Ich habe lange geglaubt, dass Veränderungen vor allem eine Frage der Motivation sind. Dass man nur den richtigen Moment abwarten muss – diesen einen Montagmorgen, an dem plötzlich alles anders wird. Der erste eines Monats. Mehr Sport, weniger Handy, früher aufstehen, mehr lesen, noch gesünder essen. Doch die Erfahrung hat mir gezeigt: Motivation ist ein wunderbarer Gast, aber ein schlechter Mitbewohner.
Was wirklich einen Unterschied macht, sind Gewohnheiten. Die Dinge, die wir tun, ohne jeden Tag neu darüber nachzudenken. Die kleinen Routinen, die uns tragen, wenn die anfängliche Begeisterung längst verschwunden ist. Vielleicht sind es zehn Minuten Bewegung am Morgen, ein Spaziergang nach der Arbeit oder das tägliche Lesen einiger Seiten vor dem Schlafengehen. Für sich genommen wirken solche Dinge unscheinbar. Mit der Zeit verändern sie jedoch mehr, als man zunächst vermuten würde.
Ich glaube, dass wir häufig die Macht der kleinen Schritte unterschätzen. Wir leben in einer Welt, die große Erfolge und spektakuläre Veränderungen feiert. Dabei entstehen die meisten Erfolge im Stillen. Sie wachsen aus hundert unspektakulären Tagen, an denen jemand einfach drangeblieben ist. Ich habe irgendwann einmal beschlossen, jeden Tag eine Extra-Runde zu gehen. Und weil mir bei allem Hochrechnen („wenn ich pro Woche zehn Kilometer, dann sind das 40 im Monat…“) immer nur auf krumme Zahlen kam, beschloss ich in einem Februar bis zum Silvesterabend 1000 Kilometer gegangen zu sein. Die letzten 6 schaffte ich grade noch, bevor die Silvestergäste eintrudelten, aber das war ein prägendes Erlebnis.
Doch vielleicht geht es gar nicht für jeden um ein großes Ziel. Vielleicht reicht es, heute fünf Minuten spazieren zu gehen. Vielleicht genügt es, ein paar Seiten zu lesen oder einmal bewusst das Handy wegzulegen. Und morgen gleich nochmal. Und am Mittwoch, um den Lauf nicht zu unterbrechen. Und am Donnerstag gehört’s schon ein bisschen dazu. Der Wert einer Gewohnheit liegt nicht in ihrer Größe, sondern in ihrer Regelmäßigkeit.
Mit jedem Mal, wenn wir eine gute Entscheidung wiederholen, erzählen wir uns selbst eine neue Geschichte darüber, wer wir sind. Nicht: „Ich müsste mehr Sport machen“, sondern: „Ich bin jemand, der sich selbst ein Versprechen gegeben hat und sich daran hält. Heute, morgen, am Mittwoch.“
Veränderung beginnt oft viel leiser, als wir erwarten.
Fleiß und Disziplin – alte Tugenden mit schlechtem Ruf
Es fällt auf, dass Begriffe wie Fleiß oder Disziplin heute manchmal fast entschuldigend ausgesprochen werden. Als wären sie etwas Angestaubtes aus den Sechzigern, etwa Altmodisches oder Spießiges. Dabei bewundern wir gleichzeitig Menschen, die Außergewöhnliches leisten – und übersehen dabei, wie viel Ausdauer und Beharrlichkeit dahinterstecken. Ich glaube, wir tun diesen Tugenden Unrecht.
Disziplin bedeutet nicht, ständig auf Freude zu verzichten und sich immer strikt selbst zu kasteien. Es bedeutet vielmehr, sich selbst ernst zu nehmen und den Dingen Raum zu geben, die einem wirklich wichtig sind. Und mit Raum geben meine ich auch Zeit einräumen. Ich gehe mittlerweile seit Jahren jeden Morgen laufen oder spazieren. Wenn es nicht gerade Katzen hagelt oder ein atomarer Regen angekündigt ist (war bisher nie). Diese Zeit lasse ich mir nicht streitig machen. Denn diese Form von Disziplin ist kein Gegensatz zur Freiheit, sondern ihre Voraussetzung.
Denn Freiheit besteht nicht nur darin, jederzeit tun zu können, worauf man gerade Lust hat. Wahre Freiheit bedeutet auch, die Fähigkeit zu besitzen, langfristige Ziele zu verfolgen und sich nicht von jeder kurzfristigen Versuchung ablenken zu lassen. Klar könnte ich mir morgens einen zweiten Kaffee machen, die Beine hochlegen und noch eine halbe Stunde durch die Welt scrollen. Aber ich tu’s nicht.
Fleiß wiederum ist nichts anderes als die Bereitschaft, geduldig an etwas zu arbeiten. Das mag unspektakulär wirken, aber vielleicht liegt gerade darin seine Schönheit. Nicht jeder Tag muss außergewöhnlich sein. Es genügt, wenn wir bereit sind, immer wieder den nächsten kleinen Schritt zu gehen. Am Ende sind wir das, was wir regelmäßig tun.
Je älter ich werde, desto mehr wird mir bewusst, dass unser Leben weniger von einzelnen großen Entscheidungen geprägt wird als von unseren täglichen Gewohnheiten. Wenn ich einmal im Jahr einen zweiwöchigen Aqua-Gym-Kurs absolviere, ist das schön. Aber es wird mich kaum fitter machen. Wenn ich mich jede Woche aufraffe, mache ich Veränderungen möglich. Die Frage ist nicht, was wir uns einmal im Jahr vornehmen. Die entscheidende Frage lautet: Was tun wir an einem gewöhnlichen Dienstag?
Denn genau dort, im Alltag, entsteht die Zukunft, die wir uns wünschen. Und vielleicht sind Fleiß, Disziplin und gute Gewohnheiten deshalb keine verstaubten Werte vergangener Generationen, sondern zeitlose Werkzeuge für ein gutes Leben. Nicht, weil sie uns einengen, sondern weil sie uns helfen, Schritt für Schritt der Mensch zu werden, der wir sein möchten.Und manchmal ist es vielleicht auch gut, sich auf neue Gewohnheiten einzulassen. Futternäpfe zu spülen zum Beispiel. OH well. 😉