Homeschooling – wie es wirklich ist…

Acht Uhr morgens an einem Frühstückstisch in Deutschland. Corona hat den normalen Schulbetrieb lahmgelegt, homeschooling is the new black. „Mama, heute mache ich ALLE Aufgaben, die noch übrig sind“, sagt das Kind und löffelt enthusiastisch Müsli. Ich grinse. „Es wäre schon gut, wenn Du ein paar davon machst“, sage ich. „Neee, ich mach ALLE. Und dann hab ich endlich richtige Ferien.“

Eine halbe Stunde später. Aus dem Kinderzimmer dröhnt König der Löwen. Das Kind grölt begeistert mit. „Naaaaaa na penjaaaaaa bababiiiiitzi babaaaaaa….“ Ich strecke meinen Kopf durch die Tür. „Wolltest du nicht deine Aufgaben machen?“ „Ja, aber ich muss erst noch singen.“ (Völlig klar. Wer kann schon morgens im Büro seine Arbeit aufnehmen, ohne vorher den Gefangenenchor von Nabuco geträllert zu haben, man kennt das ja.) „Zieh dich bitte an und dann mach dei…“ „JAHA“, unterbricht mich das Kind augenrollend und öffnet die Tür zum Schrank, wohl um den guten Willen zu demonstrieren.

Zwanzig Minuten später. Ich habe die Küche aufgeräumt und die Betten gemacht, Gläser vom Vorabend aus dem Esszimmer geholt und die Fenster zum Lüften aufgerissen. Wie um meine tägliche Runde zu untermalen, düdelt es im Kinderzimmer „der eeeewige Kreiiiis…“ Ich bremse auf dem Weg zwischen Bad und Küche erneut ein. Im Kinderzimmer liegt das Kind in Unterhose, Socken und Schlafanzugoberteil auf dem Boden, hat das Mäppchen ausgepackt – und malt hingebungsvoll ein Elsa-Bild an.

„Äh… sind das Deine Hausaufgaben?“ frage ich, obwohl ich mir die Antwort denken kann. „Nicht ganz, aber es war so halbfertig und ich muss das noch fertig machen, bevor ich mit der Arbeit anfangen kann.“ Ich mahne den großen Rest vom Wochenplan an, erkläre, wieviel des Pensums auf jeden Tag fällt. Das Kind tauscht genervt das Elsabild gegen ein Deutschblatt. Mittlerweile ist es kurz vor zehn.

Bei meiner nächsten Stippvisite höre ich das Kind schon vom Flur aus Sätze lesen und verzichte auf einen weiteren nervigen Besuch. Ein Blick durch den Türspalt zeigt ein Kind, das immer noch im halben Schlafanzug auf dem Parkett sitzt und immerhin Schulsachen vor sich ausgebreitet hat. „Willst Du Dich nicht mal anziehen?“ frage ich, unnötigerweise, durch die Tür. „Nein, im Schlafi kann ich besser lernen“, kommt zurück.

Kurze Zeit später finde ich sie in der Küche. „Ich hatte Durst“, sagt sie und mampft einen Muffin. Ihre Füße stecken in überdimensional großen Tigerpfoten-Hausschuhen. Am restlichen Outfit hat sich nichts geändert.

Als sie meinen Blick sieht, fügt sie an „und Hunger natürlich.“ „Kommst Du voran?“ frage ich. „Ja ja“, sagt sie aber es klingt ein bisschen wie „boah du nervst.“ Sie verschwindet wieder im Kinderzimmer. Keine zwei Minuten später: Kind steht mit Diadem auf dem Kopf vor dem Spiegel. „Was tust du?“ frage ich, mittlerweile ein wenig gereizt. „Das hab ich grad gefunden beim Aufräumen.“ „Wie, beim Aufräumen?“ Sie rollt die Augen, als hätte ich eine besonders blöde Frage gestellt. „DU sagst doch immer, ich soll mein Zimmer aufräumen!!“ – „Aber du sollst JETZT DEINE AUFGABEN MACHEN“, erwidere ich, laut genug, dass es Oma und Opa einen Stock tiefer auch wissen. „WIE DENN, IN DER SAUEREI?“ blafft das Kind zurück und mich beschleicht das blöde Gefühl, dass ich mich argumentativ jetzt irgendwie ins Aus katapultiert habe.

Ich hole Luft. Sehr viel Luft. Und beschließe, mich nicht auf die Palme bringen zu lassen und hole mir nach der Luft den dritten Kaffee. Aus dem Kinderzimmer klingt Rumpeln. Die Aufräumaktion ist offenbar größer angelegt und sehr gründlich. Wenige Minuten später läuft das Kind vollbepackt mit Schulsachen ins Esszimmer und verliert alle paar Meter ein Blatt. Ich folge ihm aufsammelnd und sehe seufzend dabei zu, wie es sich einen viel zu kleinen IKEA-Kinderhocker an den Esstisch stellt. Mit dem Kinn auf der Tischplatte und einem Gesichtsausdruck, als wäre sie das reinkarnierte Leiden Christi füllt sie der-die-das in ein Arbeitsblatt.

Ich ziehe mich in die Küche zurück. Zwei Minuten später. „Maaaamaaaa… heißt es der Sieb oder das Sieb?“ „Es heißt das Sieb“, antworte ich. „Aber Oma sagt immer der Sieb.“ „Das ist halt schwäbisch“, sage ich. „Ist das dann falsch?“, fragt sie. „Naja, eigentlich schon“, stelle ich klar. „Das muss ich gleich Oma erzählen“, sagt sie und steht schon an der Tür, als ich sie bremse. „Halt halt, erst machst Du Deine Aufgaben BITTE FERTIG“, sage ich.

„ABER ICH HABE KEINE LUUUUST“, jammert das Kind. „Ja sagst du das denn deiner Lehrerin im Unterricht auch?“ frage ich, während mir der Kaffee fast aus dem Becher schwappt.

„NE“, sagt das Kind und funkelt mich trotzig an, „aber die trinkt nicht den ganzen Morgen Kaffee und bei der muss ich auch nicht auf einem viel zu kleinen Stuhl und im SCHLAFANZUG lernen.“

WISSTER BESCHEID! Es ist alles MEINE SCHULD!

(Wir werden übrigens trotzdem fertig. Aber wir üben uns in Humor und Geduld. Und für alle, die schon gar nicht mehr wissen, was sie noch tun könnten, gäb’s hier das Karotten-Blatt und auch nochmal das Kartoffel-Blatt. DAS ist übrigens längst fertig. Natürlich.)

LaSignorina

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