Von zu vielen offenen Tabs, dem süßen Nichtstun und der Frage, was Herr Hofer mit meinem Hirn zu tun hat

Zum gestrigen Thema gesundheitlicher Optimierungswahn ist mir noch etwas eingefallen. Neulich fragte mich jemand, was ich eigentlich zur Entspannung mache. Ich musste kurz überlegen. Nicht, weil mir nichts einfiel. Sondern weil mir in diesem Moment bewusst wurde, wie ich Millisekunden vor dieser Frage darüber nachgedacht hatte, ob noch laktosefreie Milch im Kühlschrank ist, ob der Pressegesprächstermin nächste Woche am Dienstag oder Mittwoch ist, wann ich die dringend benötigten Tintenpatronen besorgen kann, ob wir am Samstag auf das Grillfest gehen oder doch schon den anderen Termin haben und ob das gesuchte weiße Hemd wohl in der Bügelwäsche ist.

Willkommen in meinem Gehirn. Ich glaube, viele Frauen kennen diesen Zustand. Von außen sieht man eine halbwegs sortierte Person. Innen läuft ein Rechenzentrum. Mit gefühlt 16.000 Prozessen gleichzeitig.

Redaktions-Konferenz. Schulung nicht vergessen. Pressegespräch am Dienstag. Einkauf. Geburtstagsgeschenk. „Mama, ich brauche morgen…“, „hast du mein…“, „wenn du in die Stadt kommst, kannst du noch schnell…“ Und irgendwo zwischen all dem meldet sich die Krankenkasse („Schatz, die brauchen ein Passbild, haben wir noch Passbilder von mir?“), das Auto braucht einen Termin und der Nachbarskater guckt auch so, als hätte er etwas auf dem Herzen (Erzähler: Und sie schafft sich auch noch eigene Katzen an, Humor hat sie ja.)

Das Faszinierende ist ja: Niemand sieht diese Arbeit. Weil sie zum großen Teil gar nicht sichtbar ist. Sie findet im Kopf statt. Als ewige To-do-Liste, die sich ständig selbst erweitert. Erledigte Aufgaben werden nicht abgehakt, sie vermehren sich. Wie Fruchtfliegen.

Deshalb muss ich manchmal etwas tun, das auf den ersten Blick völlig sinnlos aussieht. Ich sitze auf dem Sofa. „Was machst du gerade? Ich sitze hier“, frei nach Loriot. Ich gucke dort bayerische Vorabendkrimis. Oder ich starre einfach Löcher in die Luft. Nicht meditierend. Nicht achtsam. Nicht mit einer Klangschale im Hintergrund. Einfach… nichts.

Und nein, ich verschwende damit keine Zeit. Ich defragmentiere. Mein Gehirn räumt den Arbeitsspeicher auf. Hintergrundprozesse werden beendet. Irgendwelche Gedankendateien, die seit Dienstag geöffnet sind, dürfen endlich geschlossen werden.

Ich glaube nämlich, wir haben ein seltsames Verhältnis zur Produktivität entwickelt. Selbst Erholung muss inzwischen effizient sein. Wenn schon Pause, dann bitte mit Atemtechnik, Podcast, Dankbarkeitstagebuch und einem Matcha-Latte aus biologisch angebauten Mondkräutern.

Ich möchte an dieser Stelle eine Lanze brechen für die vollkommen anspruchslose Erholung. Für die Krimiserie, bei der man nach fünf Minuten weiß, wer der Täter ist, wenn man nicht davor schon eingenickt ist. Für das gedankenverlorene Aus-dem-Fenster-Schauen. Für das Sitzen. Für das Nichtstun. Nicht alles muss einen Mehrwert haben. Manchmal ist der Mehrwert genau der, dass nichts passiert.

Vielleicht sollten wir aufhören, uns dafür zu rechtfertigen. Denn wer den ganzen Tag den Familienkalender, den Einkaufszettel, die beruflichen Termine und das soziale Leben mehrerer Menschen im Kopf jongliert, hat sich eine Stunde geistigen Leerlauf nicht nur verdient. Er braucht sie.

Ich jedenfalls werde weiterhin mit bestem Gewissen auf meinem Sofa sitzen und einem gemütlichen Kommissar irgendwo zwischen Chiemsee und Alpenrand dabei zusehen, wie er einen Fall löst, der garantiert nicht viel spannender ist als die Frage, ob wir eigentlich noch Tintenpatronen im Haus haben.

Und falls mich in dieser Stunde jemand fragt: „Kannst du mal eben …?“ Später. Mein Arbeitsspeicher macht gerade ein Update.