Ich weiß gar nicht, wann das passiert ist. Du bist über 40, öffnest Instagram und hast plötzlich das Gefühl, dein Leben sei eine einzige To-do-Liste geworden. Mehr Protein. Mehr Schritte. Weniger Zucker. Zone-2-Training. Krafttraining. Military Calisthenics. Kältedusche. Oder noch besser Eisbaden. Morgenroutine.
Abendroutine. Magnesium. Kreatin. Omega-3. Vitamin D. Ashwagandha. Ashwawas? Hätte ich’s nicht gegoogelt, hätte ich es für eine indische Sekte gehalten.
Offenbar beginnt der Tag einer erfolgreichen Frau Ü40 inzwischen um 4:57 Uhr. Sie trinkt erst einmal einen Liter Salzwasser mit Zitrone oder Apfelessig, meditiert 27 Minuten, macht zehn Minuten Atemtraining, hängt anschließend kopfüber an einer Klimmzugstange, absolviert Military Calisthenics (nur sieben Minuten pro Tag!), springt in ein Eisbad und frühstückt dann 43 Gramm Protein mit Chiasamen, Kollagen und einer Prise Himalayasalz. Bevor sie alles in einem Achtsamkeits-Journal festhält, my ass.
Ich dagegen bin froh, wenn ich vor dem ersten Kaffee nicht so viel reden und denken muss. Versteht mich nicht falsch: Ich bin die Letzte, die behaupten würde, Ernährung, Schlaf und Bewegung seien nebensächlich. Ganz im Gegenteil. Ich halte sie für die tragenden Säulen unserer Gesundheit. Mit zunehmendem Alter erst recht. Muskeln bauen sich nicht aus Höflichkeit auf, Knochen bleiben nicht stabil, weil wir nett zu ihnen sind, und unser Stoffwechsel liest leider keine Motivationssprüche.
Ich will meinem Körper etwas Gutes tun. Ich will ihn fordern (In Sportklamotten direkt nach der Trainingsenheit getippt!). Ich will ihn gut (er-)nähren. Aber muss ich ihn wirklich rund um die Uhr optimieren? Manchmal habe ich das Gefühl, wir behandeln unseren Körper wie eine Software, die nur noch das nächste Update braucht.
Version 46.3:
- 5 % mehr Muskelmasse.
- 8 % weniger Bauchfett.
- Schlafscore verbessert.
- Blutzucker stabilisiert.
- Morgenroutine fehlerbereinigt.
Bug bleibt allerdings bestehen: Der Mensch hat immer noch Lust auf Chips.
Besonders faszinierend finde ich die Entwicklung, die das alles genommen hat. Als ich ein Kind war, war Sport für mich was mit Schweißbändern um Kopf und Handgelenke und mit einem Body, der über (!) der Legging getragen wurde. In sehr vielen Pastellfarben, and five, six, seven eight. Alles überholt. Heute machen Frauen Military Calisthenics. Gestern noch Yoga mit Duftkerze, heute Hangeln am Stahlgerüst, Burpees im Regen und Klimmzüge, als würde nächste Woche die Grundausbildung beginnen.
Jeder, wie er möchte, keine Frage. Ich habe das Kickboxen für mich entdeckt und vermisse es, weil ich mich gerade auf Krafttraining fokussiere. Jeder Sport hat seine Fans und das ist toll. Aber wann wurde aus Gesundheit Leistung? Wann wurde aus Wohlbefinden ein Wettkampf? Und warum haben wir plötzlich das Gefühl, dass ein Spaziergang irgendwie nicht mehr zählt, wenn dabei keine Smartwatch applaudiert und Schritte zählt? Wann hat dieser Optimierungswahn begonnen?
Vielleicht ist genau das die eigentliche Herausforderung ab 40. Nicht noch disziplinierter zu werden, sondern gelassener. Zu akzeptieren, dass 80 oder 90 Prozent „richtig gut“ vollkommen ausreichen. Dass ein solides und regelmäßiges Krafttraining mehr bringt als ständiges Grübeln über den perfekten Trainingsplan. Dass acht Stunden Schlaf wichtiger sind als das zwölfte Nahrungsergänzungsmittel.
Und dass Stress über die „perfekte Ernährung“ gesundheitlich vermutlich genauso unerquicklich ist wie der Keks, den wir uns deshalb verbieten. Apropos Keks. Oder besser: Puffreis mit Schokolade. Dieses unscheinbare kleine, knusprige aber doch zartschmelzende Wunderwerk, mit dem man auf Insta ernährungsphysiologisch vermutlich keinen Innovationspreis gewinnt. Aber manchmal gewinnt eben nicht der Blutzuckerindex. Manchmal gewinnt die Seele.
Es gibt Tage, an denen ein (oder sieben) Puffreis mit Schokolade mehr Lebensqualität liefert als der Rohkostteller als Fernsehbegleiter. Weil Genuss ebenfalls Teil eines gesunden Lebens ist. Gesundheit besteht nämlich nicht nur aus Laborwerten, Muskeldefinition und einer lückenlosen Tracking-App. Sie besteht auch aus Lachen. Aus Essen ohne schlechtem Gewissen. Aus Pizza am Freitagabend. Aus Geburtstagskuchen. Und eben manchmal aus Puffreis mit Schokolade. Oder Chips.
Ich mag nicht ständig ein latent schlechtes Gewissen haben und mich nicht immer fragen, ob ich noch besser werden kann. (Eh immer.) Manchmal möchte ich einfach nur gut für mich sorgen, ohne ständig an Stellschrauben zu drehen. Auch wenn ich mich fraglos weiter entwickeln will, sollte mein Körper kein ewiges Optimierungsprojekt sein, sondern mein Zuhause.
Und in einem Zuhause liegt halt mal ne leere Chipstüte vorm Sofa, auf dem sich jemand mit Muskelkater in den Beinen zusammengerollt hat und um neun abends schläft. Ganz ohne schlechtes Gewissen.