Von Bobs, Bondgirls und Boah-Gerichten

Ich hatte neulich über die Vorzüge des Lockdowns geschrieben und dabei ist mir aufgefallen, dass ich einen ganz zentralen Punkt gar nicht erwähnt habe: Ich „habe“ gar nicht automatisch mehr Zeit für die Dinge, ich schaffe sie mir viel bewusster. Ich genieße es regelrecht, dass unser Leben plötzlich nicht mehr von außen getaktet ist und stricke mir meine Prioritäten ganz einfach selbst. Priviligiert natürlich dahingehend, dass die Redaktionsuhren anders ticken als bei anderen Berufen und ich ziemlich gemächlich in den Arbeitstag starte (so gegen halb zehn, zehn), also davor noch jede Menge Zeit habe, für andere schöne Dinge.

Was mir beim Erledigen oder Genießen dieser Dinge maßgeblich hilft: Das Handy in einen anderen Raum zu legen. Stummgeschaltet. Denn für mich gilt hier, aus den Augen, aus dem Sinn. Und wie viel größer meine Aufmerksamkeit für andere Dinge ist, wenn der kleine digitale Ablenker nicht griffbereit ist, war geradezu eine erschreckende Erkenntnis. Ist der Zeitfresser aber erstmal ausgeblendet, bin ich viel besser im Hier und Jetzt und komme auch wesentlich besser in den Flow. Sei es beim Lesen oder beim Backen oder beim Arbeiten. Ich habe nach meinem letzten Post übrigens beschlossen, meinem Ansatz zu folgen und weiterhin in mich zu investieren und habe mir ein Jahresabo des Sprachmagazins Adesso gekauft. Für das Geld, das ich grade nicht in meine Garderobe investiere. (Oder jedenfalls nicht so viel.)

Auch wenn das den Eindruck gehabt haben mag: Wir erfinden uns zur Zeit nicht jeden Tag neu. Ganz im Gegenteil, ich habe festgestellt, dass wir an alten Dingen plötzlich wieder Spaß haben, weil wir eben wieder die Muße dafür finden. Nur noch kurz die Welt retten kann ich ja nach dem Lockdown immer noch. Ain’t nobody got time for that.

Mein Retro-Highlight der vergangenen Tage war – völlig banal – eine Runde Mensch-ärgere-Dich-nicht, weil das Kind fasziniert vor dem Spieleschrank stand und wir Alternativen zu ihren Kinderspielen gesucht hatten. (Jetzt mal ernsthaft: Was für ein bescheuertes, unfaires, gemeines Spiel! Welche Misantroph hat dieses Spiel, das die übelsten Charaktereigenschaften der Mitspieler ans Tageslicht bringt, auch noch süffisant „Mensch-ärgere-dich-nicht“ genannt? Während der Rest der Familie schon erste Männchen ins Ziel bugsierte, wurde ich in einer Tour vom Spielbrett geworfen. Keiner hatte Mitleid, nein, alle hatten einen Riesenspaß, mich rauszukegeln… aber DAS MERK ICH MIR, LIEBE FAMILIE, DAS MERK ICH MIR…) Ihr seht, ein GANZ TOLLES Spiel!

An Silvester haben wir mit dem Kind eine Runde Activity gespielt und auch dabei festgestellt, dass man sich pantomimisch im Alltag viel zu selten zum Affen macht. (Es sei denn man ist ich, und versucht dem Kind während eines wirklich wichtigen, dienstlichen Telefonats gestikulierend ohne Worte zu verbieten, sich die Nägel auf dem weißen Teppich in drei Rottönen selbst zu lackieren, während man mit Notizblock und Stift in der Hand und Hörer unterm Ohr „aha“ und „hmhm“ murmelt. Pantomime, my ass!)

Ebenso retro die letzten Tage – Schlittenfahren. Wie lange saß ich nicht auf einem Bob (bekennender Schneehasser, aber irgendwie war’s halt doch lustig) und schlitterte johlend den Hügel hinunter… Frau Holle hat’s echt gut mit uns gemeint und die gesamte Alb mit einer dicken Schicht Schnee überzogen. Ich hatte versucht, mich vorm Rodeln zu drücken mit der Behauptung, ich hätte keine schneetauglichen Klamotten. Aber ich hatte die Rechnung ohne meine Schwiegermutter gemacht, die aus ihrem unerschöpflichen Fundus einen unfassbar schönen, enganliegenden, tiefblauen Ski-Anzug mit passendem Gürtelchen hervorzauberte, der mich sofort aussehen ließ wie ein Bondgirl Ende der 70er. So schlecht ist Winter gar nicht.

Und bevor ich jetzt noch ein simples Gericht mit Euch teile, das sich im Homeoffice trotz Redaktionskonferenz und Homeschooling Kind gut vorbereiten lässt, noch ein weiterer Retro-Tipp: Wer Filme und Serien über Amazon sieht, dem lege ich die Serie „Good Girls Revolte“ ans Herz. Basierend auf einer wahren Begebenheit tun sich in wenigen Folgen (aka kann man an einem Samstag durchgucken) Frauen einer großen, amerikanischen Tageszeitung Ende der Sechziger zusammen, um für ihre Rechte zu kämpfen und selbst schreiben zu dürfen.

Und jetzt, passend zum Thema Frauenrechte, haha, noch mein Rezept des Tages, weil es unfassbar lecker war: Gebackener Feta aus dem Ofen mit Gemüse und Reis.

2 rote, 1 gelbe Paprika, 2 mittelgroße Zucchini, 1 Hand voll Cocktailtomaten, 2 Karotten, 1 rote Zwiebel, 2 Knoblauchzehen, 2 Scheiben Feta (ich hatte welchen mit Kräutern), Salz, Olivenöl und gemischte Kräuter (getrocknet oder frisch)

Ich habe den Käse in eine Auflaufform gelegt und mit dem Gemüse bedeckt, alles in mundgerechte Stücke geschnitten. Die Karottenscheiben oder Würfel sollten nicht zu groß sein, sonst bleiben sie gut bissfest. Oben drauf kommt der Knoblauch, in Scheibchen geschnitten, die Kräuter und die fein geschnittene Zwiebel, das Ganze braucht 20-25 Minuten bei 180 Grad Ober-/Unterhitze.

Wir haben Reis dazu gekocht, es geht aber auch wunderbar mit Baguette.

(PS: Es wird in diesem Haushalt wohl für immer und ewig nur das Gemüse geben, was es immer gibt. Dialog neulich beim Essen: „Mama… also diese Kartoffelwürfel sind noch hart und schmecken wie alter Apfel.“ Wie ich mal versuchte, Patinaken in den Speiseplan zu mogeln. Keine Chance. Danke für nichts. 🙂 )

LaSignorina

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