Vom schöner meckern und der Frage der Perspektive

Ich bin allein schon von Berufs wegen ein Nachrichtenjunkie. Nur selten entgehen mir die News, schon gar nicht, wenn sie mich interessieren und betreffen. Wie zum Beispiel die Sache mit dem verschärften Lockdown und den Schulschließungen bis Ende des Monats. (Und ich orakle mal ganz mutig, dass wir auch Ende Januar noch kein Licht am Ende des Tunnels sehen, aber was das für mich bedeutet, dazu später mehr.)

Die erste Woche Homeschooling liegt hinter uns und ich bin momentan verhalten optimistisch: Das lief ganz gut. Uns hat das deutschlandweite Serverproblem nur deswegen nicht betroffen, weil wir ganz analog mit Arbeitsblättern schaffen, wie so Dinosaurier. Für Grundschulen scheint die Sache mit dem digitalen Unterricht ungefähr so kompliziert zu sein wie seinerseits höhere Algebra für mich. Ich bin mir nicht sicher, wo es hakt: An der Hardware, an der Software, an den Lehrern, den Schulleitern oder womöglich an den Eltern, die finden, für kleine Kinder sei das alles noch nix. Am ehesten hakt es aber vermutlich auf der höhreren Ebene: Es frustriert mich zugegebenermaßen, dass wir eine Kultusministerin haben, die die Schuld überall sucht, nur nicht bei sich, die plötzlich mantraartig von bildungsabgehängten Kindern spricht, die es offenbar erst seit den letzten zehn Monaten gibt (und an denen keinesfalls unsere Sozialpolitik Anteil hat, woher auch) und die jetzt auf einen „Plan“ wartet. Wir warten mal mit und holen derweil analoge Arbeitsblätter. Im Süden nichts Neues.

Für mich bedeutet dass, dass sich Szenen wie diese Woche wiederholen: Ich sitze in der Online-Redaktionskonferenz und verfolge die Produktionsideen aller Ressorts für die kommende Ausgabe, schneide derweil Schneeflocken mit der Kinderschere aus, weil das Kind jammert, es komme nicht um die Ecken, und helfe, unlösbare Matheaufgaben zu lösen. (Keine höhere Algebra, da bin ich dann lost und hoffe auf mein intelligentes Kind). Irgendwann musste ich die Konferenz in meine Küche tragen, damit ich nebenbei im Nudelwasser rühren konnte und den Ton abschalten, damit ich dem Kind einen Text diktieren konnte. So mischten sich die Winterchaos-Themen der Redaktionskollegen mit meinen „Pe-ter geeeeeht Schlit-ten-fah-ren“-Sätzen und irgendwie ergab das in meinem Kopf am Ende ein schönes Gesamtbild. Es geht alles, aber nach dem Essen brauchte ich dann erstmal eine Pause. Von Kollegen, Nudeln und Dik-ta-ten.

Und jetzt die Hiobsbotschaft: Lockdown hat so gar nichts mit Lockerung zu tun. Und offensichtlich für 95% der Menschen auch nichts mit Verlockung. Außer, fettes Ätsch, für mich und für alle, die die Situation einfach annehmen können. Denn jetzt kommt’s: Dieser Lockdown braucht nichts weiter als eine Umkehr der Perspektive. Es ist nämlich in Wirklichkeit ganz großartig, nichts mehr zu müssen, lässt es doch so viel mehr Freiheiten, Dinge zu dürfen.

Die Wahrheit ist doch: Man meckert sich das Leben nicht schön. Der Virus wird nicht irgendwann sagen, ja gut, wenn ihr mich alle doof findet, dann verschwinde ich halt. Der Virus stellt alles in Frage. Er ist unbequem und er zwingt uns zu einem hohen Maß an Resilienz und auch geistiger Flexibilität. Die Menschen, die gegen alles sind, Maskentragen als Eingriff in die Selbstentfaltungsmöglichkeiten sehen, Kontakte bewusst nicht einschränken, sondern sich weiter mit Bussis begrüßen und in Clans Rodeln gehen, sie alle haben womöglich schlicht Angst, ihr Leben könnte ihnen entgleiten und die Isolation Dinge zutage bringen, die sich unter der hektischen Decke des Alltags bisher so gut ignorieren ließen.

Ich will nicht sagen, dass ich mich nicht auf einen Kinonachmittag, einen Abend bei meinem Lieblingsitaliener oder auf eine Wanderung mit Freunden freuen würde. Aber bis das wieder möglich ist, werde ich all das ungenutzte Potenzial ausschöpfen und so richtig in die Vollen gehen.

Wie? Ich verrat’s Euch. Seit geraumer Zeit lerne ich Italienisch. Nicht nur, weil ich mich schon heute auf meinen nächsten Besuch in Milano freue, sondern weil ich irgendwann chamäleongleich mit den Einheimischen verschmelzen möchte. Der Kurs findet zum Glück online weiterhin statt, aber wozu gibt’s das Internet? Jetzt ist die Zeit, richtig tief einzutauchen. Wer eine Sprache lernen möchte, kann das auch ganz komfortabel mit Lern-Apps tun, Sprachmagazine abonnieren, Liedtexte übersetzen… ihr glaubt nicht, was eine halbe Stunde täglich ausmacht.

Aber auch für die, die sich lieber handwerklich beschäftigen, ist die Zeit ganz großartig. Große Onlineverkaufsplattformen (um keine Werbung zu machen) oder auch der Einzelhändler vor Ort bieten Leinwände, Acrylfarben- und Pinselsets zum Bestellen oder Abholen an. Wer noch nie mit Pinsel und Leinwand gearbeitet hat, findet im Netz genügend Lernvideos und kann schon in wenigen Tagen ein eigenes Werk in den Händen halten oder ein neues Hobby für sich entdecken. Wem das alles zuviel Aufwand ist: Druckerpapier, Bleistift und ein Apfel als Stillebenmotiv sind auch ein Anfang. In Sachen Kreativität ist Pinterest übrigens eine unendliche Schatzkammer an Ideen. Wer gerne Fummelarbeiten mag, findet unter dem Stichwort Quilling unfassbar beeindruckende Kunstwerke zum Nachmachen. Nicht zur Verwechseln mit Quilting, aber wer sich schon immer mal mit der Funktionsweise seiner Nähmaschine auseinandersetzen wollte und die vielen Stoffreste verarbeiten will, auch dafür ist jetzt Zeit. Und wer keine Lust hat, Klamotten online zu bestellen, für den ist vielleicht auch die Bestellung im Stoffladen um die Ecke eine Möglichkeit, Schnittmuster für alles mögliche gibt’s zum Teil kostenlos im Netz.

Ich habe bei meiner Aufräumaktion jede Menge Kochbücher (wieder-)entdeckt, die mich auf ganz neue Ideen gebracht haben. Auch wer nicht gerne große und aufwendig kocht, findet oft einfache und schnelle Rezepte, die zum festen Bestandteil des Speiseplans werden können, wenn man sie nur mal ausprobiert. Die Zeit ist wie geschaffen für wärmende Suppen, deftige Eintöpfe und Ofengerichte.

Und wer einfach nur die Beine hochlegen und die Augen schließen will, kann sich aus einer unendlichen Fülle von Podcasts und Hörbüchern bedienen oder einfach mal wieder den ersten Band Harry Potter auf Englisch lesen. Tut der Seele UND dem Hirn gut. (Ich warne an dieser Stelle allerdings vor Büchern, die nicht guttun. Für mich sind das düstere, schwedische Krimis, bei denen es immer dunkel ist und die Protagonisten alle depressiv sind. Die verstören mich tatsächlich mehr als dass sie unterhalten, aber das muss jeder für sich rausfinden. Will sagen: Wenn die gute Laune bei Dir nicht ohnehin der Normalfall ist, dann zieh Dir keinen Trübsinn rein.)

Insofern gehe ich völlig entspannt wegen mir auch in einen kompletten Ein-Igel-Lockdown. Die Freiheit, mit meiner Familie die großartigste Zeit daraus zu machen, kann mir keiner nehmen. Und jetzt wartet der Hefeteig auf mich. Hausfrau des Jahres wird man schließlich nicht von selbst, ne?

LaSignorina

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