In aller Stille…

…habe ich gestern von meinem 40. Lebensjahr Abschied genommen und meinen runden Geburtstag in sehr kleinem Kreis auf sehr ungewöhnliche Art gefeiert: Nachdem mich meine Familie mit 40 Kerzen und einer gigantischen, herzförmigen Riesentorte geweckt hat, haben wir uns zu dritt in Wanderstiefeln auf unseren Hausberg begeben und sind – gewandert. Völlig allein. Die Sonne strahlte mit mir um die Wette und ich muss Euch sagen… was sonst ein Kuchen-Back-Tisch-deck-Hände-Schüttel-Dreikampf ist, war gestern völlig tiefenentspannt. Fast bin ich geneigt zu sagen, ich hätte noch nie einen so schönen Geburtstag erlebt, wie den gestrigen. Aber in Wirklichkeit ist jeder Geburtstag wunderschön. Der Vierziger geht auf alle Fälle als denkwürdig in meine Lebensgeschichte ein.

Und während wir so ziemlich allein in der Natur draußen waren, waren auch hier die Innenstädte mit Eisessern und Kaffeetrinkern bevölkert. Es ist müßig, sich zu fragen, was die letzten Ignoranten mit ihrem Wohlstandstrotz erreichen wollen. Vermutlich nicht, dass die kommenden Restriktionen ausbleiben oder schneller zu Ende gehen. Neulich habe ich den Satz gelesen „es ist doch nicht Krieg, was sollen wir uns alle in den Bunker zurückziehen?“. Das ist nicht nur völlig an der Sache vorbei, es ignoriert auch die Tatsache, dass unsere Bunker luxuriös mit eigenem Bad und eigener Toilette ausgestattet und viele von ihnen nach dem neuesten Hyggetrend interior-durchgestylt sind.

Wir sind nicht im Krieg, es ist nur ein bisschen mehr Solidarität und ein bisschen weniger ich-ich-ich gefragt. Die Erkenntnis, dass es nicht reicht, an die Selbstbeherrschung der Menschen zu appellieren, ist ja leider nicht neu. Es gab auch in der Bibel ein Paar, das die Finger nicht freiwillig von verbotenen Baum lassen konnte. Den Rest kennt man. Womöglich ist diese ignorante Bockigkeit damit begründet, dass die Menschen schlicht Angst davor haben, sich auf die Situation einzulassen. Dass die Kanzlerin eine Rede an die Nation hält – historisch. Dass Krankenhäuser Lazarett-Zelte aufbauen – beängstigend. Der Kaffee in der Innenstadt als letztes Stück erzwungener Normalität? Womöglich haben viele Angst vor der Konsequenz: Denn wer weder soziale Gesellschaft noch Shoppingfreuden noch das Bier am Stammtisch hat, ist gezwungen, sich mit sich selbst auseinander zu setzen.

Mit den eigenen Unzulänglichkeiten, die sich im getakteten Alltag leichter ausblenden lassen. Mit den eigenen Sorgen, die sich beim Bummeln besser verdrängen lassen als in stiller Einkehr auf der heimischen Couch. Und wer auf die Reflektion anderer aufs durchgestylte Outfit, auf die eigene Performance oder auf die Designerhandtasche angewiesen ist, um sich bestätigt und selbstbewusst zu fühlen, der hat mit einem Mal sein Publikum verloren und muss sich selbst genügen. Vielleicht sollte die Frage, warum Du das Rauchen nicht aufhören kannst, jetzt wieder Prioriät haben? Vielleicht sollte eine lange totgeschwiegene Sache zwischen Dir und wemauchimmer jetzt einfach mal geklärt werden? (Fernmündlich, freilich). Vielleicht ist jetzt die Zeit für lahme Ausreden endgültig vorbei? Ganz schön hart.

Das kann eine Krise sein. Aber auch eine Chance. Nämlich die, rauszufinden, wer Du wirklich bist. In einem historischen Luftloch aus Terminlosigkeit und innerer Nabelschau. Tust du in Deinem Leben das, was Dich glücklich macht? Nimm Dir Zeit, in Dich hineinzuhören: Das was Du am meisten vermisst, sollte das sein, was ansonsten die meiste Zeit Deines Handelns verbraucht. (Und für die, die nichts vermissen, weil sie derzeit wie auch sonst jeden Tag stundenlang im Chill’n’Netflix-Modus verbringen – herzlichen Glückwunsch. Nicht.)

Nutzt Du alle Deine Talente? Kennst Du sie überhaupt? Es ist eine nie dagewesene Zeit, Dinge in sich aufzuspüren, die Dich weiterbringen in Deiner Entwicklung. Vielleicht ergibt sich aus solidarischer Nachbarschaftshilfe ein neues Netzwerk, neue Aufgaben, die Dich erfüllen? Vielleicht hast Du jetzt Zeit und Muse, Dich einer Sache zu widmen, die bislang nur ein Hobby war, aber eine Existenzgrundlage oder ein zweites Standbein werden könnte? Grundsätzlich glaube ich fest daran, dass man jeden Tag Entscheidungen treffen kann und auch trifft, die das Leben verändern. Aber nie war die Zeit dafür so geeignet wie grade. Denn noch nie hat jemand so strikt die Pause-Taste für eine ganze Gesellschaft gedrückt. Also nutzt die freigewordene Energie für Positives. Wachst an Euch selbst, und ihr geht verändert und bestärkt aus der Zeit hervor.

Dass die Situation durchaus belastend sein kann – ich will es nicht schönreden. Denn während manche Zwangsurlaub abbauen und es danach einfach nahtlos weitergehen wird, verlieren andere im schlimmsten Fall ihren Job und müssen ihre Existenzgrundlage schließen. Auch die vielen helfenden Hände im Lebensmittelhandel, im sozialen oder medizinischen Bereich haben keine Chance, sich zurückzuziehen.

Was ich aber für mich entschieden habe: Ich trage meinen Teil dazu bei und bleibe einfach in meinen vier Wänden. Aber ich werde es nicht nur beim physischen Detox belassen, sondern auch social-media-distance schaffen. Denn die schlechten Nachrichten schlagen irgendwann auch dem sonnigsten Gemüt aufs selbige und die Schreckensmeldungen über weitere Erkrankte und Tote bringen uns nichts außer dieser mulmigen Zukunftsangst. Sogar jemand wie ich, der allein aus Berufsgründen neugierig und faktenversessen ist, braucht ein bisschen Abstand für den eigenen Seelenfrieden. Denn wenn der Optimismus noch vor dem Klopapier ausgeht, ist alles sch… Ich verzichte die kommenden Tage also auf facebook, denn außer Virologen, Verschwörungstheoretikern, Mahnern und Besserwissern findet man da grade nichts, was einen weiterbringt. Ich vertraue auf die Hauptnachrichten und widme mich ansonsten meinen ganz eigenen Baustellen. Zum Beispiel dem Graf von Monte Christo und seinen über 1000 Seiten. Wer übrigens noch unterhaltsame Lektüre braucht, dem lege ich mein erstes Buch wärmstens ans Herz, virenfrei, versprochen.

Zum Schluss der Rat einer alten, weisen Frau (das wollte ich schon immer mal sagen): Tut Euch und Euren Lieben etwas Gutes, bleibt daheim und bleibt positiv. Je weniger dieser Mist sich ausbreiten kann, desto schneller sind wir da alle zusammen durch.

LaSignorina

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