Von alten, neuen Dingen, nachhaltigen Verpackungen und dem Biomüll in der Kugel

Ich liebe Vinted. Wirklich. Es ist wie Flohmarkt, nur ohne um sechs Uhr morgens aufstehen zu müssen und ohne den Geruch von Bratwurst in der Turnhalle. Manchmal macht man dort Funde, bei denen man sich kurz fragt, ob man gerade ein Versehen im Universum entdeckt hat.

Ein Echtlederrock für 7 Euro? Danke.
Eine Tosca-Blue-Tasche für 9 Euro? Ich nehme gleich zwei Gefühle mit: Freude und leichten Unglauben.
Man klickt sich durch Fotos, handelt charmant drei Euro runter und fühlt sich am Ende wie ein Investmentprofi mit Nachhaltigkeitssiegel.

Und dann kommt das Paket.
Ich bin grundsätzlich Team Wiederverwendung. Alte Kartons? Großartig. Versandtaschen mit fünf überklebten Adressetiketten? Nachhaltig. Schuhkartons, Schraubenschachteln, Verpackungen mit einem früheren Leben? Alles wunderbar. Secondhand ist ohnehin die schönste Form von Optimismus: Man glaubt daran, dass Dinge ein zweites Leben verdienen.

Was man dabei unterschätzt: Manche Verpackungen offenbar auch. Ich dachte ehrlich, ich hätte schon alles gesehen. Bis mir jemand ein T-Shirt in einer leeren Vitamintabletten-Packung geschickt hat. In einer Vitamintabletten-Packung, die eine zweite Haut aus braunem Klebeband bekommen hatte.
Kein Witz. Dieses Shirt mit dem schwarzen „Paris“-Schriftzug war so kunstvoll zusammengefaltet, dass es aussah wie ein Beipackzettel. Ich habe es ausgepackt aus der Schachtel gezerrt und kurz überlegt, ob ich es mit Wasser einnehmen muss. Irgendwo zwischen „Wie?“ und „Respekt für diese Ingenieursleistung“ blieb ich sprachlos zurück. Passiert nicht so oft.

Ich dachte also, das war wohl der verpackungstechnische Höhepunkt. Ich lag daneben.
Die Krönung kam mit dem Lederrock. Ein wunderschönes Teil – aber verschickt als kompakte Kugel. Einfach zusammengepresst, als hätte jemand versucht, aus Echtleder einen Handball zu formen. Mir hatte die freundliche Dame bei der Post neulich noch erklärt, Päckchen müssten stapelbar sein, ein Umschlag könne nicht als Päckchen verschickt werden. Die hätte beim Anblick der Kugel vermutlich ihr ganzes Berufsleben hinterfragt. Und als wäre das nicht skurril genug: Verpackt war die Kugel in einer braunen Papiertüte. Vom Biomarkt. Ok, originell, dachte ich da noch. Nur: Aus der Tüte rieselten mir beim Auspacken tatsächlich noch Reste von welkem Grünzeug entgegen.

Und so stand ich in meiner Küche mit einem Lederrock in der einen Hand und einem traurigen Blatt Mangoldüberbleibsel in der anderen und fragte mich ernsthaft, ob ich gerade Mode bestellt oder eine Überraschungslieferung von einer solidarischen Landwirtschaft bekommen hatte. Spoiler: Der Rock hat überlebt. Das Grünzeug nicht.

Und trotzdem: Ich werde weitermachen. Denn irgendwo zwischen Vitamintablettenschachteln, Biomarkt-Tüten und Verpackungskunst auf Christo-Niveau warten eben diese kleinen Vinted-Momente, in denen man ein echtes Einzelstück findet und sich fühlt, als hätte man das Internet oder zumindest den Konsumkapitalismus ausgetrickst.

Aber falls jemand demnächst meinen nächsten Kauf verschickt:
Ein Karton wäre super. Und das Gemüse bitte separat.

Welcome to the Rabbithole: Die App, die meinen Schrank und mein Gewissen aufgeräumt hat

Ich weiß, ich bin völlig late to the party. Während die halbe Welt vor Jahren schon gekleiderkreiselt hat und heute selbstverständlich Sofakissen, Salzstreuer und Sandalen bei Vinted kauft, habe ich die App erst vor einigen Wochen runtergeladen. Und was soll ich sagen, sie ist mein neues Rabbithole. Vielleicht war ich so zurückhaltend, weil ich anders sozialisiert worden bin. Als ich Kind war, wurden Klamotten zwar innerhalb der Familie weitergegeben, aber Secondhand-Läden waren überhaupt kein Ding. Und wenn, dann hatte das was von alternativer Szene oder, schlimmer noch, Rot-Kreuz-Kleiderkammer-Vibes. Auf keinen Fall war es irgendwie cool, getragenes Zeug anderer Leute anzuziehen.

Shoppen war gestern, Schatzsuche ist heute

Zum Glück ändern sich die Welt und die Ansichten. Denn im Grunde ist es ziemlich großartig, wenn ungeliebte Kleidungsstücke nicht in Schränken begraben werden. Oder weggeworfen im schlimmsten Fall. Das Überangebot minderwertiger Kleidung hatte zur Folge, dass Altkleidercontainer überall verschwinden, für die Hilfsorganisationen ist die Sammlung zum teuren Müllproblem geworden. Second-Hand-Läden waren immer schon ein Weg, ungeliebte Jeans oder Blazer loszuwerden, ohne sie letztlich wegwerfen zu müssen. Sie machen aus Fast Fashion zumindest „Slowed Down Fashion“. Wir haben in der Stadt mittlerweile zwei davon, einer mit eher hochwertiger Designer-Ware, der andere mit ganz alltäglichen Dingen. Deren Angebot ist freilich begrenzt und trotzdem oder gerade deshalb fühlt sich einkaufen dort wie eine Schatzsuche an. Es gibt jedes Stück nur einmal und nur in der Größe, die eben da ist. Und ich liebe das Stöbern dort mittlerweile viel mehr, als in einen normalen Laden zu gehen. Wo fast alles verfüg- oder bestellbar ist.

Apps wie Vinted hingegen sind ein schier unerschöpflicher Fundus an textilen Besonderheiten, von denen man gar nicht wusste, dass man sie gut findet. Bis man sie abends beim Scrollen auf dem Sofa entdeckt. Ich zum Beispiel wusste bis vor wenigen Tagen nicht, dass ich eine kleine, unpraktische, silberne Handtasche mit einem Gesicht darauf brauche. Ein Gesicht, dass eine schwarze Sonnenbrille trägt. Ich hatte sofort ein Outfit im Kopf, das erst und just mit dieser seltsamen Tasche eine Geschichte erzählt. Es kann schließlich kein Zufall sein, dass meine Kollegin Beate just in derselben Woche eine schwarze Sonnenbrille verkaufte, die noch in der Redaktion die Besitzerin wechselte.

So entsteht eben meine Geschichte. Mode ist die Kunst, zu sagen, wer man ist, ohne den Mund aufzumachen. Der eigene Stil ist etwas, was sich bei den meisten Frauen erst im Lauf des Lebens entwickelt wie eine Handschrift. Gut, wenn ich angezogen wäre wie meine Handschrift aussieht, wäre das eine textile Katastrophe. Aber ihr wisst, wie ich das meine. Ich kann also auf Vinted einen petrolfarbigen Retro-Strickpulli sehen, den man im Laden nicht fände und den ich mangels Talent niemals selbst stricken könnte. Und sehe mich in Gedanken dunkelblaue Capri-Jeans und einen senfgelben Gürtel dazu kombinieren (Das läuft dann so: Suchfeld – gelber Gürtel, oh verflixt, da gibt’s etwa 50 verschiedene … ach guck, der ist ja hübsch, aber ist das nicht orange? Hab ich bei meinen Favoriten nicht einen orangenen Pulli? Ach nö, der ist jetzt schon verkauft. Aber der braune Rock ist noch. Zu dem würde ein cremefarbiges Oberteil passen… Suchfeld – Pulli in beige… das Rabbithole hat mich…) Gleichzeitig stelle ich Dinge online, bei denen ich mich ganz kurz frage, ob das überhaupt jemand kaufen würde. Um eine halbe später einer euphorischen Käuferin Echtleder-Overknee-Boots mit zwölf-Zentimeter-Hacken einzupacken. Sie lagen seit 15 Jahren auf dem Grund meines Schuhschranks. Und weinten leise. Ich vermute, sie steuern auf ein spannenderes Leben als bei mir zu.

Die Regeln

Um nicht komplett uferlos zu werden, habe ich mir Regeln auferlegt. Ausgegeben wird nur Geld, das im Vinted-Geldbeutel ist. Ist ja ganz logisch: Das ist ja kein „neues“ Geld. Es ist Geld, das ich schon einmal ausgegeben hatte, das durch Verkäufe wieder teilweise zurückkam. Geb ich das Geld ein zweites Mal aus, sind das keine echten Kosten, weil das Geld ja davor eh schon weg war. Total logisch find ich das.

Man darf sich trotzdem nicht verleiten lassen, Dinge zu kaufen, nur weil sie manchmal unfassbar günstig sind. Erstens ist Stil keine Frage des Geldes und man kann ihn sich auch nicht mit Masse kaufen. Zweitens lohnt sich immer die kritische Frage, ob der grüne-violette Rock tatsächlich zum Rest des Kleiderschranks passt, oder ob ihn sein Preis von drei Euro gerade so attraktiv macht. Mein erster Kauf auf Vinted war übrigens Geschirr. Weil ich zwar zu viele Klamotten, aber offenbar immer noch nicht alle Tassen im Schrank habe. Der zweite war ein Superhelden-T-Shirt, der dritte ein schwarz-weiß-gestreifter Blazer, den ich mir im Laden womöglich nicht gekauft hätte. Vier Euro fünfzig UND die Frage, ob es cool aussieht oder eher wie Beetlejuice made me do it. Zum Glück find ich ihn cool. Und ich habe ihn davor bewahrt, den Rest seines Lebens leise in einem Berliner Kleiderschrank zu weinen wie meine Stiefel.

Was ich als nächstes kaufe? Meine Favoritenliste ist voll, der Geldbeutel leer. Ich vertraue derweil fest darauf, dass die Dinge zu mir kommen, die zu mir gehören. Erwähnte ich schon die schräge Handtasche mit dem Sonnenbrillenfräulein drauf? Stay tuned!