie rechnet kurz. „Boah. Das ist ja voll alt.“

Alt? Entschuldigung?! 2002 war doch… vorgestern. Offenbar nicht. Offenbar gehören Avril Lavigne, Rihanna, die Backstreet Boys und ein guter Teil meiner Jugend inzwischen in die Kategorie „Oldies“. Ich weiß nicht, wer beschlossen hat, dass das so ist. Ich war bei dieser Abstimmung jedenfalls nicht dabei. Denn innerlich bin ich selbstverständlich keinen Tag älter geworden.

Mein Rücken behauptet manchmal etwas anderes. Mein Geburtsdatum ebenfalls. Aber innerlich bin ich immer noch diejenige, die in ihrem Zimmer sitzt und denkt, dass Musik wirklich alles ein bisschen besser machen kann. Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich ihre Playlist so berührt. Weil sie zeigt, dass gute Musik kein Verfallsdatum hat. Ein Song kann Generationen überspringen und trotzdem jemanden erreichen. Er kann Erinnerungen wecken oder ganz neue schaffen. Und vielleicht ist das das größte Kompliment, das Musik bekommen kann. Dass ein 13-jähriges Mädchen heute genauso begeistert „Sk8er Boi“ mitsingt wie ihre Mutter vor vielen Jahren.

Auch wenn diese Mutter sich standhaft weigert zu akzeptieren, dass ihre Teenager-Songs inzwischen als Oldies gelten. Manche Wahrheiten muss man schließlich nicht sofort annehmen. I waaant it thaaat way.

LaSignorina