Von der Eins mit Sternchen, vom Bauchgefühl und von jemandem, der die Wanze sucht

Es gibt Tage in der Lokalredaktion, da fühlt man sich wie ein Chronist der Ewigkeit. Manche Dinge ändern sich nicht und der legendäre Satz „Die tote Kuh kommt morgen rein“ hat einfach immer noch Bestand. Nur nicht unbedingt mit der toten Kuh, denn Tiergeschichten gehen immer, die käme heute noch mit. Und dann gibt es Wochen, in denen man gleichzeitig die Zukunft in den Händen hält und genau weiß, dass man trotz allem ohne seinen Instinkt aufgeschmissen wäre.

Vergangene Woche absolvierte ich eine KI-Schulung. Bereits das „Onboarding“ kam zum Preis einer neuen Stirnfalte. Nicht, weil ich mich dem Thema gegenüber sperren würde. Eher, weil ich mich fragte, wann um alles in der Welt die Verwendung von Anglizismen olympisch geworden ist und wie ambitioniert jemand die Goldmedaille holen will. Holy. Shit. Aber egal. Ich lauschte den Ausführungen zur modernen Arbeitswelt, der digitalen Transformation, den effizienten Prozessen – ihr kennt das Vokabular. Nach einigen Folien darüber, wie künstliche Intelligenz uns monotone Aufgaben abnehmen und unsere Arbeit erleichtern wird, kam der große Abschluss: ein Wissenstest. 60 Prozent galt es mindestens zu erreichen, dann winkte ein Zertifikat. Ich las die erste Frage und die fünf Antwortmöglichkeiten. Dann kopierte ich den Block und fügte ihn bei ChatGPT ein. „Antwort A und B sind korrekt“. Und so fuhr ich fort. Frage um Frage. Am Ende las ich die Frage nicht mal mehr.

Nicht aus Trotz. Nicht aus Faulheit. Sondern aus Prinzip. Denn schließlich hatte ich gelernt, dass KI genau dafür da ist, lästige Arbeit zu übernehmen – warum sollte ich dann plötzlich anfangen, sie nicht zu nutzen? Das wäre ja ungefähr so konsequent, wie einen Taschenrechner anzupreisen, um ihn im anschließenden Mathetest zu verbieten. Das wenig überraschende Ergebnis: 100 Prozent richtige Antworten. Effizienlevel: Eins mit Sternchen. Ich war nach 15 Minuten fertig und konnte mich wieder meiner produktiven Arbeit widmen. Und wehe, es behauptet jetzt einer, das sei Beschiss. Practice what you preach.

Ein paar Tage später dann Szenenwechsel. Ein großes Bauprojekt. Eines dieser Themen, bei denen seit Jahren nichts passiert. Genau genommen: seit fünf Jahren. Aktenlage: ruhig. Außenwirkung: ruhig. Wahrscheinliche Entwicklung: ebenfalls ruhig. Auf der riesigen Brache ist sprichwörtlich Gras über die Sache gewachsen. Ein ganzer Mischwald. Und trotzdem hatte ich dieses Gefühl. Dieses schwer erklärbare Redaktions-Bauchgefühl. Dieses „Was ist eigentlich damit … “. Nicht weil es einen Hinweis gab. Nicht weil ein Algorithmus angeschlagen hätte. Sondern weil Lokaljournalismus zu einem guten Teil daraus besteht, seinem Instinkt zu vertrauen und nachzufragen. Und dabei gelegentlich genau richtig zu liegen.

Also habe ich genau das getan, bei der Stadt nachgefragt. Der Chef des Baudezernats war dezent baff und sucht wahrscheinlich immer noch die Wanze in seinem Büro. Denn genau heute war wieder Bewegung in die Sache gekommen. „Sechs Minuten nach Ihrer Mail war der Videocall mit dem neuen Bauträger anberaumt“, erklärte er mir. Woher ich das wusste? Kein Datensatz, keine Prognose, keine KI-Auswertung. Einfach Timing, Erfahrung, Instinkt und die uralte journalistische Methode: Fragen stellen.

Und da lag plötzlich der Kontrast der Woche ziemlich schön auf dem Tisch. KI ist großartig. Sie kann zusammenfassen, formulieren, organisieren und – wie eine kürzlich durchgeführte praktische Studie belegt – Prüfungsfragen erledigen, die man selbst womöglich nicht besonders ernst nimmt. Ähem.

Aber sie ersetzt kein Bauchgefühl. Zum Glück. Und eine KI-Schulung für journalistischen Instinkt wird’s vermutlich so bald nicht geben. Ansonsten möge man mich in einem Session-Call enablen. ASAP.

LaSignorina