Von der Zeit, die den Turbo gezündet hat

Ich bin ziemlich sicher, dass die Zeit früher langsamer verging. Nicht nur gefühlt. Wissenschaftlich. Physikalisch. Irgendwie.

Als Kind konnte ein Nachmittag ungefähr sieben Jahre dauern. Ich kam mittags aus der Schule, aß etwas, schaltete nach den Hausaufgaben den Fernseher ein und wartete darauf, dass endlich irgendetwas Interessantes passierte. Danach spielte ich draußen, kam wieder rein, langweilte mich kurz, aß Abendbrot – und es war immer noch erst 18.30 Uhr.

18.30 Uhr! Heute ist 18.30 Uhr gefühlt fünf Minuten nach dem Aufstehen.

Ich mache morgens einen Kaffee, beantworte zwei Nachrichten, räume eine Tasse weg, denke kurz darüber nach, was ich eigentlich heute alles erledigen müsste – und plötzlich ist es 21.47 Uhr und ich frage mich, ob es noch Sinn ergibt, die Spülmaschine auszuräumen oder ob ich jetzt einfach direkt ins Bett ziehen sollte. Dazwischen fand offenbar ein ganzer Tag statt.

Als Kind lag zwischen zwei Sommerferien ungefähr ein halbes Leben. Die Sommerferien selbst waren ein eigenes Zeitalter. Die ersten zwei Wochen waren aufregend, danach war man schon leicht gelangweilt, und irgendwann hatte man das Gefühl, die Schule würde nie wieder anfangen.

Heute?

Sommerferien? Zack. Halbzeit.

Und Weihnachten erst. Ich weiß noch, wie unendlich lang die Zeit bis Weihnachten war. Im November begann man langsam, darüber nachzudenken. Dann kamen die Adventskalender, die ersten Plätzchen, irgendwann der Weihnachtsbaum – und trotzdem hatte man das Gefühl, man hätte auf Heiligabend ungefähr so lange gewartet wie auf die nächste Mondlandung. Heute ist der 24. Dezember gefühlt eine Woche nach dem letzten 24. Dezember.

Und mein Geburtstag? Als Kind war ein Jahr bis zum nächsten Geburtstag eine kaum überwindbare Distanz.

„Wie alt bist du?“

„Sechs.“

„Und wann wirst du sieben?“

„Im März.“

Im März!

Das war ungefähr so weit entfernt wie Australien. Heute denke ich: Moment mal. War nicht gerade Januar?

Nein.

Es ist Mitte August.

Mitte August!

Ich möchte an dieser Stelle offiziell Einspruch einlegen.

Das Jahr hat doch gerade erst angefangen. Ich habe doch gerade erst Silvester gefeiert. Ich weiß noch genau, wie ich dachte: 2026. Verrückt. Und jetzt stehen wir hier, die Hälfte des Jahres ist einfach verschwunden, ohne sich abzumelden.

Wir waren im Februar in Wien.

Im Februar!

Das war doch gerade erst.

Und jetzt ist das ein halbes Jahr her?!

Was stimmt denn mit der Zeit nicht?

Früher hatte ich zwischen zwei Ereignissen gefühlt eine Ewigkeit. Heute kann ich mich an etwas erinnern und bekomme anschließend mitgeteilt, dass es „schon wieder sechs Monate her“ ist.

Sechs Monate.

Das ist inzwischen ungefähr die Zeitspanne, die ich brauche, um mich daran zu erinnern, dass ich eigentlich noch etwas erledigen wollte.

Und natürlich habe ich früher über die älteren Leute geschmunzelt, die genau das gesagt haben. „Warte nur, wenn du älter wirst. Dann vergeht die Zeit immer schneller.“

Jaja. Ich habe innerlich genickt, freundlich gelächelt und gedacht: Klar. Wie sollte die Zeit denn schneller vergehen? Eine Minute bleibt doch eine Minute. Eine Stunde bleibt eine Stunde. Ein Jahr bleibt ein Jahr.

Tja.

Offenbar nicht.

Und dann kam dieser Satz, den ich besonders amüsant fand:

„Man merkt, dass man alt wird, wenn man sieht, wie schnell die Kinder groß werden.“

Auch da dachte ich früher: Was für ein dramatisches Gerede. Heute möchte ich diese Menschen gern nachträglich um Entschuldigung bitten. Denn mein Baby wird bald 14. Vierzehn!

Ich habe das Gefühl, ich hätte sie doch gerade erst im Arm gehalten. Gerade erst diese winzigen Strampler gekauft. Gerade erst die ersten Schuhe. Gerade erst Kindergarten. Gerade erst Schule.

Und jetzt steht da ein fast vierzehnjähriger Mensch vor mir, der größer ist als ich und mich liebevoll „Zwergi“ nennt, eigene Meinungen hat, Musik hört, Dinge weiß, von denen ich keine Ahnung habe, und mich gelegentlich mit einem Blick anschaut, der sehr deutlich sagt:

Mama, echt jetzt?!

Ich habe offenbar einen kompletten Teil meines Lebens verpasst. Oder schlimmer: Ich habe ihn erlebt und fand ihn einfach zu kurz. Vielleicht ist das das Geheimnis.

Als Kind ist ein Jahr ein riesiger Teil des eigenen Lebens. Mit zehn ist ein Jahr immerhin ein Zehntel von allem, was man kennt. Mit sechsundvierzig ist ein Jahr nur noch ein kleiner Ausschnitt.

Und irgendwann wird aus „Wie lange dauert es noch bis Weihnachten?“ ein erschrockenes:

„Was? Schon wieder Weihnachten?“

Vielleicht ist das Erwachsenwerden also gar nicht das, was wir immer dachten. Vielleicht wird man nicht plötzlich alt. Vielleicht merkt man es einfach daran, dass man irgendwann nicht mehr auf Weihnachten wartet – sondern sich wundert, dass es schon wieder vorbei ist.

Dass aus Sommerferien plötzlich Erinnerungen werden. Dass Kinder, die gestern noch ihre Schuhe falsch herum angezogen haben, plötzlich Teenager sind.

Dass Reisen, auf die man sich monatelang gefreut hat, auf einmal „dieses Jahr im Februar“ waren.

Und dass man an einem ganz normalen Samstagmorgen auf den Kalender schaut und denkt:

Moment.

Mitte August?

Wie bitte?

Ich glaube, ich hätte gern noch einmal die Zeit von früher.

Diese Zeit, die sich gezogen hat.

Die langsamen Nachmittage.

Die endlosen Ferien.

Die Ewigkeit zwischen Geburtstag und Weihnachten.

Aber vielleicht kann man die Zeit nicht langsamer machen.

Vielleicht kann man nur dafür sorgen, dass sie sich nicht so anfühlt, als wäre sie einfach durchgerannt.

Indem man öfter stehen bleibt.

Noch einen Kaffee auf dem Balkon trinkt.

Noch eine Runde spazieren geht.

Noch ein Foto macht, obwohl man eigentlich schon weiter wollte.

Noch einmal hinschaut, wenn das eigene Kind durch die Küche läuft – auch wenn es inzwischen 14 ist und eigentlich nur schnell etwas aus dem Kühlschrank holen wollte.

Denn vielleicht ist das ja das eigentliche Problem mit der Zeit:

Sie wird nicht schneller.

Wir werden nur besser darin, sie zu übersehen.

Und deshalb werde ich jetzt ganz bewusst auf die Uhr schauen. Es ist Samstagmorgen. Sehr früh am Samstagmorgen. Mitte August. Und ich habe noch einen ganzen Tag vor mir.

Also, theoretisch jedenfalls. Machen wir viele gelebte Minuten daraus!

Von Ringelnattern, falschen Urkunden und der Frage, welcher Weg der richtige ist

Meine Tochter ist 13. Und wenn ich sie heute frage, was sie später einmal werden möchte, dann lautet die Antwort ungefähr: etwas Handwerkliches. Etwas Praktisches. Etwas, bei dem man nicht den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt. Was genau, weiß sie noch nicht. Und das ist auch völlig in Ordnung. Neulich war es noch Försterin. Wäre auch ok,

Ich musste in ihrem Alter übrigens nicht lange überlegen. Ich wusste tatsächlich schon als Kind, dass ich Journalistin werden wollte. Damals hatte ich vermutlich keine besonders konkrete Vorstellung davon, was dieser Beruf einmal bedeuten würde. Ich wusste nur: Ich möchte schreiben, Geschichten erzählen, Menschen kennenlernen und herausfinden, was hinter den Dingen steckt. Heute weiß ich: Genau das ist es, was ich an meinem Beruf so liebe. Ich darf jeden alles fragen. Ich lebe meine persönliche Sendung-mit-der-Maus-Folge. Jeden Tag.

Meine typische Arbeitswoche lässt sich jedenfalls nur schwer in ein Genre pressen. Am Dienstag habe ich ziemlich viel Zeit am Schreibtisch verbracht. Recherchieren, telefonieren, Informationen zusammentragen, Texte schreiben – all das, was man sich vielleicht ganz klassisch unter Journalismus vorstellt.

Am Mittwoch sah mein Arbeitstag schon völlig anders aus. Morgens durfte ich einen Naturgarten besichtigen und mich anderthalb Stunden durch Stauden- und Kräuterbeete führen lassen. Ich habe Ringelnattern und Libellen gesehen und mich sehr nett mit der Gartenbesitzerin unterhalten.

Mittags wurde es dann wissenschaftlich und ein bisschen rätselhaft: Eine Familie hatte beim Spielen mit ihrer kleinen Tochter einen Zahn gefunden. Einen ziemlich besonderen Zahn, wie sich herausstellte. Selbst Experten rätseln noch, von welchem Tier er stammen könnte. Handelt es sich womöglich um einen erdgeschichtlichen Sensationsfund? Nach ersten Einschätzungen könnte es sich um eine inzwischen ausgestorbene Art handeln. Was genau dahintersteckt, bleibt spannend. Die Tatsache, dass der Papa Exoten bei sich aufnimmt, machte den Termin ungleich spannender: Morgens noch Ringelnatter, mittags gelbe Riesenschlange – zum Glück hinter Glas. Seh ich auch nicht alle Tage. Oder Fauchschaben. Oder Axolottl.

Und am Donnerstag saß ich vormittags im Gerichtssaal. Dort musste sich ein Angeklagter wegen Urkundenfälschung verantworten. Wenn ich am Ende dieser Woche gefragt würde, welches journalistische Genre ich eigentlich bedient habe, müsste ich vermutlich passen. Naturreportage? Wissenschaftsjournalismus? Lokaljournalismus? Gerichtsberichterstattung? Ein bisschen von allem. Und genau das liebe ich.

Mein Beruf hat mir ermöglicht, innerhalb weniger Tage völlig unterschiedliche Welten kennenzulernen. Ich durfte in einen Garten eintauchen, über einen möglicherweise sensationellen Fund recherchieren, Menschen zuhören und im Gerichtssaal verfolgen, was passiert, wenn jemand mit dem Gesetz in Konflikt gerät. Dazwischen: Telefonate, Recherche, Schreiben und jede Menge Schreibtischarbeit. Es ist ein Beruf, der mich immer wieder überrascht.

Und vielleicht ist das auch etwas, das ich meiner Tochter mitgeben möchte, wenn es irgendwann ernst wird mit der Berufswahl: Man muss mit 13 noch nicht wissen, was man mit 30 machen möchte. Vielleicht muss man es auch mit 16 nicht wissen. Und selbst wenn man sich entscheidet, heißt das nicht, dass damit für immer alles festgelegt ist.

Meine Tochter sagt heute, sie könnte sich etwas Handwerkliches, etwas Praktisches vorstellen. Und ich finde das wunderbar. Vielleicht wird sie später Schreinerin. Vielleicht Gärtnerin. Vielleicht arbeitet sie mit Tieren, baut Häuser, repariert Maschinen oder findet einen Beruf, von dem wir heute noch gar nicht wissen, dass er perfekt zu ihr passt.

Vielleicht ändert sie ihre Meinung auch noch fünfmal. Das darf sie. Denn eigentlich ist es doch ein großes Glück, wenn man die Möglichkeit hat, herauszufinden, was zu einem passt. Und noch etwas empfinde ich dabei als großes Geschenk: Meine Tochter wächst in einer Zeit auf, in der Mädchen grundsätzlich alle Wege offenstehen. Sie muss nicht in einen bestimmten Beruf, weil sie ein Mädchen ist. Sie muss nicht zu Hause bleiben, weil Frauen angeblich nicht arbeiten sollen. Sie muss nicht ihr Leben nach dem richten, was andere für sie vorgesehen haben.

Sie darf ausprobieren. Sie darf sich umentscheiden. Sie darf praktisch arbeiten oder am Schreibtisch sitzen. Sie darf mit Menschen, Pflanzen, Tieren, Maschinen, Zahlen oder Worten arbeiten. Sie darf einen Beruf ergreifen, den es heute vielleicht noch gar nicht gibt.

Und sie darf ihren eigenen Weg suchen. Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis bei der Berufswahl: Es geht nicht unbedingt darum, möglichst früh den einen perfekten Beruf zu finden. Es geht darum, neugierig zu bleiben. Dinge auszuprobieren. Fragen zu stellen. Menschen kennenzulernen. Herauszufinden, was einem liegt – und genauso, was einem nicht liegt.

Manchmal ist sie sich auch sicher, Journalistin werden zu wollen. Wenn ich von Gärten und Schlangen und spannenden Gerichtsprozessen berichte. Wenn ich stundenlang im Gemeinderat sitze, möchte sie aber doch nicht tauschen. Und vielleicht ist es viel wichtiger, dass sie mit 13 noch ganz viele Möglichkeiten vor sich sieht.

Erzähler: Neulich begab sich folgender Mutter-Tochter-Dialog „Ich möchte vielleicht was mit Tieren machen.“ „Oh, Tierarzthelferin oder Tierärztin oder so?“ „Neee, nix mit kranken Tieren, die tun mir so leid…“ „Hm. Ok, dann vielleicht Tierfachwirt in der Wilhelma oder so?“ „Neee, die müssen ja auch ausmisten und so… ich weiß nicht ob mir das Spaß machen würde…“ „Ok… dann vielleicht … Metzgerin?“ „HOAARR MAMA!!“ 😉 * Kind ab*

Vom Wirbel, der Wirbel macht und wie ein „Krrrchz“ die Erlösung brachte

Am Sonntag war ich noch überzeugt, ich hätte meinen Körper neu kennengelernt.

30 Kilometer. 30 Grad. Kaum Muskelkater. Keine Blasen. Ich war ernsthaft beeindruckt. Vielleicht war ich heimlich doch eine dieser Frauen geworden, die Ultratrails laufen und zum Frühstück Chiasamen essen. Mit Kokoswasser.

Gestern Morgen konnte ich dann kaum noch aus dem Bett aufstehen. Nicht wegen der Beine. Das wäre ja wenigstens eine vernünftige Geschichte gewesen. Nein. Ich hatte Rückenschmerzen wie noch nie. Weil es heute morgen eher schlimmer als besser war, beschloss ich, den Arzt zu konsultieren. Die Diagnose beim Chiropraktiker: ein ausgerenkter Lendenwirbel.

„Vom Wandern kommt das eher nicht“, sagte er, während er mich einmal neu sortierte und dabei Geräusche aus meinem Rücken kamen, die ich eher von alten Holzdielen kenne.

Die gute Nachricht: Mein Körper hat die 30 Kilometer offenbar erstaunlich gut verkraftet. Die schlechte Nachricht: Ich bin inzwischen in einem Alter angekommen, in dem man sich beim Schlafen verletzt.

Früher hat man sich beim Skifahren das Kreuz verrissen, beim Umzug einen Hexenschuss geholt oder nach einer wilden Partynacht komische Schmerzen gehabt. Heute reichen offenbar acht Stunden in der Rückenlage.

Man wacht morgens auf und denkt: „Was habe ich denn gestern gemacht?“ Die Antwort lautet: schief geschlafen.

Das ist gleichzeitig beruhigend und beunruhigend. Beruhigend, weil die Wanderung unschuldig ist. Der Rucksack ist rehabilitiert. Beunruhigend, weil mein Rücken offenbar nachts eigene Freizeitaktivitäten entwickelt. Vielleicht sollte ich künftig morgens nicht nur den Wetterbericht checken, sondern auch Körperteile prüfen, wie „heiter bis ulkig“ sie heute drauf sind.

Immerhin kann ich jetzt mit Fug und Recht behaupten: Die 30 Kilometer haben mich nicht kaputtgemacht. Das hat mein Bett erledigt. Wandern ist offenbar ungefährlicher als schlafen.

Von der Bergziege, die zum Brett wurde

Es gibt diese Tage, an denen ich mich frage, ob ich vielleicht heimlich zur Sportskanone mutiert bin. Gestern war so ein Tag. Ich hatte ein Plan. Ein Vorhaben.

Ich bin um kurz nach sechs aus dem Bett gesprungen, während der Rest der Familie noch friedlich schlummerte. Um zwanzig vor sieben war ich bereits unterwegs. Mein Plan? Alle Balinger Stadtteile abzuwandern. Gegen den Uhrzeigersinn. Zu Fuß. In einem Rutsch. Dreißig Kilometer. Bei dreißig Grad.

Nicht, weil mich jemand dazu gezwungen hätte. Nein. Weil ich dachte: „Das wird bestimmt schön.“ Und das Verrückte ist: Es war schön. Ich lief durch Wälder, über Felder, durch Dörfer, sammelte Kilometer wie andere Menschen Treuepunkte.

Als ich am Abend nach Hause kam, wartete ich förmlich darauf, dass mein Körper die weiße Fahne hisste. Tat er aber nicht. Im Gegenteil.

Ich war dermaßen energiegeladen, dass ich mit meinem Mann sogar noch eine Runde um den Block spazieren ging. Einfach so. Innerlich sah ich mich schon als Werbegesicht für Wanderstiefel. Ich war überzeugt, mein Körper hätte endgültig beschlossen, dass Altern überbewertet wird. Vielleicht hatte ich endlich den Fitness-Code geknackt.

Tja. Heute Morgen bin ich aufgewacht. Und konnte mich kaum noch bewegen.

Nicht die Beine waren das Problem. Nicht die Füße. Aber der Rücken. Offenbar hatte ich meinen Rucksack über Stunden minimal schief getragen. Mein Körper hatte sich gedacht: „Lass sie ruhig feiern. Morgen reden wir.“

Seitdem bekomme ich von allen Seiten dieselben gut gemeinten Ratschläge. „Du musst halt weniger machen.“ „Das ist in deinem Alter eben so.“ „Gönn dir doch mal Ruhe.“

Interessant. Während andere also überlegen, wie ich mich künftig bremsen kann, sitze ich längst mit dem Handy auf dem Sofa und google: „Rückenschmerzen vom Wandern vorbeugen.“ „Hilft oder schadet Bewegung bei Rückenschmerzen?“ „Optimale Rucksackeinstellung.“

…und irgendwann… „Sherpa mieten.“ Man muss schließlich lösungsorientiert bleiben. Wobei ein Sherpa vermutlich spätestens nach fünf Kilometern fragen würde, warum wir eigentlich freiwillig bei dreißig Grad dreißig Kilometer laufen. Und ehrlich gesagt hätte er einen Punkt.

Aber ich kenne mich. Sobald der Rücken wieder mitspielt (Schmerzöl for the win) werde ich wieder losziehen. Vielleicht mit besser eingestelltem Rucksack. Vielleicht mit etwas weniger Größenwahn. Vielleicht.

Den Sherpa hebe ich mir jedenfalls noch als Notfallplan auf. Oder für den Getränkeservice. Denn eines habe ich gestern gelernt: Mein Körper kann erstaunlich viel. Er erinnert mich nur gerne einen Tag später daran, dass Übermut ebenfalls ein Muskel ist. Und den trainiert man automatisch mit.

Vom geistigen Türsteher und dem Konsumstop meines Hirns – Trüb und Grau muss draußen bleiben

Ich bin 46. Und mache mir hin und wieder Gedanken darüber, wie gut es ist, nicht mehr jünger zu sein. Wenn ich meinem 26-jährigen Ich heute einmal gegenübersitzen könnte, würde ich ihr wahrscheinlich erst einmal sagen, dass sie sich entspannen soll. Sie muss nicht alles verstehen. Nicht jeden Menschen. Nicht jede Bemerkung. Nicht jede schlechte Stimmung. Nicht jeden Konflikt. Und vor allem muss sie nicht alles mit nach Hause nehmen. Damals hätte ich das vermutlich für einen ziemlich esoterischen Satz gehalten. Heute halte ich es für eine der wichtigsten Lektionen, die ich gelernt habe.

Wir reden viel darüber, was wir unserem Körper zuführen. Du bist, was du isst. Wir achten auf Zucker, Alkohol, Zusatzstoffe, Herkunft und Qualität. Wir kaufen Kleidung bewusster, überlegen, ob wir etwas wirklich brauchen, und machen uns Gedanken darüber, was unser Konsum mit der Umwelt macht. Aber über unseren geistigen Fußabdruck reden wir erstaunlich wenig. Dabei kann auch der krank machen.

Liebes 26-jähriges Ich, du musst nicht alles in dich hineinlassen, das gilt übrigens für alle anderen auch. Du wirst noch viele Menschen treffen, die schlecht gelaunt sind. Menschen, die unfair sind. Menschen, die lästern. Menschen, die ihre Unsicherheit hinter Lautstärke verstecken. Menschen, die ihre schlechte Stimmung an anderen abladen. Und, das ist das eigentliche Problem, du wirst eine ganze Weile glauben, dass du damit umgehen musst. Dass du verstehen musst, warum jemand so ist. Dass du die Situation analysieren musst. Dass du vielleicht etwas falsch gemacht hast. Dass du eine Lösung finden solltest.

Ich sag Dir was: Nein. Manchmal ist jemand einfach schwierig. Und manchmal hat ein Mensch einen schlechten Tag, der nicht deiner werden muss. Das hätte ich gern früher gewusst. Nicht jede Stimmung, die einen Raum betritt, muss auch in dir einziehen. Ich hätte meinem 26-jährigen Ich auch gern gesagt, dass ein Arbeitstag irgendwann vorbei ist. Meinem 36-jährigen Ich übrigens sicherheitshalber nochmal. Nicht alles muss auf dem Heimweg noch einmal durchgekaut werden. Dieses Gespräch. Dieser Satz. Diese Ungerechtigkeit. Diese Kollegin. Dieser Chef. Was hätte ich sagen können? Was hätte ich sagen sollen? Warum hat er das gemacht? Warum ist sie so? Warum habe ich nicht sofort reagiert?

Ich kenne diese Gedankenschleifen. Wahrscheinlich kennen wir sie alle. Und natürlich gibt es Situationen, die man verarbeiten muss. Dinge, die einen wirklich beschäftigen. Probleme, die eine Lösung brauchen. Aber es gibt auch den ganz normalen Büroärger. Und den darf man manchmal einfach dort lassen. Laptop zu. Tür zu. Feierabend. Nicht jeder Konflikt braucht um 22.30 Uhr noch eine interne Untersuchungskommission. Und glaubt mir, seitdem ich das so richtig verinnerlicht habe, bin ich jede neue Woche froh über den Notizzettel, den ich mir selbst im PC hinterlasse. Weil alle Bürothemen übers Wochenende so weit weg sind, dass jeder Dienstag ein kleiner Neustart ist.

Büroärger ist wohl das plakativste Beispiel, aber es gibt noch viel subtilere Dinge. Ich würde ihr zum Beispiel auch den Rat geben, nicht jeden Film zu Ende zu schauen. Auch das gilt heute noch und für jeden. Wenn ein Film dir ein ungutes Gefühl macht: Mach ihn aus. Wenn ein Buch dich nach jeder Seite bedrückt: Leg es weg. Wenn ein Account auf Instagram dich nach fünf Minuten kleiner, hässlicher, ärgerlicher oder unzufriedener macht: Entfolge ihm. Du bist niemandem etwas schuldig. Nicht dem Regisseur. Nicht dem Autor. Nicht dem Algorithmus. Und auch nicht diesem hochgelobten Roman, den alle Welt für ein Meisterwerk hält. Nur deinem Seelenheil.

Du musst nichts konsumieren, nur weil es verfügbar ist. Das ist ein Gedanke, den ich heute sehr mag. Denn mit 26 dachte ich noch oft: Ich muss da durch. Mit 46 denke ich immer öfter: Warum eigentlich?

Doch bevor das jetzt nach rosafarbener Watte klingt: Das Leben darf natürlich unbequem sein. Ich möchte nicht nur Bücher lesen, die mich bestätigen, und nur Menschen zuhören, die meiner Meinung sind. Ich möchte Nachrichten lesen. Ich möchte mich mit Dingen auseinandersetzen, die schwierig sind. Das ist ein Großteil meines beruflichen Alltags und auch völlig gut so.

Ich möchte Filme sehen, die mich berühren. Ich möchte auch einmal widersprechen und mich ärgern und meine Meinung ändern. Aber es gibt einen Unterschied zwischen „Das fordert mich“ und „Das tut mir dauerhaft nicht gut.“ Den Unterschied habe ich mit 46 besser gelernt. Vielleicht, weil man irgendwann merkt, dass die eigene Aufmerksamkeit eine begrenzte Ressource ist. Und dass man sie nicht jedem und allem hinterherwerfen muss.

Liebes 26-jähriges Ich, du darfst auch einen Ort verlassen. Auch das hätte ich dir besonders gern früher gesagt. Wenn sich ein Ort dauerhaft falsch anfühlt, musst du nicht ewig herausfinden, warum. Trust your guts. Wenn du nach einem Treffen regelmäßig erschöpfter bist als vorher, darfst du die Häufigkeit reduzieren. Oder loslassen. Wenn ein Arbeitsplatz dich dauerhaft krank vor Anspannung macht, darfst du irgendwann gehen. Nein, musst Du gehen. Nicht sofort. Nicht impulsiv. Aber du darfst. Du musst nicht jeden Raum bis zum Ende aushalten, nur weil du einmal durch die Tür gegangen bist. Und manchmal weiß dein Körper längst Bescheid, während dein Kopf noch eine PowerPoint-Präsentation über die Vor- und Nachteile erstellt.

Heute weiß ich: Ruhe entsteht nicht durch Zähnezusammenbeißen, Aushalten, Durchstehen oder Meditation. Vielleicht ist das die Erkenntnis, die mich gerade am meisten beschäftigt. Vielleicht ist innere Ruhe manchmal viel banaler. Vielleicht bedeutet es einfach: Nicht noch etwas hineinlassen, was mir nicht guttut. Den inneren Türsteher mal ordentlich auf Schulung schicken, der muss schnell und streng sein. Geistiger Bullshit? Kommt hier nicht rein. Und wenn es so banal erscheint, wie ein Buch wegzulegen, das im immergrauen Norden spielt und wo depressive, desillusionierte Kommissare grausame Verbrecher jagen: Trüb und Grau soll draußen bleiben.

Es hilft auch, den Fernseher auszuschalten. Ja, die Welt brennt und nein, es ist mir nicht egal. Aber ich muss nicht immer live dabei sein. Ich muss nicht auf jede Nachricht antworten. Darf das Handy liegen lassen. Eine Diskussion beenden. Nach einem schwierigen Arbeitstag sagen: Darüber denke ich morgen nach. Oder gar nicht mehr. (Und manchmal zwei Stunden Mittagsschlaf machen, ohne daraus einen „Powernap“ zu machen, ha!)

Was ich meinem 26-jährigen Ich heute wirklich sagen möchte: Du musst nicht alles aushalten, um stark zu sein. Du musst nicht alles verstehen, um klug zu sein. Du musst nicht alles beantworten, um ein guter Mensch zu sein. Du musst nicht überall bleiben, nur weil du einmal angekommen bist. Und du musst nicht jeden Gedanken zu Ende denken. Manches darf einfach vorbeiziehen, aber nicht einziehen. Vielleicht ist das eine der schönsten Freiheiten, die das Älterwerden mit sich bringt: Ich weiß inzwischen, dass meine Aufmerksamkeit kostbar ist. Meine Zeit und Energie sowieso. Und deshalb möchte ich viel bewusster auswählen, was davon ich verschenke. Und an wen. Ich kann die Welt nicht leiser machen. Aber ich kann entscheiden, was ich in meine innere Wohnung lasse. Welche Menschen. Welche Gedanken. Welche Bilder. Welche Geschichten. Welche Nachrichten. Welche Stimmen. Und welche nicht.

Für mich ist das bewusster geistiger Konsumverzicht. Nicht Weltflucht. Nicht Gleichgültigkeit. Sondern die ziemlich erwachsene Erkenntnis: Ich muss nicht alles konsumieren, was mir angeboten wird. Und wenn ich meinem 26-jährigen Ich noch einen letzten Satz mitgeben dürfte, wäre es wahrscheinlich dieser: „Freu dich darauf, 46 zu werden. Älterwerden rockt.“