Wie ich mich mal in Teller verliebte und eine Allgäu-Rundfahrt obendrein bekam


Manchmal findet man die Liebe dort, wo man sie am wenigsten erwartet. Und nicht unbedingt so wie ihr denkt. Ich habe mich gestern spontan in Teller verguckt. Depot ist das neue Interior-Tinder.

Aber von vorn. Weil die Außentemperatur zum Bummeln in Kempten gestern mit dreihundertdrölf Grad einfach zu hoch war, bummelten wir wohlklimatisiert indoors durchs Allgäu-Forum. Ohne Vorhaben, ohne Ziel. Einfach so. Und als wir bei einem Affogato im Eiscafé Zeit hatten, eine halbe Stunde lang die „Alles-muss-raus-Deko“ bei Depot zu mustern, entdeckte ich von weitem Teller, die es mir angetan hatten. Mein vernünftiger Mann schlug allerdings vor, den Bummel zuerst zu beenden und die schweren Teller am Ende mitzunehmen.

Nun – Vernunft und Schicksal sind nicht immer beste Freunde. Denn auf dem Rückweg zu Depot scherzte er erst noch und meinte, „wahrscheinlich sind jetzt nur noch zwei da“. Aber das Scherzen verging ihm beim Blick ins Regal. Denn es waren tatsächlich nur noch zwei da. Der Rest wurde bereits von einer in depot-grün gewandeten jungen Frau an der Kasse in Unmengen Packpapier eingewickelt. Panisch nahm ich die zwei einsamen Teller an mich. Eine Kundin pendelte gerade von der Kasse zurück zum Geschirrregal, guckte irritiert ins Regal, erspähte die beiden Teller, die ich trotzig an meine Brust drückte und verdrehte genervt die Augen. ALS OB ICH ETWA DAS PROBLEM WÄRE! Kurz überlegte ich, ihr zehn Euro pro Teller zu bieten. Die Frau hatte offenbar keine Ahnung, dass sie sich als Partycrasher mitten in eine Liebesgeschichte eingemischt hatte.

Mir blieben genau zwei Teller.

ZWEI. Blöd nur, dass wir zuhause mindestens zu dritt sind.

Mein Mann wurde schlagartig blass und entwickelte augenblicklich ein schlechtes Gewissen. Wir erkundigten uns, ob womöglich noch weitere Teller im Lager…? Nein. „Aber“, sagte die Verkäuferin, „die Filialen in Kaufbeuren und Sonthofen schließen ebenfalls. Vielleicht haben Sie da noch Glück.“ Mein Mann witterte Morgenluft und setzte sein entschlossenstes Gesicht auf. Was folgte, war eine kleine Pilgerreise durch die sommerliche Hitze des Allgäus. Menschen wandern nach Santiago de Compostela – wir wanderten durch Sonthofen auf der Suche nach der Depot-Filiale und vier weiteren Tellern.

Und tatsächlich: Nach einigem Suchen war uns das Glück noch einmal hold. Die letzten vier Exemplare fanden wir – stilecht – direkt auf dem dekorierten Ausstellungstisch. Womöglich warf ich augenblicklich allen anderen Kunden im Laden giftige Blicke zu und stapelte hastig Teller. Man hätte meinen können, wir würden hastig ein archäologisches Artefakt bergen. Vorsichtig, ehrfürchtig und mit leicht erhöhtem Puls.

Der Triumph war vollkommen.

Fast. Denn an der Kasse kam die letzte Wendung dieser dramatischen Geschichte: „Die Rabattaktion gilt in Sonthofen nicht. Geschirr ist bei uns von der Rabattierung ausgeschlossen“, erklärte uns die freundliche Dame. War ja irgendwie klar.
Aber ganz ehrlich: Am Ende haben wir jetzt sechs wunderschöne Teller, eine Geschichte für die Ewigkeit und nebenbei auch noch ein bisschen mehr vom Allgäu gesehen. Falls mich jemand fragt, wie sehenswert Sonthofen ist: Die Depot-Filiale schließt, also … eher nicht so.

Aber wenn mich jemand fragt, was wahre Liebe ist, werde ich antworten: Sie bedeutet, bei dreihundertdrölf Grad für jemanden nach Sonthofen zu fahren, um die letzten vier passenden Teller zu retten. Denn seien wir ehrlich: Wahre Liebe zeigt sich nicht in großen Gesten, sondern manchmal auch darin, dass jemand ohne Murren ins Auto steigt, mit Dir durch Ober- und Unterhitze fährt und die letzten vier Teller vom Dekotisch rettet, um der neu entflammten Tellerliebe zum Happy-End zu verhelfen. Womöglich habe ich nicht nur gestern die richtigen Teller gefunden, sondern vor vielen Jahren auch den richtigen Mann. Der war übrigens auch nicht runtergesetzt, aber hat sich schon tausendfach bewährt.