
Es gibt diese Tage, an denen ich mich frage, ob ich vielleicht heimlich zur Sportskanone mutiert bin. Gestern war so ein Tag. Ich hatte ein Plan. Ein Vorhaben.
Ich bin um kurz nach sechs aus dem Bett gesprungen, während der Rest der Familie noch friedlich schlummerte. Um zwanzig vor sieben war ich bereits unterwegs. Mein Plan? Alle Balinger Stadtteile abzuwandern. Gegen den Uhrzeigersinn. Zu Fuß. In einem Rutsch. Dreißig Kilometer. Bei dreißig Grad.
Nicht, weil mich jemand dazu gezwungen hätte. Nein. Weil ich dachte: „Das wird bestimmt schön.“ Und das Verrückte ist: Es war schön. Ich lief durch Wälder, über Felder, durch Dörfer, sammelte Kilometer wie andere Menschen Treuepunkte.

Als ich am Abend nach Hause kam, wartete ich förmlich darauf, dass mein Körper die weiße Fahne hisste. Tat er aber nicht. Im Gegenteil.
Ich war dermaßen energiegeladen, dass ich mit meinem Mann sogar noch eine Runde um den Block spazieren ging. Einfach so. Innerlich sah ich mich schon als Werbegesicht für Wanderstiefel. Ich war überzeugt, mein Körper hätte endgültig beschlossen, dass Altern überbewertet wird. Vielleicht hatte ich endlich den Fitness-Code geknackt.

Tja. Heute Morgen bin ich aufgewacht. Und konnte mich kaum noch bewegen.
Nicht die Beine waren das Problem. Nicht die Füße. Aber der Rücken. Offenbar hatte ich meinen Rucksack über Stunden minimal schief getragen. Mein Körper hatte sich gedacht: „Lass sie ruhig feiern. Morgen reden wir.“
Seitdem bekomme ich von allen Seiten dieselben gut gemeinten Ratschläge. „Du musst halt weniger machen.“ „Das ist in deinem Alter eben so.“ „Gönn dir doch mal Ruhe.“
Interessant. Während andere also überlegen, wie ich mich künftig bremsen kann, sitze ich längst mit dem Handy auf dem Sofa und google: „Rückenschmerzen vom Wandern vorbeugen.“ „Hilft oder schadet Bewegung bei Rückenschmerzen?“ „Optimale Rucksackeinstellung.“
…und irgendwann… „Sherpa mieten.“ Man muss schließlich lösungsorientiert bleiben. Wobei ein Sherpa vermutlich spätestens nach fünf Kilometern fragen würde, warum wir eigentlich freiwillig bei dreißig Grad dreißig Kilometer laufen. Und ehrlich gesagt hätte er einen Punkt.
Aber ich kenne mich. Sobald der Rücken wieder mitspielt (Schmerzöl for the win) werde ich wieder losziehen. Vielleicht mit besser eingestelltem Rucksack. Vielleicht mit etwas weniger Größenwahn. Vielleicht.
Den Sherpa hebe ich mir jedenfalls noch als Notfallplan auf. Oder für den Getränkeservice. Denn eines habe ich gestern gelernt: Mein Körper kann erstaunlich viel. Er erinnert mich nur gerne einen Tag später daran, dass Übermut ebenfalls ein Muskel ist. Und den trainiert man automatisch mit.