Von großen Plänen, dem stummen Wecker und einem heiklen Sitzplatz

Schon seit Tagen stand für diesen Sonntag eines fest (für mich auf jeden Fall): Wir machen einen Familienausflug. Wandern! Frische Luft! Gemeinsam Zeit verbringen! So ein Sonntag aus dem Bilderbuch. Vermutlich mit Vogelgezwitscher, glücklichen Gesichtern und einem Foto, das später als Titelbild im Familienchat landet. So hatte ich mir das seit Tagen ausgemalt, Routen im Schwarzwald herausgesucht, verworfen, durch bessere ersetzt. Beim Blick auf die Wettervorhersage fielen dabei immer öfter Kriterien wie „schattig“, „im Wald“ und „am Fluss“ ins Gewicht. Am Ende hatte ich mich für einen Weg bei Bad Teinach entschieden. Wir würden gleich morgens losfahren, gut gelaunt, mit Vesper im Rucksack, ach, es würde großartig werden!

Doch die Realität begann mit einem kleinen Detail. Ich hatte am Samstagabend im Halbschlaf den Wecker statt für Sonntag für Samstag gestellt. Mit dem Ergebnis, dass ich heute kurz vor neun aufwachte und mich wunderte, warum es schon so hell und so warm ist.

Statt also motiviert und früh aufzubrechen, starteten wir mit Kaffee und gedämpfter Stimmung (weil ich unglaublich genervt von mir selbst war, weil wie kann man bitte so blöd sein… ) Weil aber niemand was für meine Schusseligkeit kann, versuchte ich mich zu beherrschen. Und den Tag zu retten.

Allerdings zeigte der Wetterbericht sehr deutlich, dass wir auf „Backofenstufe Umluft“ zusteuerten. Also beschlossen wir schon zu Hause ganz vernünftig: Keine große Wanderung. Wir nehmen eine Alternativroute. Kürzer. Flacher. Mehr Schatten. Weniger Ehrgeiz. Und weniger Anfahrtzeit, weil … ihr wisst schon. Ein Plan, der auf dem Papier hervorragend aussah.

Nur eine gar nicht mehr so kleine Person war von Anfang an eher gegen das Konzept „gemeinsamer Familienausflug“: Die Teenietochter. Mit der beeindruckenden Ausdauer, die nur Teenager besitzen, machte sie augenrollend deutlich, dass weder Natur noch Familienzeit noch Bewegung auf ihrer persönlichen Sonntags-Wunschliste standen. „Warum müssen wir denn IMMER wandern?“, fragte sie, als würden wir sie regelmäßig sonntags zu Mammutmärschen zwingen oder als wäre Turnvater Jahn ein enger Verwandter. Während wir noch optimistisch von „kleinem Ausflug“ sprachen, hatte sie innerlich vermutlich längst ihre Beschwerde bei der Jugendaufsicht eingereicht.

Trotzdem fuhren wir los. Und wie zu erwarten: Es war heiß. Sehr heiß. Im Wald allerdings ging es ganz gut und ganz heimlich schlich sich so etwas wie Wohlgefallen ein. Irgendwie war die „Latscherei“ (O-Ton Kind) gar nicht sooo schlimm. Wir redeten über Alltägliches und schmiedeten Urlaubspläne und am Ende war die kurze Tour genau das, was ich mir erhofft hatte – Familienzeit.

Und dann kam der Höhepunkt. Wir entdeckten eine Bank im Schatten, auf der wir endlich unser ambitioniert durch die Gegend geschlepptes Vesper auspacken konnten. Wir aßen Brote und teilten Gurkenscheiben und Apfelschnitze. Und wedelten die Mücken weg. Und andere Insekten. Und Wespen. Da noch eine. Und „Vorsicht, da sitzt eine Wespe“. Mein Mann stutzte. „Man könnte meinen, hier ist ein Wespennest…“ sprach’s und sprang von der Bank. Um festzustellen, dass sich wenige Zentimter unter seinem Hintern ein tennisballgroßes Wespennest an der Bankunterseite befand. Das hätte sprichwörtlich in die Hose gehen können. Für einen kurzen Moment wurde aus unserem gemütlichen Sonntagsausflug ein Naturdokumentationsfilm mit spontaner Fluchtsequenz.

Am Ende gab es keine Gipfelfotos, keine sportlichen Höchstleistungen und keine plötzlich entflammte Wanderleidenschaft bei der Teenagergeneration. Aber vielleicht war genau das der Punkt. Wir neigen dazu, Familienzeit mit Erwartungen aufzuladen: Der Ausflug soll schön werden, alle sollen gute Laune haben, das Wetter soll mitspielen und am besten entstehen Erinnerungen wie aus einem Urlaubsprospekt. Hochglanz, instagramable, versteht sich. Dabei sind es oft gar nicht die perfekten Tage, die bleiben.

Es war zu heiß. Der Wecker klingelte nicht. Die geplante Route wurde verworfen. Und trotzdem waren wir zusammen unterwegs. Kinder werden schneller groß, als man während der Diskussion um Abfahrtszeiten, Sonnencreme und schlechter Laune wahrhaben will. Irgendwann sind solche gemeinsamen Sonntag nicht mehr selbstverständlich. Umso schöner, wenn man sie nicht daran misst, ob alles nach Plan gelaufen ist.

Denn ehrlich: An die genaue Route wird sich hier wahrscheinlich in ein paar Wochen niemand mehr erinnern. Aber das Wespennest unter der Bank bleibt ein familieninternes „wisst ihr noch“ für immer.

Von meinem Schmelzpunkt, meinem thermischen Gegenpol und meinem Leben im Pizzaofen

Es ist wieder so weit.
Die Wetter-App zeigt sieben kleine Sonnen hintereinander. Nicht eine Wolke. Nicht dieses halbherzige „gefühlt 27 Grad“, das eigentlich 23 Grad bedeutet. Nein. Echte Hitzewoche. Zahlen, die aussehen wie ein Jackpot am Spielautomat. Ich bin 46. In einem Alter, in dem ich früher dachte: „Da hat man sein Leben im Griff.“ In Wirklichkeit recherchiere ich um 6:12 Uhr morgens: „Tipps gegen Hitze“, „Wie überlebt man den Sommer“ und „Ab welcher Temperatur geraten Spiegeleier ohne Pfanne?“

Hitze konnte ich noch nie gut ab. Schon als Kind war ich die, die im Sommer gerne drinnen spielte. Sätze wie „Geh doch in den Garten, das Wetter ist doch so toll“, habe ich damals schon nicht verstanden. Was sollte ich draußen? Meinen Schmelzpunkt finden? Drinnen gab es kühle Getränke, Lego und Bücher. Draußen herrschte eine Umgebungstemperatur wie auf der Venus, der Straßenbelag warf Blasen und schon nach einem kurzen Aufenthalt in der Sonne konnte ich Farben riechen.

Daran hat sich bis heute nicht viel verändert. Doch, eines, und das entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Ich wohne heute in einer Dachwohnung. Also praktisch in einem architektonisch sehr schönen Pizzaofen mit Fenstern. Menschen ohne Dachwohnung sagen gern Dinge wie:
„Mach doch morgens auf und abends zu.“ Ach so. Danke. Darauf wäre ich nie gekommen. Aber die Hitze kriecht an den Fenstern vorbei durch jede Ritze im Dach.

Und so lüfte ich.
06:30 Uhr – alle Fenster auf. Ich renne durch die Wohnung wie ein professioneller Lüftungsmanager.
08:15 Uhr – alles schließen. Rollläden runter. Wohnung abdunkeln. Ab jetzt lebe ich wie ein empfindlicher Museumsgegenstand.
11:00 Uhr – erster Schweißfilm. Nicht dramatisch, nur lästig.
13:30 Uhr – ich liege reglos auf dem Sofa und überlege, ob ich mir ein nasses Geschirrtuch offiziell als Kleidungsstück eintragen lassen kann. Is it a look?
15:00 Uhr – ich öffne den Kühlschrank nur noch, um kurz Hoffnung zu fühlen.
17:45 Uhr – Ich sehe Nachbarn draußen Eis essen. In Jeans. JEANS. Sind das Schauspieler? Werden die bezahlt?
20:30 Uhr – Endlich etwas kühler. Also nur noch Raumtemperatur „Neapel im Hochsommer“.
22:00 Uhr – Fenster auf. Die Nachbarn lachen. Irgendwo summt eine Mücke. Überall riecht es nach Grillwurst. Ich verhandle innerlich mit dem Universum.

Und dann gibt es noch meinen Mann. Meinen thermisch unerschütterlichen Gegenpol.
Mein Mann versteht Hitze nicht. Beziehungsweise: Er versteht schon, was Hitze ist, aber mehr so theoretisch.
Er ist viel draußen. Er arbeitet da körperlich, bei seinen Bienen. In der prallen Sonne. Strohhut auf und gut. Bei Temperaturen, bei denen ich überlege, ob man Kartoffelsalat auch direkt aus dem Kühlschrank essen kann und das dann als warme Mahlzeit zählt.

Er kommt nach Hause und sagt Sätze wie: „Ist doch OK heute.“ OK!
Ich sitze daneben wie Stück Sous-Vide, das seit drei Stunden langsam gegart wird, und starre ihn an.
Er erzählt dann von seiner Arbeit in der Sonne, wischt sich einmal die Stirn und trinkt entspannt einen Kaffee. Einen heißen Kaffee. Ich hingegen trage seit Mittag Augenpads aus dem Kühlschrank wie ein modisches Accessoire und habe den Ventilator auf Stufe „Hubschrauber“.

Neulich meinte er: „Man gewöhnt sich an die Wärme, wenn man öfter draußen ist.“ Das ist ungefähr so hilfreich, als würde man jemandem mit Höhenangst sagen: „Du musst nur runtergucken und entspannen.“ Oder einem Asthmatiker zu raten, einfach mal durchzuatmen.
Vielleicht ist es genetisch, vielleicht haben Männer einfach eine besondere Art von Hitzeresistenz. Ich habe noch nie gehört, dass eine Frau an einem Gießerei-Ofen arbeitet. Das wird wohl seine Gründe haben.
Währenddessen entwickle ich ganz andere erstaunliche Fähigkeiten.
Ich erkenne Temperaturunterschiede von 0,8 Grad. Ich weiß exakt, welche Bodenfliese im Bad am längsten kühl bleibt. Ich kann mit zwei offenen Fenstern und drei halb geschlossenen Türen ein Mikroklima erzeugen, das von außen aussieht wie Hexerei.

Und ich weiß, irgendwann, gegen Donnerstag, passiert etwas Magisches. Ich akzeptiere mein Schicksal. Ich nenne die Küche nicht mehr Küche, sondern „Zone Süd“.
Ich taue den Gefrierschrank ab und behaupte, es sei dringend Zeit dafür. Ich begrüße Menschen am Telefon nicht mehr mit „Hallo“, sondern mit: „Wie viel Grad habt ihr?“ Weil: Kannste halt nicht ändern.

Und irgendwo tief in mir weiß ich: Im November werde ich frieren, den Kaminofen anzünden, eine Decke suchen und sagen: „Hoffentlich wird’s bald wieder wärmer.“ Und das wird natürlich gelogen sein.